"Süddeutsche Zeitung" baut bis zu 50 Redakteursstellen ab

Mitarbeiter sollen sich freiwillig melden - Ver.di: Keine Notlage erkennbar
München, Stuttgart (epd)

Die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) wird bis zu 50 Redakteursstellen streichen. Das bestätigte die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH) dem epd am 16. September in Stuttgart. Bis Mitte Dezember sollen die Mitarbeiter der Print- und Onlineredaktionen Gelegenheit haben, sich freiwillig zu melden, um die SZ zu verlassen, wie die "tageszeitung" (taz) als erste berichtete. Die Gewerkschaft ver.di zeigte sich von dem Vorhaben "irritiert". Der geplante Stellenabbau war auf einer Redaktionsversammlung am 15. September in München verkündet worden. Insgesamt gibt es bei der SZ mehr als 500 Beschäftigte in den Redaktionen.

SZ-Redakteure, die gehen, bekommen laut taz eine Prämie, die je nach Betriebszugehörigkeit maximal 134.000 Euro beträgt. Mitarbeiter, die sich schon in den kommenden sechs Wochen verabschieden, bekommen demnach 30.000 Euro "Schnellentscheiderprämie" obendrauf. Beides gilt allerdings nur für fest angestellte Redakteure und Redakteurinnen, die bereits länger als drei Jahre bei der SZ arbeiten. Die taz beruft sich bei diesen Informationen auf Redaktionsmitglieder, die auf der Versammlung waren.

Der Stellenbau gehöre zu einem "Effizienzprogramm", das die SWMH bereits im Oktober vergangenen Jahres angekündigt habe, erklärte Pressesprecher Martin Critzbach auf Anfrage dem epd. Der Abbau bleibe in dem damals angekündigten Rahmen. Hintergrund der Stellenstreichungen sind Critzbach zufolge strukturelle Veränderungen im Medienmarkt - die Abnahme der Printauflagen und zunehmende Nutzung digitaler Angebote. Um die Wirtschaftlichkeit zu sichern, werde die SZ die digitalen Produkte und den Vertrieb stärken.

Was passiert, wenn sich keine 50 Redakteure freiwillig melden, die gehen wollen, blieb zunächst offen. "Betriebsbedingte Kündigungen sind zurzeit nicht geplant", sagte Critzbach. Auch über die Höhe der Einsparungen teilte die SWMH nichts mit.

Der Betriebsrat geht davon aus, dass durch den Stellenabbau die Arbeitsbelastung der Redakteure erneut deutlich erhöht wird und die Qualität der Zeitung leidet. "Der Erfolg der SZ beruhte bislang immer auf der umfangreichen und fundierten Berichterstattung, die durch weniger Personal sicher nicht umfangreicher und fundierter werden kann", zitierte die taz einen Betriebsrat.

Die Gewerkschaft ver.di reagierte mit "großem Befremden" auf die Ankündigung. Den Gewerkschaftsangaben zufolge soll es sich um bis zu 55 vollzeitbeschäftigte SZ-Redaktionsmitglieder handeln. "Zu glauben, der eigene Qualitätsanspruch ließe sich sichern, indem man gerade diejenigen zum untragbaren Kostenfaktor erklärt, die für diese Qualität verantwortlich zeichnen, ist ein Irrweg", sagte ver.di-Bundesvorstandsmitglied Christoph Schmitz. Nicht nachvollziehbar sei der Abbau auch angesichts rasant steigender Zahlen bei den Digitalabonnements.

"Eine wirtschaftliche Notlage des Verlags ist weder erkennbar noch absehbar", sagte Schmitz. Es sei zu befürchten, dass die Streichung lediglich der Renditesicherung dienen solle. Schmitz kritisierte, dass der Verlag nicht zunächst andere Möglichkeiten der Kostenreduktion wie den von ver.di mit dem Verlegerverband BDZV abgeschlossenen Beschäftigungssicherungstarifvertrag in Anspruch genommen habe (epd 29/20). Ein solcher Vertrag regelt Abweichungen von geltenden Tarifvereinbarungen. Auch hätte die von der Bundesregierung geplante Presseförderung im dreistelligen Millionenbereich womöglich helfen können, sagte Schmitz. Vorschnell mit Stellenabbau zu reagieren, sei "sozial unverantwortlich".

Der Vorsitzender des Bayerischen Journalisten-Verbandes (BJV), Michael Busch, kritisierte, die SWMH setze den Rotstift an der falschen Stelle an. Die Redakteurinnen und Redakteuren stünden für eine fundierte und umfangreiche Berichterstattung und damit für die Qualität Zeitung. Die Medienholding solle sich stattdessen Gedanken über die Wirtschaftlichkeit in anderen Bereichen machen, forderte Busch.

Zahl der Digitalabos gesteigert

Erst kürzlich hatte die SWMH mitgeteilt, dass die "Süddeutsche Zeitung" nun 150.000 Digitalabonnenten hat, doppelt so viele wie noch vor einem Jahr. Dagegen waren während der ersten Corona-Welle die Einnahmen aus Anzeigen und Veranstaltungsgeschäft zurückgegangen. Die SWMH hatte alle Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt und Gehälter und Sozialabgaben eingespart (epd 14/20). Seit August ist die Kurzarbeit beendet.

Critzbach sagte: "Das Freiwilligenprogramm ist keine Folge der Corona-Pandemie." Es sei schon vorher geplant gewesen und solle zur "langfristigen wirtschaftlichen Konsolidierung" der Zeitung beitragen.

Aus epd medien 38/20 vom 18. September 2020

rks