Kulturschaffende kritisieren geplanten Umbau von HR2-Kultur

Schriftsteller Bodo Kirchhoff wirft dem Sender "Torschlusspanik" vor
Frankfurt a.M. (epd)

Kulturschaffende warnen vor dem Umbau des Hörfunksenders HR2-Kultur zu einer Klassikwelle. "Wenn jetzt auch noch aus der Kultur Konfetti gemacht wird, ausgestreut über die letzten Hörer oder in der Hoffnung, damit neue zu gewinnen, zeigt das nur die Torschlusspanik eines Senders, der den Glauben an die intelligenten Hörerinnen und Hörer verloren hat", schrieb der Autor Bodo Kirchhoff in einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ). Die Zeitung räumte den Protestäußerungen von insgesamt 18 Kulturschaffenden am 20. und 21. August jeweils die komplette Medien-Seite ein.

Der Hessische Rundfunk (HR) hatte Mitte Juli angekündigt, dass Wortinhalte zu Kulturthemen künftig vor allem über die Informationswelle HR-Info, im Internet auf "Hessenschau.de" sowie in der "ARD Audiothek" ausgespielt werden sollen (epd 29, 31-32, 33/19). Im Etat der Rundfunkanstalt fehlen laut Haushaltsplan 2019 insgesamt 93 Millionen Euro, das vergangene Geschäftsjahr hatte der HR mit einem Fehlbetrag von 76,5 Millionen Euro abgeschlossen (epd 27/19). HR2-Kultur erreicht nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (Agma) täglich rund 100.000 Hörerinnen und Hörer.

"Heute sagt man mit Recht, dass das Radio vom Leit- zum Begleitmedium geworden ist", schrieb Heinz Drügh, Professor für Literaturgeschichte an der Goethe-Universität Frankfurt, in der FAZ. Dass man deshalb "easy listening" daraus machen müsste, folge daraus aber nicht. "Radio hört man nicht mehr im Lehnsessel, sondern en passant im Auto oder beim Kochen. Eine große Freude dieser Art des Hörens besteht darin, zufällig in Beiträge hineinzustolpern, die auch als Bruchstück faszinierend genug sind", argumentierte der Wissenschaftler.

Der Philosoph Martin Seel, der ebenfalls an der Goethe-Universität lehrt, warnte, die Abwicklung eines anspruchsvollen eigenständigen Kulturprogramms durch einen öffentlich-rechtlichen Sender sei ein verheerendes Zeichen. "Kulturelle Themen im weitesten Sinn, auch und gerade in ihrer politischen und sozialen Relevanz, werden zum Lückenfüller und Lückenbüßer in anderen Sparten oder in ein starres Netzmenü verbannt."

Der Verleger Klaus Schöffling kritisierte, Ziel der Reform sei "ein rundgelutschtes Hörfunkprogramm, wie es auch in jedem Warenhausaufzug sendbar wäre, ohne erkennbare Intention, ohne inhaltlichen Ehrgeiz, ohne den Mut zum Eigenständigen, zum Anecken, zum Wachwerden". Öffentlich-rechtlicher Rundfunk sei jedoch "kein Sedativ, keine Vorstufe zum betreuten Radiohören".

Der Intendant des Schauspiels Frankfurt, Anselm Weber, mahnte, HR2-Kultur müsse eine Welle bleiben, die sämtlich Aspekte des öffentlich-rechtlichen Kultur- und Bildungsauftrags berücksichtigt. "Vor allem die künstlerisch-produzierende Kultur (Hörspiel, Neue Musik) muss weiterhin gefördert werden, zumal der HR gerade in dieser Hinsicht große Verdienste vorzuweisen hat", forderte er. "Gleiches gilt für die äußerst beliebten Gesprächsformate wie 'Doppelkopf' und 'Der Tag' die eine allerorten zu beobachtende 'Schnapp-Kultur' erfolgreich aushebeln."

Der Schriftsteller Frank Witzel verwies darauf, dass "Podcast" nichts anderes bedeute als das, was Radio schon immer im Bereich Hörspiel und Feature gemacht habe. Dieser "Podcast" werde sich weiterentwickeln und sein Repertoire erweitern, bis er zu dem geworden sei, was Sender wie HR2-Kultur heute bereits sind. "Und dort werden die Hörer sich einfinden, während das nach suspekten Marktanalysen entworfene Gespenst eines 'Durchhörradios' durch verlassene Werkhallen und menschenleere Büroflure dröhnt."

Der Schriftsteller und Mitbegründer des Satiremagazins "Titanic", Pit Knorr, warf dem HR vor, unliebsame und kritische Programminhalte tilgen zu wollen. "Es scheint, sie wollen diesen ganzen Kulturkram, diese nicht wirklich kontrollierbaren, häufig frechen, nicht immer stromlinienförmigen, ja um Gottes willen auch immer mal wieder politisch unbotmäßigen Sendungen endlich einfach raus haben aus dem Programm", kritisierte er.

Die Schriftstellerin Eva Demski warnte die Rundfunkanstalt davor, sich zu sehr an Hörerzahlen zu orientieren. "Von Quote steht nichts im Staatsvertrag", betonte sie. "Man muss ihr also auch nicht nachhecheln. Sonst ist die Idee, der Existenzgrund der öffentlich-rechtlichen Medien, ein weiteres Mal verraten und verkauft." Ähnlich äußerte sich der geschäftsführende Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok), Thomas Frickel. Die Berufung auf gesunkene Hörerzahlen habe in der Logik unseres öffentlich finanzierten Rundfunksystems nichts zu suchen, schrieb er. "Denn ein öffentlich-rechtlicher Sender wie der Hessische Rundfunk steht nicht im Wettbewerb um Marktanteile, sein Gebührenprivileg dient vielmehr der Abbildung und Sicherung inhaltlicher, thematischer und künstlerischer Vielfalt."

Am 23. August will sich der Rundfunkrat des HR in seiner ersten Sitzung nach der Sommerpause über den Umbau von HR2-Kultur informieren. Mehrere Vertreter der hessischen Kulturszene kritisierten die Reformpläne bereits.

Aus epd medien 34/19 vom 23. August 2019

tz