ARD will Mediathek zum Streamingdienst machen

Hager wird Vize-Programmdirektor - "Weltspiegel" behält Sendeplatz
München (epd)

Die ARD will künftig exklusiv Formate für die ARD-Mediathek produzieren. Das kündigten der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm und ARD-Programmdirektor Volker Herres am 27. November nach der Hauptversammlung der ARD-Intendanten und Gremienvorsitzenden in München an. Channel Manager der Mediathek und stellvertretender ARD-Programmdirektor soll zum 1. Januar Florian Hager werden, der derzeit Geschäftsführer von Funk, dem jungen Content-Netzwerk von ARD und ZDF ist. Wilhelm sagte, Qualitätsmedien müssten noch kompetenter in der digitalen Medienlandschaft werden.

Die Mediathek zeige bislang vor allem Inhalte, die zuvor im Ersten gelaufen sind, erläuterte Herres. Für die digitale Zukunft sei es aber viel zu wenig, nur eine Plattform zu bieten, auf der man im Fernsehen verpasste Sendungen nachschauen könne. Die Mediathek solle vielmehr zu einem eigenen Streamingdienst werden. Bisher lag die Verantwortung für die Mediathek bei der beim SWR in Mainz angesiedelten Onlineredaktion der ARD.

Hager bleibt nach Angaben der ARD nach seinem Wechsel zur Programmdirektion zunächst noch Programmgeschäfstführer von Funk, bis dort ein Nachfolger gefunden ist. Hager ist seit dem Start von Funk, 2015, Programmgeschäftsführer des Netzwerk-Angebots. Davor war er stellvertretender Programmdirektor von Arte und Hauptabteilungsleiter für die Programmplanung im Fernsehen und Internet.

Die Mediennutzung fächere sich durch unterschiedliche Plattformen immer weiter auf, der Anspruch in der Bevölkerung an Qualität und Breite in der Berichterstattung bleibe aber hoch, sagte Wilhelm, der auch Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR) ist. Während seiner zweijährigen Amtszeit, die am 31. Dezember turnusmäßig zu Ende geht, habe er grundsätzlich das Thema Digitalisierung angehen wollen, sagt er. So brauche es nicht unzählige Angebote, sondern eine Konzentration - im Fall der ARD seien dies die "Big Five" Mediathek, Audiothek, Kika, "sportschau.de" und "tagesschau.de".

Wilhelm warb erneut für eine europäische digitale Plattform, um nicht von Internetkonzernen in den USA oder China abhängig zu sein. "Bisher hängen wir in allen Aspekten hinterher", sagte er. Europa habe zwar gute Angebote, für die aber nur die technische Infrastruktur aus China oder den USA, etwa Browser oder Social Media-Plattformen, genutzt werden könne

Herres nannte Wilhelm einen "Future Fighter", der mit seinem Umsteuerungsprozess einen Schritt in die richtige Richtung gemacht habe. Man befinde sich zwar in einem Umbruch der digitalen Mediennutzung, dennoch seien die Zeiten des linearen Fernsehens nicht vorbei, zeigte sich Herres überzeugt. Aber man müsse mediale und journalistische Inhalte von Anfang an crossmedial denken.

Einbußen beim Programm

Zur möglichen Erhöhung des monatlichen Rundfunkbeitrags um 86 Cent auf 18,36 Euro sagte Wilhelm, die ARD werde auch in Zukunft einen "deutlichen Sparkurs" fahren. Es werde dabei auch zu Einbußen bei Qualität und Volumen der Programme kommen. Mitte November war bekanntgeworden, dass die KEF eine Erhöhung des monatlichen Rundfunkbeitrags um 86 Cent auf 18,36 Euro vorschlägt (epd 47/19). Doch schon jetzt liegt der Aufwand der Sender nach Angaben von ARD und ZDF deutlich über dem aktuell gültigen Rundfunkbeitrag von 17,50 Euro.

Wilhelm sagte, er gehe davon aus, dass die endgültige Erhöhung unter der Inflationsrate bleiben werde, zudem müssten die Sender den digitalen Wandel bewältigen und ein gutes Gesamtprogramm präsentieren. Der wirtschaftliche Druck bleibe also bestehen. Details zu möglichen Programmeinschnitten wollte Wilhelm mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht nennen. Ihre endgültige Empfehlung gibt die KEF im Februar 2020 ab.

ARD, ZDF und Deutschlandradio hatten im Frühjahr nach Informationen des epd einen Mehrbedarf gemeldet, demzufolge der Rundfunkbeitrag ab 2021 auf 19,20 Euro steigen müsste (epd 27/19). Das Sachverständigengremium KEF prüft die Anmeldungen und kann sie auch kürzen. Über die Höhe des Beitrags für die folgenden vier Jahre entscheiden dann auf Basis der KEF-Empfehlung die Ministerpräsidenten, die Parlamente aller 16 Bundesländer müssen anschließend zustimmen.

Neues Programmschema am Sonntag

Programmdirektor Volker Herres sagte, das Auslandsmagazin "Weltspiegel" bleibe auch nach der Einstellung der "Lindenstraße" im kommenden Frühjahr auf seinem Sendeplatz am Sonntagabend um 19.20 Uhr. Ab April 2020 soll es auch am Sonntag um 17 Uhr eine Ausgabe des Boulevardmagazin "Brisant" geben. Die Reportagereihe "Echtes Leben" behält ihren Sendeplatz um 17.30 Uhr. Um 18 Uhr werde eine kurze "Tagesschau"-Ausgabe gesendet, sagte Herres. Anschließend werde der um fünf Minuten verlängerte "Bericht aus Berlin" gezeigt. Von 18.30 Uhr bis 19.20 Uhr soll künftig die "Sportschau" zu sehen sein.

ARD-intern war zunächst diskutiert worden, den "Weltspiegel" auf 18.30 Uhr vorzuverlegen und die "Sportschau" auf dem bisherigen "Weltspiegel"-Sendeplatz zu zeigen. Dagegen hatten unter anderen die Auslandskorrespondenten des Senderverbundes und namhafte Journalisten protestiert (epd 37, 38/19). Nun wird die "Sportschau" am Sonntagabend eine halbe Stunde später als bislang gesendet und erhält 50 statt bisher 30 Minuten Sendezeit.

Am 1. Januar 2020 übernimmt der WDR den ARD-Vorsitz. WDR-Intendant Tom Buhrow wird damit nächster ARD-Vorsitzender. Sprecherinnen des Senderverbunds werden dann Svenja Siegert und Sabine Krebs, das neue ARD-Kommunikationsteam in Köln wird von Birand Bingül geleitet.

Krebs (49) war zuletzt stellvertretende Sprecherin beim BR und wechselt zum WDR. Zuvor arbeitete sie für den MDR, den NDR und das ZDF. Siegert (37) war zehn Jahre lang als Medienjournalistin für das Fachmagazin "Journalist" des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) tätig. Zum WDR wechselte sie 2017, zunächst in die Kommunikationseinheit zum Rundfunkbeitrag, anschließend in die externe und interne Unternehmenskommunikation des WDR.

Bingül (45) war von 2010 bis 2014 stellvertretender Unternehmenssprecher beim WDR. Nach einer zweijährigen Elternzeit kehrte er zum WDR zurück. Im September 2018 übernahm er die Büroleitung des Intendanten sowie die stellvertretende Leitung der Hauptabteilung Intendanz.

Aus epd medien 48/19 vom 29. November 2019

lbm/dsp/dir