WDR-Rundfunkrat kritisiert "Framing-Manual" der ARD

Intendant Buhrow: "Schlussfolgerungen einer Wissenschaftlerin"
Köln (epd)

Das umstrittene "Framing-Manual" der Linguistin Elisabeth Wehling, das im Auftrag der ARD entstand, ist auch im WDR-Rundfunkrat auf Kritik gestoßen. Das Papier sei "keine vernünftige Grundlage für eine Diskussion", sagte die Europa-Parlamentarierin Petra Kammerevert (SPD) am 26. Februar in Köln. Es enthalte nicht mehr zeitgemäße linke Kampfbegriffe, die das duale System in Gute und Böse unterteilten.

Dagmar Gaßdorf, die stellvertretende Vorsitzende des Rundfunkrats, bezeichnete das Papier als "Dummheit" und distanzierte sich ausdrücklich davon. Der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) erklärte: "Die ganze Aktion hat dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk mehr geschadet als genutzt." Die ARD sei nun "heillos in der Defensive". Weitere Gremienmitglieder kritisierten ebenfalls die Kommunikationsstrategie der ARD, die "mangelnde Transparenz" und die "halbherzigen Rechtfertigungsversuche" im Nachhinein. Der Rundfunkrats-Vorsitzende Andreas Meyer-Lauber beklagte, dass es Tage gedauert habe, bis die ARD das Papier dem Aufsichtsgremium zur Verfügung gestellt habe.

Der MDR hatte nach Angaben von ARD-Generalsekretärin Susanne Pfab das Gutachten 2017 in Auftrag gegeben, als er den ARD-Vorsitz inne hatte (vgl. Leitartikel in dieser Ausgabe). Das "Framing-Manual" mit dem Titel "Unser gemeinsamer, freier Rundfunk ARD" habe als Grundlage für mehrere Workshops in der ARD gedient (epd 8/19). Für das Gutachten und die Workshops hat die ARD insgesamt 120.000 Euro ausgegeben. Das "Framing-Manual" alleine kostete nach Angaben der ARD 10.000 Euro.

Im WDR-Rundfunkrat räumte Pfab Fehler ein, sie verteidigte das Vorgehen der ARD aber grundsätzlich. "Das Manual unter diesem Titel einem größeren Kreis von Mitarbeitern zur Verfügung zu stellen, war unvorsichtig. Das würden wir sicher nicht mehr tun", sagte sie. Sich mit dem Thema Framing zu befassen, sei jedoch richtig und wichtig. Und es sei geradezu nachlässig, sich nicht damit zu beschäftigen, was die Linguistik oder die Hirnforschung dazu zu sagen haben. Das Papier sei kein Gutachten und keine Studie, auch kein Geheimpapier, sondern es sei immer gedacht gewesen als Grundlage für eine interne Diskussion, "an der man sich auch reiben kann und soll. Deswegen ist es auch an der einen oder anderen Stelle zugespitzt."

Die ARD habe das Manual nicht veröffentlichen wollen, weil es der Einordnung in einem eintägigen Workshop bedürfe, sagte Pfab. Die Berichterstattung über das Thema bezeichnete die Generalsekretärin als "Sturm im Wasserglas". Das zwei Jahre alte Papier spiele innerhalb der ARD keine besondere Rolle mehr.

WDR-Intendant Tom Buhrow sagte: "Hier ist in bester Absicht etwas entstanden, was aus einer Vielzahl von Gründen nach hinten losgegangen ist." Natürlich werde er sich "nicht vorschreiben lassen, was ich wie zu sagen habe", aber der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei ständig Framing ausgesetzt: "Es ist zwingend, dass man sich damit beschäftigt." Buhrow verwies auf Kampfbegriffe wie "Zwangsgebühren" und erinnerte an den Nordkorea-Vergleich des Verlegers Mathias Döpfner (epd 38/17). Dieser hatte 2017 auf einer Tagung des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger ARD und ZDF als "gebührenfinanzierte Staatspresse" bezeichnet und gesagt: "Nur Staatsfernsehen und Staatspresse im Netz - das wäre eher etwas nach dem Geschmack von Nordkorea."

Buhrow, der im kommenden Jahr den ARD-Vorsitz übernehmen wird, sagte, deshalb sollten sich jetzt trotz berechtigter Kritik an dem Manual "nicht alle in die Büsche schlagen. Unsere Gegner haben die Boxhandschuhe ausgezogen und Schlagringe an." Der Intendant forderte die ARD auf, nicht die gleichen Methoden anzuwenden und Begriffe umzudeuten. "Wir müssen mehr über unsere Produkte reden und davon wegkommen, uns zu verteidigen", sagte er.

Dem "Handelsblatt" (Ausgabe vom 25. Februar) hatte Buhrow zuvor gesagt, es sei "normal und richtig, sprachliche Gesetzmäßigkeiten wie ,Framing' zu untersuchen". In dem Papier handele es sich um "Schlussfolgerungen einer Wissenschaftlerin". Er kenne "keinen in der ARD, der diese Begriffe zwanghaft benutzt". Die Debatte um das Papier sei auch ein "Symptom für eine Lust, bei uns nach Fehlern zu suchen". Es sei auch ein Beispiel für Framing, wenn eine Zeitung schreibe, dies sei ein "Umerziehungspapier". Das Papier sei "eine Arbeitsgrundlage, aus der jeder nach der inhaltlichen Auseinandersetzung seine individuellen Schlüsse ziehen kann".

Aus epd medien 9/19 vom 1. März 2019

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