Von Wittgenstein zu Blackrock

25 Jahre "Kulturzeit" bei 3sat

epd Die "Kulturzeit" bei 3sat ist das einzige werktägliche Kulturmagazin im deutschsprachigen Raum. Die Sendung bietet Hintergründe zu den Themen des Tages und Kulturnews aus Deutschland, der Schweiz und Österreich. Das Magazin entsteht in Kooperation von ARD, ORF, SRF und ZDF. Am 2. Oktober feiert 3sat das 25-jährige Bestehen der Sendung. In einem "Kulturzeit extra: Zeitenwende" beleuchtet die Redaktion besehende Konflikte rund um den Globus und fragt, ob wir vor einer Zeitenwende stehen. Am 17. Oktober sendet 3sat die Show "Happy Birthday, Kulturzeit".

"Premiere heute, zum ersten Mal Kulturzeit. Guten Abend, meine Damen und Herren. Zeit für Kultur. Wir sind da, ohne Reklame, mit News und Hintergründen. Kultur und Zeit im umfassenden Sinn: Was ist, was war und was wird." So begrüßte der jugendlich wirkende Moderator Gert Scobel am 2. Oktober 1995 diejenigen, die die neue Kultursendung auf 3sat eingeschaltet hatten. Ein werktägliches Kulturmagazin mit aktuellen Berichten zu Theater, Kunst, Literatur, wie das Feuilleton einer Tageszeitung - das gab es damals im Fernsehen noch nicht. Die "Kulturzeit" war daher eine echte Programm-Innovation. Der Kulturbegriff dieser neuen Sendung, schrieb vor 25 Jahren der Fernsehkritiker Fritz Wolf in epd/Kirche und Rundfunk, "ist so hoch wie breit wie lang, dehnbar wie ein Hosenträger, aber offenbar auch wiederum nicht beliebig" (epd 81/95).

Den breiten Kulturbegriff hat sich die "Kulturzeit" erhalten. Immer wieder geht es in dieser Sendung darum, dem nachzuspüren, wie sich politische und wirtschaftliche Entwicklungen auf das kulturelle Leben und die Meinungsfreiheit auswirken. So beschäftigte sich eine Sendung im September nicht nur mit der Lage der Schriftsteller in Belarus, sie schaute auch auf Ungarn, wo die Regierung nicht nur die Freiheit der Lehre an den Universitäten einschränkt, sondern auch Kultur und Medien auf Linie bringt, indem sie missliebigen Projekten das Geld entzieht und wichtige Positionen mit Männern besetzt, die die Regierungspolitik unterstützen.

Der Investmentriese Blackrock, der in aller Welt in wichtige Unternehmen investiert und massives Lobbying betreibt, kann ebenso zum Thema der Sendung werden wie der Philosoph Wittgenstein oder eine Ausstellung zu den Germanen in Berlin. Zu Beginn der Corona-Krise, als die Beschränkungen des öffentlichen Lebens dazu führten, dass Konzerte und Theateraufführungen abgesagt wurden, Kinos und Museen schließen mussten, habe die Redaktion nur kurz überlegt, ob es überhaupt noch genug Stoff für die Sendung geben würde, sagt Moderatorin Cécile Schortmann. Doch schnell habe sich gezeigt, "dass wir immer relevanter wurden. Wir waren mittendrin, das tut der ‚Kulturzeit’ gut."

Und natürlich hat sich die "Kulturzeit" seit März immer wieder mit der Situation der Künstler in der Corona-Krise beschäftigt. Als der Konzertveranstalter Marek Lieberberg am 20. April in der Sendung sagte, "die Branche liegt in Trümmern", wurde dieses Zitat in Hunderten Artikeln verbreitet. Mit "Krisen-Vitaminen" und einem "Philosophischen Corona-Tagebuch" versuchte die "Kulturzeit", gegen die Krisenstimmung anzusenden.

Nach wie vor haben die Clubs und Musikveranstalter am stärksten unter den strengen Corona-Regeln zu leiden. Daher begleitet die "Kulturzeit" aufmerksam die Versuche, Veranstaltungen wie das "Hamburger Reeperbahnfestival" unter Corona-Bedingungen wieder stattfinden zu lassen. Alexander Schulz, der Gründer des Reeperbahnfestivals, sagte im Gespräch mit Moderator Peter Schneeberger: "Wenn wir hier beweisen, da geht was, können wir vielleicht auf eine Korrektur der Regelungen einwirken."

Interessant war auch ein Beitrag darüber, wie es dem Opernhaus Zürich mittels ausgeklügelter Klangtechnik gelingt, das Problem mit den Aerosolen zu lösen. Ausgerechnet die Oper "Boris Godunow" hatte am 20. September in Zürich Premiere, eine Oper mit einem großen Choreinsatz. Orchester und Chor spielten daher live, aber räumlich getrennt von den Sängern auf der Bühne, und Cheftonmeister Oleg Surgutschow sorgte dafür, dass es sich für das Publikum so anhörte, als säße das Orchester wie üblich im Orchestergraben und der Chor stünde auf der Bühne. Die "Kulturzeit" lobte die "perfekte Illusion", die in Zürich gelungen sei.

Die Formel der Kultursendung, "Drei Länder, vier Sender", funktioniert. Österreichische Philosophen, Zürcher Opernaufführungen, Hamburger Clubkultur - die reiche Kultur im deutschen Sprachraum wird in diesem Fernsehfeuilleton gut abgebildet. Die Redaktion wird geleitet von einer Doppelspitze aus ARD und ZDF, Anja Fix und Monika Sandhack sind die beiden Redaktionsleiterinnen. Für die tägliche Sendung arbeiten rund 15 Personen. Täglich wird in der Redaktionskonferenz nach Basel und Wien geschaltet, wo die Redaktionen der Partnersender SRF und ORF sitzen. Und wer die Sendung schaut, hat den Eindruck, dass diese Diskussionen sehr fruchtbar sein müssen, weil sie den Blick weiten.

Die Moderatorinnen und der Moderator wechseln sich wöchentlich ab, auch sie repräsentieren die drei Länder und vier Sender: Cécile Schortmann ist die ARD-Frau im Team, Peter Schneeberger kommt vom ORF, Nina Mavis Brunner vertritt den SRF und Vivian Perkovic das ZDF.

Im Laufe der Jahre wurde die "Kulturzeit" immer wieder behutsam modernisiert. Akustische und optische Sperenzchen, die die Sendung am Anfang etwas anstrengend machten, wurden zum Glück aufgegeben. Doch immer noch hat die Sendung den Anspruch, jung zu sein, das sieht man nicht zuletzt an den Moderatorinnen und Moderatoren. Gert Scobel, der damals die erste Sendung moderierte, sprang 25 Jahre später in der Corona-Krise erneut als Moderator ein, als die Moderatorin aus der Schweiz nicht mehr nach Deutschland einreisen durfte - und er stellte fest, die Sendung fühle sich "immer noch jung an". Er bringt das Erfolgsrezept der Sendung auf die Formel "Unterhaltung mit Erkenntnisgewinn".

Die Sendung erreicht ein treues und immer größer werdendes Fanpublikum. Waren es im ersten Jahr im Schnitt 80.000 Zuschauer und ein Marktanteil von 0,3 Prozent, so kam die "Kulturzeit" 2019 auf 190.000 Zuschauer täglich und einen Marktanteil von 0,8 Prozent. In den ersten acht Monaten dieses Jahres legte die Sendung noch einmal kräftig zu und erreichte 230.000 Zuschauer und einen Marktanteil von 0,9 Prozent. Manches Zeitungsfeuilleton wäre froh, wenn es so viele Leser und Leserinnen hätte.

Viel wichtiger als solche Zahlen sind aber Statements wie dieses von Doris Dörrie, das sich im Presseheft findet: "Von Montag bis Freitag lege ich pünktlich um 19.20 Uhr die Füße hoch, mein Arbeitstag wird durch die ‚Kulturzeit’ beendet und belohnt, jeden Abend wieder werde ich zuverlässig inspiriert und informiert, manchmal herausgefordert, immer unterhalten."

Und wichtig waren natürlich auch Preise wie der Deutsche Fernsehpreis, den die "Kulturzeit" 1999 erhielt - als "beste Informationssendung". Und in der Tat, die "Kulturzeit" zwischen den "Heute"-Nachrichten im Zweiten und der "Tageschau" ist häufig die interessantere Nachrichtensendung, weil sie längere Berichte und damit mehr Hintergründe bringt, weil sie sich nicht auf die Debatten des Tages fokussiert, sondern das aktuelle Geschehen noch einmal anders einordnet. Die Redaktion bringt Kultur in den Alltag und schaut genau hin, wo uns im Alltag Kultur begegnet. Und wer Kultur für unpolitisch hält, wird hier eines Besseren belehrt.

Der Fernsehkritiker Wolf schrieb zum Start der "Kulturzeit", die Sendung habe wie das Fernsehen überhaupt einen blinden Fleck, sie lasse das eigene Medium außen vor und reflektiere die eigene Rolle nicht. Inzwischen berichtet die Sendung gelegentlich auch über Fernsehsendungen wie die Dokumentation "Lost in DDR" von Stefan Danziger, die am 26. September bei 3sat gesendet wurde - am Vortag gab es in der "Kulturzeit" eine Art Kurzversion der Doku zu sehen. Aber diese Art von Programmhinweisen, die leider auch in anderen Kulturmagazinen im Fernsehen überhandnimmt, ist damit nicht gemeint. Wünschenswert wäre eine nicht nur punktuelle, sondern kontinuierliche Reflexion darüber, wie das Fernsehen, wie die Medien Kultur und Gesellschaft prägen.

Kultur mit großem K

Wenn es stimmt, was die Medienforschung uns erzählt, dass jeder von uns mehr als sieben Stunden am Tag Medien nutzt, dass Medien also für uns fast so allgegenwärtig sind wie die Luft, die wir atmen, wäre es wichtig, häufiger darüber nachzudenken, wie diese Medien die Gesellschaft formen. Schon lange wissen wir, dass diejenigen, die vor der Kamera gut performen, größere Chancen haben, gewählt zu werden. Aber wie haben die politischen TV-Talkshows die politische Diskussionskultur verändert? Sind sie nicht mit für die Polarisierung der Gesellschaft verantwortlich, weil es in ihnen eben nicht um das gute Gespräch geht, sondern eher um den medienwirksamen Streit? Welche Auswirkungen hat die Vermischung von privatem und öffentlichem Gespräch in den sozialen Netzwerken auf unsere privaten Beziehungen und unser öffentliches Auftreten? Gerade weil die Redaktion konsequent Politik, Gesellschaft und Kultur zusammen sieht und reflektiert, würde man sich diese Themen durchaus häufiger in der Sendung wünschen.

Und noch etwas sollte die Redaktion überdenken: Auch in der "Kulturzeit" werden leider noch viele Beiträge von den Sprechern und Sprecherinnen gesprochen, die so häufig in den Kulturmagazinen eingesetzt werden. Es sind ohne Zweifel hervorragende Sprecher, doch ihr Duktus vermittelt immer Distanz und flößt Respekt ein: Die Zuschauerin merkt, hier geht es um Kultur mit sehr groß geschriebenem K. Wie viel persönlicher die Beiträge werden, wenn sie von den Machern selbst gesprochen werden, und wie erfrischend das sein kann, war kürzlich ausgerechnet bei dem Beitrag zu "Lost in DDR" zu bemerken: "Det Dach öffnet sich im James-Bond-Style", berlinerte Stefan Danziger. So kommt Kulturberichterstattung dem Publikum sehr viel näher und löst den Anspruch ein, Kultur für alle zu bieten.

Aus epd medien 40/20 vom 2. Oktober 2020

Diemut Roether