"Wir spielen in einer anderen Liga"

Ein epd-Interview mit den Chefs der Mediatheken von ARD und ZDF

ARD und ZDF rücken mit ihren Mediatheken enger zusammen: Ende November verkündeten die Sender die Vernetzung ihrer Suchfunktionen (epd 47/19), weitere Schritte sollen folgen. Die ARD hat zudem angekündigt, dass sie die Mediathek zum Streamingdienst ausbauen will. Benjamin Fischer (40), Leiter von ARD Online, und Eckart Gaddum (59), Leiter der Hauptredaktion Neue Medien im ZDF, sprechen im Interview mit Ellen Nebel über Herausforderungen ihrer Zusammenarbeit und die Konkurrenz mit großen Streaminganbietern wie Netflix. Die Mediatheken-Chefs gehen es pragmatisch an.

epd: Der neue Rundfunkstaatsvertrag appelliert an die öffentlich-rechtlichen Sender, diejenigen Telemedien, die aus journalistisch-redaktionellen Gründen dafür geeignet sind, miteinander zu vernetzen. Inzwischen gibt es bereits eine gemeinsame Suchfunktion, der gemeinsame Log-in soll bald folgen. Das klingt nicht nur nach Vernetzung, sondern nach gemeinsamer Mediathek.

Fischer: Es geht im ersten Schritt nicht per se um eine gemeinsame Plattform, sondern um eine gute Vernetzung. Da haben wir uns sehr pragmatisch herangewagt und geschaut, was zu tun ist, damit unsere beiden Angebote besser werden. Dabei sind wir zügig auf konkrete Themen gestoßen. Bei der Suche haben wir beispielsweise festgestellt, dass es relativ viele Sendungen gibt, die Menschen bei uns suchen, aber nicht finden, weil es Inhalte der ZDF-Mediathek sind.

Gaddum: Die Debatte wird auf vielen Ebenen geführt, zum Teil mit unterschiedlicher Zielrichtung. Wir haben aus der praktischen Alltagserfahrung einen Ansatz gesucht, die Zusammenarbeit der Mediatheken voranzubringen. Das Ergebnis hieß "Vernetzung". Eine Art befruchtende Konkurrenz unter ARD und ZDF ist gewollt. Sie sichert einen Pluralismus, der uns gerade in diesen Zeiten etwas wert sein sollte. Gleichzeitig nehmen die Leute ARD und ZDF natürlich als einen Kosmos wahr, in dem nach gleichen Standards gearbeitet wird. Die neuen kommerziellen Player verstärken diese Wahrnehmung. Vor diesem Hintergrund war die vernetzte Suche ein erster Schritt.

Wie funktioniert die vernetzte Suche technisch genau?

Fischer: Wir haben analysiert, was die meistgesuchten Begriffe sind, die dem ZDF zuzuordnen sind und umgekehrt der ARD, und diese dann ausgetauscht. So machen wir auch pragmatisch weiter, zum Beispiel mit einer gemeinsamen Login-Funktion: Nutzerinnen und Nutzer mit einem ZDF-Account sollen sich ohne neue Registrierung auch in der ARD-Mediathek anmelden können und jemand mit einem ARD-Account beim ZDF. Das soll auch auf einem Weg passieren, der möglichst einfach zu realisieren ist. Wir wollen auf gemeinsame Standards setzen und diese dann so umsetzen, dass wir in unserem Kosmos miteinander gut vernetzt funktionieren.

Gaddum: Zwei Ergänzungen zur vernetzten Suche: Wir haben aus pragmatischen Gründen zunächst auf Datenaustausch verzichtet. Stattdessen wurden Listen mit rund 200 Formatnamen, Marken und so weiter ausgetauscht und in die jeweiligen Suchsysteme eingetragen. Sie werden künftig von den Schlussredaktionen aktuell gehalten. Das andere ist: Die vernetzte Suche wird zunächst nur für die browserbasierte Website angeboten, nicht für die Apps. Wir erreichen damit etwa die Hälfte unserer Nutzer.

Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm sprach im Interview mit dem Medienmagazin "Journalist" bereits von verschränkten Angeboten auf den Feldern Wissen, Kultur, Kinder oder auch Sport. Was genau heißt hier "Verschränkung"? Können Sie ein Beispiel nennen?

Gaddum: Mit Herrn Wilhelm verbinde ich vor allem eine europäische Initiative. Sie ist sehr spannend, aber spielt auf einer anderen Ebene. Bezogen auf Deutschland hat er sich gemeinsam mit Thomas Bellut in der "Zeit" für eine Vernetzung ausgesprochen. Die Spur verfolgen wir. Dabei müssen wir bei den Mediatheken einen Weg finden, einerseits die Gebote von inhaltlicher Pluralität und Konkurrenz zu wahren und andererseits die Vernetzung voranzutreiben. Beides dient aus unserer Sicht den Zuschauern und Nutzern. Wir als ZDF haben zum Beispiel anlässlich des 30. Jahrestages des Mauerfalls auf Inhalte der ARD, des Deutschlandfunks, der Bundeszentrale für politische Bildung beziehungsweise der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" verlinkt. Wir sind offen für ein Netzwerk selbstständiger Qualitätsmedien. Im Übrigen sollten wir technologisch zusammen machen, was sinnvoll ist.

Fischer: Die Vernetzung ist auch schon ein geübtes Verfahren bei den Sportereignissen. Da ist es ja auch oft so, dass wir Übertragungen auf dem einen oder dem anderen Sender haben. Die Zugänge sind dann so aufgebaut, dass sie im Sinne des Nutzers möglichst einfach zu erreichen sind in einem gemeinschaftlichen Angebot.

Gaddum: Richtig. Schon vor vielen Jahren, als über Mediatheken noch gar nicht vergleichbar diskutiert wurde, gab es im Sportbereich enge technische und organisatorische Zusammenarbeit, um Aufwände zu begrenzen.

Was halten Sie von der Idee eines öffentlich-rechtlichen Streamingdienstes in Konkurrenz zu Netflix und anderen?

Fischer: Wir sollten nicht nur den Blick auf die Konkurrenz mit Streamingdiensten lenken, sondern insbesondere unser eigenes Profil stärken. Wir haben ein viel breiteres Angebot und auch einen anderen Auftrag als amerikanische Streaminganbieter. Indem wir die vielfältigen ARD-Angebote bündeln und stärken und uns noch besser mit dem ZDF vernetzen, wollen wir das Nutzerinteresse am besten erfüllen.

Dennoch will die ARD 20 Millionen Euro in die Produktion von Streaming-Inhalten investieren. Klingt das nicht doch nach Konkurrenz für Netflix?

Fischer: Absolut, wir wollen unsere Position natürlich stärken und auf Veränderungen im Nutzungsverhalten reagieren. Und da ist es unser Ziel, uns entsprechend aufzustellen. Serielle Formate und Reihen bieten sich für die Mediatheken besonders an und werden dementsprechend nachgefragt. Aber die Inhalte, die wir anbieten, bilden auch eine deutsche Lebenswirklichkeit ab und haben ebenfalls einen Bezug zu unseren Regionen, das ist ganz wichtig und unterscheidet uns auch von den typischen eher international geprägten Angeboten der Streamingdienste.

Das ZDF hat eine Initiative mit eigenen Streaminginhalten noch nicht angekündigt.

Gaddum: Unter "eigen" verstehe ich Inhalte ohne Sendebezug, die wir nur über die Mediathek ausspielen. Dazu drei Gedanken: Erstens gebe ich Beni Fischer grundsätzlich recht. Wir sind keine Streamingplattform nach US-amerikanischem Muster und wollen es als Öffentlich-Rechtliche auch nicht sein. Mit unserer Themen- und Genrevielfalt, unserem Meinungspluralismus und seriöser Nachrichten-Information spielen wir in einer ganz anderen Liga. Zweitens: Vergleichbar sind wir aber durchaus hinsichtlich der Navigationsstruktur eines amerikanischen Streamingangebots. Seit 2016 richten wir die ZDF-Mediathek primär nach Genre-, nicht nach Senderprinzip aus. Drittens: Bitte nicht vergessen, dass uns Online-only-Inhalte für die Mediatheken bislang rechtlich gar nicht erlaubt waren. Aber wenn sich das jetzt ändert: Inhalte für die Mediathek gewinnen nicht schon dadurch besonderen Wert, dass sie ausschließlich für diesen Ausspielweg produziert werden. Es wäre töricht, so zu denken. Entscheidend ist eine plattform- und zielgruppengerechte Planung und Produktion von Inhalten für die Mediathek. Die Inhalte dürfen und sollten dann auch gerne im Fernsehen mitlaufen. Dieses Denken - ich nenne es "Online first" - gehört im ZDF schon lange zum Alltag. Die Entscheidung für die zweite Staffel von "Bad Banks" ist ein aktueller Beweis dafür. Ich könnte noch andere nennen. Im Übrigen würde ich die Bedeutung von Linearität nicht unterschätzen. Unsere Programm-Livestreams machen einen erheblichen Nutzungsanteil in der Mediathek aus. Und es ist ja kein Zufall, dass Joyn und andere viel Wert darauf legten, ZDF und ARD live anbieten zu können.

ZDF-Fernsehratsmitglied Leonhard Dobusch plädiert für eine insgesamt engere Vernetzung der öffentlich-rechtlichen Angebote im Internet im Sinne eines "vielfältigen und offenen öffentlich-rechtlichen Ökosystems" nach dem Vorbild von Funk. Der neue Telemedienauftrag ermöglicht dazu mehr Freiheiten. Wo sehen Sie die Grenzen eines öffentlich-rechtlichen Ökosystems?

Gaddum: Leonhard Dobusch hat die Idee der Vernetzung von Anfang an begrüßt. Das hat mich gefreut. Er hat das dann "Ökosystem" genannt. Da habe ich nichts dagegen. Wir sind an sich nicht weit auseinander. Der Vernetzungsansatz von ARD und ZDF ist entwicklungsoffen.

Wenn Dobusch Funk als Vorbild nimmt, dann ist es ja so, dass dort die Marken ARD und ZDF in den Hintergrund treten. Wo sind da aus Ihrer Sicht die Grenzen?

Fischer: Man sollte da nicht von Grenzen sprechen. Das Prinzip des Ökosystems ist ein Begriff, der im Grunde eine Art gegenseitige Kompatibilität oder Vernetzungsmöglichkeit beschreibt. Funk ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Derzeit überlegen wir, wie wir Funk auch in den Mediatheken sichtbar machen können. Dasselbe gilt für Phoenix und andere gemeinsame Angebote. Inhalte von Phoenix tauchen jetzt bei der ARD und auch beim ZDF in der Mediathek auf. Wir haben im Prinzip bereits ein großes Content-Netzwerk geschaffen, das funktioniert und das sich nicht durch seine Grenzen definieren sollte. Im Fokus stehen dabei die Menschen, die davon einen Wert haben sollen.

Sie hatten vorhin bereits das Thema Sport angeschnitten. Was planen Sie im Bereich Sportstreaming? Zu den Olympischen Spielen bieten ARD und ZDF ja schon länger ein umfangreiches Streamingangebot. Sportfans würden sich sicherlich freuen, auch andere Ereignisse ausführlich im Stream verfolgen zu können, etwa Tischtennis und Basketball.

Fischer: Ja, man sollte ein möglichst breites Angebot schaffen, besonders in einem Markt mit zunehmend komplexen Rechtesituationen. Daher überlegen wir schon jetzt, welche Formate wir selbst entwickeln können. Ein gutes Beispiel sind die European Championships, bei denen wir quasi Mitinitiator einer neuen umfassenden Sportpräsentation waren. Wir dürfen nicht nur passiv abwarten, sondern sollten aktiv nach neuen Wegen suchen, um ein möglichst breites Angebot zu gestalten.

Gaddum: Dieses Jahr haben wir im ZDF linear über die Schwimm-WM berichtet, aber im Netz offensiver als bisher begleitende Livestreams angeboten. Ein solches Angebot, auch von Sportarten jenseits von Fußball oder Olympia, findet bereits seine User, aber muss von einem größeren Publikum erst gelernt werden. Das braucht seine Zeit. Ich sehe Livesport als Chance, die wir nach allen rechtlichen und budgetären Möglichkeiten wahrnehmen wollen.

Ein anderes attraktives Potenzial für die Mediatheken liegt in historischem Material. Der SWR hat kürzlich als erster öffentlich-rechtlicher Sender historisches Bildmaterial aus seinem Fernseharchiv der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 8.000 Beiträge aus der Frühphase des Fernsehens sollen bald unter dem Label "SWR Retro" in der ARD-Mediathek online stehen. Warum fangen Sie jetzt erst an, aus diesem Fundus zu schöpfen?

Fischer: Weil wir das jetzt erst möglich machen konnten. Allerdings ist die Umsetzung sehr komplex. Nicht nur die Materialaufbereitung ist schwierig, auch die Rechteklärung ist immens aufwendig, und dann müssen ja auch noch die sogenannten beschreibenden "Meta-Daten" generiert werden. Zudem müssen die Sendungen redaktionell aufbereitet und kuratiert werden. Aber wir sehen, dass es ein großes zeitgeschichtliches, kulturelles und gesellschaftliches Interesse an diesen Materialien gibt. Der SWR ist mit einem prototypischen Projekt vorangegangen, da wird noch einiges mehr aus den Rundfunkanstalten der ARD kommen.

Wie sieht es beim ZDF aus?

Gaddum: Bei uns konnte man zum Tag des audiovisuellen Erbes auch alte Beiträge und Shows finden. Herrlich war eine Reportage aus den 60er Jahren über selbstbewusste "Frauen am Steuer" - damals offenbar eine Geschichte wert. Aber - da kann ich Benjamin nur bestätigen - es ist relativ aufwendig, das Material aufzubereiten und die Rechte zu klären. Ansonsten ist das natürlich ein attraktiver Schatz der Öffentlich-Rechtlichen, den wir, sofern es passende Anlässe gibt, auch gerne zugänglich machen.

Fischer: Genau, besonders wichtig sind die journalistische Einordnung und die Fragen der Auffindbarkeit. Der MDR hatte zum Beispiel kürzlich zum Mauerfall-Jubiläum eine Sammlung "Originale 89" zusammengestellt, die an die Ereignisse rund um die friedliche Revolution vor 30 Jahren erinnern soll. So hat man aktuelle Berichterstattung sinnvoll mit attraktiven Archivinhalten ergänzt.

Nicht nur mangelnde Auffindbarkeit, auch kurze Verweildauern bergen aus Nutzersicht großes Frustpotenzial. Für viele ist zudem nicht nachvollziehbar, dass manche Inhalte, wie internationale Kaufserien, gar nicht in die Mediathek wandern. Ist ein zeitgemäßes Angebot unter diesen Bedingungen überhaupt möglich?

Gaddum: Verweildauern widersprechen aus meiner Sicht generell dem Geist des Netzes und eines öffentlich-rechtlichen Kosmos. Persönlich würde ich darauf gerne komplett verzichten. Dennoch haben wir natürlich die staatsvertraglichen Verpflichtungen zu achten. Wir haben dem Fernsehrat in unserem aktuellen Telemedienkonzept Vorschläge unterbreitet, die sich am Nutzungsverhalten der Leute orientieren. Dazu zählt zum Beispiel, den Bildungsbegriff zu erweitern. Zu ihm sollten aus unserer Sicht künftig auch Soziales und Arbeit gehören, damit wir alle Inhalte rund um das Thema Bildung möglichst einheitlich und dann über fünf Jahre anbieten können. Wir haben abzuwarten, was der Fernsehrat dazu sagt.

Fischer: Bei uns ist es im Prinzip ganz ähnlich. Es ist jedoch besonders wichtig, einen guten und vielfältigen inhaltlichen Katalog zu erstellen, der steuerbar ist. Es geht nicht darum, eine unüberschaubare Anzahl an einzelnen Videos zu haben, die die Auffindbarkeit erschweren. Über eine integrierte Planung und Steuerung kann gewährleistet werden, dass wir den Menschen auch immer ein für sie relevantes Angebot vorhalten können. Dafür sind ausreichende Verweildauern essenziell.

Ist es denkbar, dass ARD und ZDF auch kostenpflichtige Inhalte in ihren Mediatheken anbieten? Manche öffentlich-rechtlichen Produktionen sind bei Netflix oder Amazon Prime kostenpflichtig zu haben.

Gaddum: Wir sind mit der ZDF-Mediathek werbefrei und nicht kommerziell unterwegs. Da gibt es rechtlich keinen Spielraum.

Fischer: Dasselbe gilt für die ARD-Mediathek, die ohne Zusatzkosten nutzbar ist. Verwertungsaktivitäten liegen bei den Töchtern, und die gehören ja auch zu einem Lebenszyklus im Programmbereich dazu.

Welche Zukunft hat die Zusammenarbeit mit Joyn und TVNOW? ProSiebenSat.1-Vorstand Conrad Albert liebäugelte im Interview mit epd medien bereits mit einer Einbindung der Mediatheken bei Joyn. Wie klug wäre ein solcher Schritt aus Ihrer Sicht?

Fischer: Im Prinzip könnten wir uns immer eine Verlinkung oder weitere Vernetzung vorstellen. Auf vielen Plattformen ist unser Angebot bereits integriert. Beispielsweise MagentaTV. Ich glaube, das macht prinzipiell Sinn, um möglichst viele Menschen mit unseren Angeboten erreichen zu können. Bei einer Zusammenarbeit müssten aber immer das Gesamtpaket der Mediathek in seinem inhaltlichen Zusammenhang gespiegelt und nicht nur einzelne Sendungen oder Marken mitangeboten werden. Und das ist am ehesten erreichbar über eine Vernetzung oder Verlinkung.

Gaddum: Wir sind als ZDF - und ich rede hier nicht von den kommerziellen Aktivitäten unserer Tochter ZDF Enterprise - dort, wo die Leute sind. Sie finden unsere Mediathek deshalb auch auf Drittplattformen wie Magenta TV, Vodafone, Amazon Fire TV oder AppleTV. Auf Joyn gibt es das lineare ZDF. Was Benjamin Fischer sagt, bestätige ich. Es ist wichtig, dass wir auf Drittplattformen immer die Gesamtheit unseres Angebots im Blick haben. Gerade mit der Mischung aus Unterhaltung, Information, Kultur und so weiter setzen wir unseren Auftrag um. Das vorausgesetzt sind wir immer offen für Gespräche.

Welchen Stellenwert hat die Personalisierung durch Algorithmen für die öffentlich-rechtlichen Mediatheken?

Gaddum: Personalisierung durch Algorithmen ist für das ZDF ein zentrales Thema. Der Grund ist: Sehr viele Leute erwarten das - allerdings zu Recht transparent und mit Vertrauen in unseren Datenschutz. Vergangenes Jahr haben wir unseren Nutzern ermöglicht, die Serie "Parfum", die auch in der Mediathek erst nach 22 Uhr gezeigt werden durfte, schon tagsüber abzurufen. Dafür mussten sie sich bei "Mein ZDF" registrieren. Mittlerweile haben sich über eine Million Nutzerinnen und Nutzer bei uns angemeldet. Sie favorisieren ihre Lieblingsinhalte. Sie beginnen ein Video in der Mediathek auf dem TV-Gerät zu Hause und schauen es später bruchlos per Smartphone in der S-Bahn weiter. Gute und verantwortliche Personalisierung ist ein Dienst am Nutzer. Vor ein paar Wochen haben wir in einem Test Teile der Mediathek mit unterschiedlichen algorithmischen Aufladungen angeboten, um Erfahrungen zu sammeln. Das wichtigste Learning ist: Die personalisierten Angebote funktionieren mindestens so gut wie die redaktionell kuratierten. Die Frage ist jetzt: Was leiten wir daraus für die Zukunft ab? Auf keinen Fall soll eine einseitige Nutzung, also ein Konsum in einer Themen-Blase, entstehen. Auch in einer personalisierten ZDF-Mediathek kommt niemand an "Heute" und "Heute Journal" vorbei. Übrigens haben wir gerade mit der Universität Amsterdam ein halbjähriges Projekt gestartet. Wir wollen uns gründlich und mit Zeit erarbeiten, wie man Nachrichten öffentlich-rechtlich personalisiert.

Welche externe Expertise nutzen Sie noch?

Gaddum: Auf diesem Feld wollen wir die Fäden sehr stark in der Hand behalten. Wir programmieren selbst. Gleichzeitig nutzen wir externe Expertise. Unsere Leute sind europaweit gut vernetzt, etwa mit der EBU, der Technischen Universität Darmstadt oder der eben erwähnten Universität Amsterdam.

Inwieweit arbeiten ARD und ZDF zusammen beim Thema Algorithmen?

Fischer: Im Moment ist das Thema Personalisierung für uns zentral und wird aktuell intensiv auf der ARD-Mediathek umgesetzt. Handlungsleitend ist für uns, dass wir den Nutzern einen Mehrwert bieten. Für uns als öffentlich-rechtlicher Rundfunk gehört aber auch die Diversität zum Kernauftrag. Dem sind wir verpflichtet und wir wollen, dass sich die Vielfalt in unserem Angebot widerspiegelt. Dadurch, dass wir alle ARD-Angebote bündeln, haben wir sehr viele Inhalte in der Mediathek. Diese Vielfalt wollen wir - auch mit Hilfe von Algorithmen - noch besser erschließen. Wir sprechen in der Tat auch mit dem ZDF und setzen uns inhaltlich auseinander oder schauen, ob es da Technologien, Erfahrungen gibt, die wir austauschen sollten. Aber es müssen ja nicht nur Algorithmen optimiert werden, sondern auch noch andere Dinge. Vorhin haben wir über Metadaten gesprochen. Der Algorithmus kann tatsächlich nur dann gut funktionieren, wenn auch die beschreibenden Daten für einen Inhalt gut sind und zusammenpassen. Das sind wirklich immens komplexe Prozesse. Wir haben die Frage von Verweildauern, wir haben die Frage, ob wir etwas vor oder nach der TV-Ausstrahlung in die Mediathek einstellen. Man schaltet also nicht einfach einen Algorithmus an, und dann ist alles auf Autopilot und die Mediathek ist anders. Sondern es ist ein Prozess, der vielfach die Arbeit verändert. Aus meiner Sicht ist es gut, sich in diesem Prozess immer wieder zurückzuerinnern, warum man das eigentlich macht: Wir möchten einen Mehrwert bieten, ein besseres Angebot für Menschen machen und die Vielfalt möglichst gut abbilden.

Gaddum: Es wird oft unterschätzt, wie erfolgsrelevant der Unterbau, also die Planungs- und Distributionsprozesse hinter einer Mediathek, ist. Benjamin hat den Zusammenhang gerade sehr gut dargestellt.

Sie haben ja im Grunde gerade auch die Grenzen der Zusammenarbeit von ARD und ZDF in dem Bereich beschrieben.

Gaddum: Ich rede lieber über realistische Möglichkeiten als über Grenzen und denke, wir sind auf einem guten Weg.

Wie darf man sich Ihre Zusammenarbeit konkret vorstellen? Sie tauschen sich in Arbeitsgruppen aus?

Fischer: Ja, zum Beispiel bei der Vernetzung der Login-Systeme, da sind die Kolleginnen und Kollegen in einem regen Austausch. Da gibt es eine große Offenheit auf beiden Seiten, aber geprägt von einem gewissen Pragmatismus. Ich finde es immer besser, wenn man weiß, warum man etwas tut. Es ist wichtig zu verstehen, dass es nicht immer alles schon fertig "von der Stange" gibt - weder beim ZDF noch bei der ARD. Also schauen wir, wie man Standards schaffen kann, die miteinander gut kompatibel sind. Das Ziel muss sein, dass sich Prozesse möglichst hilfreich miteinander verknüpfen lassen.

Wenn Sie Ihren Job gut machen, werden die Abrufzahlen künftig steigen. Verfügen die Mediatheken über ausreichend große Server-Kapazitäten?

Gaddum: Richtig, die Abrufzahlen steigen. Bei Sportevents explodieren sie auch mal. Ich kann mich nicht an größere Probleme erinnern.

Fischer: Wir möchten das beste Nutzungserlebnis schaffen. Und da ist die Streamingqualität einer der wichtigsten Bausteine. Dafür sind wir bereits gut aufgestellt. Aber wir müssen in diesem Bereich sehr stark mit der Zeit gehen, uns immer weiterentwickeln und dabei neue Technologien und Möglichkeiten im Blick behalten. Genauso wie bei anderen Streaminganbietern wird das auch für uns zukünftig technologisches Kerngeschäft.

Zukünftig, vom 1. Januar an, ist Funk-Chef Florian Hager Channel-Manager der ARD-Mediathek. Bisher liegt die Verantwortung für die Mediathek komplett bei Ihnen, Herr Fischer. Wie sind die Aufgaben künftig zwischen Ihnen und Herrn Hager verteilt?

Fischer: Die ARD-Programmdirektion wird erstmals eine integrierte Planung für TV und die Mediathek aufbauen. Das ist aus meiner Sicht ein sehr wichtiger und notwendiger Schritt, über den ich mich ausgesprochen freue. Florian Hager ist zukünftig damit für die inhaltliche Steuerung als Channel-Manager in der Programmdirektion verantwortlich. Wir arbeiten bereits jetzt sehr eng an der Entwicklung und der inhaltlichen Ausgestaltung zusammen. Die Gesamtverantwortung für die Plattform und die Steuerung des digitalen Portfolios der ARD liegt wie bisher bei mir als Leiter von ARD Online und des ARD Digitalboards.

Aus epd medien 49/19 vom 6. Dezember 2019