WDR-Rundfunkrat weist Programmbeschwerden ab

Gremium nimmt Social-Media-Strategie des Senders zur Kenntnis
Köln (epd)

Der WDR-Rundfunkrat hat drei förmliche Programmbeschwerden zurückgewiesen. Darunter war auch eine Beschwerde über ein Hörfunk-Interview mit dem Luftfahrtexperten Cord Schellenberg am 7. April bei WDR2 und WDR5. Die Beschwerde wurde am 9. Oktober zwar abgewiesen, allerdings stieß die Kritik im Programmausschuss auf Verständnis. Eine Beschwerde betraf auch die Berichterstattung über die AfD.

Es sei ein "nicht unerheblicher Fehler" gewesen, die Zuhörer nicht darüber aufzuklären, dass der befragte Experte Schellenberg auch als PR-Berater für Luftfahrtunternehmen tätig sei, erklärte die Vorsitzende des Programmausschusses, Petra Kammerevert im Rundfunkrat. Die Intendanz habe zugesichert, dass die Redaktionen angehalten werden, beim Einsatz von "Experten" mehr Vorsicht und Transparenz walten zu lassen.

Schellenbergs kritische Expertise im Zusammenhang mit der Finanzkrise bei Germanwings wurde allerdings weder vom Sender noch vom Programmausschuss infragegestellt. WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn sagte, an der Person bestehe kein Zweifel. "Sie ist aber nicht so eingeordnet worden, wie es hätte geschehen sollen", räumte er ein.

In der Rundfunkratssitzung kritisierten außerdem einzelne Mitglieder, dass sich der WDR bei der Berichterstattung über die Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen am 13. September stark auf die Großstädte fokussiert und die Kreise sowie den ländlichen Raum vernachlässigt habe. WDR-Intendant Tom Buhrow deutete in der Diskussion eine mögliche Neu-Ausrichtung bei der Regionalisierung an. "Wir müssen das überdenken und in der Fläche präsenter sein", sagte er. Bisher seien die großen Regionalstudios zuständig. Vielleicht sei aber die Zeit der "Dickschiffe" vorbei, erklärte Buhrow. Er verwies auf den Bayerischen Rundfunk (BR), der mit kleineren Büros noch mehr in die "subregionale Fläche" gehe. Alle elf Landesstudios des WDR wurden in Großstädten eingerichtet, der kleinste Standort ist Siegen mit knapp über 100.000 Einwohnern. In NRW, dem bevölkerungsreichsten Bundesland in Deutschland, gibt es insgesamt 30 Großstädte.

Buhrow kündigte im Rundfunkrat an, dass der Sender juristische Schritte gegen den Urheber einer "infamen Falschmeldung" einleiten werde. Am 3. Oktober war bei Twitter ein Video verbreitet worden, in dem der Eindruck erweckt wurde, WDR-Mitarbeiter hätten Reichskriegsflaggen zum Dreh bei einer "Querdenken"-Demonstration in Köln selbst mitgebracht. Buhrow erklärte, die "Lokalzeit Köln" habe zwar einen Reporter zu der Demonstration geschickt. Dieser habe jedoch weder berichtet, noch gehöre er zu den im Video verleumdeten Personen. "Diese Art von Verunglimpfung akzeptieren wir nicht", sagte Buhrow. Eine Social-Media-Analyse habe ergeben, dass auf dem Account, auf dem das Video veröffentlicht wurde, häufig Verschwörungstheorien verbreitet würden.

Der WDR hatte am 4. Oktober mitgeteilt, der Tweet sei von weiteren Accounts verbreitet worden, die häufig rassistische, rechte und verschwörungstheoretische Inhalte teilen. Die Analyse habe gezeigt, dass diese Accounts untereinander sehr stark vernetzt seien. Der Ursprungs-Tweet zu dem Thema sei am Abend des 4. Oktober gelöscht worden.

Der Sender hatte dem Rundfunkrat ein Papier mit strategischen Überlegungen zu "Social Media im WDR" vorgelegt. Das Gremium hatte bereits im Juli 2019 eine solche Strategie angefordert und nahm das Papier zur Kenntnis. Es forderte den Sender auf, auf eine ARD-weit einheitliche Strategie im Umgang mit den sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter und anderen Plattformen Dritter hinzuwirken.

Der Programmausschuss mahnte an, dass der WDR journalistische Standards auch bei Socia-Media-Inhalten einhalten sollte. Im Diskurs mit dem Publikum müsse "journalistische Neutralität sowie journalistische Distanz durchgehend gewahrt werden", schrieb der Programmausschuss in einer im Internet veröffentlichten Stellungnahme: "Andere politische Meinungen sollten unkommentiert bleiben und nur moderiert werden. Insbesondere dürfen Community-Manager nicht pädagogisch auf Einzelne einwirken." Der WDR müsse außerdem dafür sorgen, "dass Entscheidungen für das Löschen von Posts vor dem Hintergrund des Grundrechts der Meinungsfreiheit und des Grundrechts auf Information getroffen werden". Dies bedeute, dass "beleidigende oder belästigende Äußerungen in Kommentarspalten gegen den Wert der Meinungsfreiheit abgewogen werden" müssten.

"Viel Wissen und Erfahrung"

Der Programmausschuss legte dem Sender nahe, "entsprechend qualifizierte Community-Manager einzusetzen und Nachwuchskräfte im Bereich der journalistischen Moderation auszubilden, bevor sie in Kommentarspalten zu Beiträgen des WDR tätig werden dürfen". Es gehöre "viel Wissen und Erfahrung dazu, kritische Diskussionen in Foren zu moderieren".

Der Ausschuss lobte, dass der WDR für die Kommunikation von Fehlern in Social-Media-Beiträgen für alle Redaktionen geltende Regeln formuliert habe. Er empfahl, dass das Social-Media-Management des Senders die Redaktionen bei der Kommunikation von Fehlern beraten sollte. Dies gelte sowohl für mögliche Entscheidungen zur Depublikation als auch bei der daraus resultierenden Kommunikation.

Die Social-Media-Redaktionen sollten zudem nach Ansicht des Programmausschusses "ein besonderes Augenmerk darauf legen, bei der Einstellung von Beiträgen, die zuvor linear gesendet wurden, den zeitlichen Zusammenhang und die redaktionelle Einbettung zu berücksichtigen". Satirebeiträge müssten "auch bei einer wiederholten Veröffentlichung auf Social-Media-Plattformen als Satire eingeordnet werden können".

Der Ausschuss für Rundfunkentwicklung und Digitalisierung forderte den WDR auf, regelmäßig die Datenschutz- und Urheberrechtsrisiken einzuschätzen. Er schlug vor, dass das 2019 eingerichtete Digitalboard des Senders regelmäßig einen Bericht zur digitalen Entwicklung vorlegen sollte.

Aus epd medien 43/20 vom 23. Oktober 2020

dir/tgr