Leyendecker prüft rechtliche Schritte gegen den "Spiegel"

Streit über Kommissionsbericht zur Bad-Kleinen-Story von 1993
Frankfurt a.M. (epd)

Der Journalist Hans Leyendecker sieht sich durch einen "Spiegel"-Bericht verunglimpft und erwägt deshalb juristische Schritte. "Eine Anwaltskanzlei prüft gerade, ob ein Unterlassungsanspruch besteht", sagte der 71-Jährige am 4. November dem epd. "Sodann werde ich entscheiden, ob es sich lohnt, gegen dieses missglückte Stück vorzugehen." Hintergrund ist der am 29. Oktober veröffentlichte Abschlussbericht einer "Aufklärungskommission" des Magazins (http://u.epd.de/1o1f). Dieser befasst sich mit einer Titelgeschichte aus dem Jahr 1993 zum GSG-9-Einsatz in Bad Kleinen und äußert erhebliche Zweifel an Leyendeckers Angaben zur Entstehung des Artikels. Der "Spiegel" wollte sich nicht zu Leyendeckers Ankündigung äußern.

Leyendecker sagte, die Verfahrensweise der Kommission sei eine Zumutung und der Bericht "handwerklich eine Katastrophe". Er verwies darauf, dass er einen umfangreichen Fragenkatalog des "Spiegels" zum Thema ausführlich beantwortet habe. In dem Bericht der Kommission seien aber wichtige Details aus seiner Stellungnahme unzulänglich behandelt worden. "Diese Art der Darstellung ist unseriös und grenzt an Rufmord", sagte er. Der auf investigative Recherchen spezialisierte Journalist arbeitete von 1979 bis 1997 für den "Spiegel". Anschließend arbeitete er bis zum Ruhestand 2016 bei der "Süddeutschen Zeitung" (epd 19/19).

Durch den Einsatz der Polizei-Spezialeinheit GSG 9 in Bad Kleinen sollten 1993 zwei RAF-Mitglieder festgenommen werden. Bei einem Schusswechsel starben ein GSG-9-Beamter und der RAF-Terrorist Wolfgang Grams. Kurz nach dem Vorfall berichtete Leyendecker in dem "Spiegel"-Artikel "Der Todesschuss", ein Zeuge habe gesehen, wie ein GSG-9-Beamter Grams erschossen habe. Der damalige Innenminister Rudolf Seiters (CDU) trat zurück, Generalbundesanwalt Alexander von Stahl wurde in den einstweiligen Ruhestand versetzt.

Nach dem späteren Ergebnis der Ermittlungen, das mehrfach von Gerichten überprüft wurde, tötete sich der schwer verwundete Grams durch einen Schuss aus der eigenen Waffe selbst. Leyendecker entschuldigte sich in den Folgejahren mehrfach und bezeichnete es als seinen "verheerendsten Fehler", dass er einem unzuverlässigen Informanten vertraut habe. Anlass der aktuellen Aufarbeitung durch die "Spiegel"-Kommission war nach Angaben des Magazins ein Schreiben von Ex-Generalbundesanwalt Stahl. Dieser habe im Dezember 2018 gefragt: "Mich interessiert noch heute: Hat es den Zeugen gegeben, oder hat Leyendecker ihn erfunden?"

Die Kommission kommt in ihrem Bericht zu dem Ergebnis, es sei unwahrscheinlich, dass Leyendecker wie von ihm angegeben den fraglichen Zeugen persönlich getroffen und zusätzlich über eine anonyme Quelle am Telefon verfügt habe. Wahrscheinlicher sei, dass der Journalist lediglich ein Telefongespräch mit einer anonymen Quelle geführt habe.

Leyendecker erklärte, der damals amtierende "Spiegel"-Chefredakteur Hans Werner Kilz habe der Kommission bestätigt, dass er vor der Veröffentlichung der Titelstory sogar selbst mit der Hauptquelle gesprochen habe. Dies habe die "Spiegel"-Kommission in ihrer Bewertung des Vorgangs aber nicht angemessen gewürdigt.

"Exponierter Status"

Die Aufklärungskommission resümiert in dem Bericht, mit der Berichterstattung über die Abläufe in Bad Kleinen habe der "Spiegel" auf Basis einer "mangelhaft geprüften und falschen Aussage" einen journalistischen Fehler begangen. Der Fehler sei aber nicht nur Leyendecker anzulasten. Die redaktionellen Kontrollen und die Überprüfung durch die Dokumentation hätten versagt. Das Justiziariat habe zwar Unstimmigkeiten bemerkt, aber nicht Alarm geschlagen. "Offenbar erschwerte es der exponierte Status, den sich Leyendecker in der Redaktion durch herausragende investigative Recherchen erarbeitet hatte, in diesem Fall Zweifel zu äußern", heißt es. Geschäftsführung und Chefredaktion bedauerten den Fehler in einem Begleittext zur Veröffentlichung des Berichts.

Unterzeichnet haben den Bericht "Spiegel"-Nachrichtenchef Stefan Weigel und Brigitte Fehrle, frühere Chefredakteurin der "Frankfurter Rundschau". Für die Dokumentationsabteilung wirkte Bertolt Hunger mit. Die Kommission um Weigel und Fehrle war Anfang 2019 nach dem Bekanntwerden der Fälschungen des ehemaligen "Spiegel"-Reporters Claas Relotius eingerichtet worden. Ihren Abschlussbericht zu diesem Fall hatte sie im Mai 2019 vorgelegt (epd 23, 24/19). Im Februar dieses Jahres wurde die Kommission von einer Ombudsstelle abgelöst, die Hinweisen auf Unregelmäßigkeiten in der Berichterstattung nachgehen soll (epd 9/20).

Aus epd medien 45/20 vom 6. November 2020

rid