Fernseh-Akademie warnt vor Grenzüberschreitungen

Ökonomischer Druck auf Dokumentarfilmer - "Systemisches Versagen"
Berlin (epd)

Die Deutsche Akademie für Fernsehen (DAFF) hat die Bedeutung von Wahrhaftigkeit und Sorgfalt für das dokumentarische Arbeiten betont. Die Akademie bezog sich in einer am 13. April in Berlin veröffentlichten Stellungnahme auf den Dokumentarfilm "Lovemobil", für den Regisseurin Elke Margarete Lehrenkrauss Szenen inszeniert hatte. Die Regisseurin habe damit die Grenzen des dokumentarischen Arbeitens überschritten, erklärte die DAFF. Nachgestellte Szenen mit Laiendarstellern seien für das Publikum nicht erkennbar gewesen. "Eine solche Arbeitsweise entspricht nicht unseren eigenen Standards", befand die Akademie.

Glaubwürdigkeit sei für Dokumentarfilme das zentrale Qualitätsversprechen, unterstrich die DAFF. Zugleich verwies sie aber darauf, dass sich Spielfilme und Dokumentarfilme seit einigen Jahren annäherten: "Der Spielfilm bedient sich heute mitunter eines rauen, dokumentarischen Looks, während mancher Dokumentarfilm opulente, sorgsam gestaltete Bilder und eine am Spielfilm orientierte Dramaturgie verwendet." Insbesondere der künstlerische Dokumentarfilm müsse vielfältige filmische Mittel einsetzen können. Würden aber fiktionale Elemente verwendet, müsse dies zwischen Regie, Produktion und Redaktion "auf adäquate Art und Weise kommuniziert oder gekennzeichnet" werden. Dies könne auch durch gestalterische Mittel erfolgen.

Kritik übte die DAFF an Redaktionen, Filmförderungen und Festivals. Diese präferierten oft Erzählweisen, deren Dramaturgie "dokumentarische Unebenheiten" möglichst eliminieren sollten. Dadurch gerieten die Filmemacher unter Erfolgsdruck, "dem mit dokumentarischen Mitteln zunehmend nicht mehr standzuhalten ist". Die Finanzierung, die nur noch zu einem geringen Teil vom Fernsehen getragen würde, erzeuge ökonomischen Druck. "Darin liegt auch ein systemisches Versagen", kritisierte die DAFF.

Der NDR hatte sich am 22. März von dem von ihm koproduzierten Dokumentarfilm "Lovemobil" distanziert, weil dieser viele Szene zeige, "die nicht authentisch sind" (epd 12-13/21). Die Nominierungskommission des Grimme-Instituts entzog dem Film daraufhin die Nominierung für den Grimme-Preis. Wenige Tage später gab Autorin Lehrenkrauss auch den Deutschen Dokumentarfilmpreis zurück, den sie im vergangenen Jahr für den Film erhalten hatte.

Seit Anfang April haben sich mehr als 150 Dokumentarfilmer einer Online-Kampagne der Filmemacherinnen Susanne Stenner und Sandra Trostel angeschlossen, die die Bedeutung der Glaubwürdigkeit des dokumentarischen Arbeitens stärken will. In der von Stenner und Trostel entworfenen Erklärung heißt es, Anspruch der Unterzeichner sei "Wahrhaftigkeit, Unabhängigkeit, Respekt und Sorgfalt im dokumentarischen, filmischen, oft auch journalistischen Arbeiten". Unterschrieben wurde sie unter anderem von Stephan Lamby, Mo Asumang, Almut Faass und Thomas Frickel.

"Skandale über gefakte Reportagen, gecastete Protagonisten, Fälle von Einflussnahme und Käuflichkeit in Dokus oder Kinodokumentarfilmen bewegen uns in immer kürzeren Abständen und schaden uns allen", teilten die beiden Filmemacherinnen mit. Es sei an der Zeit, "als Medienschaffende Position zu beziehen und erkennbar zu machen, für was der Großteil der Medienschaffenden täglich gegen alle Widrigkeiten einsteht". Stenner und Trostel zeigten sich erfreut, dass sich so viele Kollegen beteiligten. Es gehe ihnen um die Glaubwürdigkeit nach außen, sagte Trostel: "Was uns Medienschaffenden selbstverständlich erscheint, ist für unsere Zuschauer nicht unbedingt erkennbar."

In der Erklärung der Filmemacherinnen heißt es unter anderem: "Im Sinne der Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit empfinden wir es als selbstverständlich, Inszenierungen von Spielszenen sowie fiktionale Elemente oder auch den Einsatz von Darsteller:innen für unsere Zuschauer:innen transparent und kenntlich zu machen." Dokumentarische Arbeiten seien ein "wesentlicher Beitrag zu einem lebendigen gesellschaftspolitischen Diskurs". Die Dokumentarfilmer wollten dazu beitragen, "dass die Lebenswirklichkeit so vielfältig erfasst und abgebildet wird, wie sie ist. Das Dokumentarische ist für eine lebendige Demokratie essenziell und kann somit entscheidend zum Gelingen der Demokratie in unserem Land beitragen."

Aus epd medien 15/21 vom 16. April 2021

dir/cd