Studie: ARD und ZDF berichteten vor Wahl thematisch ausgeglichen

Reaktion auf Vorwurf einer übermäßigen Berichterstattung über Migration
Frankfurt a.M. (epd)

ARD und ZDF haben vor der Bundestagswahl 2017 laut einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung thematisch überwiegend ausgeglichen berichtet. In 56 untersuchten politischen TV-Sendungen habe insgesamt der Bereich "Arbeit/Familien/Soziales" mit 15 Prozent an erster Stelle gelegen, gefolgt von "Migration" mit knapp zwölf und "Außenpolitik" mit elf Prozent, wie die gewerkschaftsnahe Stiftung am 23. April in Frankfurt am Main mitteilte. In den fünf meistgesehen Sendungen sei das Thema Migration aber deutlich stärker gewichtet gewesen. Ausgangspunkt für die Studie war die nach der Wahl mehrfach geäußerte Kritik, die öffentlich-rechtlichen Sender hätten übermäßig über die Themen Flüchtlinge und Islam berichtet und damit die AfD stark gemacht.

Die Analyse der 56 Sendungen ergebe "eine insgesamt eher ausgeglichene Themenverteilung, bei der das Thema 'Migration' im Vergleich zu klassischen Bereichen wie 'Außenpolitik', 'Arbeit/Familie/Soziales' oder 'innere Sicherheit' nicht übermäßig dominant erscheint", hieß es in der Brenner-Studie. In den fünf am meisten gesehenen TV-Sendungen allerdings habe das Migrationsthema einen Anteil von mehr als 20 Prozent an der Gesamtsendezeit gehabt.

In dem Fernsehduell zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem Herausforderer Martin Schulz (SPD), das neben ARD und ZDF auch von RTL und Sat.1 redaktionell verantwortet wurde, betrug der Anteil sogar 34 Prozent, wie die Autoren erklärten. Die Bereiche "Arbeit/Familie/Soziales", "Steuern/Finanzen" und "Wirtschaft/Verkehr/Bau" kamen in dem TV-Duell, das von den untersuchten Sendungen die höchsten Einschaltquoten erreichte, zusammen kaum auf 15 Prozent. Es sei nicht auszuschließen, dass diese von vielen Zuschauern gesehenen Sendungen auch das Meinungsbild über die Programmgestaltung der öffentlich-rechtlichen Sender besonders geprägt hätten, hieß es in der Studie mit dem Titel "Agenda-Setting bei ARD und ZDF?".

In Talkshows hingegen habe das Thema Migration entgegen häufig geäußerter Kritik mit rund neun Prozent abgeschlagen auf Platz sechs rangiert und damit weit hinter der Außenpolitik (22 Prozent). Im vergangenen Jahr hatte unter anderen der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann, ARD und ZDF vorgeworfen, sie hätten seit 2015 in mehr als 100 Talkshows über die Themen Flüchtlinge und Islam informiert und damit dazu beigetragen, "die AfD bundestagsfähig zu machen". Er forderte eine einjährige Pause für die Sendungen (epd 23/18). ARD-Chefredakteur Rainald Becker und sein ZDF-Kollege Peter Frey wiesen die Kritik zurück (epd 24/18).

Zimmermann: Tendenz ist eindeutig

Zimmermann begrüßte am 23. April die Studie der Leipziger Medienwissenschaftler Marc Liesching und Gabriele Hooffacker für die Brenner-Stiftung. Die Erhebung bestätige "unsere grundsätzliche Kritik bei den fünf meistgesehenen Sendungen im Untersuchungszeitraum", erklärte er. Die Tendenz sei eindeutig. Leider hätten die Wissenschaftler aber nur einen Monat vor der Wahl untersucht, seine Kritik habe sich aber auf die Themensetzung speziell der Talkshows von ARD und ZDF seit 2015 bezogen.

Neben der Analyse der Sendungen umfasste die Studie auch eine qualitative Befragung von Redakteuren der Polit-Talkshows sowie des Magazins "Monitor", wie es hieß. Diese deute auf ein journalistisches Selbstverständnis hin, "das durch die Vermittlung politischer Informationen zur Meinungsbildung geprägt ist, allerdings im Rahmen einer souveränen Programmfreiheitsgestaltung". Diese umfasse gerade auch das Aufgreifen von sonst in den Medien nicht behandelten Perspektiven.

Die Befragungen hätten gezeigt, "dass die allgemein anerkannten journalistischen Qualitätsstandards wie Aktualität, Neutralität und Meinungsvielfalt in allen untersuchten Redaktionen eine wichtige Rolle spielen", sagte Autorin Hooffacker. Liesching erklärte, die Untersuchung solle ein sicheres Fundament für die Debatten schaffen, in denen bisher "viel mit 'gefühlten' Fakten und Häufigkeiten gearbeitet" worden sei.

Aus epd medien 18/19 vom 3. Mai 2019

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