Zentraler Mittler

Zum Tod von Dietrich Schwarzkopf

"Feinsinniger Lenker"
epd Der frühere ARD-Programmdirektor Dietrich Schwarzkopf ist am 21. Januar im Alter von 92 Jahren gestorben. Der jetzige Amtsinhaber Volker Herres würdigte ihn als "feinsinnigen Lenker und Fürsprecher" (vgl. Meldung in dieser Ausgabe). Schwarzkopf war von 1978 bis 1992 ARD-Programmdirektor und moderierte die Zusammenarbeit im Senderverbund. Uwe Kammann würdigt den Rundfunkdiplomaten.

Manche Journalisten rieben sich die Augen, wenn sie das erste Mal vom ARD-Programmdirektor zu einem sommerlichen Empfang mit privater Adresse geladen waren. Denn hier, in Starnberg, langweilte nicht das mit 60er-Jahre-Charme gesegnete Büro im Münchener Turm an der Arnulfstraße, sondern hier beeindruckte eine barockisierende Villa mit erlesenem Antikmobiliar und weitem Blick auf den See. Das also war die Residenz des Königs Ohneland, wie oft spöttisch (oder realistisch?) der Inhaber eines Amtes tituliert wurde, der über keinerlei direkten Machtzugriff im föderalen Gesamtkunstwerk verfügt: ein Gebilde namens Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland, dessen Kürzel ARD innen und außen gern mit dem Kalauersatz Alle Reden Durcheinander übersetzt wird.

Dietrich Schwarzkopf, der immerhin 14 Jahre, von 1978 bis 1992, das Herzstück dieses fein ziselierten Machtgefüges ausfüllte, hatte kein Problem damit, die Grundbefindlichkeit dieser Nachkriegskonstruktion anzuerkennen, die jeglichem zentralen Herrschaftsanspruch entgegenstehen sollte. Den Kalauerwilligen drehte er eine historisch gebildete Nase, verglich die ARD mit dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, bestehend aus "vielen kleinen und einigen großen Teilen, die alle sehr unabhängig waren". Aber verpflichtet, einer gemeinsamen "Veranstaltung zuliefern" zu müssen, nämlich der Reichsarmee, mit unterschiedlichen Kontingenten.

Die Armee ist in diesem Vergleich das Fernsehgemeinschaftsprogramm (das in Schwarzkopfs Zeit in Erstes Deutsches Fernsehen umbenannt wurde). Die Zulieferer sind die Sender, von Zwergen- bis Riesenwuchs, denen ohne Gram konzediert wird, "große Bereiche an völlig unbeeinträchtigter und legitimer Selbstständigkeit" zu besitzen, verkörpert nicht zuletzt in regionalen TV- und Radioprogrammen. Die Selbstdefinition der Aufgaben des Programmdirektors hat danach einen zentralen Kern: bei allem Respekt vor der Souveränität der Anstalten den notwendigen "Gemeinschaftssinn zu wecken, zu fördern und zu pflegen".

Das klingt einfach, ist aber in der Praxis kompliziert: Fürstentümer sind Fürstentümer. Wie unterschiedlich Konstellationen und Interpretationen der Aufgabe ausfallen können, zeigt schon das personelle Wechselspiel. Als Dietrich Schwarzkopf vom Amt des Fernsehdirektors und Stellvertretenden Intendanten des NDR von Hamburg nach München zog, maßen ihn viele an seinem Vorgänger, dem so lichten und sprachverzaubernden Hans Abich, der in Programmfragen immer wieder neue Argumentationsgirlanden flocht, die außen Bewunderung und Begeisterung weckten, im Inneren aber eher beargwöhnt wurden.

Diplomatisches Hochvermögen

Nach Schwarzkopf dann, als die Systemkonkurrenz mit den Privaten im vollen Gange war, interpretierte und praktizierte Günter Struve das Amt mit großer Lust als jederzeit kampfbereiter Raufbold. Dessen auf schnelle Entscheidungen drängende Schneidigkeit in der Kette der Programmkonferenzen und Kommissionssitzungen, so resümierte Schwarzkopf es selbst, sei nicht seine Sache gewesen. Stattdessen: geduldiges Zuhören und Aufnehmen der oft sehr widersprüchlichen Positionen (in der Regel auf Direktoren- und Intendantenebene), um dann - nach absehbar eintretender Erschöpfung und Müdigkeit im Sesselkreis - den längst vorgeplanten eigenen Weg zu präsentieren. Diplomatisches Hochvermögen, klar, wurde ihm deshalb oft als eine Haupteigenschaft bescheinigt.

Dass zur inneren Geschäftsgrundlage eine analytische Sach- und Verfahrenskompetenz gehörte, beruhte wiederum auf einer zunächst paradox erscheinenden Entscheidung des jungen Schwarzkopf: nämlich Jura zu studieren, ohne Jurist werden zu wollen - eben, um ein nützliches Handlungs- und Entscheidungsinstrumentarium zu erwerben. Dieser zielstrebig beschrittene Nebenweg gehört zu einem Phänomen, das man auf den ersten und zweiten Blick nicht mit diesem von der Statur her so stattlich-mächtigen Mann verbindet: Dass nämlich sein Lebens- und Berufsweg oft von dem beeinflusst wurde, was sich als Fügung begreifen lässt.

Gleich am Anfang der glückliche Zufall der Geburt in einem wohlhabenden Haus. Aufgewachsen ist Schwarzkopf in Potsdam, noch im frühen 20. Jahrhundert als Herz eines preußischen Arkadiens wahrgenommen. Ein Lebensgefühl, das prägte. Und das Schwarzkopf nach Stationen in den USA, Berlin, Bonn und Hamburg auch nach Bayern mitnahm: "Ich bin nach wie vor auch ganz deutlich Preuße." Ein Bekenntnis, das mit erklärt, warum sein Auftreten und seine Sprache eher Nüchternheit ausströmten und atmeten.

Dann eine weitere Fügung: Seine Mutter träumte ihm seinen ersten Beruf vor, nämlich Archivar zu werden. Schlicht, weil die Angestellten des Reichsarchivs in Potsdam gerne mit ihr Tennis spielten - eine in ihren Augen verlockende Perspektive für den Sohn, dessen leiblicher Vater schon drei Monate nach der Geburt gestorben war. Sein Stiefvater, Oberstudiendirektor, vermittelte dann ebenso preußische Traditionen und Denkweisen wie der Großvater, der Geschichtswissen bewusst als Alternativen offerierte, zwischen konservativ und linksliberal. Der Enkel entschied sich für die konservative Sicht. Und behielt sie.

Vorm Soldatischen bewahrte ihn bei diversen Musterungen sein "nervöses Herz". Keine Simulation wie beim Romanhelden Felix Krull, sondern die physische Folge der Vorstellung, "wie entsetzlich es wäre, mit so vielen Leuten in einem Raum schlafen zu müssen".

Ungeheure Welterfahrung

Die erste journalistische Station dann wieder auf einem kleinen Umweg, nach einer tatsächlichen Anstellung noch vor Kriegsende, im Preußischen Geheimen Staatsarchiv, mit der Aufgabe, den Katalog einer Theaterzensurbibliothek zu erstellen. Als sich nach dem Krieg die Gelegenheit bot, statt des Aufklebens von Zeitungsartikeln auch selbst welche zu schreiben, beim neu gegründeten "Tagesspiegel" in Berlin, zögerte er nicht und lebte als Werksstudent im Arbeitsdreieck Juristerei, Archivar und Redakteur.

Ein Stipendium bescherte ihm ein Studienjahr in den USA und - über die Fächer Zeitungs- und Politikwissenschaft - eine so empfundene "ungeheure Welterfahrung" plus fundamentale Einsichten in den klassischen angelsächsischen Journalismus mit der strikten Trennung von Fakten und Meinung, von Nachricht und Kommentar. Als langjähriger Vorsitzender des Trägervereins der Deutschen Journalistenschule konnte er auf praktisch-theoretischer Basis für solche Ideale fechten: ein Engagement mit hohem professionellen Eigen- und Fremdnutzen. Wie auch seine Wendung zum Katholizismus seine Aufgaben als Koordinator für kirchliche Sendungen sicher beflügelte. Kuratoriumsmitglied im Grimme-Institut, Senator in der Max-Planck-Gesellschaft: Schwarzkopfs Rat zählte.

Beim "Tagesspiegel" der nächste Zufall. Dessen Chefredakteur starb früh, Schwarzkopf verantwortete gleichsam von heute auf morgen als 27-Jähriger mit einem ebenso jungen Kollegen die Richtung des Blattes. Der nachrückende Chefredakteur schickte ihn dann, die nächste schöne Chance, 1955 nach Bonn. Hier erlebte der immer noch junge Journalist die "große Zeit Adenauers", wie er es immer sah, und dies auch im innersten Austauschzirkel des "Teekreises", zu dem der Kanzler die konservativ gefärbten Journalisten einlud - die älteren, so die Erinnerung des Neulings, alle mit einer früheren Funktion in der Nazizeit.

Konservativer mit Spielräumen

Ihnen eine Rechnung aufzumachen, dazu sah er keinen Anlass, sie seien ja auch keine Vorbilder gewesen, sondern "erfahrene Kollegen", mit denen er sieben Jahre die Dominanz des "Alten" erlebte. Um dann Leiter des Bonner Büros des Deutschlandfunks zu werden, keine ganz neue mediale Dimension - als Zeitungskorrespondent arbeitete er schon frei für WDR und NDR -, aber natürlich ein bedeutender Sprung. Dem dann nach vier Jahren, 1966, der nächste folgte. Mit der Berufung zum Fernsehdirektor des NDR, ohne praktische Fernseherfahrung, bis auf das Sprechen von Kommentaren. Sogar als Premiere, noch vor Friedrich Nowottny. Dass herkömmliche Politik-Farbmuster im Spiel waren: keine Frage.

Auch hier dann wieder, wie schon in der ersten Bonner Zeit, später dann in München, die Eigenschaft des Abwägens, des Ausgleichs, des Vermittelns, des Zulassens auch dessen, was gegen die eigene Grundierung sprach. So verteidigte er das damals vehement umstrittene Magazin "Panorama" gegen Attacken von Unionspolitikern, auch in den Gremien, wenn die Macher ihn bei der Abnahme von korrekter Recherche überzeugen konnten. Ausgewogenheit - damals für engagierte Journalisten eher ein Schimpfwort, auch noch in seiner Zeit als ARD-Programmdirektor - forderte er aber ein. Nicht für jede einzelne Sendung, wohl aber für das Gesamtprogramm.

Kein Eiferer also, Nein, vielmehr ein Konservativer mit Spielräumen. Was sich auch in vielen Veröffentlichungen nachlesen lässt: so zur Rundfunkgeschichte (seine Passion, gelebt als Buchautor eines Standardwerks, auch als Vorsitzender der Historischen Kommission der ARD), zur Programmatik des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, sei es zur Interpretation der jeweils aktuellen Entwicklungen in der Medienpolitik (die er in der Regel pfleglich-nachsichtig betrachtet und bewertet hat, wohl wissend um deren Konditionen und Grenzen).

Und der Kern seines Amtstitels: das Programm? Nun, in seine Zeit fallen Großserien wie die "Buddenbrooks" oder "Berlin Alexanderplatz", auch "Das Boot", Glanzlichter wie "Kir Royal", "Sommer in Lesmona", "Heimat", "Rote Erde" und "Väter und Söhne", spätere Dauerbrenner wie die "Lindenstraße".

Leiser Sarkasmus

Wie weit Schwarzkopf dabei Antreiber oder Zauderer war? Schwer zu sagen. Damals gab es starke Redaktionen und Hausdirektionen, wie beim schwergewichtigen WDR. Systemische Abwehrhaltungen waren kaum zu durchbrechen, so, als die Serie "Holocaust" keinen Platz im Ersten bekam. Bei programmprägenden journalistischen Entscheidungen war wiederum gegen den ARD-Chefredakteur nichts auszurichten. So, als Martin Schulze auf dem Höhepunkt der DDR-Wende die epochale Großdemonstration auf dem Alexanderplatz nicht spontan ins Tagesprogramm aufnahm.

Auf Pressekonferenzen reagierte der ARD-Direktor auf kritische Fragen zu den Kernpunkten des Programms oft ziemlich schmallippig, auch mit leisem Sarkasmus oder leicht beleidigt wirkender Ironie - weil die Journalisten partout den Spagat nicht verstehen wollten, den ein System tagtäglich vorturnen müsse, um über elitären Qualitätsansprüchen nicht das große Publikum zu verlieren.

Auch die US-Serieneinkäufe "Dallas" und "Miami Vice" - damals hochglanzattraktiv, aber nicht unumstritten - gehörten zu seinem Portfolio. Das sich 1983 in unerwartetem Maße anfüllte, mit einem Coup, der auch dem ZDF schwer zu schaffen machte: Die ARD bootete den Filmhandelsmonopolisten Leo Kirch aus, indem sie mit dem amerikanischen Großkonzern MGM einen direkten Output-Deal für 80 Millionen Dollar schloss. Was Kirch mit wütenden juristischen Attacken zu vereiteln suchte. Mit nachträglichem Vergnügen erzählte Schwarzkopf, Teil der kleinen ARD-Verhandlungsdelegation in Los Angeles, von der im Bademantel entgegengenommen Klageschrift. Das Drohpotenzial: 140 Millionen. Kirch verlor das Spiel. Und die ARD, später auch das ZDF, gewannen an Einkaufssouveränität, auch bei den Knochenbeilagen der Filmpakete.

In einem Punkt war das ZDF der ARD aber weit voraus. Der Senderverbund nämlich unterschätzte lange Zeit, wie Schwarzkopf später einräumte, fast sträflich die Mitte der 80er Jahre gestarteten Privatprogramme, stellte sich nur mit Mühe auf die neue Konkurrenz ein. Dieter Stolte hingegen - schon als Programmdirektor, ab 1982 als Intendant des ZDF - sagte schon früh das neue Kuchenmodell mit einer Halbierung des Marktes voraus. "Schwarzwaldklinik" und "Traumschiff" waren vorauseilende Antworten, während sich die feinere Fernsehwelt an Qualitätsnamen wie Heinrich Breloer, Horst Königstein, Wolfgang Menge (pars pro toto) hielt und argwöhnisch bis herablassend die heraufziehende Spektakelei betrachtete.

Schwarzkopf selbst hatte das Glück, im Spätherbst seines ARD-Amtes, 1991, noch zum Vizepräsidenten des qualitätsversprechenden Gemeinschaftsunternehmens Arte berufen zu werden; eine Folge interner Querelen auf der deutschen Seite des binationalen Senders - deshalb der Personalausweg mit dem elder statesman. Der allerdings auch gerne, nach der angelsächsischen Grundverankerung, die französische Seite des Lebens kennenlernen wollte. Zur Lehre (inklusive der kulinarischen Weihe im damals besternten "Buerehiesel" in Straßburg) gehörte auch, wie geschickt es Arte-Präsident Jérôme Clément verstand, der Exekutive einen klaren französischen Stempel aufzudrücken und dabei auf Pariser Zentralautorität und das Mobilisieren der dortigen Salon-Intelligenz zu setzen.

Aufgeklärter Konservativer

Schwarzkopfs eigenes intellektuelles Vergnügen suchte sich auch exotische Nischenplätze, so beim "Jahrbuch der Marginalistik", wo er mit ziselierter Argumentation so dringliche Fragen wie die "Rechtsnatur der Strandburg" erörterte. In Buchrezensionen zeigte er wiederum ganz verschiedene Gesichter. Von geradezu liebevolle Zuneigung, als er die Potsdamer Jugenderinnerungen des früheren WDR-Programmdirektors Heinz Werner Hübner beschreibt. Bis zu schneidender Ironie, wenn sich für ihn ein Autor als Dünnbrettbohrer erwies, so in einem Buch zur Vergangenheitsbewältigung. Bei der dort erhobenen Forderung nach "wirklicher sexueller Befreiung" vermisst der Rezensent die Konkretisierung, damit der dann aufgeklärte Leser sich ihr zuwenden könne und, "solchermaßen befreit, gelassen in eine friedliche Zukunft schreiten kann".

Gelassen, ja, das war dieser aufgeklärte Konservative, der so lange die zentrale Mittlerposition der ARD wahrnahm, im allerwörtlichsten Sinne; der diese Rolle ohne Dogmatismus interpretierte und verkörperte, mit eben jener feinsinnigen Klugheit, die sich aus der Kombination von Distanz, Erfahrung und Haltung speist. Dies über Jahrzehnte zu verkörpern, das ist ein Geschenk, eines mit Größe und Gewicht. Das preußische Arkadien als prägende Form: Dietrich Schwarzkopf durfte es leben.

Aus epd medien 6/20 vom 7. Februar 2020

Uwe Kammann