Fast vier Millionen Zuschauer sahen "Gott"

500.000 Zuschauer beteiligten sich an Abstimmung im Ersten
München (epd)

Den Fernsehfilm "Gott" nach einem Theaterstück von Ferdinand von Schirach haben am 23. November 3,88 Millionen Zuschauer im Ersten gesehen. Das entspreche einem Marktanteil von 11,3 Prozent, teilte das Erste am 24. November in München mit. Bei den 14- bis 49-Jährigen lag der Marktanteil bei 10,4 Prozent, in dieser Altersgruppe waren es 1,05 Millionen Zuschauer.

In dem Film wird eine fiktive Sitzung des Deutschen Ethikrates dargestellt, in der über den Sterbewunsch eines gesunden, alten Mannes debattiert wird (vgl. Kritik in epd 47/20). Er will sich das Leben nehmen und fordert dafür vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte ein tödlich wirkendes Mittel. Seit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Februar zur Sterbehilfe ist die Hilfe bei der Selbsttötung wieder nahezu uneingeschränkt auch für Sterbehilfeorganisationen möglich. Die Karlsruher Richter hatten im Februar das Verbot organisierter Hilfe beim Suizid als mit dem Grundgesetz unvereinbar bezeichnet. Sie urteilten, dass das Selbstbestimmungsrecht auch ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben umfasse.

Nach dem Film konnten die Zuschauer abstimmen, ob dem Mann das Medikament zur Verfügung gestellt werden soll. Nach Angaben der ARD gaben rund 546.000 Zuschauer ihre Stimme online und per Telefon ab. In dieser hohen Beteiligung spiegelte sich nach Ansicht der Programmdirektion "das starke Diskussionsbedürfnis der Menschen über dieses schwierige Thema". Die anschließend von Frank Plasberg moderierte Diskussionsrunde zum Thema bei "Hart aber fair" sahen insgesamt 3,34 Millionen Zuschauer, das entsprach einem Marktanteil von 12,7 Prozent. 70,8 Prozent der Zuschauer stimmten dafür, 29,2 Prozent dagegen, dass der Mann das Medikament erhalten soll. Die Abstimmung war rund fünf Minuten nach dem Film möglich.

Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen, sagte: "Dass so viele Menschen den Film und die anschließende Diskussion bei 'Hart aber fair' verfolgt und sich so zahlreich an der Abstimmung beteiligt haben, zeigt, wie wichtig relevantes, ernsthaftes Fernsehen gerade in heutigen Zeiten ist." Es gebe ein großes Orientierungs- und Gesprächsbedürfnis in der Bevölkerung zu den Themen, die die Menschen bewegen.

"Gott" von Ferdinand von Schirach ist eine Produktion der "Moovie" in Koproduktion mit der ARD Degeto und dem RBB für die ARD. Regie führte Lars Kraume. Der Film ist noch bis einschließlich 23. Dezember in der ARD-Mediathek zu sehen.

In der Diskussion nach dem Film bezeichnete die Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert das Urteil des Bundesverfassungsgerichts als "nachvollziehbar und richtig". Die Alternative, den Protagonisten im Film "in ein Leben zu zwingen, in dem er nicht mehr leben möchte", sei nicht die richtige, sagte sie. Schöne-Seifert gehört dem Beirat der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben an, einer Organisation, die Sterbehilfe befürwortet. Sie forderte die Ärzte auf, ihr Standesrecht zu lockern, um ärztliche Hilfe bei der Selbsttötung möglich zu machen.

Susanne Johna, Mitglied im Vorstand der Bundesärztekammer, verteidigte die Haltung ihrer Organisation, die bisher das Verbot des assistierten Suizids im ärztlichen Standesrecht aufrechterhalten hat. Gleichzeitig betonte sie, dass es in der Ärzteschaft viele Diskussionen darüber gebe.

Der Vorsitzende der Katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, sagte, er nehme das Karlsruher Urteil zur Sterbehilfe hin, aber nicht ohne Kritik: "Dass sich das Bundesverfassungsgericht auf die Seite einer weltanschaulichen Gruppe stellt, ist für mich unerhört", sagte er.

Vor der Ausstrahlung des Films hatten Palliativmediziner, Psychiater und Onkologen in einem offenen Brief den Schriftsteller Ferdinand von Schirach kritisiert. Die handelnden Personen des Films seien ein "Zerrbild", und die dargestellten Fakten entsprächen nicht dem aktuellen wissenschaftlichen Stand, heißt es in dem Brief der 17 leitenden Ärztinnen und Ärzte, der am 21. November in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" veröffentlicht wurde. Gegen Ende des Films gehe es nicht allein um die Frage nach einem Rechtsanspruch auf den assistierten Suizid, sondern um das grundsätzliche Recht auf einen Suizid. Dies werde in der Medizin aber kaum noch infrage gestellt.

Der Schauspieler Ulrich Matthes, der in "Gott" einen katholischen Bischof spielt, sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, er würde Sterbehilfe in Anspruch nehmen, wenn er damit "einen entsetzlichen Leidensprozess abkürzen könnte". Trotzdem sehe er das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Februar auch kritisch, denn es habe "einer 20-Jährigen, die unglücklich verliebt ist, die Möglichkeit gegeben, sich mit Hilfe eines Arztes umzubringen". Das finde er hochproblematisch.

"Werbeschrift für ärztliche Suizidassistenz"

Der frühere Vorsitzende des Ethikrats, Peter Dabrock, zeigte sich von "Gott" enttäuscht. Es sei gut, dass durch das Werk Ferdinand von Schirachs das Thema ärztlicher Suizidhilfe öffentlich wieder diskutiert werde, sagte der Theologe dem epd. Schirach habe sich aber einseitig positioniert und in weiten Teilen eine "Werbeschrift für ärztliche Suizidassistenz" verfasst, kritisierte er. Der Autor habe die Chance verpasst, Grautöne in der Debatte sichtbar zu machen und stattdessen auf Polarisierung gesetzt.

"Die ARD sollte nicht kolportieren, als ob im Stück das Pro und Contra einigermaßen dramaturgisch aufgearbeitet sei", sagte Dabrock. Vielmehr habe der Autor bei der Komposition der Figuren und ihrer Argumente seine Sympathien eindeutig verteilt. In der Dramaturgie lenke er "die gesellschaftliche Debatte in einer komplexen Fragestellung in gewollt unterkomplexe Alternativen" hinein, sagte der Ethikexperte.

Schirach komponiere alles so, dass seine Neigung für den lebensmüden Protagonisten, der von seiner Hausärztin das tödliche Natrium-Pentobarbital erhalten wolle, und dessen leidenschaftlichen Anwalt erkennbar werde, kritisierte Dabrock. Dagegen seien die Gegner der assistierten Suizidbeihilfe wie der Ärztevertreter und der katholische Bischof "inhaltlich schwach und in ihrem Charakter unangenehm gezeichnet." Gegenüber der Kirche scheine Schirach das "Vorurteil zu pflegen, dass theologisch und kirchlich offensichtlich nur an Menschenrechten und Verfassungsrecht vorbei argumentiert werden kann", sagte Dabrock. Die Gebotsethik des katholischen Bischofs, der einen vermeintlich absolut geltenden Lebensschutz vertrete, solle unbarmherzig erscheinen. Der Geistliche spreche nicht die Sprache moderner Menschen und zeige sich "unaufgeklärt"

Der Film verfehle auch die spezifische Beratungsarbeit des Ethikrats, sagte Dabrock, der von 2016 bis 2020 Vorsitzender des Deutschen Ethikrats war. Dort komme es - anderes als bei einer Gerichtsverhandlung - darauf an, Empfehlungen für Entscheidungen aufzuzeigen und nicht am Ende ein Urteil zu fällen. In einer Ethikratssitzung hätte deutlich werden können, dass die Theologie die Selbstbestimmung des Einzelnen ernst nehme und zugleich auf Alternativen eines würdevollen Sterbens "diesseits von ärztlicher Suizidassistenz" verweisen könne.

Aus epd medien 48/20 vom 27. November 2020

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