Empörung nach Erdogan-Karikatur von "Charlie Hebdo"

Türkei kündigt juristische Schritte an - Frankreich kritisiert "Einschüchterung"
Paris (epd)

Nach der Veröffentlichung einer Karikatur von Präsident Recep Tayyip Erdogan auf dem Titel der französischen Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" hat die Türkei juristische Schritte angekündigt. Die Ausgabe vom 28. Oktober zeigte den türkischen Staatschef in T-Shirt und Slip auf einem Sessel sitzend, einen Drink in der einen Hand. Mit der anderen hebt er das Gewand einer verschleierten Frau hoch, entblößt so deren nacktes Hinterteil und sagt: "Oh, der Prophet!" In der Bildunterschrift heißt es: "Privat ist er sehr witzig."

Er habe die Karikatur nicht angeschaut, sagte Erdogan in einer Rede in Ankara: "Es ist nutzlos, etwas über diese Nichtsnutze zu sagen." Die Staatsanwaltschaft in Ankara kündigte Ermittlungen gegen die Verantwortlichen von "Charlie Hebdo" an. "Wir verurteilen diese verächtliche Anstrengung seitens dieser Publikation, die ihren kulturellen Rassismus und ihren Hass verbreiten will", twitterte zuvor der Presseberater des türkischen Präsidenten, Fahrettin Altun. Die Karikatur sei das Ergebnis des "anti-muslimischen Programms des französischen Präsidenten Macron".

In einem langen Interview auf dem in Katar ansässigen TV-Sender Al-Dschasira versuchte Emmanuel Macron, die französische "Laizität" zu erklären und die Spannungen mit den islamischen Ländern abzubauen. Er sprach von einer "Verwirrung", Frankreich habe mit keiner Religion der Welt ein Problem, weil alle in Freiheit im Land ausgeübt würden. Auch der Islam werde nicht stigmatisiert.

Der türkische Kulturminister twitterte nach dem Erscheinen des umstrittenen Erdogan-Titels: "@Charlie_Hebdo_ Ihr seid Bastarde... Hundesöhne..." Der französische Regierungsbeauftragte für den Kampf gegen Rassismus, Frédéric Potier, kündigte daraufhin an, wegen dieses Tweets die Justiz anzurufen. Es sei unverschämt, Öl ins Feuer zu gießen und die Redaktion von "Charlie Hebdo" zu bedrohen, während in Paris seit dem 2. September der Prozess gegen die mutmaßlichen Täter und Komplizen des Anschlags auf "Charlie Hebdo" vom Januar 2015 stattfinde (epd 37/19).

Der Ministerialbeauftragte erinnerte in diesem Zusammenhang auch an die Ermordung des Lehrers Samuel Paty. Dieser wurde am 16. Oktober enthauptet, nachdem er mit seinen Schülern die Mohammed-Karikaturen im Unterricht behandelt hatte. Der französische Regierungssprecher Gabriel Attal sagte zu den türkischen Vorwürfen, trotz der "Versuche von Destabilisierung und Einschüchterung" werde Frankreich niemals auf seine Prinzipien und seine Werte verzichten.

Die Spannungen zwischen Frankreich und der Türkei dauern bereits seit Wochen an. Es geht dabei auch um geopolitische Interessen im Mittelmeer oder den Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien. Doch nun wird der Streit auf religiöser Ebene ausgetragen. Erdogan hatte die "geistige Gesundheit des französischen Präsidenten" infrage gestellt, nachdem dieser in seiner Trauerrede für Samuel Paty erklärt hatte, Frankreich werde auch weiterhin Mohamed-Karikaturen zulassen. Frankreich zog aus Protest gegen Erdogans Äußerungen seinen Botschafter aus Ankara ab, Erdogan rief zum Boykott französischer Produkte auf. Mehrere europäische Staatschefs solidarisierten sich mit Macron.

Höchste Terrorwarnstufe

Dessen jüngste Stellungnahmen gegen den radikalen Islamismus und für Meinungsfreiheit sowie geplante Gesetze gegen "islamischen Separatismus" und eine "Reform" des Islam in Frankreich sorgten auch in anderen Ländern zwischen Saudi-Arabien und Senegal für Unmut. Nach einem islamistischen Terroranschlag in Nizza am 29. Oktober wurde in Frankreich erneut die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen. Bei dem Messerangriff in einer katholischen Kirche in Nizza wurden drei Menschen getötet und sechs weitere verletzt.

Kritische Stimmen gegen Macrons Linie beim Thema Mohammed-Karikaturen kamen vor allem auch aus der katholischen Kirche. Der Erzbischof von Toulouse, Robert Le Gall, sagte am 30. Oktober der Regionalzeitung "La Dépêche", die Meinungsfreiheit habe ihre Grenzen. Er sprach sich gegen ein "Recht auf Blasphemie" aus. Dieser Stellungnahme schloss sich der Erzbischof von Albi an. Heftige Kritik ernteten die Bischöfe besonders von Politikern aus dem linken Lager, die den Geistlichen vorwarfen, Verbrechen zu entschuldigen.

Aus epd medien 45/20 vom 6. November 2020

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