HR-Rundfunkrat unterstützt Strategieprozess der Senderspitze

Akademie der Darstellenden Künste kritisiert Pläne für Umbau von HR2-Kultur
Frankfurt a.M. (epd)

Der HR-Rundfunkrat gibt der Senderspitze grundsätzlich Rückendeckung in der Diskussion über die strategische Ausrichtung des HR. "Der Rundfunkrat unterstützt mit deutlicher Mehrheit die Initiative der Geschäftsleitung des HR, die Möglichkeiten zur digitalen Nutzung seiner Angebote, zum Beispiel auch im Bereich der Kulturberichterstattung, auszubauen und die Attraktivität für jüngere Zielgruppen zu erhöhen", teilte das Aufsichtsgremium am 23. August nach seiner nichtöffentlichen Sitzung in Frankfurt mit.

Der Rundfunkrat betonte aber auch, Kulturberichterstattung gehöre zum Kern des öffentlich-rechtlichen Auftrags. Kultur sei aber "nicht nur Musik, sondern auch Literatur, die Kultur des Hörens und Zuhörens und der gesellschaftliche Diskurs", hieß es in der Stellungnahme. Das Gremium begrüßte die Zusicherung, dass "alle weiteren Schritte zur Ausgestaltung der Programminitiativen in einem strukturierten Prozess unter Beteiligung der Beschäftigten und in enger Abstimmung mit den Gremien in den nächsten Sitzungen des Rundfunkrats und insbesondere auch in seinen Ausschüssen beraten werden".

Zu Beginn der Sommerpause hatte die Geschäftsleitung des HR den Mitarbeitern überraschend mitgeteilt, dass HR2-Kultur in eine "Klassikwelle" für Hessen umgewandelt werden soll. Der Sender will Wortinhalte zu Kulturthemen demnach künftig vor allem über die Informationswelle HR-Info, im Internet auf "Hessenschau.de" sowie in der "ARD Audiothek" ausspielen. Der geplante Umbau von HR2-Kultur ist Teil des Strategieprozesses "HR im digitalen Wandel" (epd 29/19).

HR-Hörfunkdirektor Heinz-Dieter Sommer hatte am 23. August die Notwendigkeit einer Reform bekräftigt. Der Sender habe die Verpflichtung, jetzt die Weichen für die Zukunft zu stellen, sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ). Der HR wolle auch in Zukunft seinem Auftrag gerecht werden und mit seinen Inhalten weiterhin möglichst viele Menschen erreichen, "nicht nur die tradierten Zielgruppen". Sommer versicherte zugleich, der Sender nehme die besorgten Reaktionen "natürlich ernst".

Sommer bekräftigte in der FAZ, dass Detailfragen noch erarbeitet werden müssten. "Über einzelne Sendungen ist überhaupt noch nicht gesprochen worden, auch wenn von vielen Kritikern unterstellt wird, dass Entscheidungen gefallen seien", betonte er. Auch der Begriff "Klassikwelle" sei ein Arbeitsbegriff. Vertreter der hessischen Kulturszene hatten die Pläne bereits kritisiert, darunter der Autor Bodo Kirchhoff, der Verleger Klaus Schöffling und die Schriftstellerin Thea Dorn.

"Einschläferung der kritischen Potenziale"

Auch die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste übte scharfe Kritik. Mit den Plänen verletze der HR die gesetzliche Verpflichtung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu Kulturangeboten, erklärte das Präsidium der Akademie am 27. August in Darmstadt. Die Verletzung bestehe darin, dass die Kulturwelle künftig als "Klassikwelle mit Schwerpunkt auf Archivbeständen der hauseigenen Klangkörper fungieren soll, während die Kulturinformation auf andere Verteilkanäle verlagert wird". Niemand habe etwas dagegen, dass auch HR2-Kultur die Chancen der Digitaltechnik optimal nutze und die Interessen und Rezeptionspraktiken von Digital Natives stärker berücksichtigen wolle. Es entbehre aber jeder Logik, "wenn diese Ziele als Grund für eine sehr weitgehende Entwortung" der Kulturwelle angeführt würden. "Man kann die gebotene Modernisierung betreiben, ohne das Bewährte streichen zu müssen", hieß es.

Der "vielstimmige Aufstand" des HR2-Publikums gegen die Umbaupläne sei nicht Einzelfall, sondern "Symptom", erklärte die Akademie. In allen kulturellen Disziplinen sei derzeit eine "Orientierung an der Quote sowie am ökonomischen Effekt" zu beobachten. Ein Beharren auf allein marktorientierten Kriterien führe zu Mainstream und einer "Einschläferung der kritischen Potenziale einer Gesellschaft". Die Programmverantwortlichen in den Sendern seien nicht Besitzer ihrer Häuser, sondern Angestellte der Öffentlichkeit und müssten in dieser Funktion auf Einwände des Publikums substanziell reagieren. Die Akademie sprach sich für ein "öffentliches Hearing an prominentem Ort und mit prominenter Besetzung" aus.

Am 22. August veröffentlichte der HR auf seiner Internetseite einen "Faktencheck", in dem er auf "Befürchtungen, Meinungen und Behauptungen zu HR2-Kultur und den künftigen Programmangeboten" einging. Auch ein reformiertes HR2-Kultur werde selbstverständlich nicht "wortfrei" sein, sondern "stärker um die Klassik zentriert", hieß es darin. Es handle sich auch nicht um ein Sparprogramm, sondern um den Versuch, mit gleichen Mitteln mehr Nutzer zu erreichen.

Die Reaktionen der Hörer auf die Ankündigung der Veränderungen würden bei den Entscheidungen berücksichtigt, ebenso wie die Rückmeldungen aus Kulturinstitutionen und insbesondere die Diskussion in den Gremien, erklärte der Sender. Wie die Ausgestaltung der Angebote im Einzelnen aussehe und wo "der Content von 'Der Tag' oder 'Doppelkopf'" künftig zu finden sei, werde "in den nächsten Monaten" erarbeitet.

Aus epd medien 35/19 vom 30. August 2019