Presserat spricht fünf Rügen gegen "Bild" aus

Verstöße gegen Richtlinien des Opferschutzes und gegen Sorgfaltspflicht
Berlin (epd)

Der Deutsche Presserat hat "Bild" fünf Mal wegen Verstößen gegen den Pressekodex gerügt. Wie das Selbstkontrollgremium der deutschen Presse am 28. Mai in Berlin mitteilte, sprach es eine weitere Rüge gegen die Magdeburger "Volksstimme" aus. "Bild" hatte in drei Fällen gegen die Richtlinie des Presskodexes verstoßen, nach der Opfer von Unglücken und Mordopfer besonders geschützt sind. In allen drei Fällen legte die Redaktion dem Presserat keine Einwilligung der Hinterbliebenen in die identifizierende Berichterstattung vor.

Einmal hatten "Bild" und "Bild.de" Bilder von Opfern eines schweren Autounfalls in Südtirol veröffentlicht. Bei dem Unfall waren sieben Menschen ums Leben gekommen, weil ein Mann betrunken und mit überhöhter Geschwindigkeit in eine Gruppe von Skiurlaubern gerast war. "Bild" hatte nicht nur die Fotos von zwei Todesopfern veröffentlicht, sondern auch Details zu deren Lebensumständen.

Auch beim Absturz einer ukrainischen Boeing im Iran hatte "Bild.de" in einem Video über ein deutsches Opfer berichtet, den vollständigen Namen genannt und ein Foto gezeigt.

Im dritten Fall hatte "Bild" über den Mord an einem städtischen Gebühreneintreiber berichtet. Unter der Überschrift "GEZ-Kassierer an Haustür erstochen" hatte die Boulevardzeitung zwei unverpixelte Fotos des Opfers veröffentlicht. Hier erkannte der Presserat nicht nur einen Verstoß gegen das Gebot des Opferschutzes, sondern auch einen Verstoß gegen die Sorgfaltspflicht. In der Überschrift werde suggeriert, der Mann habe den Rundfunkbeitrag eintreiben wollen. Die Gebührenzentrale (GEZ) der öffentlich-rechtlichen Sender gebe es jedoch nicht mehr. Auch der Beitragsservice von ARD, ZDF und Deutschlandradio beschäftigt keine Personen, die den Rundfunkbeitrag eintreiben. Zudem sei es, wie "Bild" in dem Artikel selbst schrieb, nicht um die Eintreibung des Rundfunkbeitrags gegangen.

In einem weiteren Fall hatte "Bild.de" über den sogenannten Axtmord in Limburg berichtet und ein Foto veröffentlicht, auf dem zu sehen ist, wie der Mann mit erhobener Axt seine Frau erschlägt. Die Abbildung der Tatausführung stellt einen Verstoß gegen die Richtlinie des Pressekodexes dar, nach der die Presse auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid verzichten soll.

Aus dem gleichen Grund wurde ein Video gerügt, in dem "Bild.de" gezeigt hatte, wie ein Mann mit der Faust auf ein bei einem Unfall schwer verletztes Känguru einprügelte. Ein öffentliches Interesse an dieser Form der Berichterstattung sei nicht erkennbar, stellte der Presserat fest.

Die "Volksstimme" erhielt eine Rüge, weil sie einen Beitrag veröffentlicht hatte, in dem die Autorin erzählte, dass sie bei einer Tanzveranstaltung 125 Euro gefunden und beschlossen habe, das Geld als "Finderlohn" zu behalten. Die Unterschlagung einer Fundsache sei jedoch eine strafbare Handlung, erklärte der Presserat. Die Veröffentlichung, in der dies als Kavaliersdelikt dargestellt werde, sei daher geeignet, das Ansehen der Presse zu beschädigen.

Zwei Beschwerden zurückgewiesen

Eine öffentliche Rüge ist die härteste Sanktion der Beschwerdeausschüsse. Sie muss von der gerügten Redaktion "zeitnah" veröffentlicht werden.

Zwei Beschwerden wies der Presserat als unbegründet zurück. Im einen Fall gab es Beschwerden gegen den "Spiegel"-Titel "Made in China", der einen asiatisch aussehenden Menschen in Schutzmontur zeigte. Die Beschwerdeführer hielten den Titel für rassistisch, auch suggeriere er, dass China Schuld an der Corona-Pandemie sei. Der Presserat befand, Kernaussage des Titels sei, dass China das Ursprungsland des Virus war, das von dort über die globalisierten Handelsketten in die Welt gelangte. Diese Sichtweise sei presseethisch zulässig und nicht diskriminierend.

Auch eine Satire, die unter der Überschrift "Was Sie jetzt tun müssen" in der Online-Ausgabe des "Spiegels" erschien und in der die Redaktion "praktische Tipps zum Umgang mit der trendigen Atemwegserkrankung" gab, wurde vom Presserat nicht beanstandet. 17 Leserinnen und Leser hatten auch diesen Text für diskriminierend gegenüber Chinesen gehalten. Nach Auffassung des Presserats handelte es sich hier erkennbar um eine Satire, die gängige China-Ressentiments mit den Stilmitteln der Übertreibung aufs Korn nehme. Dies sei presseethisch zulässig.

Aus epd medien 23/20 vom 5. Juni 2020

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