"Wir machen Programm für die Menschen"

Ein epd-Interview mit NDR-Intendant Lutz Marmor

Anfang Januar übergibt NDR-Intendant Lutz Marmor (65) sein Amt an seinen Nachfolger Joachim Knuth (60). Marmor stand zwölf Jahre an der Spitze des Senders, der für Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein Programm macht. Der Gesamtetat des NDR liegt bei knapp 1,2 Milliarden Euro. Von 1991 bis 2008 war Marmor Verwaltungsdirektor bei drei ARD-Anstalten, zunächst beim ORB, dann beim NDR und schließlich beim WDR. Diemut Roether sprach mit ihm über die Digitalisierung beim NDR, die Gefahr der Entsolidarisierung in der ARD durch neue Sparvorgaben und darüber, was der Westen vom Osten lernen kann.

Wie sieht Ihre Bilanz nach zwölf Jahren an der Spitze des NDR aus? Wie hat sich der Sender seit 2008 verändert?

Marmor: Ich habe den NDR von Jobst Plog in einem guten Zustand übernommen, und ich übergebe den NDR in einem guten Zustand an meinen Nachfolger Joachim Knuth. Jobst Plog stand für Unabhängigkeit, für journalistische Freiheit. Zu diesen Werten stehen wir nach wie vor. Wir sind bei den Menschen hier im Norden gut verankert. Wir sind mitten im digitalen Umbruch. Wir haben uns in einigen Punkten mehr Zeit gelassen, um die Kolleginnen und Kollegen mitzunehmen, das hat uns meines Erachtens nicht geschadet. Wir sind nach wie vor im Fernsehen, im Radio und im Netz erfolgreich. Wir sind weiblicher in den Führungsetagen, da haben wir jetzt eine Frauenquote von 39 Prozent. Ich habe am Anfang gedacht, das Ziel der Gleichstellung sei selbstverständlich, aber das musste ich ein bisschen vorantreiben.

Der NDR ist nach wie vor in der ARD ein starker Faktor. Wir haben uns immer zum Ersten bekannt, bringen starke Programme ein, das ist ein Verdienst der Fernsehdirektion. Wir sind im Investigativen stärker geworden. Das hat Jobst Plog schon begonnen, jetzt gibt es die bekannte Kooperation von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung". Aber auch "Panorama" ist gut unterwegs und in den Landesfunkhäusern gibt es investigative Einheiten. Ich glaube, dass ich mein Ziel, als Intendant möglichst viel möglich zu machen, weitestgehend erreicht habe.

Der NDR galt früher als sehr hierarchisch. Konnten Sie da etwas verändern? Sie sind ja, wie man weiß, Basketballer und Teamplayer.

Marmor: Auch Jobst Plog hat Freiheit eingefordert, aber das ist ein Kulturwandel, der dauert. Es hat sich viel gelockert, wir sind unterwegs mit Projektgruppen und New Work. Aber ganz ohne Hierarchie geht es nicht.

Sie sagen, Sie mussten die Förderung von Frauen etwas vorantreiben? Was meinen Sie damit?

Marmor: Ich dachte, das erledigt sich von selbst. Ich habe immer gern und gut mit Frauen zusammengearbeitet. Aber wenn wir über die Gleichstellungsvereinbarung debattiert haben und Bilanz gezogen haben, habe ich gemerkt, da ist doch nicht so viel vorangegangen. Dann haben wir gezielte Personalplanungsgespräche mit den Direktorinnen und Direktoren und mit der Gleichstellungsbeauftragten geführt und gefragt, wo wird eine Stelle frei, welche Frau kommt dafür infrage. Das hat geholfen. Das ist ein Bewusstseinsprozess, aber ich habe mich noch nie für eine Frau entschieden, nur weil sie eine Frau ist. Das wäre auch diskriminierend.

Der NDR baut zurzeit eine crossmediale Nachrichtenredaktion auf unter der Marke NDR Info. Der NDR ist damit deutlich später dran als andere ARD-Sender. Haben Sie sich da nicht zu viel Zeit gelassen?

Marmor: Die Ergebnisse sprechen dafür, dass wir uns nicht zu lange Zeit gelassen haben. Wir sind nach wie vor sehr stark im NDR Fernsehen. Wir haben eine tolle Dokumentationsabteilung mit Barbara Biemann, Eric Friedler, Marc Brasse, um nur drei Namen zu nennen. Wir machen das Erste mit sehr guten Unterhaltungssendungen stark. Wir sind am Vorabend stärker geworden, wir sind regionaler geworden. Online haben wir aufgeholt, wir sind auf Platz zwei in der ARD, wenn die Zahlen vergleichbar sind. Wir haben hier die "Tagesschau", die im Digitalen sehr weit vorne ist, in der App, auf Instagram, auf Facebook, auf Twitter. Die sind kreativ, ohne den Kern der Marke zu verraten. Trotzdem ist es Zeit, das Digitale jetzt zu stärken. Wir haben kürzlich den Neubau für die "Tagesschau" eröffnet und dadurch Platz für das neue Nachrichtenhaus. Jetzt kommt noch ein weiterer Neubau hinzu...

Da das NDR-Hochhaus in Hamburg-Lokstedt asbestverseucht ist, müssen Sie jetzt noch einen Neubau planen...

Marmor: Das hätte ich mir so nicht gewünscht. Bemerkenswert ist, wie schnell meine Kolleginnen und Kollegen reagiert haben. Bis heute beeindruckt mich, wie ein Sender zusammenstehen kann, wenn auf einmal, über Nacht, 300 Menschen neue Arbeitsplätze finden müssen. Es ist immer noch etwas chaotisch, weil wir noch nicht alle Übergangslösungen haben, aber wie das im Lauf des Jahres bewältigt wurde, da kann ich nur ganz herzlich Danke sagen.

Steht die Planung für den Neubau schon?

Marmor: Weitestgehend. Wir sind mittendrin. Der NDR wird sich im Januar mit der Stadt noch einmal verschiedene Modelle anschauen. Die Kostenentwicklung macht uns Sorgen, die Preise explodieren im Moment.

Hat die Klage von mehreren Verlagen gegen die "Tagesschau"-App, die sich seit 2011 über mehrere Instanzen zog, digitale Entwicklungen im NDR ausgebremst?

Marmor: Wir haben unser Angebot umgebaut und setzen mehr auf Bewegtbild. Ich finde den Konflikt schwierig, weil wir gern mit den Verlegern kooperieren würden. Ich glaube, wir sind uns einig, dass diejenigen, die uns besonders bedrängen, woanders sitzen. Wir haben noch keine Antwort auf die amerikanischen Konzerne gefunden. Es gibt die Idee einer europäischen Plattform, für die sich der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm einsetzt, aber das kann die ARD nicht allein schaffen.

Wer müsste sich dafür einsetzen? Der Minister für digitale Infrastruktur, Andreas Scheuer?

Marmor: Das ist ein großes politisches Thema. Das muss ein europäisches Projekt sein. Frankreich ist durchaus interessiert, wir haben auch schon eine gemeinsame Plattform bei Arte. Die Idee der europäischen Plattform ist es, eine Alternative zu Google oder zu Youtube aufzubauen, aber Google hat eine solche Marktmacht, das wird sehr schwer. Man müsste ein Produkt entwickeln, das besser ist. Es gibt Ideen für gemeinsame Plattformen, regionale und nationale, es gibt viele Gespräche, aber bisher gibt es noch kein konkretes Ergebnis. Das bedauere ich. Ich glaube nicht, dass wir die Hauptgegner der Verlage sind, sondern dass wir uns sogar gegenseitig stärken können. Wer "Tagesschau" sieht, liest auch eher eine überregionale Tageszeitung und umgekehrt.

Jan Böhmermann hat im vergangenen Jahr gesagt, die öffentlich-rechtlichen Sender hinken in Sachen Digitalisierung 20 Jahre hinterher.

Marmor: Nach wie vor erreichen wir mit unseren Angeboten 94 Prozent der Menschen im Norden. Das Lineare ist immer noch sehr stark. Natürlich müssen wir auch die Zukunft bedienen, in der Zeit meines ARD-Vorsitzes war es mit am schwierigsten, das Jugendangebot Funk ins Leben zu rufen. Das ist gelungen, da geht auch mehr.

Das gemeinsame Jugendangebot von ARD und ZDF, Funk, wurde 2016 gestartet und wird über digitale Plattformen verbreitet.

Marmor: Wir haben starke Marken wie die "Tagesschau". Ein Problem sind allerdings die vielen sehr wertvollen Produkte, die nicht die gleiche Markenstärke haben. Da sind wir noch im Rückstand, unsere Plattformen sind optimierbar. Wir haben gerade bei der Sitzung der Intendantinnen und Intendanten eine deutliche Stärkung dieser Plattformen beschlossen. Wir planen jetzt auch spezielle Serien für das Digitale, das sind grundsätzlich die richtigen Weichenstellungen. Aber wir müssen auch linear stark bleiben: Mit einem "Tatort" erreichen wir oft neun Millionen Menschen oder mehr, die 90 Minuten zusehen. Das müssen Sie im Netz erst einmal hinkriegen. Die Älteren haben genauso ein Anrecht auf Programm wie die Jüngeren. Noch ist es ein Spagat, aber ich bin nicht der Meinung, dass wir jetzt alles Lineare streichen sollten. Wir müssen die lineare Stärke nutzen, um den Übergang ins Netz bestmöglich zu schaffen.

Ein Effekt der Digitalisierung ist auch, dass das Publikum sich stärker einmischt. Was macht der NDR, um den Dialog mit dem Publikum zu fördern?

Marmor: Ich glaube, dass wir gut bei den Menschen verankert sind. Vier von fünf im Norden sagen: Wir vertrauen dem NDR. Allerdings sagt einer von fünf Nein - und das sind sehr viele Menschen. Die Menschen artikulieren sich anders als früher, über soziale Netzwerke und ähnliches. Dafür müssen wir eine Antwort finden. Wir stellen unsere Programme im Sendegebiet vor. Wir haben ein Format, "Frag den NDR", da wird im Radio jeden Tag eine Frage einer Hörerin oder eines Hörers beantwortet. Ich halte nicht viel von Sendungen, die eine Dreiviertelstunde dauern, dafür haben die Leute wenig Geduld. Wir haben das "Landpartie-Fest", da kommen 50.000 Fans am Wochenende. Wir hatten mit Tom Buhrow mal den "ARD-Check", das fand ich gut.

Warum wurde der "ARD-Check" nicht fortgesetzt?

Marmor: Warten wir mal ab, Tom Buhrow ist ja im nächsten Jahr ARD-Vorsitzender, vielleicht macht er das wieder. Auch da war die Publikumsresonanz nicht überwältigend. Das zeigt auch, dass wir unsere Bedeutung für die Zuschauerinnen und Zuschauer manchmal überschätzen. Die mögen uns, sie nutzen uns, wir sind bei der großen Mehrheit geachtet, aber sie denken nicht ständig darüber nach, was könnten die noch besser machen. Das ist eigentlich ein ganz gutes Signal. Wir alle sind an die Dinge gewöhnt, mit denen wir groß geworden sind, dazu zählt auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Es gibt Kritik, weil man immer etwas besser machen kann, aber die große Frage ist: Was wäre, wenn es das nicht gäbe? Kann man sich das überhaupt vorstellen?

In Großbritannien haben sich einmal 70 Familien für einen Test neun Tage den Empfang aller BBC-Programme blockieren lassen. Danach waren zwei Drittel gern bereit, den vollen Rundfunkbeitrag zu zahlen, was die Mehrheit der Testfamilien zuvor abgelehnt hatte. Da haben die Leute gemerkt, was ihnen die Programme wert sind. Das zu vermitteln, ist die Kunst. "Wünsch dir deinen NDR" ist auch eine schöne Aktion. Wenn beim Hamburger Hafenfest der NDR-Kultmoderator Carlo von Tiedemann kommt, gehen alle zu ihm. Ich finde das gut, dass viele unserer Stars unter Leute gehen. Der "Tatort"-Darsteller Wotan Wilke Möhring macht das zum Beispiel auch mit viel, viel Geduld.

Das zeigt, dass es Persönlichkeiten braucht, um Menschen an einen Sender zu binden.

Marmor: Ich habe mich vor zehn Jahren sehr dafür eingesetzt, Kai Pflaume zur ARD zu holen. Das musste ich in der ARD durchsetzen. Heute sagt jeder, dass er bestens zu uns passt. Er verkörpert gutes Familienfernsehen.

Es war auch nicht einfach durchzusetzen, dass die ARD 2010 beim deutschen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest mit Stefan Raab und ProSieben zusammenarbeitet.

Marmor: Es gab damals, als ich das in der Telefonschalte vorgeschlagen habe, acht Gegenstimmen. Der Einzige, der dafür stimmte, war der NDR. Ich habe gesagt: "Das ist eine große Chance, Stefan Raab ist einer, der bei der Musik ein großes Gespür hat. Lasst uns das doch mal ausprobieren." Es gibt da Grenzen, aber wenn beide Seiten einen Vorteil haben wollen, muss das möglich sein. Ähnlich war das mit "Babylon Berlin" und Sky, auch da habe ich gesagt: Lasst uns das mal ausprobieren. Einzelne Leute haben mir damals beim ESC geraten, lass es sein, da hast du keine Chance. Ich habe viele Einzelgespräche mit Kolleginnen und Kollegen geführt. ProSieben hat viel Einsatz gebracht, aber wichtig war natürlich, dass die Endauswahl bei uns war. Dass wir dann direkt beim ersten Versuch den Eurovision Song Contest gewinnen - also, dass Lena ihn gewonnen hat, das war Glück und auch vor allem ihr Verdienst.

Der Dialog mit dem Publikum läuft ja auch über das soziale Netzwerk Facebook. Sie haben vergangenes Jahr angekündigt, dass sich der NDR etwas aus Facebook zurückziehen will. Warum?

Marmor: Wir haben eine Analyse gemacht: Facebook ist ja ein "Frenemy", und wir begeben uns da in eine Abhängigkeit. Wenn Facebook auf einmal den Algorithmus ändert, ist das ein Problem, denn dann sehen dort weniger Menschen unsere Inhalte, deswegen müssen wir eigene Plattformen stärken. Mit unseren Angeboten helfen wir den Konkurrenten. Auf der anderen Seite erreichen wir über Facebook Menschen, die wir sonst nicht erreichen können. Das ist ein Dilemma. Man darf aber nicht blind sagen: alles zu Facebook. Ich nehme mal die Dokumentation "Im Nazidorf" von Michel Abdollahi. Diese Doku war auf Facebook zu sehen, und danach sagte ein Taxifahrer zum Fernsehdirektor:" Ich habe gestern eine tolle Doku auf Facebook gesehen. So etwas müsstet ihr machen!" Die Leute erkennen nicht, dass es von uns ist!

Es gibt eine Ausnahme: Die "Tagesschau" ist als Marke so stark und so klar geführt, dass die Leute selbst auf Facebook merken, das ist die "Tagesschau". Die meisten Dokumentationen und Einzelstücke werden Facebook zugeschrieben. Da sollten wir nicht blauäugig sein. Wir befördern mit unseren Inhalten den Erfolg dieser Plattformen. Wir haben die Serie "Der Tatortreiniger" befristet an Netflix gegeben, jetzt würden wir sagen: Nein, die Serie bleibt bei uns. Da experimentieren wir alle, dazu gibt es auch unterschiedliche Meinungen in der ARD. Wir wollen auch, dass möglichst viele unserer Produkte an die Leute kommen, aber wir müssen einen Weg finden, dass wir nicht von anderen abhängig werden. Zumal die Plattformen uns auch zunehmend bei den Inhalten Konkurrenz machen.

In der Debatte um den Rundfunkbeitrag sind immer wieder Stimmen zu vernehmen, die sagen: Wozu brauchen wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk überhaupt noch? Jetzt wird der Beitrag nach dem Vorschlag der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten - kurz KEF - nicht in dem Maß erhöht, wie sich die ARD das gewünscht hätte. Was für Folgen hat das?

Marmor: Das ist auch für mich persönlich ein Manko. Ich hätte den Sender gern mit einer gesicherten finanziellen Basis an meinen Nachfolger übergeben. Was die KEF jetzt vorgeschlagen hat, reicht für uns als ARD absolut nicht. Beim NDR haben wir im Wirtschaftsplan für 2020, den wir verabschiedet haben, noch einmal 30 Millionen Euro gekürzt. Das haben wir verkraftet. Jetzt steht uns ab 2021 noch einmal ein deutlich größeres Kürzungspaket bevor. Mich persönlich ärgert, dass es erneut eine Umverteilung gibt von der ARD zum ZDF. Wir haben ein reales Minus, wir müssen auch noch vier Jahre lang steigende Kosten ausgleichen. Das wird unser Angebot schwächen. Das ist eine große Aufgabe für meinen Nachfolger. Ich fand die Idee eines Indexierungsmodells fair, nach dem wir einen Inflationsausgleich bekommen hätten. Was jetzt in dem komplizierten KEF-Verfahren für die ARD herausgekommen ist, liegt weit darunter. Das zwingt zu weiteren Kürzungsmaßnahmen.

Wo hat denn die KEF gekürzt?

Marmor: Die KEF hat gesagt, die ARD hat große sogenannte Eigenmittel.

Heißt das, dass die ARD-Sender sparsam gewirtschaftet haben und jetzt dafür bestraft werden?

Marmor: Das ist ein bisschen im System angelegt. Wenn Mittel zu einem Stichtag noch übrig sind, sagt die KEF, verbraucht das erst mal, erst danach gibt es möglicherweise eine Anpassung. Wir wollen kein Dezemberfieber, aber wenn Mittel noch vorhanden sind, werden sie abgezogen. Das ist ein Dilemma, wir haben immer wieder gefordert, das zu ändern. Hinzu kommt, dass das Geld ungleich verteilt ist. Nach Feststellung der KEF haben einige Anstalten weit überdurchschnittliche Eigenmittel, während der Norddeutsche Rundfunk deutlich weniger hat. Die Sparzwänge sind dann natürlich viel größer. Auch die Ermittlung dieser Mittel ist strittig, weil die teilweise für Investitionen reserviert sind. Die KEF ist zweitens sehr optimistisch bei den Beitragseinnahmen. Wir müssen diese Werte in die Planung übernehmen, haben aber Zweifel, ob die Einnahmen so ausfallen. Und beim Personalaufwand haben sie auch gekürzt. Es ist ein komplexes Verfahren und die KEF arbeitet sehr sorgfältig, aber ich finde es verwunderlich, dass das ZDF mehr bekommt als wir.

War es nicht so, dass das ZDF einen sehr hohen Bedarf angemeldet hat?

Marmor: Das soll so gewesen sein. Wir haben uns in der Pflicht gesehen, unseren Beitrag zu leisten. Wir wissen, wie schwierig das in Mecklenburg-Vorpommern ist, deswegen haben wir versucht, maßzuhalten. Das hat aber nichts genutzt. Obwohl wir weniger angemeldet haben, sind wir stärker gekürzt worden. Wir können als NDR ja nicht zum WDR gehen und sagen: Gebt uns das Geld, das ihr gespart habt.

Was bedeutet das für den Senderverbund ARD, wenn das so ungleich verteilt ist?

Marmor: Das ist meine große Sorge. Darin liegt auch Sprengkraft. Die ganz kleinen Anstalten, Radio Bremen, der Saarländische Rundfunk, sind auch stark betroffen. Der Finanzausgleich war nie leicht, das wird jetzt noch schwieriger. Jeder Sender muss seine eigenen Gremien überzeugen, beim NDR kann man fragen: Ist es zum Beispiel sinnvoll, Geld aus Mecklenburg-Vorpommern abzuzweigen? Wir haben immer dazu gestanden, aber jetzt ist da die Sorge: Entsolidarisiert sich die ARD? Wir haben immer gesagt, das Erste, die nationale Bühne muss stark bleiben. Wir haben uns da sehr engagiert, das werden wir möglicherweise zurücknehmen müssen. Werden dafür jetzt andere einspringen?

Was raten Sie Ihren Intendantenkollegen und -kolleginnen als scheidender NDR-Intendant?

Marmor: Ich würde mir wünschen, dass wir nicht nur regional denken, sondern das Erste und die gemeinsame ARD-Mediathek stark halten. Der NDR hat seine Mediathek jetzt auch in die ARD-Mediathek überführt. Im NDR ist es uns in den letzten Jahren gut gelungen, regionaler zu werden und im Ersten stark zu bleiben. Dem Sender hat es gut getan, dass wir auch bei der Landbevölkerung stärker geworden sind. Es darf nicht alles nur von Hamburg aus betrachtet werden. Es kommt jetzt darauf an, den Spagat zu halten bei starkem Kürzungsdruck. Wir müssen bestimmt das eine oder andere Angebot aufgeben. Das ist schade.

Wozu braucht die ARD in Zeiten von Mediatheken und Streamingdiensten noch Spartenkanäle wie One und Tagesschau24?

Marmor: Sie sehen ja, dass die Privatsender einen neuen Fernsehkanal nach dem anderen gründen. Das machen sie, weil sie damit noch Publikum einsammeln können. Diese Kanäle sind überproportional günstig, Tagesschau24 sowieso. Sie müssen für die "Tagesschau" Menschen in Bereitschaft halten, falls etwas passiert, dann können sie auch senden. Und da wir immer mehr Bewegtbild im Internet brauchen, ergänzt sich das sehr gut, zumal das unsere Kernkompetenz ist. Bei One können wir ohne großes Geld Serien wie "Doctor Who" zeigen, das war in Deutschland längst überfällig. Auch bestimmte Dinge, die wir für das Netz machen, können wir bei One nutzen. Wir wollen unsere Inhalte an möglichst viele Leute bringen, uns dabei aber nicht blauäugig Plattformen ausliefern, die das einkassieren, was von uns kommt.

Die Kritiker des öffentlich-rechtlichen Systems in Deutschland sagen, das System sei viel zu groß: Es gibt 21 öffentlich-rechtliche Fernsehkanäle - wobei das genau besehen nur 19 sind, Radio Bremen und der Saarländische Rundfunk veranstalten ja keine Vollprogramme, aber auch 19 ist eine stattliche Zahl.

Marmor: Wir haben aber immerhin zwei Kanäle eingestellt, als wir Funk gegründet haben. Auch "Bild" will jetzt einen Fernsehkanal anbieten, das würden sie nicht machen, wenn sie nicht glauben würden, dass sie damit viele Menschen erreichen können. Die Verbreitungskosten sind geringer geworden. Das Geld wird eher für andere aufwendige Dinge gebraucht. Netflix ist heute das, was früher Hollywood war. Wenn wir gegen Netflix antreten wollen, kostet das viel Geld.

Der NDR ist ein Vier-Länder-Sender und ein Ost-West-Sender. Sie haben im vergangenen Jahr gesagt, der Osten finde sich zu wenig im Programm wieder. Was machen Sie, damit Ost-Themen stärker ins Programm kommen?

Marmor: Das bezog sich auf das nationale Fernsehen. Das Fenster-Programm in Mecklenburg-Vorpommern ist das meistgenutzte regionale Programm in ganz Deutschland, das freut mich sehr. Der NDR erreicht in Mecklenburg-Vorpommern gleich gute Zustimmungswerte wie in anderen Bundesländern. Wir hatten kürzlich eine Führungskräfte-Klausur, bei der wir Ost und West zum Thema gemacht haben. Die Autorin Jana Hensel war eine Referentin, eine andere war unsere Funkhausdirektorin Elke Haferburg, die aus Stralsund stammt und die Wende im Osten miterlebt hat. Unser Rundfunkrat hat eine Klausurtagung dazu gemacht. Es geht darum, Bewusstsein zu schaffen.

Wir hatten bei der "Tagesschau" Besuche von Ministerpräsidenten, auch von Reiner Haseloff, der uns kritisiert hat. Wichtig ist zuzuhören. Wir haben gemerkt, dass es Korrekturbedarf gibt. Es ist in der Tagesschau besser geworden, aber wir sind da noch nicht am Ziel. Ich war von 1991 bis 1995 beim ORB in Brandenburg, das war eine sehr prägende Zeit. Das hilft mir bis heute zu verstehen, was im Landesfunkhaus Mecklenburg-Vorpommern passiert. Ich sage immer, die Kollegen sind besonders offen für Neues. Sie haben so viele Umbrüche erlebt, dass neue Technik sie nicht schrecken kann. Das Funkhaus in Mecklenburg-Vorpommern war das erste, das einen trimedialen Ansatz hatte.

Was kann der Westen vom Osten lernen?

Marmor: Veränderungsbereitschaft. Als ich damals beim ORB war, wurden in Deutschland die Postleitzahlen umgestellt von vier auf fünf Ziffern. Das war eine Heidendebatte! Da kam ein Kollege aus Brandenburg zu mir und sagte: Was ist denn mit euch Wessis los? Ihr macht ein Theater wegen der Postleitzahlenumstellung, bei uns hat sich das komplette Leben verändert! Sie haben große Brüche bewältigt. Es gibt aber auch große Enttäuschungen. Die Industrialisierung ist ungleich verteilt. Das war in der langen Geschichte Deutschlands immer schon so, aber das ist kein Trost. Wie erleben das die Menschen? Wir versuchen, davon im Programm zu erzählen. Wir haben die Chance, das über Beiträge, die von Mecklenburg-Vorpommern ins NDR Fernsehen kommen, deutlich zu machen.

Der Medienforscher Lutz Hachmeister hat kürzlich in einem Interview den Niedergang des Politik-Journalismus in der ARD beklagt und gesagt, es gebe kaum noch profilierte Persönlichkeiten, die da herausstehen. Die "Panorama"-Moderatorin Anja Reschke hat er neben Georg Restle vom WDR als löbliche Ausnahme genannt.

Marmor: Das ist in der Politik genauso: Da wird im Rückblick beklagt, früher gab es große Heroen. Ich glaube, es ist menschlich, dass die im Rückblick etwas größer sind und man die aktuellen nicht sieht. Wir haben viele profilierte Leute. Anja Reschke ist nicht allein. Sie verkörpert das nach außen mit viel Mut, Engagement und Klugheit, aber dahinter stehen ganze Teams. Es kommen immer wieder neue Journalistinnen und Journalisten. Auch in unserem investigativen Team sind viele, die neugierig sind, die den Dingen auf den Grund gehen wollen und das können. Wir haben viele profilierte Korrespondentinnen und Korrespondenten, die Kommentare sprechen und Themen aufspüren.

Nach den Wahlen in Brandenburg und Sachsen haben sich einige Journalisten gestört an der unkritischen Befragung der AfD-Politiker in den Nachwahlsendungen im Ersten. Ich sehe da auch das Problem, dass diese Art von Berichterstattung sehr ritualisiert ist, die Zeit ist sehr knapp, jedem kann nur eine Frage gestellt werden. Macht man sich in der ARD Gedanken darüber, ob das noch zeitgemäß ist?

Marmor: Die Chefredaktionen und Programmdirektionen machen sich da sehr viele Gedanken. Das sind Live-Sendungen. Erst einmal will ich wissen, wie die Wahl ausgegangen ist. Dann will ich erste Reaktionen aller vertretenen Parteien. Der Kern der Wahlberichterstattung ist doch, die Menschen möglichst zeitnah, möglichst authentisch und live über das zu informieren, was passiert ist. Das löst die Wahlberichterstattung an dem Abend ein. Wir haben mit Jörg Schönenborn einen großartigen Präsentator, der das sehr sachlich und mit viel Ruhe erklärt. Dass in einer Live-Sendung auch manchmal Dinge nicht so sind, wie sie sein sollten, ist fast unvermeidlich.

Die Wahlsendungen werden von den Leuten nach wie vor angenommen. Die Frage ist: Gucken sie mehr ARD oder ZDF? Da gibt es einen Wettbewerb. Wir diskutieren natürlich, ob die Berliner Runde so noch Sinn macht. Dass Analysen direkt nach der Wahl nicht total tiefgreifend sein können, ist klar. Dass nicht jede Reaktion perfekt ist, kann ich verstehen. Man darf doch die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht unterschätzen! Früher war das nicht unbedingt hilfreich, wenn zum Beispiel ein Vertreter der NPD nicht angeguckt wurde. Jetzt haben wir viele Möglichkeiten, die Berichterstattung auch im Netz noch zu vertiefen und uns die einzelnen Wahlkreise anzuschauen.

Sie haben kürzlich in der Hamburger Petri-Kirche eine Predigt gehalten, in der Sie über Perspektivwechsel gesprochen haben. Mit welchem Mitarbeiter des NDR hätten Sie gern mal für einen Tag den Job getauscht, um seine Perspektive einzunehmen?

Marmor: Ich habe kürzlich eine kleine Rolle in einem "Tatort"-Dreh übernommen. Das fand ich hochinteressant! Es tut gut zu erleben, was Schauspielerinnen und Schauspieler leisten müssen. Ich hätte auch gern mal ein Fußballspiel live im Radio kommentiert. Ich hatte schon die Verwaltungsperspektive. Ich kann mir vieles vorstellen an Perspektivwechseln. Wichtig ist, sich in die Motivation von anderen hineinversetzen zu können. Gerade in Verhandlungen: Warum haben die diese Position? Wenn ich verstehe, was den anderen bewegt, ist es einfacher.

Organisieren Sie solche Perspektivwechsel auch für Mitarbeiter des NDR?

Marmor: Wir haben Job-Rotation-Programme. So sind Kolleginnen und Kollegen auch mal in der Intendanz. Es gibt auch Volontärinnen und Volontäre, die für ein paar Wochen in die Intendanz gehen, das ist eine freiwillige Station. Ich bin noch nicht ganz zufrieden mit der Nutzung. Manchmal muss man einen Tauschpartner finden. Die Erfahrung ist gut, aber es kann besser werden.

Der NDR galt früher als sehr undurchlässig. Es war schwer möglich, vom Fernsehen ins Radio zu wechseln und umgekehrt.

Marmor: Das ist durch den trimedialen Vorbereitungsprozess einfacher geworden. Das ist ein guter Effekt, aber auch das ist noch nicht am Ende. Inzwischen gehen auch Kolleginnen und Kollegen aus den Landesfunkhäusern ins Ausland. Das kann noch mehr werden. Solche Chancen muss man eröffnen.

Was geben Sie Ihrem Nachfolger an der Spitze des NDR, Joachim Knuth, mit auf den Weg?

Marmor: Joachim Knuth arbeitet schon seit vielen Jahren im NDR, er hat also unsere DNA, die heißt: Unabhängigkeit, guter, kritischer Journalismus, den Rücken gerademachen und Freiheit geben. Das sind die Hauptprinzipien. Und für mich ist bis heute das Publikum der Maßstab. Wir machen das Programm für die Menschen. Ich wünsche mir, dass das nie vergessen wird.

Was machen Sie am 13. Januar?

Marmor: Ich habe noch ein paar Reden zugesagt. Ich bin immer gern unter die Leute gegangen, habe mich gestellt und versucht, die Leute zu überzeugen. Jetzt ist Endspurt bis zum 13. Januar. Ich kann das nicht locker auslaufen lassen, ganz im Gegenteil. Da sind die Wirtschaftspläne, wir sind mitten im KEF-Verfahren, natürlich muss ich meinem Nachfolger viele Fragen beantworten, transparent sein, damit er einen guten Einstieg findet. Wir haben einen Wechsel in der Verwaltungsdirektion. Nach dem 13. Januar will ich zwei Monate lang versuchen, den Kopf klar zu kriegen, und dann will ich gern etwas Ehrenamtliches machen. Ich bin ja gebürtiger Rheinländer, die leben im Hier und Jetzt. Ich freue mich auf mehr zeitliche Freiheit.

Aus epd medien 51/52 vom 20. Dezember 2019