Empörte Reaktionen auf WDR-Talk-Sendung "Die letzte Instanz"

WDR-Unterhaltungschefin: "Das hätten wir anders machen müssen"
Köln (epd)

Eine Wiederholung der TV-Talk-Sendung "Die letzte Instanz" des WDR hat empörte Reaktionen in den sozialen Netzwerken ausgelöst. Nach der Ausstrahlung am 29. Januar kritisierten Nutzer auf Twitter und Instagram die Sendung als diskriminierend und arrogant, weil sich dort vier weiße Deutsche über Rassismus unterhalten hätten. Am 1. Februar äußerte auch der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma scharfe Kritik. Mehrere Teilnehmer des Talks entschuldigten sich. Auch der WDR räumte ein, dass er Fehler gemacht habe.

In der Unterhaltungs-Talkrunde mit Moderator Steffen Hallaschka, die erstmals am 30. November 2020 im WDR gesendet wurde, hatten die Gäste Micky Beisenherz, Thomas Gottschalk, Janine Kunze und Jürgen Milski über aktuelle gesellschaftliche Themen diskutiert. Unter der Frage "Das Ende der Zigeunersauce: Ist das ein notwendiger Schritt?" war auch rassistischer Sprachgebrauch ein Thema. Während die erste Ausstrahlung ohne größeres öffentliches Echo geblieben war, kritisierten nach dem 29. Januar viele Zuschauer in sozialen Netzwerken den Talk.

In der Sendung hatte Showmaster Thomas Gottschalk vor einer "zwanghaften Sensibilität" und einem "erzwungenen Bewusstsein" gewarnt. Auch Kunze plädierte für mehr Lockerheit in der Diskussion: "Wir thematisieren so viel, wir problematisieren so viel und wir terrorisieren so viel." Der Moderator und Schlagersänger Milski meinte, seine türkischen und arabischen Freunde würden über Diskussionen wie die um das "Zigeunerschnitzel" lachen und sagen: "Ihr macht euch lächerlich!" Beisenherz sagte, er persönliche finde "das Zigeunerschnitzel nicht weiter schlimm", im übrigen sage auch der Zentralrat der Sinti und Roma, es gebe andere Probleme.

Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, kritisierte: "Diese Sendung erweckt den Eindruck, sie wolle mit Antiziganismus und dümmlichen Auftritten Quote machen." Mit Fassungslosigkeit habe er registriert, wie "sich vier Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft anmaßen, darüber zu urteilen, ob eine von der Minderheit als beleidigend abgelehnte Fremdbezeichnung im deutschen Sprachgebrauch ihre Berechtigung habe oder nicht". Die Meinung der Betroffenen sei dabei nicht angehört worden. Es sei überfällig, dass Vertreter der Sinti und Roma in den Rundfunkräten und der Medienaufsicht endlich einen festen Platz erhielten, sagte Rose. So könnten sie der Normalität des Antiziganismus entgegentreten.

Am 30. Januar hatte die afrodeutsche Autorin Jasmina Kuhnke getwittert: "Das hier ist das mit Abstand ignoranteste, arroganteste und diskriminierendste was ich seit langem im deutschen TV gesehen habe! Vier weiße Menschen, die erklären wie anstrengend und albern es ist sich mit Rassismus-Kritik auseinanderzusetzen." Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes erklärte am 31. Januar, "die unsäglichen Äußerungen" in der Sendung zeigten noch einmal, warum es abwegig sei, Rassismus komplett ohne Menschen mit Rassismuserfahrung zu diskutieren: "Viele hätten gehofft, nach den Debatten des letzten Jahres weiter zu sein, nicht nur in der Zusammensetzung der Runde."

Der WDR entschuldigte sich am 30. Januar mit Bezug auf den Tweet Kuhnkes auf Twitter: "Bei so einem sensiblen Thema hätten unbedingt auch Menschen mitdiskutieren sollen, die andere Perspektiven mitbringen und/oder direkt betroffen sind." In einem Interview auf der Homepage des Senders zeigte WDR-Unterhaltungschefin Karin Kuhn am 1. Februar Verständnis für die Kritik. Die Ausgabe des Talks sei misslungen: "Das hätten wir anders und besser machen können und müssen."

"Arroganz und Hybris"

Auch Teilnehmer äußerten sich reumütig. So erklärte Schauspielerin Kunze auf Instagram: "Ich werde zukünftig meine Wortwahl überdenken, denn es war falsch, dass ich mir angemaßt habe, als privilegierte weiße Frau über ein Thema zu sprechen, welches ich in seiner Konsequenz und in seinen Ausmaßen nicht beurteilen kann!"

Comedy-Autor Micky Beisenherz schrieb am 1. Februar auf Twitter: "Eine Sendung, in der vier Kartoffeln sitzen und mittels Karten über Rassismus abstimmen, hat ein Problem." Seine Rolle in der Show sei "keine gute" gewesen. "Ich habe die Kritik aufmerksam gelesen und finde sie auch berechtigt. Ganz klar mein Fehler. Sorry." In seinem Podcast "Apokalypse und Filterkaffee" sprach er im Zusammenhang mit der Sendung von "Arroganz und Hybris".

Auch Moderator Steffen Hallaschka entschuldigte sich öffentlich: "Ich muss schmerzlich erkennen, wie viele Menschen unseren Talk 'Die letzte Instanz' als massiv verletzend und rassistisch diskriminierend erlebt haben", schrieb er am 1. Februar auf Facebook: "Das bestürzt mich, weil ich Rassismus abrundtief verachte." Es treffe ihn hart, "mit einer Debatte über rassistischen Sprachgebrauch nun im Zentrum von Rassismusvorwürfen zu stehen". Er habe als Moderator "an vielen Stellen interveniert, wo Sprachgebrauch als diskriminierend empfunden werden kann. Mein Einschreiten war aber nicht immer entschlossen genug." Den Verlauf der Diskussion hätte er sich anders gewünscht, schrieb er. Trotzdem habe er bei keinem seiner Talkgäste eine offen beleidigende Absicht erkennen können.

Hallaschka bat darum, in der Debatte "auf das menschenverachtende Niveau" zu verzichten, das an vielen Stellen aufgeflammt sei: "Wenn meine Gäste als 'Schrottmenschen' verunglimpft oder sexistisch beleidigt werden, untergräbt das leider jedes berechtigte Anliegen." Zum Format schrieb er: "Bei uns kommen Prominente zusammen, die bereit sind, auf Basis ihrer persönlichen Erfahrungen zu debattieren. Wie eine Runde von Freunden, die sich in einer Kneipe trifft. Da steht Tiefsinniges neben Unsinnigem, alles ohne vorherige Absprachen. Das soll den Zuschauer auf unterhaltsame Weise zum Nachdenken über die Themen anregen."

Die Diskussion über rassistischen Sprachgebrauch dauerte in der Sendung vom 29. November, in der drei weitere Themen diskutiert wurden, gut 16 Minuten. In der WDR-Mediathek ist die Sendung weiter abrufbar - "alleine aus Transparenzgründen", wie Unterhaltungschefin Kuhn sagte. Die Sendung wurde mit einem Text versehen, der sie einordnet.

Die Sendung "Die letzte Instanz" wird von Frank Plasbergs Firma "Ansager und Schnipselmann" produziert. Die Talkreihe mit Steffen Hallaschka startete im November 2019 (Kritik in epd 48/19). Bisher gab es acht Ausgaben der als "Meinungstalk" angekündigten Sendung mit wechselnden Gästen.

Aus epd medien 5/21 vom 5. Februar 2021

koe/dir