Ramelow: Corona-Pandemie hat Relevanz der Medien bestätigt

Sorge wegen "Lügenpresse"-Vorwürfen und Aggressionen gegen Journalisten
Leipzig (epd).

Der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) hat die Bedeutung von Medien in Krisensituationen betont. Eine Demokratie und ein Rechtsstaat lebten „davon, dass Medien frei und unabhängig sind“, sagte er in einem am 2. Juni bei den Medientagen Mitteldeutschland verbreiteten Video-Statement. Journalistinnen und Journalisten müssten aber ihrer Aufgabe nachkommen, eigenständig zu berichten. In einer Pandemie komme es am Ende „darauf an zu erklären, dass auch die Entscheider nur mit dem Wissen umgehen können, das sie haben, und das war in der Pandemie immer ein Stück nach vorne gelernt“.

Ob die Medien ihrer Vermittlerfunktion in der Krise gut oder schlecht nachgekommen sind, lasse sich noch nicht beantworten, sagte Ramelow. Zum einen sei das Land noch „mittendrin“. Zum anderen seien die „Irrungen und Wirrungen“, denen die Medien aufgesessen seien, die gleichen, denen auch Politiker aufgesessen seien. Gleichzeitig irritiere ihn eine häufig gereizte Haltung gegenüber Journalisten und deren Arbeit. Es sei viel Unfrieden bei den Menschen angekommen, was sich in Vorwürfen der „Lügenpresse“ und in Aggressionen zeige. „Das besorgt mich mehr, darauf müssen wir gemeinsam achten“, sagte er.

Der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU), sagte, die Corona-Krise habe sowohl die Bürgerinnen und Bürger als auch Politik und Medien vor „besondere, kaum für möglich gehaltene Herausforderungen gestellt“. Angesichts massiver Einschränkungen der persönlichen Freiheiten über lange Zeiträume hinweg sei Vertrauen bei den Menschen verlorengegangen. Gleichzeitig gebe es aktuell „positive Signale“ wie sinkende Inzidenzen und den Impffortschritt. Politik wie Medien müssten diese Signale „durch solide Arbeit und verantwortungsbewusstes Handeln“ nutzen, um Vertrauen zurückzugewinnen, betonte Haseloff in einem Video-Statement.

Der Kommunikationswissenschaftler Oliver Quiring von der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz verwies auf die Ergebnisse einer Langzeitstudie seines Instituts, nach der das Medienvertrauen der Menschen in Deutschland während der Pandemie zugenommen hat (epd 15/21). Seiner Wahrnehmung nach sei dies auch dadurch geschehen, „dass Maßnahmen immer wieder kritisch in Frage gestellt wurden, Politikerinnen und Politiker ganz klar nach dem Sinn und dem Für und Wider gefragt wurden und eine gewisse Distanz zur Politik gewahrt wurde“, erklärte er.

Ob Medien diesen Vertrauensgewinn auch in die Zeit nach der Krise mitnehmen können, sei fraglich, sagte Quiring. „Das ist eine Sondersituation, in der man sehr stark auf die Berichterstattung angewiesen ist“, sagte er. Die Chance, zumindest einen Teil des Vertrauens zu bewahren, bestehe, wenn die Medien ihren Kurs beibehielten, kritisch und konstruktiv zu fragen und Distanz zu zeigen.

Der Mainzer Studie zufolge bringen die Deutschen in der Corona-Krise den öffentlich-rechtlichen Sendern das höchste Vertrauen entgegen. Davon habe auch das „Arte Journal“ profitieren können, sagte die Redaktionsleiterin der Nachrichtensendung, Carolin Ollivier. „Wir konnten in dieser Corona-Zeit dazugewinnen, stark dazugewinnen sogar“, sagte sie. Diese gelte sowohl für das lineare Angebot als auch für den Onlineauftritt und die sozialen Medien. Die Menschen hätten in der Pandemie vielfach nach Information, Aufklärung und Orientierung gesucht. Der Sender habe zudem davon profitieren können, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer in einer globalen Krise auch den Blick nach Europa und in die Welt nachfragten.

Das Vertrauen der Menschen in die Öffentlich-Rechtlichen sei „eine Herausforderung, die ich jetzt noch mehr als vorher spüre“, sagte Ollivier. Die Sender hätten den Auftrag, zu informieren und dabei auch Gruppen wie Jüngere und den Medien gegenüber kritisch eingestellte Menschen zu erreichen. „Wir können als öffentlich-rechtliches Medium nicht mehr erwarten, dass die Leute zu uns kommen, sondern wir müssen zu ihnen kommen und aktiv werden“, sagte sie. Dies lasse sich zum einen durch guten Journalismus und seriöse Arbeit und zum anderen über das Internet und die sozialen Medien als Verbreitungswege erreichen.

Tom Zwiessler, Bereichsleiter Programm bei RTLzwei, sagte, das Bedürfnis der Menschen nach tagesaktuellen und verlässlichen Informationen sei primär durch die Öffentlich-Rechtlichen und die Nachrichtenangebote der Privatsender abgedeckt worden. „Was aber auch gesucht wurde, war diese eher eskapistische Unterhaltung“, sagte er. RTLzwei stehe „ganz klar“ für das Thema Unterhaltung und nicht für tagesaktuellen Journalismus. Der Sender habe daher mithilfe von Prominenten Haltungsbotschaften wie Aufrufe, zu Hause zu bleiben, kommuniziert. Die Einschaltquoten hätten sich unterm Strich in der Krise nicht erhöht. Dafür habe der Sender Kontakt zum Publikum und eine direkte Kommunikation zu ihm gewinnen können.

Aus epd medien 23/21 vom 11. Juni 2021

jsb