Schönenborn: ARD-Mediathek soll Filterblasen platzen lassen

Mehr Raum für Debatten angeregt - Rundfunkrat diskutiert über Thesenpapier
Köln (epd).

WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn hat dem Rundfunkrat des Senders seine Vorschläge zur Weiterentwicklung der ARD-Mediathek vorgestellt. Die Nutzerinnen und Nutzer müssten in der Mediathek ein auf ihre persönlichen Interessen zugeschnittenes Programm finden - und gleichzeitig mehr Raum für Kommentare und Debatten, sagte er in der Sitzung des Gremiums am 29. Juni in Köln. Dazu brauche man einen „vielfaltsgetriebenen öffentlich-rechtlichen Algorithmus“, der dem Auftrag verpflichtet sei, zu informieren und zu bilden. „Einen Algorithmus, der gerade nicht dazu dient, das Publikum in Blasen zu fangen, sondern diese Blasen platzen zu lassen.“

Wichtig hierfür sei eine schnelle technische Weiterentwicklung, so Schönenborn, der beim WDR für die Programmbereiche Information, Fiktion und Unterhaltung zuständig ist. Hierzu solle auch das im Rahmen der ARD-Digitalagenda beschlossene „Kompetenzzentrum Künstliche Intelligenz“ beitragen, das im WDR aufgebaut werde. Für unerlässlich hält es Schönenborn zudem, dass die Sender auch Nutzerdaten sammeln, um passgenaue Angebote machen zu können. Die Mediatheken müssten genauso viel Funktionalität bieten, „wie es die Nutzer aus sozialen Medien kennen“.

Darüber hinaus betonte der Programmdirektor den Vorrang digitaler Angebote. Zwar seien Fernsehformate wie die „Tagesschau“, „Quarks“ oder „Die Sendung mit der Maus“ im Netz erfolgreich. „Aber es gibt auch Gruppen, die wir wenig oder gar nicht erreichen.“ Nach Angaben Schönenborns ist dies die Generation der unter 30-Jährigen, außerdem Menschen mit einem niedrigen Bildungsstand oder mit einem Migrationshintergrund. Der WDR als öffentlich-rechtlicher Sender mache Programm für alle und müsse deshalb gezielt auch diejenigen Menschen ansprechen, die er bislang nicht oder nur wenig erreiche. Dabei gehe es nicht darum, immer mehr Inhalte zu produzieren, sondern passgenaue Inhalte: „Angebotsvielfalt sollten wir nicht daran messen, wie viel wir herstellen. Sondern wie viel davon das Publikum erreicht.“

Erst kürzlich hatten die öffentlich-rechtlichen Anstalten den Aufbau eines gemeinsamen Streaming-Netzwerks angekündigt. Über ein einziges Nutzerkonto können dann sowohl ARD- als auch ZDF-Inhalte abgerufen werden (epd 25/21 und Tagebuch in dieser Ausgabe). Die rechtliche Eigenständigkeit der beiden Anbieter soll jedoch erhalten bleiben.

Auch das lineare Fernsehen werde in Zukunft noch die Kraft haben, Live-Momente zu schaffen, sagte Schönenborn. Er verwies neben Sport-Ereignissen auf die erfolgreichen „Tatort“-Krimis und die „Tagesschau“ um 20 Uhr. Allerdings deutete er an, dass die Rate der Wiederholungen steigen könnte, weil die Zahl neuer Produktionen wegen der Umschichtung zugunsten von Online-Angeboten reduziert werden müsse.

Zukunft des Programmauftrags

Im Rundfunkrat wurde außerdem ein zehn Thesen umfassendes Papier zur „Zukunft der Gestaltung des Programmauftrags im WDR“ kontrovers diskutiert. Mehr als 20 Mitglieder hatten auf dieser gemeinsam formulierten Grundlage die außerordentliche Sitzung des Aufsichtsgremiums beantragt, die vor der regulären Sitzung stattfand. In dem Thesenpapier wird unter anderem eine Nachsteuerung der „Online first“-Strategie, eine Offenlegung der Kriterien bei der Umschichtung von Mitteln aus dem linearen Programm in Online-Angebote und eine weitere Stärkung der regionalen Kultur- und Wissenschaftsberichterstattung gefordert. Die Regionalisierung von Informationssendungen sei in Form von Schwerpunkten im ländlichen NRW-Raum zu stärken, „ohne eine Provinzialisierung des Programms zu fördern“, heißt es darin. Auch dürfe ein weit ausgelegter Kulturbegriff „nicht zulasten der Ausstrahlung anspruchsvoller, avantgardistischer oder vermeintlich elitärer Programmanteile gehen“.

Für die Unterzeichner erklärte der Germanist Ralf Schnell, der von der Landesrektorenkonferenz der Universitäten und Hochschulen in den Rundfunkrat entsandt worden ist, das Gremium sei zu größtmöglicher Transparenz verpflichtet. Die Diskussion über den Programmauftrag dürfe „nicht hinter den verschlossenen Türen von Ausschusssitzungen und Werkstattgesprächen“ geführt werden. Auch der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) als Vertreter des Kulturrats forderte: „Die Debatten müssen ins Plenum getragen werden.“

Andere Mitglieder des Rundfunkrats äußerten sich kritisch. Die Europa-Parlamentarierin Petra Kammerevert (SPD) zeigte sich als Vorsitzende des Programmausschusses „ein wenig verärgert“. Alle im Papier angesprochenen Fragen seien im Rundfunkrat immer wieder ausführlich diskutiert worden. Kammerevert interpretierte das Papier außerdem als Versuch, die Kultur von möglichen Einsparungen auszunehmen. „Es darf nichts sakrosankt sein“, wandte sie ein. Ingrid Matthäus-Maier, entsandt unter anderem von der Giordano-Bruno-Stiftung, kritisierte die „Verengung“ des Papiers auf den Kulturbereich. Nordrhein-Westfalen sei beispielsweise auch ein Sportland und ein Industrieland.

Dagegen wies Doris Metz (Filmbüro NW, AG Dok) darauf hin, dass sich nur zwei der zehn Thesen ausdrücklich mit dem Kulturbereich beschäftigen. „Ich bin erstaunt, wie gezielt dieses Papier hier missverstanden wird“, sagte sie. Oliver Keymis, Landtagsabgeordneter der Grünen, nannte das Papier ein „Angebot zum Gespräch“. Der WDR könne stolz sein auf ein Gremium, das bereit sei, öffentlich kontrovers über den Programmauftrag zu diskutieren. Es gehe um die wichtige Frage, wie auch in Zukunft Qualität und Relevanz des öffentlich-rechtlichen Programms gesichert werden könnten.

Der Rundfunkrat stimmte wie vorgesehen nicht über die Thesen ab. Der Vorsitzende Andreas Meyer-Lauber bezeichnete die Diskussion als „hilfreich“, um sich der aktuellen Situation des WDR und seines Aufsichtsgremiums rückzuversichern. Er unterstrich den Anspruch, dass die Gremien zum Entwurf des neuen Medienstaatsvertrags angehört werden sollten. Es kämen zusätzliche Aufgaben auf sie zu, falls die Politik den Programmauftrag der Öffentlich-Rechtlichen flexibilisieren sollte, betonte Meyer-Lauber.

Aus epd medien 26/21 vom 2. Juli 2021

tgr/ema/rid