Früherer Goldman-Sachs-Banker Sharp wird BBC-Vorsitzender

Finanzminister Dowden lobt Führungsqualitäten in der Finanzwelt
London (epd)

Der ehemalige Goldman-Sachs-Banker Richard Sharp soll neuer Vorsitzender (Chairman) der BBC werden. Entsprechende Medienberichte bestätigte die britische Regierung am 6. Januar in einer Mitteilung. Der bisherige Amtsinhaber David Clementi scheidet im Februar nach vier Jahren aus dem BBC-Board aus. Das Steuerungsgremium ist unter anderem für die strategische Ausrichtung der BBC und die auftragsgemäße Verwendung des Budgets zuständig.

Der BBC-Vorsitzende wird vom Kultur- und Medienminister vorgeschlagen und von der Queen formal bestätigt. Sharp werde am 14. Januar im Parlamentsausschuss für Kultur und Medien zur Vorprüfung der Ernennung erscheinen, teilte die Regierung mit. Der 64-Jährige verfügt demnach über langjährige Erfahrungen im Finanzsektor. Er verbrachte 23 Jahre bei Goldman Sachs, wo er 1984 eintrat, um die European Capital Markets Group aufzubauen und zu leiten. Später war er Chairman des Hauptinvestitionsgeschäfts von Goldman Sachs in Europa. Derzeit ist Sharp Sonderwirtschaftsberater des Finanzministeriums und befasst sich mit "nationalen Finanzfragen", die sich aus der aktuellen Pandemie-Situation ergeben.

Der konservative Kultur- und Medienminister Oliver Dowden erklärte: "Richards Führungsqualitäten in der obersten Finanz- und Wirtschaftswelt, kombiniert mit seiner Leidenschaft für Kultur und den öffentlichen Dienst, machen ihn zur idealen Person für diese enorm wichtige Rolle." Sharp sei "genau der Vorsitzende, den die BBC im Moment braucht". Er werde die Reformen der BBC vorantreiben und sicherstellen, dass die Sendeanstalt "die Bedürfnisse aller Teile des Vereinigten Königreichs unparteiisch widerspiegelt".

Sharp bezeichnete die BBC als das "Herzstück des britischen Kulturlebens". Er fühle sich geehrt, dass er die Chance bekomme, "sie durch das nächste Kapitel ihrer Geschichte zu führen". Die Vergütung für den neuen BBC-Vorsitzenden beträgt 160.000 Pfund (rund 178.000 Euro) pro Jahr für 3 bis 4 Tage pro Woche, wie die Regierung mitteilte.

Die BBC analysierte die Nominierung Sharps in einem Beitrag auf ihrer Webseite. Darin verwies BBC-Medienredakteur Amol Rajan darauf, dass Sharp wie der seit Sommer amtierende BBC-Generaldirektor Tim Davie einen "kommerziellen Background" habe. Ob Sharp eine weitere Finanzierung der BBC durch Lizenzgebühr befürworte, sei unklar.

Der aktuelle BBC-Vorsitzende Clementi hatte die Regierung im Februar davor gewarnt, überstürzte Entscheidungen zur Rundfunkgebühr zu treffen, die "erhebliche Konsequenzen" haben könnten (epd 9/20). Hintergrund waren Bestrebungen der konservativen Regierung von Premierminister Boris Johnson, die Rolle der BBC zu schwächen und ihre Finanzierung zu verändern (epd 50/19). Diskutiert wurden unter anderem die Abschaffung der Rundfunkgebühr und ihre Ersetzung durch ein Abonnement nach dem Vorbild von Netflix. Eine königliche Satzung, die sogenannte Royal Charter, sichert derzeit den Bestand der Lizenzgebühr bis 2027.

Aus epd medien 2/21 vom 15. Januar 2021

rid