Corona-Krise: TV-Nachrichten verzeichnen hohe Einschaltquoten

Sender bauen Programm um - Zahlreiche Angebote für Schulkinder
Frankfurt a.M. (epd)

Das große Informationsbedürfnis der Menschen in der Corona-Krise äußert sich in hohen Einschaltquoten bei den TV-Nachrichten. Die "Tagesschau" um 20 Uhr verzeichnete am 15. März mit 17,41 Millionen Zuschauern, davon allein 9,89 Millionen im Ersten, die mit Abstand höchste Reichweite des Jahres, wie die ARD am 16. März in München mitteilte. Der Marktanteil beim Gesamtpublikum lag bei 46,9 Prozent, im Ersten bei 26,7 Prozent. Die "Heute"-Sendung um 19 Uhr im ZDF schalteten nach Senderangaben 5,88 Millionen Zuschauer ein (Marktanteil: 19,8 Prozent). "RTL Aktuell" verfolgten um 18.45 Uhr 4,54 Millionen Menschen.

Auch die späten Nachrichtensendungen waren beliebt: Das "Heute Journal" fand am 15. März 5,59 Millionen Zuschauer (17,9 Prozent Marktanteil), die "Tagesthemen" in der ARD schalteten 4,92 Millionen Menschen ein (24,9 Prozent Marktanteil). Die Talkrunde "Anne Will" mit dem Thema "Die Coronakrise - wie drastisch müssen die Maßnahmen werden?" erreichte mit 6,09 Millionen Zuschauern (22,0 Prozent Marktanteil) einen Jahresbestwert.

Nach Angaben der ARD-Medienforschung ist die gesamte Fernsehnutzungszeit in Deutschland im bisherigen Jahresverlauf nicht angestiegen. Die tägliche Sehdauer der Menschen ab 14 Jahren lag demnach wie in den ersten Wochen des Vorjahres bei etwas mehr als 230 Minuten.

Die Fernsehsender richten ihr Programm stark auf die Corona-Krise aus. Die ARD zeigt in den nächsten Wochen eine tägliche Sondersendung zur Coronakrise. Angesichts des großen Informationsbedürfnisses der Zuschauer werde es im Anschluss an die "Tagesschau" ein "ARD Extra" geben, sagte Programmdirektor Volker Herres am 17. März bei einer digitalen Pressekonferenz. Dabei sollten "sehr präsent, unaufgeregt und sachlich" vertiefende Hintergründe, Reportagen und Gespräche zur Corona-Pandemie und ihren Auswirkungen angeboten werden. Für die Sendung übernimmt jede Woche eine andere große ARD-Anstalt die Federführung.

Die ARD-Intendanten vereinbarten zudem Maßnahmen, um eine Berichterstattung in Hörfunk und Fernsehen auch bei einer stärkeren Ausbreitung des Virus aufrechtzuerhalten. Wie der ARD-Vorsitzende Tom Buhrow sagte, könnten die Dritten Programme stärker kooperieren, wenn es zu personellen Engpässen kommen sollte, und unter Umständen Programme austauschen. Auch Hörfunkwellen könnten ihre Programme mit Inhalten anderer Sender auffüllen, wenn dies erforderlich sei.

Herres sagte, bislang müsse das Erste keine journalistischen Regelformate aus dem Programm nehmen. Ein Überblick über alles, was die Landesrundfunkanstalten im Hinblick auf Corona unternehmen, findet sich seit Dienstag online auf der Webseite https://1.ARD.de/rundumcorona.

Die ARD-Rundfunkanstalten machen viele Wissenssendungen für Kinder verfügbar, die angesichts geschlossener Schulen zu Hause lernen müssen. So zeigt der WDR seit dem 18. März täglich "Die Sendung mit der Maus". Auf der Internetplattform "Planet Schule" liefern WDR und SWR Hintergrundinformationen zu lehrplanrelevanten Themen. Das ZDF bündelt in einem "virtuellen Klassenzimmer" Sendungen und Videos aus dem Kinderprogramm von ZDFtivi und Kika.

Angebote in anderen Sprachen

Der WDR und das öffentlich-rechtliche Online-Jugendangebot Funk bauen ihr Social-Media-Angebot für das junge Publikum aus. Ab sofort gebe es von Montag bis Freitag gegen 12 Uhr einen Social-Media-Livestream aus dem WDR-Newsroom mit einem Update zu Corona, teilte der WDR am 17. März in Köln mit. Um insbesondere die Fragen des jüngeren Publikums zu beantworten, kooperieren das Funk-Format "Reporter" und die WDR-Welle 1LIVE. Das Angebot "#InZeitenvonCorona - Dein Update" kann auf den Youtube- und Facebook-Kanälen von "Reporter" und 1Live sowie in der WDR-App und auf "funk.net" abgerufen werden.

Das interkulturelle Radioprogramm WDR Cosmo bietet seit dem 18. März täglich um 17 Uhr ein neues Newsformat in Gebärdensprache an. Damit soll auch gehörlosen Menschen Zugang zu den wichtigsten Informationen rund um die Corona-Pandemie gewährt werden. Presenterin der Corona-News in Gebärdensprache ist die gehörlose Moderatorin Iris Meinhardt, die aus der Funk-Sendung "Hand Drauf" bekannt ist. Die aktuellen News werden durch Untertitel ergänzt. Cosmo verbreitet das neue Format täglich auf cosmoradio.de sowie den Social-Media-Kanälen der WDR-Welle. Bereits zuvor bot Cosmo nach eigenen Angaben über das deutschsprachige Programm hinaus tägliche Informationen in sechs und wöchentliche Informationen in neun verschiedenen Sprachen an.

Das Nachrichtenangebot BR24 und der Radiosender Bayern 2 informieren über die Corona-Krise in Bayern jetzt auch in mehreren Sprachen. Wichtige Nachrichten und Alltagstipps gebe es digital auf Englisch, Türkisch, Italienisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch und Arabisch, teilte der BR am 17. März mit. Das Angebot richte sich an Menschen in Bayern, die sich in ihrer Muttersprache leichter und differenzierter informieren. Diese erhielten so alle notwendigen Informationen über ihre Heimatregion Bayern. Die Nachrichten-Ticker könnten User unter www.br24.de aufrufen.

Das NDR Fernsehen bietet seinen Zuschauern neben den regulären "NDR Info"-Sendungen um 14 Uhr, 16 Uhr und 21.45 Uhr je nach Lage aktuelle "NDR Info extra"-Ausgaben. Zudem produziert der NDR im Wechsel mit anderen Sendern die "ARD extra"-Sondersendungen nach der "Tagesschau" um 20.15 Uhr im Ersten. Um die Informationsangebote weiter ausbauen zu können, bündele das NDR Fernsehen seine Kräfte, teilte der Sender mit. Das führe dazu, dass Sendungen wie die "Weltbilder" und "Mein Nachmittag" kurzfristig entfallen.

Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova kämen "weiterhin ihrem Informationsauftrag umfassend und insbesondere mit Blick auf die aktuelle Krisenlage nach", sagte ein Sprecher der Sendeanstalt am 17. März dem epd. Es gehe um den "Zugang zu relevanten, zuverlässigen und unaufgeregt vorgetragenen Informationen". Aktuell geprüft werde eine entsprechende Umstellung der Programme, um dem großen Informationsbedürfnis nachkommen zu können. "Gleichzeitig bemühen wir uns darum, Musik- und Kulturveranstaltungen, die ohne Publikum stattfinden müssen, gut im Programm abzubilden", betonte der Sprecher.

RTL sagt Live-Event zur Kruezigung ab

Der Privatsender RTL sagte am 18. März seine für den 8. April geplante TV-Event-Inszenierung zur Kreuzigung Jesu ab. Aufgrund der aktuellen Situation und der fehlenden Planbarkeit kommender Ereigenisse könne das Event nicht stattfinden, teilte Projektleiter Gunnar Evang unter Hinweis auf die zuständige RTL-Redaktion in Köln mit. Die Passionsgeschichte sollte ursprünglich auf dem Essener Burgplatz gegenüber dem Dom in Szene gesetzt werden. An der Hauptbühne hatte RTL mit rund 4.500 Besuchern gerechnet.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Selbsthilfe verwies darauf, dass Informationen und Pressekonferenzen zur Entwicklung des Coronavirus auch barrierefrei verfügbar sein sollten. "Der fehlende Zugang zu gesundheitlichen Notfallinformationen verunsichert behinderte Menschen massiv", erklärte der Bundesgeschäftsführer der Dachorganisation, Martin Danner, am 16. März in Düsseldorf.

Gemeinsam mit dem Deutschen Behindertenrat kritisierte die BAG Selbsthilfe das Fehlen von Informationen in leichter Sprache, von Gebärdensprache, Untertiteln bei Videos und barrierefreien Internetangeboten. Dadurch seien Menschen mit Behinderung von der Informationskette abgeschnitten, erklärte Danner. Nach dem Behindertengleichstellungsgesetz dürften Bundesbehörden Menschen mit Behinderung aber nicht benachteiligen oder diskriminieren. Zudem verwiesen die Organisationen auf die UN-Behindertenrechtskonvention, nach der Staaten Informationen für die Allgemeinheit auch in barrierefreien Formaten bereitstellen müssen.

Aus epd medien 12/20 vom 20. März 2020

rid/tz/lwd/rks