Presserat prüft Beschwerden wegen "Bild"-Bericht zu Corona

Beschwerdeführer: Artikel "Die Lockdown-Macher" erweckt falschen Eindruck
Berlin (epd).

Der Deutsche Presserat prüft im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Corona-Maßnahmen derzeit 92 Beschwerden wegen des Berichts „Die Lockdown-Macher“ der „Bild“-Zeitung am 4. Dezember (online). Die Beschwerdeführer kritisierten, es werde der falsche Eindruck erweckt, „dass Wissenschaftler Corona-Maßnahmen beschließen, für die aber die Politik verantwortlich ist“, teilte der Presserat am 8. Dezember in Berlin auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) mit. Dies schüre Verschwörungstheorien und sei zudem ein Aufruf zur Hetze gegen Wissenschaftler.

„Wir prüfen derzeit, ob wir ein Verfahren gegen 'bild.de' einleiten“, sagte eine Sprecherin des Presserates am 7. Dezember. Dabei gehe es um die Frage, ob die Redaktion ihrer Sorgfaltspflicht nach Ziffer 2 des Pressekodex nachgekommen ist und ob die Berichterstattung dem Wahrhaftigkeitsgebot nach Ziffer 1 des Pressekodex entspricht.

Die Berliner Humboldt-Universität (HU) hatte am 6. Dezember mitgeteilt, dass sie beim Deutschen Presserat Beschwerde gegen den Beitrag in der „Bild“-Zeitung vom 4. Dezember eingereicht habe. Darin würden die drei Wissenschaftler Dirk Brockmann von der HU, Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation und Michael Meyer-Herrmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung als „Lockdown-Macher“ bezeichnet. Den Lesern werde auf diese Weise suggeriert, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen seien verantwortlich für Entscheidungen der Politik. Diese Art der journalistischen Darstellung sei in den Debatten um den Zusammenhalt der Gesellschaft in Pandemie-Zeiten gefährlich und verantwortungslos.

„Das Präsidium der Humboldt-Universität verwahrt sich vor solchen Falsch-Behauptungen und stellt sich schützend vor jedes seiner Mitglieder, das auf diese Weise verleumdet wird“, teilte die Universität mit. Diese Art der Berichterstattung sei weit entfernt von jeder journalistischen Redlichkeit.

Die HU stehe für Freiheit und Toleranz auf der Grundlage gegenseitiger Achtung und Anerkennung, teilte die Universität mit: „Das bedeutet, konkurrierende Ansichten auszuhalten und Differenzen in argumentativen Streit zu überführen.“ Die HU sei und bleibe ein Ort des freien und unabhängigen Austauschs - „und auch ein Ort der Politikberatung.“ Die Voraussetzung dafür sei, dass jedes Mitglied der HU ohne Angst wissenschaftliche Auffassungen äußern und zur Diskussion stellen könne. Wenn dies durch das öffentliche „mediale Brandmarken“ von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern nicht möglich sei, „werden diese aus Angst davor zurückschrecken, die Politik nach bestem Wissen und Gewissen und zum Wohl der Gesellschaft zu beraten. Das bedeutet, dass Politik auf sich allein gestellt und ohne Expertise entscheidet.“

„Wissenschaftler verdienen Respekt“

Auch die Allianz der Wissenschaftsorganisationen kritisierte den Artikel am 6. Dezember in Köln: Die „Bild“-Zeitung setze mit dem Beitrag „Die Lockdown-Macher“ ihre im vergangenen Jahr begonnene „einseitige Berichterstattung gegen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fort, die ihre fachliche Expertise in den Dienst von Politik und Gesellschaft stellen, um der Coronavirus-Pandemie und ihren gerade in diesen Tagen dramatisch sichtbaren Folgen zu begegnen“, hieß es in der Erklärung. Dass und auf welche Weise hier einzelne Forscherinnen und Forscher zur Schau gestellt und persönlich für unpopuläre Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung verantwortlich gemacht würden, „ist diffamierend. Es kann überdies leicht zu einem Meinungsklima beitragen, das an anderer Stelle bereits dazu geführt hat, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich physischer oder psychischer Gewalt ausgesetzt sahen oder mit ihr bedroht wurden.“

Ein Sprecher der „Bild“-Gruppe sagte dazu am 7. Dezember: „Wir können die Kritik verstehen und nehmen sie ernst. Wissenschaftler verdienen unseren Respekt.“ Kritik an Wissenschaftlern und ihren Vorschlägen müsse möglich sein, aber immer angemessen geübt werden.

Der Sprecher verwies auch auf ein Statement des neuen „Bild“-Chefredakteurs Johannes Boie (5. Dezember online, 6. Dezember Print). Darin heißt es: Wer dieses Land regiere, verändere und über das Leben der Menschen bestimme, müsse Kritik aushalten. Gerade auch von Journalisten. „Umgekehrt muss Kritik angemessen geübt werden. Das gilt ausdrücklich auch für Bild.“

Aus epd medien 49/21 vom 10. Dezember 2021

lob/ema