WDR-Intendant verteidigt Entschuldigung wegen "Umweltsau"

Rundfunkratsvorsitzender warnt vor Kampagne gegen Öffentlich-Rechtliche
Köln (epd)

WDR-Intendant Tom Buhrow hat seine Entschuldigung wegen des von WDR2 auf Facebook veröffentlichten "Umweltsau"-Videos im Rundfunkrat verteidigt. Er habe im Dezember schnell auf die öffentlich geäußerte Kritik an dem Video reagieren müssen, um Schaden vom WDR abzuwenden, sagte Buhrow am 24. Januar im WDR-Rundfunkrat. Das Video, in dem der WDR-Kinderchor Dortmund eine satirische Umdichtung des Lieds "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad" sang, hatte Ende Dezember eine heftige Kontroverse ausgelöst. Der Rundfunkrat fasste am 24. Januar keinen Beschluss zu dem Video.

Die "Verstörung" über das Lied sei "aus der Mitte der Gesellschaft" gekommen, sagte Buhrow im Rundfunkrat. Die Redaktion habe sich die Entscheidung, das Video aus dem Netz zu nehmen, nicht leicht gemacht. Insgesamt habe für ihn die Diskussion darüber gezeigt, wie tief die Spaltung der Gesellschaft gehe. Der WDR wolle aus der Diskussion über das Video lernen und eine neue Social-Media-Strategie für Krisen entwickeln.

Im Rundfunkrat wurde kontrovers über das Video diskutiert. Der Rundfunkratsvorsitzende Andreas Meyer-Lauber sagte, ein großer Teil der rund 3.000 Zuschriften, die der Rundfunkrat dazu per Mail und als Briefe erhalten habe, habe bei ihm den Eindruck erweckt, dass es sich um eine Kampagne handele, in der ganz grundsätzliche Kritik am öffentlich-rechtlichen System geäußert werde. Der Rundfunkrat sei ein Aufsichtsgremium, aber "kein Abladeplatz für rechtsextreme Beschimpfungen". Von Kampagnen mit dem Ziel, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abzuschaffen, lasse sich das Aufsichtsgremium nicht beeindrucken.

Die SPD-Politikerin Ingrid Matthäus-Maier bedankte sich bei Buhrow für die Entschuldigung. Das Video sei dazu geeignet gewesen, Alt und Jung auseinanderzudividieren, sagte sie. Es habe dem WDR geschadet.

Dem hielt der Grünen-Politiker Oliver Keymis entgegen, es sei falsch gewesen, das Video zu löschen. Es gebe Meinungsfreiheit, und es gebe auch die innere Rundfunkfreiheit der Sender. Er glaube nicht, dass die Kinder, die das Lied gesungen hatten, instrumentalisiert worden seien, wie manche Kritiker behauptet hatten. Wichtig sei jedoch, dass die Mitarbeiter des WDR Rückgrat hätten und Rückhalt von der Geschäftsleitung erhielten.

Der vom Deutschen Journalisten-Verband entsandte Volkmar Kah sagte, er wünsche sich einen WDR, "der auch mal ungezogen ist". Er sei erschrocken, wie verunsichert selbstkritische Journalisten in dieser Debatte seien.

WDR-Programmdirektorin Valerie Weber erklärte in der Sitzung, das Video sei gelöscht worden, um die Kinder des Chors vor persönlichen Anfeindungen zu schützen. Die Redaktion habe sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht, weil sie gewusst habe, dass dies die Debatte noch anheizen könne. Der WDR habe aus der Aufregung über das Lied gelernt, dass es nicht gut sei, wenn man "den Kanal wechsle": Es sei ein Fehler gewesen, zu einem Video, das auf Facebook veröffentlicht wurde, eine Radiosendung bei WDR2 zu machen. Weber ist Programmdirektorin für NRW, Wissen und Kultur.

Der Hörfunksender WDR2 hatte das Video mit dem Lied, in dem die Oma als "alte Umweltsau" bezeichnet wird, weil sie unter anderem einen SUV fährt und 1.000 Liter Super im Monat verbraucht, am 27. Dezember bei Facebook online gestellt und, nachdem eine Welle der Empörung in den sozialen Netzwerken ausgebrochen war, keine zehn Stunden später wieder gelöscht (epd 1-2, 3, 4/20). Am 28. Dezember hatte WDR2 abends um 18 Uhr eine Sondersendung zu dem Video gemacht, in der sich Intendant Buhrow für das Video entschuldigte.

Staatsanwaltschaft ermittelt nicht

Der umgedichtete Text des Liedes "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad" stammte von einem Autor des Satire-Programms "Satire Deluxe" bei WDR5. Der Autor hatte sich damit über das Auseinanderdividieren der Generationen in der Umweltbewegung "Fridays for Future" lustig machen wollen. Es war im September und November 2019 bei WDR5 gesendet worden.

Die Rundfunkräte verwiesen eine Beschlussvorlage zu dem Video an den Programmausschuss. In der Vorlage heißt es, der Rundfunkrat stehe "uneingeschränkt zur Kunst-, Kultur- und inneren Rundfunkfreiheit sowie zur Freiheit der Satire". Der WDR bleibe aufgefordert, diese Grundsätze im Rahmen der Programmgrundsätze zu ermöglichen. Das Gremium respektiere die Entschuldigung des Intendanten als Ausdruck des Bemühens, der öffentlich geäußerten Kritik an dem Video "aus Sorge um den Zusammenhalt der Generationen Rechnung zu tragen". Das Gremium verwahre sich "gegen jede Form einer politischen Funktionalisierung und kampagnenartig organisierter Verleumdung".

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Köln gingen dort rund 200 Anzeigen wegen der Veröffentlichung des Videos und wegen eines Tweets eines WDR-Mitarbeiters ein. Der WDR-Mitarbeiter hatte getwittert: "Lass mal über die Großeltern reden, von denen, die jetzt sich über #Umweltsau aufregen. Eure Oma war keine #Umweltsau. Stimmt. Sondern eine #Nazisau." Der Mitarbeiter hatte sich später auf Twitter für seine Wortwahl entschuldigt. Das Verfahren wegen des Tweets werde in Düsseldorf geführt, teilte die Staatsanwaltschaft Köln mit.

Die Behörde in Köln teilte am 5. Februar mit, dass "nach eingehender Prüfung der Sach- und Rechtslage" die Aufnahme von Ermittlungen abgelehnt worden sei. Die Staatsanwaltschaft habe in dem Video keinen "kollektivbeleidigenden oder gar volksverhetzenden Bedeutungsgehalt" feststellen können. Auch den Tatbestand einer Schmähung sah die Staatsanwaltschaft nicht erfüllt.

Aus epd medien 6/20 vom 7. Februar 2020

dir/tz