Was darf Satire?

Der Antisemitismus-Vorwurf gegen Lisa Eckhart
Frankfurt a.M. (epd)

Wieder einmal hat ein vom WDR veröffentlichtes Satire-Video eine öffentliche Debatte ausgelöst. Diesmal ging es um einen Auftritt der Kabarettistin Lisa Eckhart in den "Mitternachtsspitzen" aus dem Jahr 2018, der kürzlich aus welchem Grund auch immer welchem Journalisten auch immer bei Facebook in die Timeline gespült wurde. Die "Jüdische Allgemeine" erkannte hier sofort "Judenhass unter dem Deckmantel der Satire", weitere Kommentatorinnen folgten dieser Interpretation (epd 19/20). Elisa Makowski hat sich den Auftritt angeschaut und schreibt über die Deutungsräume, die Eckharts Satire eröffnet.

"Aber am meisten enttäuscht es von den Juden: Da haben wir immer gegen diesen dummen Vorwurf gewettert, denen ginge es nur ums Geld, und jetzt plötzlich kommt heraus, denen geht's wirklich nicht ums Geld, denen geht's um die Weiber und deswegen brauchen sie das Geld." Dieses Zitat stammt nicht etwa aus einer Neuauflage des "Stürmers", was man hätte denken können, wenn man die vielen kürzlich veröffentlichten Kommentare von Journalisten und Autorinnen zur oben genannten Passage liest. Das Zitat stammt aus dem Bühnenprogramm "Die heilige Kuh hat BSE" der österreichischen Kabarettistin Lisa Eckhart.

Eckhart steht derzeit wegen einem Fernsehauftritt von 2018 in der WDR-Sendung "Mitternachtsspitzen" heftig in der Kritik. Lange her, könnte man meinen, nicht mehr aktuell. Doch erst jetzt bekommt das Video die Aufmerksamkeit, die es auch verdient hat. Allerdings mit umgekehrten Vorzeichen.

Kalkulierter Tabubruch

Man könnte diesen Auftritt Eckharts als zynische Kritik an der "#MeToo"-Bewegung verstehen, an einem intellektuellen linksliberalen Milieu, das Satire immer nur als Bestätigung seines Lebensstils konsumiert und sich von solchen Aussagen provoziert fühlt. Man könnte die Pointen Eckharts diskutieren, sie an ihrem künstlerischen Anspruch messen und gegebenenfalls demontieren. Stattdessen unterstellen ihr die Kommentatoren einen kalkulierten Tabubruch, mit dem sie rassistische und antisemitische Aussagen salonfähig machen wolle.

Ein Blick in die deutsche Presse veranschaulicht, wie einfach man es sich dabei gemacht hat: In der "Frankfurter Allgemeinen" (FAZ) heißt es bezogen auf die oben genannte Stelle: "Es folgt eine fröhliche Reproduktionsarie diverser Vorurteile, die seit Jahrhunderten gegen Juden gehegt werden." Oder, in einem anderen FAZ-Artikel: "Dass die elegant auftretende Kabarettistin mit solchen Sätzen Vorurteile entlarvt und nicht nur ausstellt, darf man durchaus bezweifeln."

Auf "Spiegel.de" liest man schon im Teaser die Vorverurteilung: "In ihrem Programm reproduziert die Komödiantin Lisa Eckhart das antisemitische Klischee des geldgierigen Juden." Auch "Die Zeit" sieht das ähnlich: "Diese Grenzverletzungen fördern keinerlei Erkenntnis, demaskieren weder Macht noch kulturelle Vorurteile, reproduzieren sie vielmehr." Auf "rnd.de" schließlich heißt es: "Um ein Haar hätte der antisemitische Quatsch, den Lisa Eckhart 2018 auf einer Kabarettbühne des WDR absonderte, nie das Licht der breiten Öffentlichkeit erblickt."

Einigkeit besteht durchweg in der Einschätzung, die in dem ein oder anderen Artikel auch mal ganz ohne Argumente auskommt: Eckharts Witze sind keine, sondern bedienen Ressentiments übelster Sorte - gegen Juden und Schwarze, gegen Frauen, gegen Trans-Geschlechtlichkeit.

Kritik an Eckhart kam auch von zivilgesellschaftlicher Seite: In der "Jüdischen Allgemeinen" verurteilte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, die Aussagen von Eckhart als "geschmacklos und kritikwürdig". Volker Beck, früherer Bundestagsabgeordneter der Grünen, der in dieser Funktion von 2013 bis 2017 die deutsch-israelische Parlamentariergruppe leitete, legte nach Angaben der Wochenzeitung Programmbeschwerde ein. Und der Bürgermeister von Frankfurt, CDU-Politiker und Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Uwe Becker, forderte gar, dass der WDR das Video aus der Mediathek nehmen sollte: "Die Freiheit der Kunst und Meinungsfreiheit rechtfertigen keine Gewissenlosigkeit. Ob getanzt, gesungen oder parodiert, die Verbreitung judenfeindlicher Stereotype ist und bleibt Antisemitismus."

Weil zur Aufklärung über Antisemitismus natürlich auch die judenfeindlichen Stereotype klar benannt werden müssen, könnte man eine solch substanzlose Kritik nicht weiter ernst nehmen. Schließlich steht dem gegenüber eine gefeierte Kabarettistin, die in den vergangenen Jahren viele Preise für ihre Bühnenprogramme erhalten hat. Doch so einfach ist es nicht: Steht er einmal im Raum, wiegt der Vorwurf des Antisemitismus schwer. Und das ist auch gut so, die deutsche Gesellschaft braucht sensible Antennen für alte und neue Formen des Judenhasses. Doch was sind die Argumente für diesen Vorwurf? Eckhart, so ist man sich einig, reproduziere Vorurteile und breche Tabus nur um der Aufmerksamkeit willen.

Verlogene Debatten

Ist das also schon Antisemitismus oder noch Satire? Um sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, reicht es nicht, zwei, drei Sätze aus den "Mitternachtsspitzen" zu picken und sie dekontextualisiert zu zitieren. Wie geht die oben angerissene Passage also weiter? "Da haben wir unsere Schützlinge endlich aus den Fängen der Rechten befreit und dann tun sie sowas! Untereinander. Was ist denn das für ein sittlicher Inzest, wenn sich ein Opfer an einem Opfer vergreift? Da kennt sich ja kein Mensch mehr aus", heißt es da weiter.

Schaut man sich also nicht nur das Zitat an, sondern auch den Kontext und zitiert demnach nicht sinnentstellend, könnte man zu einer anderen, legitimen Interpretation kommen: Dass Eckhart gar nicht über Juden sprechen wollte, sondern über die Verlogenheit gesellschaftlicher Debatten.

Eine naheliegende Deutung der Passage könnte also sein: Juden sind nämlich (besonders) in Deutschland so lange gern gesehene Gäste in Talkshows und Interviews, solange sie über den Holocaust sprechen und in der Opferrolle verbleiben, die man ihnen zuweist. Verlassen sie aber ihre sakrosankte Rolle, leisten sich Fehltritte und begehen Verbrechen - wie andere auch -, ist die Empörung groß, die Häme lässt nicht lange auf sich warten und die Doppelmoral treibt seltsame Blüten. Bei näherem Hinsehen könnte man also zu dem Schluss kommen, dass die Kabarettistin die reflexhafte Haltung vieler gegenüber Juden entlarvt.

Der zweite Vorwurf ist der des Tabubruchs. Die Argumentation ist nicht neu: Es gebe eine rote Linie für das Sagbare in der öffentlichen Diskussion und eine wachsame Gesellschaft müsste dafür sorgen, dass diese Grenze nicht überschritten werde. Dem liegt ein sehr enger Begriff von Sprache und Denken zugrunde, so als führten Signalwörter ganz automatisch zu menschenfeindlichen Taten. Am Ende dieses Gedankens steht ein sehr beschränkter Begriff von Satire.

Dazu lohnt ein Blick zurück, hin zu einem der Besten, den das deutsche Kabarett hervorgebracht hat. Ist "Mai Ling", eines der bekanntesten Stücke von Gerhard Polt, dann nicht auch rassistisch, weil es Stereotype über Asiatinnen reproduziert? In selbstsicherer Manier eines mittelständischen, mittelalten, weißen Mannes sitzt Polt in seinem Sketch von 1979 neben einer Asiatin, von der er behauptet, sie kürzlich aus einem Katalog bestellt zu haben. Er sagt Sätze wie: "Sie ist auch sehr sauber, sie schmutzt nicht, wie der Asiate an und für sich überhaupt nicht schmutzt." Und später: "Sie ist ein bisserl gelb, das weiß man ja vom Asiaten, aber sie ist schon ein bisserl sehr gelb ausgefallen, obwohl ich finde, sie passt hier sehr gut rein."

Legitimes Stilmittel

In knapp zehn Minuten reiht sich so ein brutales Klischee ans andere - bis zur Schmerzgrenze. Bei Live-Auftritten lacht das Publikum trotzdem. Hat es sich also gemein gemacht mit den menschenfeindlichen Aussagen der Kunstfigur? Wohl kaum. Eher ist es Entlastungslachen. Die Überaffirmation ist ein legitimes Stilmittel der Satire, weil sich erst durch die Übertreibung das Publikum seiner Ressentiments bewusst wird und im besten Fall erschreckt über sich selbst lacht. Genau darin liegt ja die oftmals im Kabarett und in der Satire beschworene Katharsis.

Auch das Publikum bei Eckhart lacht. Zwar verhalten, aber es lacht. Dieses Publikum wird in der "Zeit" dafür abgestraft: "Komisch finden kann das nur ein verklemmtes Publikum, das denkt: Hihi, darüber macht man doch keine Witze. Dieses verklemmte Publikum gibt es natürlich, und wer gelernt hat, seinen Erfolg in Applaus und Aufmerksamkeit zu messen, findet hier gewiss dankbare Goutanten von Gratismut."

Ob Eckharts Stücke antisemitische Untertöne haben oder nicht - das ist eine Interpretations- und Diskussionsfrage, das kann nicht einfach so in einem launigen Artikel beantwortet werden. Die Stärke ihrer Arbeit ist das permanente Spiel mit der Ambivalenz, es eröffnet einen Deutungsspielraum. Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Herausforderung misslingen kann. Eine angemessene Kritik an Eckharts Bühnenprogramm würde die Satirikerin also immanent an ihrem eigenen Anspruch messen.

Auffällige Erscheinung

Stattdessen steht bevorzugt Eckharts Aussehen im Fokus. Das manierierte, unterkühlte Auftreten der Kunstfigur "Lisa Eckhart" scheint die Kommentatoren zu beschäftigen. Das fordert Eckhart mit ihrem exzentrischen Style ja auch heraus. Doch der missgünstige Unterton überrascht und die Kunstfigur wird allzu oft gleichgesetzt mit der Person "Lisa Eckhart".

Von einer "lasziven Pose" ("Jüdische Allgemeine") Eckharts ist da die Rede. Und die FAZ widmet dem Thema einen ganzen Absatz: "Außerdem ist sie auf der Bühne eine ziemlich auffällige Erscheinung mit platinblondem bis grau gefärbtem, zu Betonwellen fixiertem Haar, starkem, perfekt aufgemaltem Make-up und knapper, etwas zu ostentativ extravaganter Kleidung. Der Autor der österreichischen Tageszeitung 'Der Standard' leitete ein Porträt über Eckhart mit einer ausführlichen Beschreibung der textilen Gegebenheiten ein, unter ebenfalls sorgfältiger Betrachtung der unverdeckten Teile, und das sind etliche." Und in der "taz" steht: "Ich spreche nicht nur von ihrem Look – irgendwo zwischen Versace for H&M und Hetera, die die Garderobe ihrer lesbischen Mitbewohnerin kopiert."

Was diese - sexistischen - Ausführungen mit einer Kritik an Eckharts Bühnenprogramm zu tun haben, erschließt sich freilich nicht. Eckhart ist unsympathisch, wollen diese Beschreibungen eigentlich sagen, eine Frau nämlich, die mit ihren Reizen spielt und sich damit anbiedert an ihr Herrenstammtisch-Publikum. So geht die Demontage einer in der Öffentlichkeit stehenden selbstbewussten Frau. Argumente? Inhaltliche Kritik? Fehlanzeige.

Zwar verteidigt der WDR die Kabarettistin gegen den Vorwurf des Antisemitismus und Rassismus und hat auch das besagte Video nicht gelöscht. Am 5. Mai teilte der Sender auf Anfrage des epd mit: "Die Künstlerin hatte ein hochaktuelles, für Satire naheliegendes Thema gewählt und dabei Vorurteile gegenüber Juden, People of Color, Homosexuellen, Transgendern und Menschen mit Behinderungen aufgegriffen, um genau diese Vorurteile schonungslos zu entlarven." Der Sender setze sich seit Jahrzehnten im Programm und als Organisation für Meinungsvielfalt und Zusammenhalt in der Gesellschaft ein wie kaum ein anderes Medium und stehe zugleich zur "Satirefreiheit als essenziellem Teil der Meinungsfreiheit".

Diese Verteidigung des WDR entbehrt nicht einer gewissen Komik, denn mit der "Satirefreiheit" nahm es der Sender Ende Dezember 2019 nicht so genau. Damals hatte ein Kinderlied über eine alte Oma, die angeblich eine "Umweltsau" ist, eine heftige Kontroverse ausgelöst, an deren Ende der WDR vor zu viel Kritik an der Freiheit der Kunst einknickte. Auch hier war ein satirisches Lied aus dem Zusammenhang gerissen worden, in dem es ursprünglich präsentiert worden war. Dass ausgerechnet der WDR vor diesem Hintergrund nun auf einmal die Kunstfreiheit hochhält, kann für die Kabarettistin Eckhart nur ein schwacher Trost sein (epd 1-2, 3, 4/20).

Aus epd medien 20/20 vom 15. Mai 2020

Elisa Makowski