"Spiegel" präsentiert neues Digitalangebot

Marke "Spiegel Online" verschwindet nach 25 Jahren
Hamburg (epd)

Der digitale "Spiegel" erscheint seit dem 8. Januar optisch und inhaltlich neu. Er heißt nun wie das gedruckte Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", die Marke "Spiegel Online" verschwindet damit nach 25 Jahren. Die bisher getrennten Redaktionen für Print und Online wurden im vergangenen Jahr schrittweise zusammengelegt.

Das sei kein normaler Relaunch, kein Umbau, sagte "Spiegel"-Chefredakteur Steffen Klusmann am 7. Januar in Hamburg: "Das ist ein Neubau." Nachdem 2019 von arbeitsrechtlichen Verhandlungen und Umorganisation geprägt gewesen sei, kündigte er für 2020 eine "publizistische Offensive" an.

Neu im digitalen Angebot ist das Ressort "Leben" etwa mit Gesundheitsthemen. "Dort finden die Nutzer Alltags-Geschichten und Ratgeber-Themen, die es im Heft eher nicht gibt", so Klusmann. Im gedruckten Heft soll es dieses Ressort nicht geben. Der digitale "Spiegel" bleibe zwar eine Nachrichten-Plattform, soll aber "magaziniger" werden. Auch das Design soll den Magazincharakter der Marke betonen. Es unterscheidet klarer zwischen Nachrichten, Kommentaren und Magazinbeiträgen. Themenblöcke zu einem Schwerpunkt sollen ebenfalls mehr Übersicht bieten.

Bilder-Galerien gibt es im neuen Angebot nicht mehr. "Die Zeiten des reinen Klick-Journalismus sind vorbei", sagte Stefan Ottlitz, Leiter Produktentwicklung der "Spiegel"-Gruppe. Fotos erscheinen jetzt auf einer Seite untereinander. Das neue Angebot verbinde das werbefinanzierte Reichweitenmodell von "Spiegel Online" nahtlos mit dem Bezahlangebot Spiegel Plus auf einer runderneuerten, gemeinsamen Plattform, sagte Ottlitz.

Bewegtbild bekommt in Zukunft einen höheren Stellenwert: Mit Erklärvideos sollen komplexe Sachverhalte verständlich aufbereitet werden. Neue Reportageformate sowie Livestreams sollen eingeführt werden. Auch der Bereich Audio soll experimentell weiter ausgebaut werden. Das Nachrichten-Magazin für Kinder, "Dein Spiegel", ist erstmals fester Bestandteil des Digitalangebots und hat einen eigenen geschützten Bereich. Diese Ressortseite ist nach Angaben des "Spiegel" an mehreren Stellen abgesichert: So führten verlinkte Artikel nicht aus dem Bereich heraus.

Hans: "Tempo und Tiefe"

Chefredakteurin Barbara Hans sagte, "der digitale 'Spiegel' verbindet unsere größten journalistischen Stärken: Tempo und Tiefe". Mit den Neuerungen habe die Redaktion auf die Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer reagiert, die maßgeblich an der Entwicklung des digitalen "Spiegels" beteiligt gewesen seien. Auf der neuen Plattform wird es weiterhin kostenlose, werbefinanzierte Texte neben dem Bezahlangebot "Spiegel+" geben. Die neue Plattform basiert auf einer komplett neu entwickelten technischen Infrastruktur.

Derzeit gibt es nach Angaben des Verlags etwa 125.000 bezahlte "Spiegel+"-Abos plus 9.000 weitere in Probe. Die Umsätze der Digital-Produkte machten rund ein Viertel des Gesamtumsatzes aus. Ziel sei, diese auf 30 Prozent zu steigern. Der Start des digitalen "Spiegels" wird mit einer eigenen Kampagne begleitet. Der Slogan heißt: "Wir halten dieser Welt den Spiegel vor". Mit "Spiegel Online" war der "Spiegel" 1994 als weltweit erstes Nachrichtenmagazin online gegangen - einen Tag vor der US-Zeitschrift "Time".

Die Redaktionen von "Spiegel" und "Spiegel Online" waren im vergangenen Jahr schrittweise zusammengelegt worden: Schon seit Januar 2019 arbeiteten sie bereits enger als bislang und unter einer gemeinsamen Chefredaktion zusammen. Im September wurde mit einem Gemeinschaftsbetrieb auch ein formales juristisches Konstrukt für die Fusion geschaffen (epd 26/19). Rechtlich bleiben die Gesellschaften hinter den Redaktionen aber getrennt: Die frühere Spiegel Online GmbH firmiert inzwischen als Der Spiegel GmbH & Co KG und ist damit eine direkte Tochter des Verlags.

Gehälter der Onliner erhöht

Grundsätzlich schreiben nun alle Redakteure sowohl für das Digitalangebot als auch für das gedruckte Heft. Seit dem vergangenen Jahr können die bisherigen Online-Redakteure zudem in die Mitarbeiter KG eintreten - sie wird schrittweise für die früheren "Spiegel Online"-Mitarbeiter geöffnet. Über die KG sind Angestellte des Spiegel-Verlags mehrheitlich an dem Unternehmen beteiligt und erhalten so auch jährliche Gewinnausschüttungen. Auch die Gehälter der Ex-Onliner wurden im Zuge der Fusion erhöht. Sie verdienen dennoch häufig weiter deutlich weniger als die früheren Print-Redakteure.

Geschäftsführer Thomas Hass hatte die Fusionspläne im August 2018 vorgestellt (epd 34/18). Zuvor waren derartige Pläne immer wieder gescheitert: Vor allem aus den Reihen der Print-Redaktion hatte es Proteste gegen die Fusionspläne verschiedener Chefredakteure und Geschäftsführungen gegeben. Mit Plänen für eine engere Verzahnung von Magazin und "Spiegel Online" war unter anderem der damalige Chefredakteur Wolfgang Büchner gescheitert, der seinen Posten Ende 2014 nach nur etwas mehr als einem Jahr wieder räumen musste (epd 50/14). Am Spiegel-Verlag sind neben der Mitarbeiter KG mit 50,5 Prozent auch der Verlag Gruner + Jahr mit 25,5 Prozent und die Erben von Magazingründer Rudolf Augstein mit 24 Prozent beteiligt.

Aus epd medien 1-2/20 vom 10. Januar 2020