"Freunde des Adolf-Grimme-Preises" attackieren Institutsleitung
"Aus dem öffentlichen Diskurs abgemeldet" - Gerlach weist Kritik zurück
Marl (epd).

Der Verein „Freunde des Adolf-Grimme-Preises“ hat scharfe Kritik an der Führung des Grimme-Instituts geübt. „In seinem 50. Jahr hat sich das Grimme-Institut offenbar aus dem öffentlichem Diskurs abgemeldet“, heißt es in einem am 24. November veröffentlichten Offenen Brief des Vereins. Kritikerinnen und Befürworter des öffentlich-rechtlichen Rundfunk meldeten sich täglich mit immer neuen Vorschlägen und Debattenbeiträgen, während das Grimme-Institut schweige, „und das nicht einmal beredt“.

Die Direktorin des Grimme-Instituts Frauke Gerlach wies die Kritik zurück. Das Institut leiste unter anderem mit seinen Preisentscheidungen, die Gegenstand öffentlicher Debatten seien, einen Beitrag zum öffentlichen Diskurs über die Qualität von Medien, sagte sie dem epd. Mit der Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks befasse sich zudem das Partizipationsprojekt #meinfernsehen2021, an dem das Institut mehr als zwei Jahre gearbeitet habe (epd 49/20, 22/21). Als weitere Beispiele nannte Gerlach das Grimme-Forschungskolleg, das Projekt „Fragmentierte Öffentlichkeit“ oder eine Veranstaltung mit der Malisa Stiftung zu sexualisierten Gewaltdarstellungen.

„Und ganz grundsätzlich müssen wir feststellen, dass zwar alle nach mehr Medienjournalismus rufen, die Räume dafür aber immer weniger werden - bis hin zum Personal“, sagte Gerlach: „Debatten über medienpolitische Themen anzustoßen, wird dadurch immer schwieriger.“

Unterzeichnet ist der Offene Brief von der bisherigen Vereinsführung der „Freunde des Adolf-Grimme-Preises“: dem Ehrenvorsitzenden des Vereins und früheren Leiter des Grimme-Preises, Ulrich Spies, dem Vorsitzenden Steffen Grimberg, dem stellvertretenden Vorsitzenden Andreas Schmücken, der Vereinsgeschäftsführerin Julia Donnepp, den Vorständen Mirko Simnovec und Peter Lecher sowie dem ehemaligen Grimme-Direktor Peter von Rüden.

Wie Grimberg dem epd sagte, wählte der Verein inzwischen auf seiner Mitgliederversammlung am 28. November einen neuen Vorstand. Vorsitzender sei nun Jörg Schieb, stellvertretende Vorsitzende seien Martin Brambach und Mike Große Lochtmann, Geschäftsführer sei Ulrich Spies.

In ihrem Offenen Brief betont die alte Vereinsführung, das Grimme-Institut sehe es nach seinen eigenen Worten als das eigene Selbstverständnis an, dass „es einen einordnenden Beitrag leistet bei der öffentlichen Meinungsbildung über Medien, ihrer Qualität, gesellschaftlichen Verantwortung und Bedeutung - sowohl in Deutschland als auch auf europäischer Ebene“. Genau darum gehe es auch in der aktuellen Diskussion. „Wieso hört und liest man gerade in diesen Zeiten nichts aus dem Grimme-Institut?“, fragen die Unterzeichner.

Gerade jetzt könne sich das Grimme-Institut mit innovativen Ideen und Veranstaltungen zur Neugestaltung der Rundfunk- und Fernsehlandschaft an der öffentlichen Diskussion beteiligen und mitwirken, heißt es. „Die Aufsichtsgremien und der Beirat des Instituts sollten sich dringend fragen, woran das liegt.“ Das 50-jährige Bestehen im September 2023 sei „Grund genug, Auftrag und Auftritt neu zu justieren“.

Gerlach, die die Leitung des Grimme-Instituts im Frühjahr 2014 von Uwe Kammann übernommen hatte (epd 14/14), verwies im Gespräch mit dem epd auch auf die vierteilige Reihe „Vom Wert der Unterhaltung“, die das Grimme-Institut zusammen mit der Produzentenallianz und dem Film- und Medienverband NRW realisierte. „Das sind konstruktive Beiträge zu medienpolitischen Themen, die wir wichtig finden und die ohne das Scheinwerferlicht der Veranstaltungspodien auskommen, aber direkt an die Praxis andocken und sich um Lösungen bemühen.“ Abseits der Teilnahme an Veranstaltungen sei dies ein zentraler Teil der Institutsarbeit, der ihr persönlich besonders wichtig sei, sagte die Grimme-Direktorin.

Sie sei vor der Veröffentlichung des Briefes nicht mit der Kritik konfrontiert worden, sagte Gerlach. „Ich hätte mir daher eine andere Form der Kommunikation gewünscht, zumal der Brief die gute Arbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in allen Teilen des Hauses ignoriert.“

Grimberg sagte dem epd, es sei Ziel des Offenen Briefes gewesen, mit den darin enthaltenen Anmerkungen die Gremien des Grimme-Instituts vor der Sitzung des Grimme-Aufsichtsrates am 7. Dezember zu erreichen. „Da über die Frage 'Wo bleibt Grimme?' bereits länger öffentlich diskutiert wird, ohne, dass sich die Institutsleitung dazu einlässt, haben wir das Schreiben parallel auch der Öffentlichkeit - darunter natürlich auch unseren Vereinsmitgliedern - zur Kenntnis gebracht.“ Damit solle auch verhindert werden, dass diese Überlegungen und Forderungen nur intern behandelt werden.

Die Mitgliederversammlung des Vereins habe den Offenen Brief „vollumfänglich gutgeheißen“ und beschlossen, den neuen Vorstand damit zu beauftragen, „sich an die Institutsleitung zu wenden mit der Initiative, eine Plattform für eine Debatte über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu schaffen“, sagte Grimberg.

Der Medienjournalist Grimberg hatte Anfang 2014 die Nachfolge von Ulrich Spies als Referatsleiter für den Grimme-Preis angetreten (epd 45/14), bevor er zum Jahresbeginn 2016 als Sprecher zur ARD gewechselt war (epd 48/16). Die Leitung des Preises liegt seitdem bei Lucia Eskes. Grimberg ist seit Herbst 2020 Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes Berlin - JVBB.

Der Verein „Freunde des Adolf-Grimme-Preises“ wurde 1989 auf Initiative von Bert Donnepp und Ulrich Spies gegründet. Seitdem fördert der Verein nach eigenen Angaben die Ziele des Fernsehwettbewerbs, hilft bei der Sicherung und Unabhängigkeit des Preises und vergibt den Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik.

Aus epd medien 48/22 vom 2. Dezember 2022

nbl