Was zu sehen ist

Anmerkungen zu "Wuhan - Chronik eines Ausbruchs"

Die Dokumentation "Wuhan - Chronik eines Ausbruchs" (ARD/SWR) von Tuan Lam sollte ursprünglich am 15. Juni in der Reihe "Die Story im Ersten" gezeigt werden. Am 8. Juni hatte die China-Korrespondentin der "Süddeutschen Zeitung", Lea Deuber, kritisiert, dass die Produktionsfirma Gebrüder Beetz dafür Filmmaterial des China International Communication Center (CICC), des Informationsbüros des chinesischen Staatsrates, verwendet habe. Kurzfristig nahm der SWR die Produktion der Gebrüder Beetz dann am 15. Juni aus dem Programm (epd 25/20). Begründet wurde dies damit, dass die Produktionsfirma dem SWR nicht die erforderlichen Rechte an dem verwendeten Filmmaterial des CICC einräumen könne. Manfred Riepe hat sich den Film angesehen und stellt Fragen nach der Ethik des dokumentarischen Arbeitens.

"Chinas Krisenmanagement", so das Resümee der Dokumentation "Wuhan - Chronik eines Ausbruchs", "war und ist kompromisslos. Getragen von einer Autorität, die nur in dieser Kultur und in diesem Regime möglich ist." Der Film, der ursprünglich den Titel "Inside Wuhan" trug und am 15. Juni gesendet werden sollte, wurde kurzfristig aus dem Programm genommen. Der Beitrag war noch vor der Ausstrahlung heftig kritisiert worden.

Die China-Korrespondentin der "Süddeutschen Zeitung", Lea Deuber, hatte sich in ihrer Kritik in der Ausgabe vom 8. Juni auf die Tatsache fokussiert, dass der Film, der die ersten Wochen der Pandemie in Wuhan dokumentiert, "auf Material der Propagandabehörden" zurückgegriffen habe. Mit Bezug auf die China-Expertin Mareike Ohlberg vom German Marshall Fund betonte sie, China nutze "Kooperationen wie im Fall der SWR-Dokumentation, um seine Botschaften in die Welt zu bringen". Bei diesen Botschaften handele es sich um Falschnachrichten. "Mit dem selbstgesetzten Anspruch der ARD an ihre Dokumentationen - 'Wir packen jedes Thema an'" -, so Deuber, "dürfte die Wuhan-Dokumentation daher wenig zu tun haben." Ihr Artikel endet mit dem Satz: "Wie verlässlich sind die Fakten? Für den Zuschauer wird das in dieser Dokumentation kaum zu beantworten sein."

Fremdes Rohmaterial

An Deubers Artikel fällt auf: Was genau der Film selbst zeigt - und wo genau er Falschaussagen transportiert, wird nicht ersichtlich. Gesehen hatte die Korrespondentin den Film, der akkreditierten Journalisten seit 8. Juni zur Vorab-Sichtung zur Verfügung stand, nicht. Genau dies erwähnt die Autorin in ihrem Artikel allerdings nicht. Aus diesem Grund fällt der Vorwurf, den sie an den Film und die ARD-Verantwortlichen richtet, teilweise auf sie selbst zurück.

Am Tag der geplanten Ausstrahlung schließlich teilte der SWR mit, dass die Dokumentation der Produktionsfirma Gebrüder Beetz nicht gesendet werde (epd 25/20). Der Sender begründete die Absetzung wie folgt: "Wie der SWR erst am gestrigen Sonntag erfahren hat, kann die beauftragte Produktionsfirma dem SWR nicht die erforderlichen Rechte am verwendeten Filmmaterial des China Intercontinental Communication Center (CICC) einräumen. Damit fehlt eine Grundvoraussetzung für die beim SWR gültigen journalistischen Standards für das Verwenden von fremdem Rohmaterial. Da eine einvernehmliche und für den SWR akzeptable Rechteklärung zwischen dem Produzenten und CICC leider nicht erreichbar erscheint, plant der SWR derzeit keine Ausstrahlung."

Diese Begründung ist kritisiert worden. Wäre es nicht möglich, die notwendigen Rechte an Fremdmaterial für eine Dokumentation zu sichern, stünden sämtliche Sendepläne auf tönernen Füßen. Auf die Frage, ob die Dokumentation gesendet worden wäre, wenn sie nicht vorab in der "Süddeutschen Zeitung" kritisiert worden wäre, räumte SWR-Justiziar Hermann Eicher gegenüber dem epd ein: "Das ist möglich."

Die rechtlichen Gründe, die möglicherweise zur Absetzung des Films führten, so ist zu vermuten, sind Teil eines größeren Themenkomplexes. Spekuliert wurde über ARD-interne Revierkämpfe. Auslandskorrespondenten des für das Berichterstattungsgebiet China zuständigen NDR seien in das Projekt nicht eingebunden worden. Die Qualität dieses Projekts und die Ethik des dokumentarischen Arbeitens sind allerdings unabhängig von solchen ARD-internen Querelen zu beurteilen.

Die Verantwortlichen der ARD haben den Beitrag nach der aufflammenden Diskussion intern gesichtet. Die rechtliche Problematik, so ist zu vermuten, kam ihnen dabei entgegen. Denn es handelt sich bei "Wuhan - Chronik eines Ausbruchs" um einen problematischen Beitrag.

Was genau ist in dem Film zu sehen? Und was ist nicht zu sehen? Zu Beginn heißt es, das CICC "bietet uns einen vorgeschnittenen Film mit ausgewählten Interviews an. Darin wird China als Held in der Krise gefeiert. Uns ist bewusst: CICC ist eine Unterabteilung des Informationsbüros des chinesischen Staatsrates. Wir wollen ihren Film nicht." Aber: Man sichert sich "vertraglich das gesamte Rohmaterial". Obwohl dieses Material, insgesamt 67 Stunden Film, "kein vollständiges Bild" liefere und nicht ersichtlich sei, wie die Aufnahmen zustande kamen - nicht zufällig nennt die Dokumentation im Abspann keine chinesischen Kameramänner - habe man mit diesem Fremdmaterial einen eigenen Film gestaltet. Dazu heißt es: "Wir akzeptieren eine Beratung durch das CICC." Worin genau die Beratung besteht, wird nicht geklärt.

Wie in einem Kriminalfall

Die Dokumentation, für die Tuan Lam, Producer bei Gebrüder Beetz, als Autor zeichnet, arbeitet sich an der Chronologie der in Wuhan ausgebrochenen Covid-19-Pandemie ab. Die geschilderten Ereignisse beginnen im Dezember 2019. Zhang Dingyu, Direktor des Jinyintan-Krankenhauses von Wuhan, berichtet von ersten Ausbrüchen einer rätselhaften neuen Erkrankung. Nachgezeichnet wird, wie chinesische Ärzte nach der Ursache der Krankheit und der Beschaffenheit des neuartigen Virus forschen. Dies sei wie "eine Spurensuche in einem Kriminalfall".

Behauptet wird, in der Provinz von Wuhan habe man zunächst versucht, die Epidemie herunterzuspielen. Erst die Virologin Li Lan Juan von der nationalen Gesundheitskommission habe den Ernst der Lage erkannt. Auf ihren Rat hin habe die chinesische Regierung den Lockdown angeordnet. Dies sei, so der Off-Kommentar, "eine radikale Entscheidung ohne geschichtliches Vorbild, ohne Garantie auf Erfolg".

Der im Zeitraffer dokumentierte Aufbau zweier provisorischer Krankenhäuser ist ein verblüffender Kraftakt. Man erinnert sich an die Bilder, die Anfang des Jahres auch in der "Tagesschau" zu sehen waren. Infizierte werden in sogenannten Cabin Hospitals isoliert. Die im Lockdown eingeschlossenen Menschen werden von außen mit Lebensmitteln versorgt. Alle Akteure, die im Bild zu sehen sind, tragen entweder Schutzanzüge oder Gesichtsmasken. Keinen Moment hat man als Zuschauer den Eindruck, chinesische Verantwortliche könnten die Kontrolle verloren haben.

Auffällig an dem Film ist, dass die Bilder, die beispielsweise eine Brücke im Nebel, das Häusermeer von oben oder pittoreske Straßenzüge zeigen, durchweg Hochglanzqualität haben. Man fühlt sich erinnert an Bernardo Bertoluccis Kinofilm "Der letzte Kaiser". Auch die Laborszenen wirken wie aus einem Spielfilm. "Ich kann nicht genug betonen", so der flammende Appell eines Arztes, dessen Studienkollege gerade an Covid-19 verstorben ist, "passt auf euch auf". Das Narrativ des Films entspricht der emotionalisierenden Erzählung einer Heldentat mit Reportage-Anmutung.

Propagandamaterial der Regierung

Die Off-Sprecherin weist zwar mehrfach darauf hin, dass man diesen Bildern nicht trauen dürfe. Allerdings wird die offenkundige Augenwischerei dieser Hochglanzbilder nicht mit Inserts deutlich gemacht. Eine schriftliche Kennzeichnung, dass es sich um Propagandamaterial der chinesischen Regierung handele, so die Begründung des SWR, würde "den Sehfluss" zu stark behindern. Wie problematisch dieses Argument ist, zeigt sich an einem Off-Kommentar ganz zu Beginn. "Die Einschränkung der Pressefreiheit in China", so die Sprecherin, "ist ein idealer Nährboden für die Ausbreitung der Pandemie." Nicht ausreichend thematisiert wird jedoch, inwiefern die in diesem Film selbst verwendeten Bilder auch das Produkt eben dieser Zensur sind.

Als eigenen Beitrag hat der Autor Interviews mit dem Virologen Hendrik Streeck, dem RKI-Präsidenten Lothar Wieler und dem SARS-Spezialisten Christian Drosten geführt. Ob ein Laborunfall in Wuhan die Pandemie ausgelöst haben könne? Dies, so Drosten im Film, "halte ich für sehr unwahrscheinlich". Denn: "China ist spezialisiert auf Corona-Viren. In Wuhan ist ihr Forschungszentrum." Was in der frühen Phase des Ausbruchs in Wuhan passierte, "das wäre", so Drostens Fazit, "in vielen westlichen Ländern noch viel mehr entgleist".

Isoliert betrachtet, sind die Äußerungen der Virologen wissenschaftlich seriös. Im Kontext dieses Films jedoch bekommen ihre Statements eine problematische Doppelfunktion. So spricht der Film zwar die in China eingeschränkte Pressefreiheit und auch das Trügerische der verwendeten Bilder an, gleichzeitig nutzt die Dokumentation aber die Autorität namhafter deutscher Virologen, um mit deren Statements das chinesische Narrativ der Krisenbewältigung zu untermauern. Ein Narrativ, das keine wirklich dramatischen Szenen zeigt. Tote oder Leichenwagen sind nicht zu sehen.

Dennoch sollte der Film auf jeden Fall ausgestrahlt werden. Zuschauer sollten sich selbst ein Bild machen. Der SWR ist nicht, wie in Presseberichten zu lesen war, auf chinesische Propaganda hereingefallen. Nach der Sichtung dieses Films stellt sich vielmehr die Frage nach der Ethik des dokumentarischen Arbeitens. Diese Ethik zielt darauf ab, nach Möglichkeit die Perspektive von Betroffenen einzunehmen. "Wuhan - Chronik eines Ausbruchs" widerspricht dieser Ethik. Durch die vorgegebene Perspektive des Lizenzgebers nimmt dieser Film eine Täterperspektive ein - ohne dass dies ausreichend kenntlich gemacht würde. Die in das Fremdmaterial hineinmontierten Zitate deutscher Virologen stützen das chinesische Narrativ.

Geschönte Bilder

Zu vermuten ist, dass mit den Statements die Verwendung problematischer Bilder - die nicht mit einem Insert gekennzeichnet sind - gerechtfertigt werden soll. Eine Ausstrahlung dieses Films würde die unangenehme Frage aufwerfen: Wie wirken solche in mehrfachem Sinn geschönten Bilder? Produziert man einen weniger kritischen Film, weil man sonst gar keine Bilder aus einem totalitären Staat ohne freie Meinungsäußerung zeigen könnte?

Einen ungefähren Eindruck davon, was in Wuhan tatsächlich geschah, hätte ein Filmvorhaben chinesischer Autoren vermitteln können, an dem eine deutsche Produktionsfirma beteiligt war. Das Vorhaben musste aufgegeben werden, weil der chinesische Regisseur, das Team und die Protagonisten existenziell bedroht wurden. Die Namen der Filmschaffenden können aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden. Erhalten geblieben ist ein Skript, das die Protagonisten des geplanten Films beschreibt.

In diesem Skript ist beispielsweise die Rede von Liu Zhiming: "Der Dekan des Krankenhauses von Wuhan stirbt am 18. Februar mit 50 Jahren an der Coronavirus-Infektion. Seine überlebende Frau Cai Liping, die Leiterin der Intensivstation des Optical Valley Distrikts des Wuhan Third Hospital, weint verzweifelt und läuft dem Leichenwagen hinterher, der ihren Geliebten mitnimmt. Cais Kollege filmte diese Szene mit einem Smartphone und gab sie online weiter. Dieses Video wurde tausendfach geteilt und schockierte die ganze Welt."

Aufschlussreich ist auch das Schicksal eines Geschäftsreisenden, der in Wuhan unerwartet hängengeblieben ist. Wuhan ist ein gigantischer Verkehrsknotenpunkt, an dem während des Lockdowns plötzlich Hunderttausende von Menschen festsitzen. Wie der gestrandete Geschäftsmann erhalten auch andere Menschen dort meist keine Hilfe. Der Geschäftsmann "wird in Wuhan obdachlos, weil sein Abfahrtszug acht Stunden später als die Sperrzeit abfährt. Er kauft am 23. Januar um 6 Uhr abends Zugfahrkarten, um nach Yiwu zurückzukehren. Er wollte nur für die Nacht in Wuhan bleiben. Erst als er am Bahnhof ankommt, bemerkt er, dass die Stadt seit 10 Uhr morgens abgeriegelt ist. Von der Epidemie erfährt er zum ersten Mal von Straßenhändlern, die Gesichtsmasken verkaufen."

Dramatisches Chaos

Der Film, so das Skript weiter, "handelt davon, wie die Lügen der Regierung zu einer vom Menschen verursachten Katastrophe führen. Anhand des gesamten Filmmaterials aus den offiziellen Nachrichten, einschließlich der CCTV-Nachrichten, der täglichen Pressekonferenzen der lokalen Regierung und der von der Regierung veröffentlichten Statistiken, wird das Publikum sehen, wie ein dramatisches Chaos, das von den unterwürfig abhängigen Regierungsbeamten verursacht wurde, zu einem viel zu langsamen und verspäteten Krisenmanagement geführt hat."

"Chinas Krisenmanagement", so das Resümee der Dokumentation "Wuhan - Chronik eines Ausbruchs" dagegen, "war und ist kompromisslos. Getragen von einer Autorität, die nur in dieser Kultur und in diesem Regime möglich ist". Vor dem Hintergrund des anderen Projekts erscheint die programmatische Aussage in der SWR-Dokumentation in einem etwas anderen Licht.

Aus epd medien 26/20 vom 26. Juni 2020

Manfred Riepe