Widerstand gegen Aus für die WDR-Radiosendung "Stichtag"

Offene Briefe von Prominenten und Autoren - "Zeitzeichen" bleibt erhalten
Köln (epd)

Im Zuge einer anstehenden Programmreform im WDR-Hörfunk regt sich Widerstand gegen ein Aus für die Geschichtssendung "Stichtag". Autoren, Prominente und Gewerkschaft machen sich für den Erhalt stark. Der WDR stellte klar, es werde weiterhin ein solches kurzes Geschichtsformat geben, das künftig allerdings in Kooperation mit anderen Landesrundfunkanstalten produziert werden soll. Die Sendung "Zeitzeichen" bleibe erhalten.

In einem offenen Brief, der am 29. September im "Kölner Stadt-Anzeiger" erschien, wandten sich 102 Prominente an WDR-Intendant Tom Buhrow und die Programmdirektorin NRW Wissen und Kultur, Valerie Weber, und forderten den Erhalt von "Stichtag" auf WDR2. "In Zeiten von Fake-News, Verschwörungsfantasien und wachsender Demokratieverachtung wirken 'Stichtag' und 'Zeitzeichen' der gefährlichen Geschichtsvergessenheit entgegen", erklärten die Unterzeichner, unter ihnen die frühere Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), TV-Moderator Günther Jauch und Diakonie-Präsident Ulrich Lilie.

In der Sendung "Stichtag" begegnen Hörerinnen und Hörer jeden Tag historischen Ereignissen, Geburtstagen, Katastrophen und Skurrilitäten. Die rund vier Minuten lange Sendung auf WDR2 und das 14-minütige "Zeitzeichen" auf WDR3 und WDR5 erreichen in den Radiowellen und im Podcast jeden Monat weit mehr als eine Million Hörer.

Der WDR betonte, dass es auch in Zukunft das "Zeitzeichen" sowie im Rahmen einer ARD-Kooperation ein kurzes historisches Kalenderblatt geben werde. Programmdirektorin Weber erklärte in einer Mitteilung vom 29. September: "Geschichte hat in unseren Programmen ihren festen Platz." Deswegen werde man das längere und mehr in die Tiefe gehende Format "Zeitzeichen" sichern. Um die Finanzierung weiterhin zu ermöglichen, nachdem sich der NDR aus der gemeinsamen Produktion von "Zeitzeichen" zurückgezogen habe, müsse man jedoch an anderen Stellen sparen und umstrukturieren. Beim kürzeren historischen Rückblick "Stichtag" setze man deshalb künftig auf eine Kooperation mehrerer ARD-Sender.

In den kommenden Wochen soll der Rundfunkrat über ein neues Programmschema bei den Hörfunkwellen WDR2 und WDR5 entscheiden. Dabei werde es zahlreiche Kürzungen geben, die allesamt schmerzhaft seien, heißt es in einem weiteren offenen Brief von 57 Autorinnen und Autoren der beiden Sendungen an den Rundfunkrat.

Die Qualität der Formate "Zeitzeichen" und "Stichtag", die einen hohen Aufwand an Recherche und bei der Produktion voraussetze, werde durch Synergie-Effekte erzielt, schreiben die Autoren. 60 Prozent der beiden Sendungen behandelten identische Themen und würden jeweils von einem Autor recherchiert, geschrieben und produziert. Wenn nun die Sendung "Stichtag" wie geplant durch ein bei Radio Bremen produziertes Format ersetzt werde, breche für Autoren dieser Kombi-Themen etwa ein Viertel der Einnahmen weg. Hinzu komme, dass durch die Sparmaßnahmen des NDR die tägliche Wiederholung des "Zeitzeichens" zum Jahresanfang 2021 auslaufe und somit auch diese Vergütung entfalle. "Die Produktion eines Zeitzeichens in der gewohnten Qualität ist unter diesen Honorar-Bedingungen nicht mehr zu leisten", heißt es in dem offenen Brief.

Insgesamt betrage das Sparvolumen der Maßnahme für den WDR rund 57.000 Euro, schreiben die Autorinnen und Autoren unter Berufung auf WDR5-Programmchef Florian Quecke. Die WDR-Geschäftsleitung habe als Kompensation für die Streichung der "Stichtage" eine Wiederholung des "Zeitzeichens" auf WDR5 vorgeschlagen, vergütet jedoch mit einem Betrag, der unterhalb der Hälfte der tariflich zugesicherten Mindestvergütung liege.

Die Betroffenen plädieren dagegen für ein Festhalten am Format "Stichtag" und für zwei weitere Ausstrahlungen des "Zeitzeichens". Dafür wäre nach Tarifvertrag ein komplettes Wiederholungshonorar fällig, was den Verlust durch den Wegfall des NDR kompensieren würde. Zudem regten sie eine weitere Stärkung der WDR-Geschichtskompetenz bei Podcasts an, die vor allem von jungen Menschen und Lehrern genutzt würden. Mit vergleichsweise wenig zusätzlichem Honoraraufwand könne aus dem kompakten "Zeitzeichen"-Format täglich ein Geschichts-Feature entstehen, "das noch mehr in die Tiefe geht und gerade für die Podcast-Nutzung eine ideale Länge hätte".

Kritik auch vom DJV NRW

Auch von Gewerkschaftsseite kam Protest: "Es darf nicht sein, dass eines der traditionsreichsten und erfolgreichsten Radioformate des WDR wegen eines Sparvolumens von weniger als 60.000 Euro vom Sender genommen wird. Und das bei einem Jahresetat des WDR von mehr als einer Milliarde Euro", kritisierte Frank Stach, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands NRW. Das von Radio Bremen produzierte Angebot "As time goes by" sei ohne jeden regionalen Bezug und passe nicht zur modernen Anmutung von WDR2.

Die Sendung "Stichtag" ist nicht die einzige Veränderung, die bei der Programmreform ansteht. So steige der NDR auch aus den gemeinsamen Informationssendungen "Mittagsecho", "Echo des Tages" und den "Berichten von heute" auf WDR5 aus, erklärte Wellen-Programmchef Quecke in einem Statement, das bereits am 22. September auf der WDR-Homepage veröffentlicht wurde.. "Wenn der WDR nun die entstehenden Lücken weiterhin mit Informationsangeboten füllt, entstehen erhebliche Mehrkosten, die durch Umstrukturierungen und Einsparungen an anderen Stellen ausgeglichen werden müssen."

WDR-Intendant Tom Buhrow hat dem Rundfunkrat in der Septembersitzung auch deswegen durch die Programmdirektorin Weber ein neues Programmschema für WDR5 und WDR2 vorgelegt. Dieses wird zunächst im Programmausschuss in zwei Lesungen nichtöffentlich beraten. Der Ausschuss gibt dann eine Empfehlung für den Rundfunkrat ab. Dieser entscheidet voraussichtlich im November.

Aus epd medien 40/20 vom 2. Oktober 2020

koe