Hohe TV-Nutzungszahlen in Europa wegen Corona-Krise

Öffentliche-rechtliche Nachrichten steigern Reichweite deutlich
Genf (epd)

Die Fernsehnutzungszeit in Europa ist im Februar und März 2020 infolge der Corona-Krise gestiegen. Das zeigen Daten aus vielen europäischen Ländern. Sender mit hoher Nachrichtenkompetenz, aber auch spezialisierte TV-Nachrichtenkanäle wurden verstärkt genutzt - sowohl öffentlich-rechtliche als auch private. Auf der anderen Seite befürchten vor allem kommerzielle Sender Werbeausfälle durch zahlreiche stornierte Programmvorhaben. Die Sport-Großereignisse des Jahres wie die Olympischen Sommerspiele in Tokio und die Fußball-Europameisterschaft wurden auf 2021 verschoben. Zahlreiche nationale und internationale Sportereignisse, in Europa besonders Fußball, konnten ebenfalls nicht wie geplant stattfinden.

Ein neuer Bericht der Europäischen Rundfunkunion (EBU) über 18 europäische Territorien konstatiert für die Zeit vom 1. Januar bis 15. März, im Vergleich zum Vorjahr hätten sich "viel mehr Menschen den öffentlich-rechtlichen Medien wegen der verlässlichen, zeitnahen Nachrichten und Informationen über die Krise" zugewandt So verdoppelte sich die Reichweite der Hauptnachrichten am Abend. Auch junge Zuschauer nutzten die täglichen Abendnachrichten durchschnittlich um 20 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. EBU-Generaldirektor Noel Curran sagte, die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten hätten "Millionen Bürgern in ganz Europa während dieser herausfordernden Zeit einen lebenswichtigen Rettungsanker bereitgestellt".

In Österreich erreichte die ORF-Hauptnachrichtensendung "Zeit im Bild", die am 15. März mit der Rede von Bundeskanzler Sebastian Kurz zeitgleich über alle vier ORF-Kanäle ausgestrahlt wurde, 2,77 Millionen Zuschauer bei einem Marktanteil von 67 Prozent. Das war der höchste Wert für die Nachrichtensendung seit der Einführung der elektronischen Zuschauermessung 1991. Auch die ORF-Informationssendung "Bundesland heute" um 19 Uhr erreichte im März mehrmals über zwei Millionen Zuschauer, mit dem Spitzenwert von 2,34 Millionen Zuschauern am 15. März (Marktanteil: 64 Prozent). Spitzenwerte erzielten auch die Nachrichtensendungen der kommerziellen TV-Anbieter.

In der deutschsprachigen Schweiz hat die "Tagesschau" um 19.30 Uhr, die Hauptnachrichtensendung von SRF 1, seit dem 12. März täglich über eine Million Zuschauer. Im ganzen Jahr 2019 waren es durchschnittlich 588.000 Zuschauer bei einem Marktanteil von 49,1 Prozent. Am 19. März kam die "Tagesschau" auf den Spitzenwert von 1,49 Millionen Zuschauer bei einem Marktanteil von 72,2 Prozent. SRF hat auch verschiedene Sondersendungen ins Programm aufgenommen, zudem bietet die Sendeanstalt Lernvideos als Unterstützung beim Fernunterricht.

In Großbritannien erreichte die Rede von Premierminister Boris Johnson am 23. März 27,1 Millionen Zuschauer bei einem Marktanteil von 80 Prozent. Das waren mehr Zuschauer als beim Abschluss der Olympischen Sommerspiele 2012 in London. Bei Johnsons Ansprache an die Nation entfielen 15,4 Millionen Zuschauer auf BBC One, 5,7 Millionen auf ITV, 1,6 Millionen auf Channel 4 und 4,4 Millionen auf die Nachrichtenkanäle BBC News und Sky News. "Als nationaler Rundfunk muss die BBC in dieser Zeit nationaler Not eine spezielle Rolle spielen", erklärte der scheidende BBC-Generaldirektor Tony Hall. "Wir müssen am gleichen Strang ziehen, um das durchzustehen. Deshalb wird die BBC all ihre Ressourcen nutzen, Kanäle, Sender und Output, um die Nation zu informieren, zu bilden und zu unterhalten."

In Italien sahen am 9. März 22 Millionen Zuschauer die Pressekonferenz von Ministerpräsident Giuseppe Conte zum nationalen Notstand (Marktanteil: 70 Prozent). Davon entfiel auf eine Sonderausgabe des Nachrichtenjournals "TG1" auf Rai Uno 10,78 Millionen Zuschauer bei einem Marktanteil von 34,4 Prozent. 4,38 Millionen Zuschauer sahen die Pressekonferenz Contes auf Canale 5 und 2,257 Millionen Zuschauer auf La 7. Die Hauptausgaben der beiden führenden Nachrichtensendungen von Rai und Mediaset um 20 Uhr erreichten im März ebenfalls hohe Werte: "TG1" hatte am 14. März 8,2 Millionen Zuschauer, 6,9 Millionen Zuschauer sahen "TG5" auf Canale 5 am 12. März.

In Spanien fand die Fernsehansprache von König Felipe VI. zur Coronavirus-Krise auf 26 TV-Kanälen am 18. März insgesamt 14,6 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 70,3 Prozent). 2017 hatte die Ansprache des Regenten zur Katalonien-Krise 12,4 Millionen Zuschauer. Am 18. März entfielen 3,3 Millionen Zuschauer auf TVE La 1, 3,2 Millionen auf Telecinco und 2,9 Millionen auf Antena 3. Die Pressekonferenz von Ministerpräsident Pedro Sanchez am 14. März zur Verhängung des "Alarmzustandes", die von 24 TV-Kanälen übertragen wurde, hatte sogar 18 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 80,9 Prozent). Davon entfielen 4,2 Millionen Zuschauer auf La Sexta, 3,8 Millionen auf TVE La 1 und 3,5 Millionen auf Telecinco.

Aus epd medien 13/20 vom 27. März 2020

ebe