EBU-Versammlung diskutiert über Netflix und Fake News

Öffentlicher Rundfunk in Norwegen künftig aus Steuern finanziert
Oslo (epd)

Aktuelle Probleme der öffentlich-rechtlichen Medien standen auf der Tagesordnung der 82. Generalversammlung der Europäischen Rundfunkunion (EBU) am 27. und 28. Juni in Oslo. Dazu zählten die Debatte um die europäische digitale Infrastruktur und die Strategie einer Public-Service-Plattform, zu der Ulrich Wilhelm (BR), der Vorsitzende der ARD, ein Grundsatzreferat hielt (epd 2, 12, 41, 42, 43/18). Weitere Themen waren die Förderung vertrauenswürdiger Nachrichten, die Gewinnung jüngerer Zuschauer, die Gender-Gleichwertigkeit und die Relevanz der öffentlich-rechtlichen Medien in einer sich schnell verändernden, konvergenten Medienlandschaft.

Eröffnet wurde die Generalversammlung vom norwegischen Kronprinzen Haakon. Er erinnerte an seine Zeit als Kind, als es auch im Osloer Königspalast nur NRK, den Norwegischen Rundfunk, als einziges Fernsehprogramm gab. "Vieles hat sich seit jenen Tagen verändert", sagte der Kronprinz. Überraschend kommentierte Haakon auch das Thema Fake News: "Die Wahrheit, die Realität kann unbequem sein. Die öffentlich-rechtlichen Medien sind in vielem das Gegenmittel für Fake News. Wie Sie alle wissen, ist Vertrauen heute eine seltene Ressource, ein sehr wertvolles Gut." Deshalb seien heute unabhängige öffentlich-rechtliche Medien noch wichtiger als früher, sagte der Kronprinz. Sie seien "Medien, die der Wahrheit und hohen journalistischen Standards verpflichtet sind."

Die Konferenz der Dachorganisation öffentlich-rechtlicher Rundfunkorganisationen Europas und des Mittelmeergebiets, die erstmals vom neuen EBU-Präsidenten Tony Hall geleitet wurde, verzeichnete eine Rekordzahl von rund 70 Teilnehmern aus etwa 50 Ländern. Der BBC-Intendant Hall führte auf der Versammlung ein Interview mit Reed Hastings, dem Vorstandsvorsitzenden des US-Streamingdienstes Netflix, über die Beziehungen zwischen öffentlich-rechtlichen Medien und Netflix.

Hastings versuchte, Netflix als potenziellen Partner für die öffentlich-rechtlichen Medien zu verkaufen. Am Anfang behalte der nationale Fernsehveranstalter die Rechte für das Produkt in seinem Land, während Netflix es in die übrige Welt exportiere, sagte er. Später erhalte Netflix dann auch die Rechte für das Ursprungsland.

Petr Dvorak, Intendant des Tschechischen Fernsehen CT, mahnte allerdings zur Vorsicht. Auch er sei von Netflix-Managern kontaktiert worden. Aber: "Wenn wir heute einen Fehler machen, werden wir es in den nächsten Jahren bitter bereuen", so Dvorak. NRK-Intendant Thor Gjermund Eriksen sagte: "Wir können mit Netflix zusammenarbeiten. Aber wir müssen exklusive Rechte in unserem Markt haben, damit die Zuschauer verstehen, dass der Inhalt von NRK finanziert ist. Das ist fast eine Religion für mich und sehr wichtig."

Eriksen erklärte zum Konferenzauftakt, dass sich der globale Medienwettbewerb immer mehr verschärfe und den Zuschauern ein unbegrenztes Angebot gebe. "In diesem Zusammenhang müssen sich die öffentlich-rechtlichen Medien in den einzelnen Ländern zusammenschließen, um Sprache, Demokratie und Kultur zu stärken", sagte er. Der 52-jährige Journalist steht seit 2013 an der Spitze von NRK. Von 2003 bis 2006 war er Chefredakteur der linksliberalen Tageszeitung "Dagbladet" und von 2010 bis 2013 Vorstandsvorsitzender des gewerkschaftsnahen Amedia-Medienkonzerns. Er steht der oppositionellen sozialdemokratischen Arbeiterpartei nahe.

NRK erzielte 2018 einen Umsatz von sechs Milliarden norwegischen Kronen (621 Millionen Euro), davon über 90 Prozent durch die Rundfunkgebühr. Der operative Gewinn lag bei von 22,1 Millionen Kronen (2,3 Millionen Euro). Im März beschloss die konservative norwegische Regierung unter Ministerpräsidentin Erna Solberg die Abschaffung der Rundfunkgebühr pro Haushalt und ihre Ersetzung durch eine Pflicht-Rundfunksteuer pro Person ab dem 1. Januar 2020. Im Juni stimmte auch das norwegische Parlament zu.

Damit ist Norwegen das vierte nordeuropäische Land nach Finnland, Dänemark und Schweden, wo unter vorwiegend konservativen Regierungen die Rundfunkgebühr abgeschafft wurde und die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aus dem Staatshaushalt erfolgt (epd 12, 38/18). In Norwegen gilt die Abschaffung der Rundfunkgebühr als Erfolg der rechtspopulistischen Fortschrittspartei, die seit 2013 mit der konservativen Höyre-Partei die Regierung unter Erna Solberg bildet. Nach dem erneuten Wahlsieg der Konservativen 2017 traten 2018 die Liberalen und 2019 die Christdemokraten der Regierung bei.

Aus epd medien 30/31 vom 26. Juli 2019

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