Facebook verschickte 50 Millionen Warnbotschaften

Diskussion über die Auswirkungen von Corona auf die Medien
Bonn (epd)

Das soziale Netzwerk Facebook hat in der Corona-Krise 50 Millionen Warnbotschaften wegen schädlicher Desinformation ("Warning messages") verschickt. Diese gehen an Nutzer, die schädliche Informationen anklicken oder weiterverbreiten. Der Facebook-Manager Guido Bülow sagte am 24. Juni bei der Web-Diskussion "The Blame Game" der Deutschen Welle (DW) in Bonn, der Konzern arbeite in der Krise mit weltweit mehr als 70 Faktencheckern zusammen.

Für sein News-Feed-Angebot habe Facebook das Coronavirus Information Centre eingerichtet, in dem zuverlässige Informationen von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und anderen glaubwürdigen Quellen gebündelt würden, berichtete Bülow, Leiter der Facebook-Abteilung "News Partnerships Central Europe". Der Facebook-Manager sagte, die Corona-Pandemie biete Nachrichtenanbietern auch die Chance, näher mit ihren Nutzern in Kontakt zu treten. Das soziale Netzwerk nutzen weltweit drei Milliarden Menschen.

Bülow, der zuvor Social-Media-Chef beim SWR war, verteidigte in der Diskussion die Facebook-Politik im Kampf gegen Hassreden und gefälschte Informationen. Er verwies auf die Community-Standards, die für alle Nutzer, auch für Regierungsmitglieder und Politiker, gelten würden. Zugleich sprach er sich gegen verstärkte Eingriffe durch Facebook aus. "Die Leute sollen selbst entscheiden, wem sie vertrauen", sagte Bülow. Eine private Organisation solle nicht zensieren.

Dagegen forderten die argentinische Politikwissenschaftlerin María Esperanza Casullo und der kenianische Investigativjournalist John-Allan Namu dass auch soziale Plattformen mehr gegen gefälschte Informationen vorgehen sollten. "Kein Land tut genug gegen Fake News", sagte Casullo, die die Bedeutung der sozialen Medien als "ambivalent" bezeichnete. Einerseits seien sie wegen der Verbreitung von Fake News zu kritisieren, andererseits spielten sie als Verbreitungsweg, auf den Journalistinnen und Journalisten in autoritären Ländern ausweichen könnten, eine Schlüsselrolle.

In Argentinien herrsche Meinungsfreiheit, sagte Casullo, doch das Misstrauen gegenüber den klassischen Medien sei während der Pandemie gewachsen. In ihrem Land herrsche eine hohe Medienkonzentration. Während Sender und Verlage auf eine Öffnung der Wirtschaft drängen würden, seien viele Menschen wegen der Infektionszahlen besorgt.

Casullo forderte die Medien auf, sich in der Corona-Krise zurückzunehmen und auf Schlagzeilen, die falsche Hoffnungen machen oder für Panik sorgen, zu verzichten. Medien müssten vielmehr darüber aufklären, was die Zahlen der Gesundheitsbehörden wirklich aussagen. Wissenschaftsjournalisten komme dabei eine große Bedeutung zu, denn "Wissenschaftler sind nicht unbedingt gute Kommunikatoren". Als "wirklich wunderbar" bezeichnete es Casullo, dass die wissenschaftliche Community nun Forschungsergebnisse in einem Ausmaß wie nie zuvor teile.

Über Zusammenhänge aufklären

Ebenso wie Casullo bestätigte John-Allan Namu, dass das Misstrauen gegenüber den Medien in Kenia und anderen afrikanischen Ländern im Zuge der Pandemie gestiegen sei. Für Journalisten sei es aufgrund der Abstandsregeln schwierig geworden, vor Ort zu recherchieren. "Je näher man den Menschen ist, desto näher kommt man auch ihrer Geschichte", sagte Namu. Problematisch sei außerdem das "Klima der Angst" in Kenia, wo gerade eine wichtige Debatte über Polizeigewalt geführt werde.

Namu, der auch Geschäftsführer des Investigativbüros "Africa Uncensored" in Nairobi ist, forderte Journalisten insbesondere dazu auf, unabhängige Quellen zu suchen und über Zusammenhänge und Hintergründe aufzuklären. "Information ohne Kontext ist gefährlich", erklärte er.

Mit der von Jaafar Abdul-Karim geleiteten Web-Diskussion eröffnete die Deutsche Welle eine Reihe von "digitalen und interaktiven Events", die in diesem Jahr wegen der Pandemie das Global Media Forum in Bonn ersetzen. In einer zweiten Diskussionsrunde geht es am 8. Juli um das Thema "Between utopia and dystopia: The Internet in autocratic states".

Aus epd medien 27/20 vom 3. Juli 2020

tgr