Debatte um WDR3: Baum warnt vor "Weichspülen" des Auftrags

"Kultursender nicht den Prinzipien der Marktforschung unterwerfen"
Köln (epd)

In der Debatte um die Kulturwelle WDR3 hat der ehemalige Innenminister Gerhart Baum (FDP) vor einem "Weichspülen" des Kulturauftrags der öffentlich-rechtlichen Sender gewarnt. Beim WDR sei von einem "neuen, erweiterten, emphatischen Kulturbegriff" die Rede, sagte Baum dem epd: "Es wird versucht, Hörer zu binden, indem man die Qualität senkt. Das ist hochgefährlich."

Kern einer Kulturwelle seien die Fachredakteure und die Moderatoren, die etwas von dem Thema verstehen und ein "kulturelles Ethos verkörpern", sagte Baum: "Man kann einen Kultursender nicht den Prinzipien der Marktforschung unterwerfen." Die Kulturszene sei irritiert. "Es wird nicht mehr gefragt: Was ist wichtig? Sondern: Was wollen die Hörer gerne hören? Die unruhigen Zeiten fordern mehr Orientierung und stärkere Vermittlung von Meinungs- und Urteilsfähigkeit. Kultur leistet dazu einen unverzichtbaren Beitrag."

Gerade in der derzeitigen Debatte um den Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender müssten die Ansprüche eher erhöht werden, sagte der 88-Jährige, der auch Vorsitzender des Kulturrats Nordrhein-Westfalen ist: "Kultur muss herausfordern. Kultur hat mich ein Leben lang verstört, aber auch angeregt und bereichert. Die Kulturwellen sollten im Anspruch vergleichbar sein mit dem Feuilleton der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung' und der 'Süddeutschen Zeitung'."

Der FDP-Politiker warnte auch davor, Radiowellen ins Internet zu verlegen und nicht mehr über UKW oder DABplus auszustrahlen. Es gebe viele Menschen, "die einsam sind, die können Sie nicht auf das Digitale verweisen". Das gelte nicht nur für ältere Menschen, auch unter jungen Menschen beobachte er einen "Überdruss am Digitalen". Das Internet sei eine "Verflachungsmaschine". Qualität gehöre deshalb auch in die Online-Angebote der Öffentlich-Rechtlichen.

Angesichts der politischen Diskussionen um den Rundfunkbeitrag und den Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender sagte Baum, es sei wichtig, die "Kernaufträge Information, Bildung und Kultur" zu stärken. Sehr wichtig sei auch die regionale Berichterstattung. "Wir müssen uns besinnen: Warum haben wir die Öffentlich-Rechtlichen? Was machen sie, was andere nicht machen?"

Die Aufsichtsgremien müssten in der Debatte um den Auftrag von ARD und ZDF "eine entscheidende Rolle spielen", forderte Baum, der auch stellvertretendes Mitglied im WDR-Rundfunkrat ist. Die ARD habe gerade ihre Berichte und die Leitlinien für die Jahre 2021 und 2022 vorgelegt. Es sei wichtig, diese Leitlinien weiterzuentwickeln. Dieser Prozess beginne gerade im WDR-Rundfunkrat. Die Sender leisteten auch gute Arbeit, aber die Öffentlichkeit erwarte in der Strukturdebatte Antworten.

Baum warnte, der Rundfunkbeitrag werde in der Zukunft nicht mehr so steigen wie in der Vergangenheit. Dass der Landtag in Sachsen-Anhalt der Beitragserhöhung nicht zugestimmt habe, sei ein Signal: "Wer annimmt, dass nach dem Gebührendesaster ein 'Weiter so' möglich ist, der erliegt einer gefährlichen Fehleinschätzung." Auch für ihn stehe fest: "Ich zahle ungern Beiträge für meine Unterforderung."

Der WDR strukturiert derzeit seine Kulturwelle WDR3 und auch das Hörfunkprogramm WDR5 um. Unter anderem soll die Literaturberichterstattung verändert werden, aber auch im Musikprogramm von WDR3 gibt es Änderungen (epd 9, 4, 1/21, 40, 43/20). Der Landesverband Nordrhein-Westfalen des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) hat die Senderspitze aufgefordert, Programm-Umstrukturierungen gemeinsam mit den Kulturjournalisten des WDR vorzunehmen.

Aus epd medien 10/21 vom 12. März 2021

dir