Verhüllende Enthüllung

Die Inszenierung des Falls Abich

Eine Veröffentlichung in der „Zeit“ zur Rolle des einstigen ARD-Programmdirektors Hans Abich (1918-2003) im Nationalsozialismus ist in der Fernsehbranche mit Verblüffung aufgenommen worden. Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste (DADK), die seit 2004 den Ehrenpreis des Fernsehfilm-Festivals Baden-Baden als „Hans-Abich-Preis“ vergibt, reagierte rasch: Sie werde die Ehrung in diesem Jahr nicht als „Hans-Abich-Preis“ verleihen, teilte sie am 12. November mit (vgl. Meldung in dieser Ausgabe). Die Akademie habe die am 11. November in der „Zeit“ veröffentlichten Recherchen über Abich „mit Überraschung und Betroffenheit zur Kenntnis genommen“. Sie werde die Rechercheergebnisse überprüfen und aufarbeiten. Uwe Kammann, ehemaliger Direktor des Grimme-Instituts und ehemaliger verantwortlicher Redakteur von epd medien, plädiert in diesem Beitrag dafür, sich gründlich mit Abichs Wirken im Nationalsozialismus zu beschäftigen, dabei seine Verdienste um das Fernsehen der Nachkriegszeit aber nicht unter den Tisch fallen zu lassen.

epd Im Januar 2020 hatte die „Zeit“-Redakteurin Katja Nicodemus unmittelbaren Erfolg mit ihrem Beitrag zu den Verstrickungen des einstigen Berlinale-Leiters Alfred Bauer in der Nazizeit. Einige Monate später enthüllte Armin Jäger in der „Welt am Sonntag“ Unbekanntes über die Vergangenheit des Filmproduzenten Ludwig („Luggi“) Waldleitner, nach dem ein Preis benannt war, der beim Festival der Filmhochschulen vergeben wurde. Die Namen Alfred Bauer und Ludwig Waldleitner wurden als Galionsfiguren für Ehrenpreise getilgt. 25 Jahre Berlinale-Leitung und lange, äußerlich erfolgreiche Produzentenpraxis waren kein Gegengewicht der Zeit vor 1945. Beschönigen und Vertuschen wogen ebenfalls schwer.

Nun hat sich die „Zeit“ ein weiteres Mal einer Person mit bedeutender Funktion und Reputation in der Nachkriegszeit angenommen, um sie harsch abzuurteilen: Hans Abich. „Von der HJ in den TV-Olymp“ ist in knalliger Verknappung ein langer Artikel überschrieben, in dem der freie Autor Armin Jäger ein Bild zeichnet, das den - über ein strahlendes Porträtfoto präsenten - Medienmenschen mit seinen über sechs Jahrzehnte reichenden Film- und Fernsehaktivitäten als emporstrebenden Karrieristen aus dem dunklen Keller der Nazizeit ans entlarvende Licht des Heute zu holen sucht.

Anregender Mediengeist

Viele, die den 2003 verstorbenen Hans Abich kannten, rieben sich verwundert die Augen, waren irritiert, betroffen, vielleicht sogar schockiert. Er sollte umstandslos, in geschickter Verschleierung, aus praktizierter Nazi-Ideologie in die unmittelbare Nachkriegszeit gesprungen sein, um dort mit Hilfe alter Verbindungen einen bevorzugten Platz als Filmproduzent zu beanspruchen und zu finden, dann dieselbe Erfolgsspur auch als Rundfunkmann aufzunehmen - erst als Programmdirektor und dann als Intendant von Radio Bremen: schließlich, letzte Station seines institutionellen Berufslebens, für fünf Jahre (1973 bis 1978) als Programmdirektor der ARD. Ein Posten übrigens, der nicht unbedingt olympisch ist. „König Ohneland“ wird intern gespottet - eine Beschreibung der föderalen Interessengegensätze, denen Abich in brillanter Moderation aber eine gemeinsame Linie abtrotzte.

Das, was viele Begleiter, Beobachter in den Nachkriegs-Jahrzehnten beim Namen Abich als in jeglicher Hinsicht prägend empfunden haben - im Wollen, im Anspruch, im Handeln, im Beflügeln -, hatte viel mit seinem lebendigen, offenen, anregenden Mediengeist zu tun, der jederzeit auch ein Freigeist war, getragen von sprachlichen Zauberflügeln. In all dem steckte, das war immer zu spüren, ein ungewöhnlicher, ein ertragreicher Beitrag zur zunehmenden Zivilität der Bundesrepublik.

Diese Verdienste (es kommt ja über individuelle Engagements vieles hinzu) sollen, von gestern auf heute, als tiefdunkler Schatten auf moralisch morschem Vorkriegsboden stehen? Und der Übergangsweg soll ohne sichtbare Läuterung, ohne Erklärung, ohne Offenbarung passiert worden sein? In Jägers Beitrag für die „Zeit“ jedenfalls schrumpft dieses spätere Lebenswerk des 1918 geborenen Abich zusammen auf den Titel „Voltaire der ARD“ (süffisant stigmatisiert als stereotype Abschreibe-Ehrung in etlichen Nachrufen).

Der Zeitpunkt für diesen publizistischen Akt der Entzauberung war geschickt und effektvoll gewählt, nicht anders als 2020 bei der Bauer-Enthüllung unmittelbar vor der Berlinale. Denn am 22. November beginnt das Fernsehfilm-Festival Baden-Baden der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste. Das ist ein in der Branche hoch angesehenes Unternehmen, das Hans Abich in den 80er Jahren mit passioniertem Einsatz auf den Weg brachte und das 1989 als Baden-Badener Tage des Fernsehspiels seine Premiere hatte. Zur Konzeption gehörte schon damals ein innovativer, ungewöhnlicher Rahmen für den Fernseh-Qualitätsdiskurs, weil die Jury öffentlich tagt und diskutiert, unter Beteiligung der Macher und des Publikums.

Schon die Gründungsenergie - befeuert und mitgetragen durch ein kleines Team - war beträchtlich und bewundernswert. Ebenso beeindruckend war, wie Abich in den Anfangsjahren als Präsident die wechselnde Jury zusammenstellte und moderierte. Beispielsweise berief er schon unmittelbar nach der Wende die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley in den kleinen Kreis.

Sein Einsatz, sein Wirken, seine befeuernde Kraft wurden dann, nach seinem Tod 2003, durch die Akademie mit einem speziellen, unbedingt auch programmatisch zu verstehenden Akt gewürdigt: durch die Stiftung und Vergabe des Hans-Abich-Preises für herausragende Verdienste im Fernsehfilm - mit einer inzwischen illustren Reihe von Preisträgern.

Vielfach bewundert

Damit ist es, zumindest vorerst, vorbei. Denn schon einen Tag nach der „Zeit“-Veröffentlichung trennte sich die Akademie vom Namenspatron, um, wie es in einer Stellungnahme heißt, die Rechercheergebnisse zu prüfen und aufzuarbeiten. „In Anbetracht der Sachlage“ wurde der Preis flugs umgetauft: in „Ehrenpreis für herausragende Leistungen“.

Ist diese postwendende Reaktion geboten, zwangsläufig, vielleicht unumkehrbar? Eine Reaktion übrigens, deren Schnelligkeit selbst den Autor des „Zeit“-Artikels „überrascht“ hat? Ist tatsächlich völlig neu, in jeder Hinsicht und in allen Aspekten unbekannt, was jetzt als Enthüllung präsentiert wird?

Alle Gremien, alle Weggefährten sollen sich in den Charaktereigenschaften Abichs gründlich getäuscht haben, der nicht nur in seiner ersten Nachkriegszeit als Filmproduzent mit Vorlieben für klassisch-ironische Stoffe, sondern speziell in seinen Rundfunkjahren rundum geachtet, vielfach auch bewundert, oft sogar verehrt wurde?

Offenkundig soll nun nur eine Lesart gelten. Danach trat Abich, Jahrgang 1918, nicht nur als 15-jähriger sofort in die Hitlerjugend ein, sondern er hat in den folgenden, ja immer noch sehr jungen Lebensjahren ganz gezielt in verschiedenen Funktionen für Nazi-Organisationseinheiten gearbeitet, deren inhaltlicher Kern durch Gesinnung und Propaganda bestimmt war - inklusive der Publikationen „Geist der Zeit“ und „Sieg der Idee“ (von Jäger gekennzeichnet als „publizistische Selbsthilfegruppe für intellektuelle Nazis während eines ungünstig verlaufenden Krieges“). Als nur vordergründig entlastend wird ein späterer Schlüsselsatz Abichs angeführt, er habe sich nach den Novemberpogromen („Reichskristallnacht“) „innerlich“ von der vorher vorbehaltlos geteilten Nazi-Ideologie getrennt.

„Hohle Phrasen“

Dass es diese Stationen und Funktionen in der Jugendzeit von Abich gab, ist allerdings im Grundzug nicht neu. Denn der Kommunikationswissenschaftler Lutz Hachmeister, spezialisiert auf Mediengeschichte, veröffentlichte 1998 im C.H.Beck-Verlag seine Habilitationsschrift unter dem Titel „Die Karriere des SS-Führers Franz Alfred Six“. Darin werden auch Laufbahn und Rolle Abichs beschrieben, der an der vom Großideologen Six gegründeten „Auslandswissenschaftlichen Fakultät“ in Berlin studentischer Fachgruppenleiter wurde und dem Institut verbunden blieb.

Zitate von Abich-Artikeln aus den „Nachrichten des Auslandswissenschaftlichen Instituts“, zu finden in der Dissertation „’Politische Wissenschaft’ im Zweiten Weltkrieg“ von Gideon Botsch, beurteilt Hachmeister als Zeugnisse und Belege einer „moderaten nationalsozialistischen Einstellung“, formal geprägt durch „hohle Phrasen“. Diese Passagen scheinen zur Jahrtausendwende viele überlesen zu haben. Oder sie erschienen angesichts der persönlichen Präsenz als nicht relevant.

Im Zuge der Vorbereitung seiner Arbeit, sagt Hachmeister, habe er 1990 mit Abich ein gut einstündiges Interview geführt. Der habe dabei über seine Karriere in der NS-Zeit nicht reden wollen oder können. „Er hat irgendwie versucht, das zu umgehen“, sagt Hachmeister. Eine Erfahrung, die sich mit einer These des 1926 geborenen Philosophen Hermann Lübbes verknüpfen lasse, nach der dieses „Beschweigen“ „heilsam“ gewesen sei für die bundesdeutsche Gesellschaft nach 1945.

Einen solchen Gedanken kann Armin Jäger überhaupt nicht teilen. „Natürlich kann es Brüche in einer Biografie geben“, so erläutert der Anfangsvierziger sein Engagement in dieser Sache, die er durch immer noch in die Gegenwart reichende lange Schatten und filmhistorisches Desinteresse geprägt sieht. Wesentlich bestimmend für die Beurteilung sei eine fehlende Scham. Auch Abich habe, wie viele andere, sofort wieder an die Spitze gewollt, habe es als Produzent mit seiner Filmaufbau GmbH auch geschafft. Eine Hauptfrage müsse in all diesen noch zu untersuchenden Fällen lauten: Welchen Handlungsspielraum hat es gegeben? Bei Abich zeige sich für ihn eine eindeutige Haltung in der Vorkriegszeit: „Er war entschieden, in diese Richtung zu gehen. Er will wahrgenommen werden, er wird wahrgenommen.“

Ein heller Kopf

Ein möglicher Anstoßpunkt für diesen unbedingten Willen - Abichs Erkrankung an Kinderlähmung schon als Elfjähriger, mit gravierenden körperlichen Einschränkungen - lässt sich sehr verschieden deuten. „Ungeachtet dieser Krankheit“, so der „Zeit“-Artikel, „war er entschlossen, sich (...) in der Hitlerjugend zu beweisen.“ Ob es genauso gut heißen kann, vielleicht muss: Gerade wegen dieser Behinderungen ¬- die im körperbetonten Nazireich ohnehin nur als Makel empfunden werden konnten - setzte ein Junge das ein, was ihn gleichstellen, ja, was ihm zu einem herausragenden Status verhelfen konnte: eben seinen hellen Kopf. Der in der neuen Zeit auch Aufbau und Zukunft sah. Dass es damals viele so junge wie glühend-idealistische NS-Anhänger gab, ist bekannt. Selbst die Geschwister Scholl gehörten dazu, einige Jahre lang.

Ob das Prüfen und Aufarbeiten, wie es die Akademie jetzt als unmittelbare Reaktion angekündigt hat, hier näheren Aufschluss bringen kann und wird? Im Fall Alfred Bauer - der ja acht Jahre älter als Abich war - hat das von der Berlinale beauftragte Institut für Zeitgeschichte in München viel Dunkles, Verschwiegenes und Verlogenes aufgedeckt, aber auch noch einige Forschungslücken konstatiert. Im jetzigen Stadium hingegen fehlt es an eindeutigen inhaltlichen Belegen, aus denen sich zweifelsfrei ablesen ließe, dass Abich ein in der Wolle gefärbter Nazi und/oder ein in jeder Hinsicht skrupelloser Karrierist war.

Dass er nach dem Krieg ins Filmgeschäft einsteigen wollte und dabei ein Engagement mit Menschen einging, die sich in eben diesem Sektor vorher dem Regime angedient hatten, das entsprach dem Muster, wie es aus vielen bundesrepublikanischen Bereichen - politischen, kulturellen, juristischen - bekannt ist. Einige bedeutende Personalrekrutierungen des damaligen „Spiegel“ sind im Medienbereich exemplarisch. Welche Grauzonen auszuleuchten sind, zeigen derzeit die Schlagzeilen um die dunklere Kunst-Vergangenheit des dann die helle Moderne preisenden documenta-Mitbegründers Werner Haftmann.

Der Fall Werner Höfer

Kenner der NS-Aufarbeitungs-Materie werden sich erinnern, wie im Fall Werner Höfer dessen Artikel als junger Journalist aus der Nazizeit akribisch untersucht wurden und ein die Hinrichtung des Pianisten Kreiten emphatisch befürwortender Absatz (dessen Autorenschaft Höfer stets bestritt) dazu führte, dass die WDR-Gremien Höfer schließlich fallenließen, all seinen vielfältigen hohen Funktionen, Stationen und Meriten im Sender zum Trotz.

Auch andere prominente Namen - wie Walter Jens, Günter Grass - sind sofort präsent, wenn es um die quälenden Fragen geht, wer in welcher Form dem Regime verpflichtet war oder gedient hat, auch, wer sich offensichtlich schuldig gemacht hat; und, in der Folge, wer dies in der Nachkriegszeit wissentlich und willentlich verschwiegen oder zumindest verwischt oder vertuscht hat.

Wie oszillierend diese Betrachtung und Bewertung von Haltungen unter der Nazi-Herrschaft ausfallen kann, zeigt - auch dies exemplarisch - die Reaktion auf eine Schlüsselrede des früheren Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger. Mit dem Stilmittel der rhetorischen Frage suchte er die Nazi-Unterstützung großer Teile der Durchschnittsbevölkerung zu beschreiben und zu entschlüsseln. Auch, weil während seiner Gedenkrede zu den Nazi-Pogromen die 88-jährige Ida Ehre nach dem Vortrag von Paul Celans „Todesfuge“ in sich zusammengesunken im Bundestag saß, wurde ob der scheinbar eindeutigen Gesamtinterpretation Jenninger mit vehementer Kritik überschüttet und trat dann sofort zurück. Erklärungsversuche (ohne jede nachträgliche Rechtfertigung) aus der Zeit heraus, aus dominanten Strömungen und Einstellungen: Das war unter diesen Umständen ein absolutes Tabu.

Dabei gibt es beträchtliche Erträge bei der Suche nach Verstehen. Wie solches Suchen in genauer Nachempfindung aussehen kann, das hat beispielsweise Ilse Hofmann (als Buchautorin und Regisseurin) bewiesen. Ihr 1980 mit dem Grimme-Preis ausgezeichneter Film „Die Welt in jenem Sommer“ zeigt nach dem Roman des 1938 emigrierten Robert Muller in äußerst beklemmender Weise eine äußerlich heile Hamburger Familienwelt während der als glorreich empfundenen Olympischen Spiele 1936. Der Protagonist, ein glühenden HJ-Junge, gerät dabei in tiefste innere Konflikte: Seine Großmutter ist Jüdin.

Aufklärerisches Fernsehen

Der Film des WDR ist in der Redaktion von Volker Canaris entstanden, mit Sicherheit niemand, der nachträglich den Glanz mancher äußerer Seiten der Nazi-Diktatur verdoppeln wollte. Ganz im Gegenteil. Er gehört zu den vielen Redakteuren, Autoren, Regisseuren im deutschen Fernsehen, die schon früh zur zivilisierenden Aufarbeitung der dunkelsten deutschen Geschichtskapitel beigetragen haben. Zu den großen Namen gehört auch Karl Fruchtmann, dessen Fernsehfilme wie „Ein einfacher Mensch“ oder „Zeugen - Aussagen zum Mord an einem Volk“ niemanden in gelassener Gleichgültigkeit zurückgelassen haben.

Einen filmischen Schwerpunkt seiner Arbeit hatte der aus einer jüdisch-polnischen Familie stammende Fruchtmann, der in die Konzentrationslager Sachsenburg und Dachau verschleppt wurde, dann nach Palästina auswandern durfte, bevor er 1958 nach Deutschland zurückkam, bei Radio Bremen. Eben jenem kleinen Sender, bei dem Hans Abich 1961 Programmdirektor wurde, 1968 schließlich auch Intendant - ein Amt, das er bis zum Wechsel an die Spitze der ARD-Programmdirektion wahrnahm, also bis 1973.

Nun ließe sich natürlich die These entwickeln: Klassisch, erst Nazi, dann als deklarierter Linksliberaler der Verfechter eines aufklärerischen, auch aufmüpfigen Fernsehens und Radios, wie es in jenen Jahren gerade unter Abichs (strenger) Ägide von Radio Bremen gepflegt und befördert wurde. Bei Werner Höfer sehen das ja manche als probaten Opportunismus: erst Propaganda- und Durchhaltejournalist, dann der demokratie-zeitgeistige Gastgeber beim „Internationalen Frühschoppen“ und später jener Programmdirektor des WDR, der dort, vornehmlich im neuen Dritten Programm, den Feuerköpfen aus dem 68er-Sturm die Redaktionen öffnete.

Warum diese kleine Rückschau? Ganz einfach: Um mit einigen Strichen und Punkten zu zeigen, was zur Lebens- und Arbeitswelt Abichs in den langen Nachkriegsjahren gehört. Bei den vielen Fernsehjahren kenne er sich nicht so aus, so Jäger, er sei als Historiker eben auf den Film fokussiert. Als Leser aber wird man fragen: Lässt sich diese wesentliche Zeit - in all ihrer liberalen Produktivität, in vielfacher persönlicher Nähe zu einem linksorientierten Protestantismus, in enger Verbindung zu so kritischen Geistesgrößen wie dem früheren Bundesverfassungsrichter Ernst Gottfried Mahrenholz - einfach ausblenden? Dutzendfach und gewichtig sind die Zeugnisse von im Alltag sehr kritischen Zeitgenossen, die beim Namen Abich in schwärmerischer Weise beredt werden. Müssen sie sich alle jetzt nachträglich die Zunge abbeißen?

Hoher Aufmerksamkeitsfaktor

Es bleibt bei allem Nachdenken über mögliche Irrtümer, Fehlleistungen, Konformitätsschwächen, Ehrgeiz-Übersprüngen oder ideologischen Verblendungen doch immer eine Hauptfrage: Lässt sich eine Biografie verengen auf eine knappe Zeitspanne eines Lebens, um leichter ein eindeutiges Urteil fällen zu können, das in eben dieser zugespitzten Form natürlich immer noch und immer wieder einen hohen Aufmerksamkeitsfaktor beschert und gewinnt? Lässt sich unter diesen Auspizien auch der Stab leichter brechen?

Die Redaktion von epd Kirche und Rundfunk (heute epd medien) wurde viele Jahre von einem Mann geleitet, dessen schwarzes Monokel eine Kriegsverletzung verdeckte. Er war, wie er ohne Umschweife zugab, in jungen Jahren ein glühender Nazi, in hoher Funktion. Und dazu ein Vorzeigedichter, der - das war die propagandistische Absicht - wie andere Kulturschaffende in einem Film porträtiert wurde. Ein BR-Redakteur konfrontierte den alten Friedrich Wilhelm Hymmen mit diesem Filmdokument. Die Reaktion im Studio: staunendes, ungläubiges Kopfschütteln. „Nein, das bin ich nicht, dieser schneidige Jüngling ist mir fremd, völlig fremd.“

Es war nicht gespielt, keine kokette Abwehr. Aber mehrfach hatte der später wegen seiner Liberalität hochgeachtete, betagte Medienjournalist sich damals gefragt: Soll ich mich dieser Situation aussetzen? Werden die Leute das verstehen? Seine Vergangenheit hatte er allerdings nie verschwiegen.

Und jetzt, im Fall Abich, wie das nun heißt? Eine erste Schlussfolgerung lautet: Das ist auch ein Fall des publizistischen (Selbst-)Verständnisses der „Zeit“. Wie offen sollten die Perspektiven sein, wenn es um die Biografien von Menschen geht? Und: Worauf zielt eine solche Veröffentlichung, die bewusst ins Herz des bevorstehenden Fernsehfilm-Festivals trifft und nicht wenige Diskussionen ganz abseits von Fernsehfilmqualitäten bestimmen wird?

Rigorismus-Reflexe

Die Akademie ist verwundert und verunsichert, abzulesen an ihrer knappen Erklärung (vgl. Meldung in dieser Ausgabe). Sie hätte auch, ohne das Risiko einer Fehleinschätzung, in die andere Richtung gehen können: Wir führen beim Ehrenpreis - ganz anders als im „Zeit“-Artikel angemahnt - weiter den Namen, der im erkennbaren Handeln so viel an Glanz in sich trägt. Aber wir lassen gleichwohl prüfen, ob sich hinter diesem Namen solch belastende Punkte ergeben, dass dieses jetzt geltende Votum später zu revidieren ist.

Womöglich hat eine Sorge die jetzige Verzichtsentscheidung des Präsidiums bestimmt: dass nämlich unter dem Namen Hans Abich gekürte Preisträger ihre Auszeichnung zurückgeben könnten. Solche Reaktionen sind nicht auszuschließen, doch ließen sie sich aushalten, solange der Reflexionsrahmen hält.

Wenn allerdings im „Zeit“-Anwurf die langen Schatten der Vergangenheit exemplarisch schon darin gesehen werden, dass die Abich-Preisträgerin (sic!) Julia von Heinz auf dem Filmfestival in Venedig die „nach einem faschistischen Kollaborateur“ benannte Coppa Volpi „hätte gewinnen können“, dann kann nur die Warnung an die Filmwelt gelten: Meidet das 1932 vom Mussolini-Vertrauten Guiseppe Volpi gegründete Festival möglichst komplett, und alle lebenden Top-Stars müssten ihre Volpi-Preise zurückgeben.

Denn, notabene, die Regisseurin hätte den als faschistisch inkriminierten Preis gar nicht gewinnen können, weil er ausschließlich für schauspielerische Leistungen verliehen wird. Vielleicht ist dieser Fehler im Jäger-Text aber auch symptomatisch. Weil er darauf verweist, wie schnell sich Rigorismus-Reflexe statt differenzierterer Reflexionen einstellen, wie schnell über der hochmoralisch verfochtenen und verfolgten Enthüllung/Säuberung die Zwischentöne und zweifelnden Fragestellungen übersehen werden oder verlorengehen können. Das wäre fatal.

Deshalb sollte sich die Akademie der Darstellenden Künste - selbstbewusst, ohne Aufregung - zu der Tradition bekennen, in der auch Hans Abich erkennbar über viele Jahre gearbeitet hat, für die er stand und in deren Grundlinie er für die Akademie und deren Ambitionen beim Fernsehspiel so viel geleistet hat: die Tradition der Aufklärung, des erhellenden Diskurses. Hier könnte auch die Historische Kommission der ARD einen Beitrag leisten, die ebenfalls angekündigt hat, dass sie sich mit Abichs Wirken in der NS-Zeit und danach befassen will.

Dahinter darf die Akademie nicht zurückgehen. Und sie sollte deshalb dem Preis seinen Namen zurückgeben, in jeder Hinsicht. Bis zum Beweis des Gegenteils - wonach Abich vor allem ein verkappter Prediger des Dunkels geblieben wäre, ein betörender Zauberer der Gegenaufklärung, ganz im Sinne der verführerischen Figur einer Thomas-Mann-Novelle.

Noch ist Zeit, dieses Moratorium im Sinne des journalistisch Angeklagten zu etablieren. Am Präsidium der Akademie liegt es, diese Haltung voller Selbstbewusstsein einzunehmen. Die Kompetenz hat es, in jeder Hinsicht, von der Zuständigkeit bis zur Fähigkeit. Fragt sich im Augenblick nur: Hat es auch den Willen?

Aus epd medien 46/21 vom 19. November 2021, überarbeitet am 30. November 2021. 

 

Klarstellende Hinweise und eine Korrektur zur Berichterstattung über Hans Abich

In der Ausgabe 46/2021 vom 19. November hat epd medien unter der Überschrift „Verhüllende Enthüllung“ über eine „Zeit“-Veröffentlichung berichtet, in der der freie Autor Armin Jäger die NS-Vergangenheit des später in wichtigen Medienfunktionen tätigen Hans Abich untersucht hatte. Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste nahm diese „Zeit“-Veröffentlichung bereits einen Tag später zum Anlass, ihren Ehrenpreis für herausragende Verdienste um das Fernsehen ohne den bisherigen Namensträger Hans Abich zu vergeben. „Zeit“-Autor Jäger legt Wert auf die ausdrückliche Feststellung, dass er vom „rasend schnellen Tempo“ dieser Entscheidung überrascht gewesen sei. Das haben wir im Text korrigiert. 

Weiter legt Jäger Wert auf die Feststellung, dass sich in der 1998 veröffentlichten Habilitation des Medienwissenschaftlers Lutz Hachmeister – bezogen auf die Rolle und Laufbahn Abichs – „nichts findet, was meinen Artikel präfiguriert“ und dass sich ferner in einer ebenfalls erwähnten Dissertation von Gideon Botsch keine Zitate von Abich-Artikeln aus der NS-Zeit fänden. 

Was die erwähnte Botsch-Dissertation betrifft, lassen sich dort Verweise auf Abich-Artikel aus der NS-Zeit über den Apparat finden. Auf die so zugänglichen Texte bezog Hachmeister auch sein Urteil, dass Abich dort eine „moderate nationalsozialistische Einstellung“ gezeigt habe, geprägt durch „hohle Phrasen“.

Die Akademie der Darstellenden Künste hat inzwischen ihre unmittelbare erste Reaktion relativierend revidiert. Im kommenden Jahr solle der Ehrenpreis wieder unter dem Namen Hans Abich verliehen werden, sofern sich bei einer umfassenden Prüfung, die jetzt einsetzen solle, keine gravierenden Gesichtspunkte ergäben, welche dem entgegenstünden.

Uwe Kammann