Geplanter Umbau von HR2-Kultur: Klassikwelle "irreführend"

Hessische Kulturschaffende veröffentlichen Resolution zu Reformplänen
Frankfurt a.M. (epd)

Der Hessische Rundfunk (HR) will seinen Kultursender HR2 nicht zu einer reinen "Klassikwelle" umbauen. Der Begriff "Klassikwelle", den der Sender selbst verwendet hat, sei "irreführend", sagte der leitende HR-Redakteur Alf Mentzer am 1. Oktober bei einer Diskussionsveranstaltung in Frankfurt am Main. Aufgrund der Ergebnisse der Zielgruppenforschung werde man jedoch kulturell hintergründige Wortbeiträge auf HR2-Kultur künftig nicht mehr mit Pop und Jazz, sondern nur noch mit Klassik verknüpfen.

Der HR versicherte angesichts des anhaltenden Protests gegen die Umgestaltung des Kultursenders am 2. Oktober, die gesamte Kulturberichterstattung solle gestärkt werden. Mentzer, der der "crossmedialen Kultur-Unit" angehört, die für die Umstrukturierung von HR2-Kultur verantwortlich zeichnet, betonte, dass auch künftig Wortbeiträge auf der Welle ihren Platz hätten. Hörspiele, Lesungen und Features blieben bei HR2-Kultur erhalten. Auch die populäre Sendung "Der Tag" werde weitergeführt, möglicherweise aber auf anderen Ausspielwegen.

Die Geschäftsleitung des HR hatte im Juli überraschend mitgeteilt, dass HR2-Kultur in eine "Klassikwelle" für Hessen umgewandelt werden soll (epd 29/19). Wortinhalte zu Kulturthemen sollten der Ankündigung zufolge künftig vor allem über die Informationswelle HR-Info, im Internet auf "Hessenschau.de" sowie in der ARD-Audiothek verbreitet werden, um jüngere kulturinteressierte Zielgruppen besser zu erreichen. Die Pläne hatten scharfen öffentlichen Protest ausgelöst (epd 30, 31-32, 33/19).

Hessische Kulturschaffende gründeten die Initiative "HR2-Wort" für den Erhalt von HR2-Kultur in der bisherigen Form. Unter dem Titel "HR2 minus Kultur" veranstaltete die Initiative eine Diskussion, die am 1. Oktober in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt stattfand. Bei der Veranstaltung stellte Mentzer sich kritischen Fragen und bemühte sich um Differenzierung. Eine Reform sei unumgänglich, um mehr Publikum zu erreichen, sagte er: "Wir sind nicht die einzigen. Diese Diskussionen finden in allen ARD-Anstalten statt."

Mentzer sagte, HR2-Kultur habe fünf Jahre lang versucht, mehr Hörer mit einem "verbreiterten Kulturangebot" zu erreichen. In der Hoffnung, dass ein breites Publikum zu dieser Welle kommt, habe man ein Musikspektrum "von Bruce Springsteen bis Beethoven" gespielt. Das habe leider nicht funktioniert, sagte der leitende Redakteur von HR2-Kultur. Die Medienforschung habe herausgefunden, dass ein Publikum mit einem "breiten Kulturbegriff" sich seine Informationen woanders suche. Es gehe darum, einen großen Teil der Kulturinteressierten in Hessen, die man mit HR2-Kultur nie erreichen würde, mit neuen Beiträgen anzusprechen: "Dafür muss ich ins Netz gehen." Welche neuen Formate im Netz geplant sind, ließ Mentzer offen.

Der HR2-Redakteur sagte, der Sender wolle "die Breitbandstrategie zurückfahren und HR2-Kultur auf ein Publikum ausrichten, von dem wir wissen, dass es radioaffin ist". Dies sei ein Publikum, das "an qualitativ hochwertiger Kultur interessiert ist" und "einen distinktiven Kulturbegriff hat". Laut Mentzer ist dieses Publikum "mehr an klassischer Musik interessiert". Aus diesem Grund solle HR2-Kultur "keine Klassikwelle werden, sondern eine Kulturwelle, die sich mehr auf den klassischen Kulturbegriff konzentriert".

Verbundenheit mit Kulturwelle

Am Ende der Veranstaltung verlas die Schauspielerin Anke Sevenich eine Resolution, die mit großer Mehrheit von den mehr als 300 Besuchern verabschiedet wurde. Darin verurteilten die "beitragspflichtigen Hörerinnen und Hörer" die Absicht, "das Kulturangebot des HR in eine linear ausgestrahlte Klassikwelle und eine vorrangig über Online-Kanäle laufende Kulturinformation zu spalten". Es sei untragbar, bei der Durchsetzung der Reformpläne "eine Generation gegen die andere auszuspielen" (vgl. Dokumentation in dieser Ausgabe). In der Resolution wird an die Kontrollgremien des HR appelliert, die fundamentalen Prinzipien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu verteidigen.

Hessische Kulturschaffende brachten bei der Veranstaltung in persönlichen Stellungnahmen ihre tiefe Verbundenheit mit der Kulturwelle zum Ausdruck. Epd-Redakteur Michael Ridder verwies auf die Relevanz nachhaltiger Kulturberichterstattung vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Debatte um den Rundfunkbeitrag und des Kampfes um die politische Deutungshoheit in Medien.

Der HR äußerte sich am 2. Oktober erneut zu der Kritik an seinen Plänen. Die Geschäftsleitung freue sich über die Wertschätzung für die aktuelle Programmgestaltung von HR2-Kultur und wisse zu schätzen, dass Kulturinteressierte sich für einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk einsetzten, teilte der Sender mit. Das Radioprogramm HR2 werde "mit einem veränderten musikalischen Schwerpunkt weiterhin ein qualitätsvolles Angebot sein mit Wort und Musik und attraktiven Inhalten aus und für Hessen".

Die Neuausrichtung von HR2-Kultur sei Teil einer Umstrukturierung aller Programmangebote des HR sein, teilte der Sender mit. Die Nutzergewohnheiten besonders jüngerer, aber zunehmend auch älterer Menschen veränderten sich. Immer mehr Hörer erwarteten, auch digitale Angebote zu finden, die sie jederzeit nutzen können, so wie sie dies von Video-On-Demand-Angeboten und Streamingdiensten gewöhnt seien. Der Anspruch des HR als öffentlich-rechtlicher Rundfunk müsse es sein, auch künftig für alle Menschen gesellschaftlich relevant zu sein.

Der Sender hat nach eigenen Angaben in den vergangenen Monaten "einen Gesprächsprozess gestartet und Gespräche mit unterschiedlichen Gruppen geführt, um zu verstehen, wie diese Gruppen Kultur verstehen und vermittelt bekommen möchten'".

Aus epd medien 41/19 vom 11. Oktober 2019