Deutsche Welle startet türkischen Youtube-Kanal

Zusammenarbeit mit drei weiteren internationalen Auslandssendern
Bonn/Istanbul (epd)

Die Deutsche Welle (DW) hat gemeinsam mit drei weiteren Auslandssendern einen türkischsprachigen Youtube-Kanal gestartet. Das Projekt "+90" solle die Rede- und Medienfreiheit in der Türkei stärken, teilte der Sender am 29. April mit. Dafür arbeitet die DW mit der britischen BBC, dem französischen Sender France24 und dem US-Kanal Voice of America zusammen.

DW-Intendant Peter Limbourg schaltete den Kanal gemeinsam mit den Verantwortlichen der Partnersender bei einer Pressekonferenz in Istanbul online. +90 ist die internationale Telefonvorwahl der Türkei. Das Angebot soll Nutzer in der Türkei ebenso ansprechen wie Türken, die außerhalb ihres Heimatlandes leben. Zum Start zu sehen waren etwa Reportagen über Kinderheirat, das Leben einer Transfrau, die Krise der türkischen Baubranche oder die uigurische Minderheit im Land.

Der deutsche Auslandssender betreut den Kanal federführend, alle Partner sollen den Angaben zufolge gleichermaßen Videos beisteuern. Pro Woche sollen zunächst drei neue Videos hinzukommen. Laut DW ist es die erste Zusammenarbeit dieser Art zwischen den vier Auslandssendern. Limbourg erklärte, man sei aktiv auf die türkische Regierung zugegangen und habe sie vorab über den Start des Youtube-Kanals informiert. Die türkische Seite sei ausdrücklich ermuntert worden, für Interviews zur Verfügung zu stehen. So könne im Programm das ganze Spektrum an Meinungsvielfalt abgebildet werden, gerade auch bei schwierigen Themen.

Die Journalisten Erkan Arikan und Isil Nergiz sind verantwortlich für den Aufbau des Kanals. "Wir setzen auf Themen, die in der türkischen Gesellschaft diskutiert werden", sagte Arikan, der seit November 2018 die türkischsprachige Redaktion der DW leitet (epd 42/18). Der neue Kanal habe nicht den Anspruch, die Aktualität so abzubilden wie ein Nachrichtensender: "Wir gehen bei ausgewählten Themen in die Tiefe und können durch die längeren Erzählformate auf Youtube neue Aspekte zeigen."

Die DW hatte den Ausbau ihres türkischen Angebots bereits im vergangenen Jahr angekündigt (epd 10, 14, 41/18). In der DW-Aufgabenplanung für die Jahre 2018-2021 heißt es: "Entgegen vieler Hoffnungen lässt die türkische Regierung inzwischen keinen Zweifel an ihrem autoritären Kurs." Die DW wolle in gesellschaftspolitischen Angelegenheiten in der Türkei europäische Werte vertreten. Diese inhaltliche Ausrichtung sei durchaus eine Herausforderung im türkischen Markt: "Journalistische Arbeit in der Türkei wird zunehmend schwieriger, potenzielle neue Partner lehnen eine Zusammenarbeit mit unabhängigen westlichen Informationsanbietern immer häufiger ab." Eigene Plattformen würden daher zunehmend an Bedeutung gewinnen. "Möglicherweise" könnte zu dem Youtube-Kanal auch ein linearer türkischsprachiger Fernsehsender hinzukommen, so die finale Version der Aufgabenplanung.

In dem im Dezember 2017 dem Bundestag zugeleiteten Entwurf hatte es noch weniger vorsichtig formuliert geheißen, die DW plane einen informationsorientierten TV-Sender in türkischer Sprache namens DW Turk (epd 14/18). Der DW-Rundfunkrat hatte die Aufgabenplanung im Oktober 2018 endgültig beschlossen (epd 41/18). Ob der Fernsehsender tatsächlich kommt, dürfte auch von der weiteren Finanzierung der Türkei-Aktivitäten abhängen.

Für die Investitionen in den türkischen Kanal hatte die DW vom Deutschen Bundestag eine Anschubfinanzierung von fünf Millionen Euro für zwei Jahre erhalten (epd 27/18). Die konkreten Pläne für den Youtube-Kanal hatte Limbourg Anfang April im Parlament vorgestellt. Nach DW-Angaben war das Interesse an den türkischen Angeboten des deutschen Auslandssenders noch nie so groß wie jetzt: Durchschnittlich hätten die türkischen Angebote in den Monaten Januar bis März auf allen Plattformen insgesamt rund 19 Millionen Zugriffe erhalten.

Zahlreiche Redaktionen geschlossen

Auf der aktuellen Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen steht die Türkei unverändert auf Platz 157 von 180 Staaten. Nach dem Putschversuch im Juli 2016 wurden zahlreiche Redaktionen geschlossen. Organisationen wie dem International Press Institute (IPI) zufolge kontrolliert die türkische Regierung direkt oder indirekt mehr als 90 Prozent aller Medienhäuser. Nach Angaben der Medienrechtsorganisation "Media and Law Studies Association" sitzen aktuell rund 140 Journalisten im Gefängnis.

Die Deutsche Welle wird überwiegend mit Steuergeldern aus dem Etat von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) finanziert. Die Bundesregierung will den Zuschuss für den Auslandssender im kommenden Jahr um 15 Millionen Euro auf insgesamt 365 Millionen Euro erhöhen. Die Erhöhung ist Teil der Eckwerte für den Haushalt 2020 und steht noch unter dem Vorbehalt der Bestätigung im Regierungsentwurf und den weiteren parlamentarischen Beratungen (epd 12/19). Die DW ist gesetzlich verpflichtet, in eigener Verantwortung eine Aufgabenplanung für einen Zeitraum von vier Jahren zu erstellen.

Derzeit bietet der Auslandssender deutsche, englische, spanische und arabische Fernsehprogramme an. Insgesamt verbreitet die DW mit ihren rund 3.000 Mitarbeitern aus 60 Nationen Fernseh-, Radio- und Onlineangebote in 30 Sprachen. Ihr türkisches Angebot verbreitet die DW seit 2014 überwiegend online und über soziale Netzwerke.

Aus epd medien 19/19 vom 10. Mai 2019