"Unser Geld liegt im Programm"

Ein epd-Interview mit RBB-Intendantin Patricia Schlesinger
Frankfurt a.M. (epd)

Patricia Schlesinger (58) steht seit Juli 2016 als Intendantin an der Spitze des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB). Der Sender, der 2003 aus der Fusion des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg mit dem Sender Freies Berlin entstand, gehört mit einem Etat von knapp 500 Millionen Euro zu den kleineren ARD-Sendern. Schlesinger war zuvor beim NDR Moderatorin von "Panorama" und Auslandskorrespondentin in Singapur und Washington. Von 2007 bis 2016 leitete sie den Programmbereich Kultur und Dokumentation beim NDR Fernsehen. Diemut Roether sprach mit ihr über Kultur im Radio, die Schwierigkeiten, den Berlinern Brandenburg zu erklären, und Frauenförderung im Sender.

epd: Als Sie Ihr Amt als Intendantin vor gut drei Jahren angetreten haben, haben Sie angekündigt, dass Sie den RBB rocken wollen. Wie haben Sie das gemacht?

Schlesinger: Das war damals eine sehr spontane Äußerung. Ich habe aber gemerkt, dass ich verstanden werde. Der RBB ist keine One-Woman-Show. Ich habe eine wunderbare Geschäftsleitung, die geschlossen Größeres angeht und selbstbewusst mit Risiken oder Schwierigkeiten umgeht. Das stärkt mich bei meiner Arbeit, und das stärkt den RBB. Und ich nehme wahr, dass auch viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den RBB rocken wollen. Wir haben uns als Erstes um das Fernsehprogramm gekümmert, da waren die Schwierigkeiten am größten. Das Fernsehprogramm hatte etwas mehr als fünf Prozent Marktanteil und stand damit auf dem letzten Platz in der ARD. Damit wollte ich mich nicht abfinden, erst recht nicht in der Hauptstadt. Die Menschen zahlen ihre Rundfunkbeiträge, wir müssen ihnen etwas anbieten, was ihnen gefällt, was Relevanz hat.

Ich habe immer gesagt, der RBB ist im besten Fall wie ein guter Freund. Jemand, den man gern zu sich holt, wenn man Rat braucht, wenn man wissen will, was passiert ist, aber auch, wenn man eine gute Zeit haben will, bei einem Glas Wein. Wir arbeiten uns langsam nach vorne und haben jetzt um die sechs Prozent Marktanteil, sind nicht mehr auf dem letzten Platz. Wichtig war mir zudem, als Hauptstadtsender eine größere Rolle in der ARD zu spielen. Das tun wir inzwischen mit Sendungen wie "Kontraste" und dem "Mittagsmagazin", das wir nach Berlin geholt haben. Wir haben das Investigative gestärkt, aber auch die Fiktion. Wir wollen uns mit dem "Tatort", dem "Polizeiruf" und anderen Filmen zeigen.

Das Bild von dem guten Freund ist ja etwas ambivalent. Ein guter Freund ist nicht unbedingt kritisch. Wie bringen Sie das mit kritischem Journalismus unter einen Hut?

Schlesinger: Von einem Freund erwarte ich Freimut und Ehrlichkeit. Sagen, was ist - darin liegt die Aufgabe des Journalismus. Aus diesem Grund ist kritischer Journalismus wichtig, auch und gerade für unsere Demokratie.

Das Fernsehprogramm des RBB hatte früher den Ruf, ein bisschen piefig zu sein. Was hat sich getan durch die Änderungen?

Schlesinger: Wir haben die Berliner "Abendschau" runderneuert. Sie ist 60 geworden, daher hat sie nun ein neues Studio, ein neues Design, und wir konnten Eva-Maria Lemke als Moderatorin gewinnen. Wir merken, dass wir anders wahrgenommen werden. "Brandenburg aktuell" war schon moderner, im Moment bin ich mit den Regionalmagazinen wirklich zufrieden. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben härtere Zeiten vor sich, weil wir auch im Regionalen - wie in vielen Redaktionen - um Sparauflagen nicht herumkommen. Aber ich glaube, wir sind auf einem guten Weg. Wir nutzen andere Formen des Arbeitens, durch die Digitalisierung werden Kräfte frei.

Sie haben hier zwei sehr unterschiedliche Sendegebiete: Brandenburg und Berlin. Gelingt es, den Berlinern Brandenburg zu erklären und den Brandenburgern Berlin näherzubringen?

Schlesinger: Das gelingt richtig gut, vor allem in den Nachrichtenformaten. In den eher unterhaltenden Sendungen ist das schwieriger. Da finden wir mit bestimmten Sendungen eher in Berlin Zuspruch und mit anderen eher in Brandenburg. Stadt und Land lassen sich nicht über einen Kamm scheren. Regionale Disparitäten wirken sich stärker aus als der Ost-West-Kontrast. Andere Sender kennen das auch: Beim NDR interessiert in Hamburg etwas ganz anderes als in Südniedersachsen oder im nördlichen Schleswig-Holstein. Zusätzlich zerfällt Berlin immer noch etwas in Ost und West. Wir haben das Ost-West-Thema auch in der Region. Hier wie dort müssen wir unterschiedlichen Zielgruppen Unterschiedliches anbieten. Manche Sendungen werden eher von älteren Zuschauern geliebt, andere - Kurt Krömer zum Beispiel - sind eher jünger.

Der RBB hat einen guten Ruf als Dokumentarfilmsender. Kurz vor der Wahl in Brandenburg haben Sie eine sehr differenzierte Reportage über den Wahlkampf dort gesendet: "Die Unerhörten". Kommt das beim Publikum an?

Schlesinger: Dokumentationen sind uns sehr wichtig, und wir haben mit Martina Zöllner eine Verantwortliche, die das Metier beispielhaft beherrscht. Wir senden am Samstag um 20.15 Uhr Dokumentationen wie die "Schicksalsjahre", das kommt an, obwohl wir am Samstagabend in Konkurrenz zum fiktionalen Angebot vieler anderer Sender stehen. Wir haben ein Komplementärprogramm, das die Zuschauerinnen und Zuschauer beschäftigt. Ich halte gerade jetzt Dokumentationen für unentbehrlich, da sie Hintergründe anbieten und Analysen zeigen. Andererseits ist das Bedürfnis der Menschen, gehört zu werden, sehr stark. Daher haben wir auch den "Bürgertalk" wieder eingeführt, der 2012 abgeschafft worden war. Da nehmen wir uns Themen wie autofreie Stadt, Mietendeckel oder die Wölfe in Brandenburg vor.

Nach dem Fernsehen ist jetzt das Radio dran mit Reformen. Sie haben angefangen beim Jugendsender Fritz, jetzt soll auch das Kulturradio RBBKultur reformiert werden. Die Vorgabe ist, das Kulturradio soll mehr Leute erreichen, aber es sollen auch zehn Prozent des Etats eingespart werden. Warum diese harten Sparauflagen?

Schlesinger: Wir können nicht anders. Nach der Empfehlung der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten müssen wir absehbar mit deutlich weniger Etat zurechtkommen und von 2021 an pro Jahr eine zweistellige Millionensumme einsparen. Das wird schmerzen, und wir müssen heute schon schauen, welche Sparten mit weniger Geld auskommen können. Im Vergleich zu anderen Wellen im RBB und anderen Kulturwellen in der ARD verfügt RBBKultur über relativ viele Ressourcen. Daher haben wir uns zu dem Eingriff dort entschieden. Die Redaktion unternimmt von sich aus den Versuch zu schauen, was sie verändern kann. Wenn wir mit unserer Kulturwelle kontinuierlich jedes Jahr Zuhörerinnen und Zuhörer verlieren, machen wir etwas nicht richtig. Wir müssen die Menschen erreichen, das gilt auch für den Hörfunk. Kultur ist in dieser Stadt so präsent, so prall - es muss möglich sein, sie den Menschen in einer Form anzubieten, die sie mit Leidenschaft, auch schwelgend, annehmen. Wir sind da nun auf dem Weg, und ich freue mich auf die ersten Ergebnisse.

Was soll passieren? Können Sie das kurz skizzieren?

Schlesinger: Es wird neue Formate geben, andere Wortbeiträge. Die Redaktion ist mitten in der Veränderung. Wir wollen einen modernen Sender, der auch jüngere Hörer anspricht. Momentan sind die meisten Hörerinnen des Kulturradios über 70 Jahre alt, das kann uns nicht zufriedenstellen. Kultur ist zwar eher etwas für Menschen mit Erfahrung, aber man sieht ja auch im Theater oder in der Oper nicht nur ältere Menschen. Wir müssen den Kulturbegriff etwas ausweiten und auch die Jüngeren gewinnen, wenn wir schon das Privileg haben, in dieser Stadt eine Kulturwelle anbieten zu können.

"Modern" ist so ein Schlagwort. Was genau verstehen Sie darunter, wenn Sie sagen, das Programm soll "moderner" werden?

Schlesinger: Eine leichtere Ansprache, eine Ansprache, die nicht nur das Schwere der klassischen Musik betont, sondern auch die Freude am Schönen, ja sogar das Schwelgen zulässt.

Der RBB hat aufgeschlüsselt, wie viel der einzelne Beitragszahler für die einzelnen Radiowellen bezahlt. Nach dieser Rechnung zahlt er oder sie 56 Cent pro Monat für RBBKultur, nur ein Cent mehr als für RBB-Inforadio. Das ist nicht viel Geld. Warum sagen Sie dennoch, dass das relativ viel Geld ist?

Schlesinger: Wir sind sowohl technisch als auch personell sehr gut ausgestattet. Aber RBBKultur hatte bei der letzten Media-Analyse nur 1,5 Prozent Marktanteil in Berlin. Das kann nicht sein, das ist zu wenig. Die Welle muss sich modernisieren. Wir haben auch bei Fritz und RBB 88.8 Maßgebliches verändert. Fritz, RBB 88.8 und Antenne Brandenburg haben nun einen gemeinsamen Musikchef. Wir differenzieren dort, wo es nötig ist, aber wir schaffen auch Synergien, wo es möglich ist. Es macht keine Freude zu sparen, aber wenn wir die Vielfalt und die Qualität aufrechterhalten wollen, müssen wir uns verändern.

HR2-Kultur hat die Erfahrung gemacht, dass es nicht funktioniert, wenn im Kulturradio unterschiedliche Musikfarben angeboten werden. Deswegen will der Sender jetzt wieder mehr auf klassische Musik setzen.

Schlesinger: Wir setzen auch auf klassische Musik, aber wir wollen kein Klassikradio sein, das gibt es schon. Wir wollen ein Kulturradio, wozu mehr gehört als ausschließlich Musik. Wir bleiben ein wortgesteuertes Radio. Ich begreife unseren Sender auch als Kulturinstitution, denken Sie an die Lesungen mit großen deutschen und ausländischen Autoren, an politische Diskussionen und Konzerte, die wir selbst veranstalten oder übertragen.

Sie haben gesagt, Sie wollen eine trimediale Marke RBBKultur schaffen. Wie wird sich das auswirken auf die Programmgestaltung? Heißt das dann, dass alle Mitarbeiter für alle drei Ausspielwege arbeiten?

Schlesinger: Das funktioniert ja nicht so. Wir schaffen derzeit ein crossmediales Newscenter. In Zukunft wollen wir in Contentboxen, also in Inhalten, denken statt in Ausspielwegen. Wir unterhalten aktuell eine Kulturredaktion bei Inforadio, eine bei Radioeins und bei RBBKultur. Wir fragen uns, ob da nicht mehr Zusammenarbeit möglich ist. Das heißt nicht, dass wir an Vielfalt verlieren. Wir sehen die Kultur als großen Inhalt und überlegen, in welchem Ausspielweg und welcher Welle wir was wie umsetzen. Deshalb muss ein Mitarbeiter, der noch nie Fernsehen gemacht hat, jetzt nicht plötzlich Fernsehen machen. Manche können mehrere Ausspielwege bedienen, andere nicht. Hier werden sich Berufsbilder in Zukunft verschieben.

Wenn Radioeins auch Kultur macht: Wie ist da die Abgrenzung zwischen Radioeins und RBBKultur?

Schlesinger: Es gibt Stimmen hier im Haus, die sagen, Radioeins sei das moderne Kulturradio. Radioeins macht auch Berichte über die Berliner Philharmoniker, es hat einen ganz eigenen Kulturbegriff. Wir wollen bei RBBKultur Hochkultur bieten und zugleich das Spektrum erweitern. Hier haben klassische Musik, Literatur, Theater, Oper eine Heimstatt. Das geht Radioeins anders an. Wir bleiben ein Kulturradio - mit erweitertem Kulturbegriff.

Auch Radio Fritz, das junge Radio, ist umgebaut worden. Da gab es vor dem Umbau die Befürchtung, der Sender werde mainstreamiger: weniger Wort, mehr Musik.

Schlesinger: Das ist nicht der Fall. Sie haben sich inhaltlich anders aufgestellt, sie machen sogar mehr Wort, vielleicht nicht mehr so lang wie früher, es sind andere Wortbeiträge. Fritz ist näher an eine Zielgruppe herangerückt, die auch Radio hört, die sich gleichzeitig aber ihre Musik und Informationen aus dem Netz holt. Was Fritz zurzeit im Netz anbietet, finde ich großartig, da sind ganz neue Formate entstanden, die auch Zuspruch finden. Der BBC-Generaldirektor Tony Hall hat einmal gesagt: Wir müssen zwei Pferde reiten, ein lineares Pferd und das digitale Pferd. Genau das macht Fritz gerade. Davon lernt das ganze Haus.

Der RBB hat insgesamt sechs Radiowellen. Braucht eine so kleine Anstalt wie der RBB sechs Wellen?

Schlesinger: Ich bin sehr stolz auf unsere Radiosender. Sie sind sehr nah an den Menschen. Zusammen erreichen sie über 30 Prozent Marktanteil. Berlin ist angeblich der heißeste Radiomarkt in Europa.

Der am härtesten umkämpfte Markt ...

Schlesinger: Unser Inforadio ist sehr gut, modern, hintergründig. Auch im Vergleich mit anderen Sendern machen wir ein sehr gutes Informationsprogramm. Die regionalisierten Wellen, 88.8 und Antenne Brandenburg, halten sich ebenfalls sehr gut. Ich habe nicht vor, dort was zu ändern.

Wann soll das crossmediale Newscenter, das Sie gerade angesprochen haben, fertig werden?

Schlesinger: Es wird 2021 bezogen. Erst einmal werden wir den Kern der regionalen Nachrichten digital organisieren. Unsere Rezipienten erwarten von uns, dass wir da sind, wo sie sind: im Netz. Dort liegt die Zukunft - eigentlich schon die Gegenwart. Es wird höchste Zeit, da stärker zu werden, allerdings haben wir weniger Geld zur Verfügung und müssen mit weniger Personal auskommen. Wir werden also unsere Arbeitsprozesse neu organisieren, um am Ende möglichst viel anzubieten - für unsere Hörerinnen und Hörer, Zuschauer und User. Die Menschen nutzen Medien inzwischen zehn Stunden am Tag. Heute ist die Verteilung noch ungefähr gleich: Auf das Fernsehen entfallen 217 Minuten, auf den Hörfunk 177, auf Online 196. Die 14- bis 29-Jährigen sind jedoch fast ausschließlich im Netz unterwegs. Fernsehen spielt für sie kaum noch eine Rolle.

Die 14- bis 29-Jährigen nutzen online 353 Minuten am Tag, also fast sechs Stunden, zwei Stunden am Tag bleiben für das Radio und 94 Minuten für das Fernsehen.

Schlesinger: Das meine ich mit den zwei Pferden, die wir reiten müssen. Noch müssen wir die Mediennutzung des zumeist älteren Publikums bedienen, aber irgendwann wird sich das Verhalten komplett verlagern. Und deswegen können wir uns der Digitalisierung nicht entziehen.

Heißt das, dass das Fernsehen als Programm auf längere Sicht sterben wird?

Schlesinger: Es wird nicht sterben, aber es wird nicht mehr so wichtig sein wie jetzt. Es ist im Moment noch das wichtigste Medium, vor allem für die ältere Generation. Meine Eltern sind Mitte 80: Sie haben Tablets, sie schicken Mails und versorgen sich online mit Nachrichten. Es ist im Moment aber immer noch so: Wenn etwas wirklich Gravierendes in der Welt passiert, bekommen die Menschen auf ihren Mobilgeräten zwar die Eilmeldung und vielleicht den ersten Überblick, aber dann schalten sie den Fernseher ein. An einem normalen Nachrichtentag sehen ungefähr zehn Millionen Menschen die "Tagesschau", da sind die Dritten Programme und die Nutzung im Internet mitgezählt. Wenn es ein nachrichtenstarker Tag ist, sind das auch gern mal 15 Millionen. Die Menschen möchten Hintergrundinformationen, verlässliche Einordnung der Ereignisse. Die erhalten sie von uns. Sagen, was ist, das ist der Job. Da merken wir, wie stark wir sind. Das gilt mindestens so sehr für das Radio.

Wollen Sie das Modell des crossmedialen Newscenters später auch auf andere Bereiche übertragen? Die "Contentboxen", die Sie erwähnt haben, heißen: Kultur, Wirtschaft, Politik, Sport, Service, Unterhaltung.

Schlesinger: Wir definieren noch, welche Boxen wir zuerst organisieren. Das CNC ist dazu da, dieses Arbeiten schnell zu lernen - auch, um Fehler zu machen. Wir möchten hier auf dem Gelände ein Medienhaus bauen, in dem mehr Menschen an mehr Themen crossmedial arbeiten können. Jetzt, im CNC, fangen wir an und lernen dazu, denn wir können nicht so lange warten, bis wir das Medienhaus fertig haben. Wir beziehen hier zwei Stockwerke, die wir ohnehin sanieren müssen.

Wann soll das Medienhaus gebaut werden?

Schlesinger: So schnell es geht. Der Architektenwettbewerb läuft, aber wir müssen noch viele Felsbrocken aus dem Weg räumen.

Hier auf dem Gelände des RBB steht das berühmte historische Haus des Rundfunks, das noch aus den 20er Jahren stammt ...

Schlesinger: Das Funkhaus ist fantastisch! Jedes Mal, wenn ich dort bei einer unserer Veranstaltungen bin, denke ich: Was für ein Geschenk! Aber es ist in einzelnen Arbeitszellen angelegt, da ist crossmediales Arbeiten nur schwer möglich. Wir brauchen eine große Fläche, hier auf dem Gelände. Wir sind denkmalsensibel, das wird also kein leichter Weg, aber anders ist es nicht zu machen. Die Stadt ist kooperativ, sie kommt uns entgegen.

Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten - kurz KEF - hat in den vergangenen Monaten viel gerechnet. Die Zahlen, die jetzt vorab bekanntgeworden sind, bleiben weit unter dem, was die ARD an Finanzbedarf angemeldet hat. Sie haben kürzlich im Rundfunkrat gesagt, wenn der Rundfunkbeitrag nicht um 1,50 Euro erhöht wird, wird es für den RBB sehr kritisch. Was bedeutet das jetzt, wenn der Beitrag wie empfohlen nur um 86 Cent erhöht wird?

Schlesinger: Das bedeutet harte Sparauflagen für alle Sender, aber es trifft die kleinen und mittleren Sender besonders. Wir haben weder einen Bestandsschutz noch ein Polster. Der RBB ist durch die Fusion 2003 schon sehr schlank aufgestellt worden, wir haben viele Sparrunden hinter uns. Da bleibt wenig Speck auf der Rippe. Wie wenig, erfahren wir jetzt. Wir haben Verwaltungskosten von vier Prozent. Wir stecken das meiste Geld ins Programm.

Da reicht es dann nicht, bei RBBKultur zu sparen. Wo wollen Sie noch rangehen?

Schlesinger: Wir werden auch im Regionalen sparen müssen. Dafür brauchen wir gute Ideen und Konzepte. Dass es vonseiten der KEF so hart werden würde, hätten wir nicht erwartet. Ich sage ganz deutlich: Das ist ein Einschnitt in die Grundversorgung dieser Gesellschaft. Wir sind ein Teil des Rückgrats der Demokratie. Der Rundfunkbeitrag, den die Menschen leisten, ist in meinen Augen vergleichbar mit dem Grundpreis für Trinkwasser. Dafür bekommt man in jedem Haushalt klares und ungiftiges Trinkwasser. Wir liefern für jeden Haushalt klare und ungiftige Nachrichten und gute Unterhaltung. Wir sind nicht fehlerfrei, aber was die Qualität angeht, sind wir eine maßgebliche Größe. In unsere Finanzierung so stark einzuschneiden, wie das jetzt vorgeschlagen ist, halte ich für einen großen Fehler.

Würden Sie sich in der Debatte um den Rundfunkbeitrag mehr Rückhalt aus der Politik wünschen?

Schlesinger: DIE Politik gibt es ja nicht. Das ist Ländersache. Jedes Land hat seine Interessen und seine Perspektive auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Es gibt Parteien wie die AfD, die den Rundfunkbeitrag gern abschaffen würden. Es gibt die FDP, die sagt, ein nationaler Sender reicht.

Schlesinger: Mit einem nationalen Sender gab es in unserer Geschichte nicht nur gute Erfahrungen. Vielfalt ist besser.

In den Staatskanzleien der Länder wurde lange über das sogenannte Indexmodell diskutiert, nach dem der Beitrag in Zukunft automatisch angelehnt an die Inflationsrate steigen soll. Die Idee ist, dass damit die ständigen Diskussionen über den Rundfunkbeitrag beendet würden. Aber ist das nicht ein Denkfehler? Muss man die Diskussion nicht weiterführen, eben weil der öffentlich-rechtliche Rundfunk so eine wichtige Rolle für die Gesellschaft hat?

Schlesinger: Der Rundfunkbeitrag ist seit zehn Jahren nicht gestiegen, sondern er wurde abgesenkt. Die rundfunkspezifische Teuerungsrate ist zweistellig. Uns wurde kein Inflationsausgleich zugestanden. Wir können in den Tarifabschlüssen nicht mehr dem öffentlichen Dienst folgen. Unser Geld liegt im Programm. Wenn wir Qualität und Vielfalt aufrechterhalten wollen, müssen wir uns weiter restrukturieren. Wir müssen die Digitalisierung vorantreiben und uns klar machen, dass wir in Zukunft mit weniger Geld und weniger Menschen arbeiten müssen.

Wenn es eine Indexierung gäbe, würde das ja nicht bedeuten, dass wir nie wieder über den Preis des öffentlich-rechtlichen Rundfunks reden müssten. Es würde aber helfen, die Debatte nicht ständig im Grundsatz zu führen. Auch beim Indexmodell würde die KEF ihre Rolle behalten. Sie müsste genau beurteilen, ob es stimmt, was der Index hergibt. Der Index hätte auch Nachteile, aber es gäbe eine verlässliche Planungsgrundlage für die öffentlich-rechtlichen Sender. Wir können beispielsweise nicht einfach 300 Leute entlassen, und das ist auch gut so. Wir können aber gar nicht so schnell schrumpfen, wie uns die Preise davonlaufen. Dem sollte die Politik Rechnung tragen, wenn wir einen gesellschaftlichen Konsens darüber haben, dass wir ein wichtiger Bestandteil der Demokratie sind.

Demokratie ist ein gutes Stichwort. Journalisten werden zurzeit stark angegriffen, auch physisch. Ich nehme an, dass auch Reporter vom RBB da schon schlechte Erfahrungen gemacht haben: Wie gehen Sie damit um?

Schlesinger: Ja, wir haben schlechte Erfahrungen gemacht, das stimmt, aber auch gute. Wenn in einer Stadt ein RBB-Fahrzeug auftaucht, sagen die Leute: "Toll, ich gucke die 'Abendschau'". Wir erleben auch in Brandenburg viel positiven Zuspruch. Andererseits wurden Reporter in Cottbus bedroht, sie wurden zu Hause angerufen, jemand sagte: "Ich weiß, wo deine Kinder zur Schule gehen."

Erstatten Sie in solchen Fällen Anzeige?

Schlesinger: Wir geben das alles an die Staatsanwaltschaft weiter. Ich persönlich bekomme das wenigste an Ärger und Wut ab. Ich glaube, die Reporter und Reporterinnen haben damit viel stärker zu kämpfen. Wir erleben eine Verrohung im Sprechen und Handeln ebenso wie wachsende Verachtung gegenüber den Medien - aber gleichzeitig ist das Vertrauen in die ARD gestiegen, wie die jüngsten Studien zeigen. Ich glaube, der Grund liegt darin, dass die Menschen mit der Diversifizierung der Medien zunehmend überfordert sind. Sie stellen sich die Frage: Wem kann ich noch vertrauen? Stimmt das, was die berichten? Ist das interessengetrieben? Wer steht dahinter? Ich bin sicher, dass in Zukunft kuratierte Medien wichtiger werden denn je. Genau darin liegt unsere Stärke. Wir machen auch Fehler, aber wir bieten Medien und Informationen an, die frei von kommerziellen und parteipolitisch getriebenen Interessen sind.

Von den Gegnern wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk als "Staatssender" diffamiert. Was glauben Sie: Warum ist das Image der öffentlich-rechtlichen Sender so schlecht?

Schlesinger: Es ist gar nicht so schlecht, das zeigen uns Studien und Umfragen. Unsere Kritiker sind sehr laut. Natürlich ist im Einzelfall etwas zu kritisieren, auch wir sind nicht ständig mit uns zufrieden. Aber das duale System in Deutschland funktioniert gut, wir können ein vielfältiges Angebot nutzen. Im Prinzip hat dieses System diesem Land gute Dienste erwiesen. Wir werden in anderen Ländern darum beneidet, weil unsere Medienordnung nicht polarisierend wirkt. Eine Schrumpfung des öffentlich-rechtlichen Systems ist noch keinem demokratischen Land gut bekommen.

Hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk es versäumt, besser zu vermitteln, was er leistet? Hat er zu wenig den Dialog mit dem Publikum gesucht?

Schlesinger: Es kann gut sein, dass wir in der Vergangenheit nicht stark genug darauf hingewiesen haben, was wir leisten. Wahrscheinlich müssen wir den Wert des öffentlich-rechtlichen Rundfunks herausheben. Das fällt uns nicht so leicht. Wenn Sie sich vor Augen halten, was Sie für Ihren Rundfunkbeitrag bekommen, ist das ein großes Angebot. Diese Vielfalt hat diesem Land gutgetan. Wir sollten sie aufrechterhalten.

Sie sind seit drei Jahren Intendantin. Sie haben als junge Journalistin im NDR früh gemerkt, dass es für Frauen nicht so einfach ist, sich als Politikjournalistin durchzusetzen. Wie fördern Sie Frauen im RBB?

Schlesinger: Meine Vorgängerin im RBB, Dagmar Reim, hat Frauen klug und gezielt gefördert. Wir hatten schon eine hohe Quote von Frauen in Führungsebenen, und es ist uns gelungen, sie in den letzten drei Jahren noch zu steigern. Wir sind im RBB jetzt bei 50 Prozent Frauen in Führungspositionen und damit in der ARD vorn. Aus meiner Sicht ist Frauenförderung auch eine Frage des Wollens. Frauen muss man manchmal Mut machen und sagen: "Du kannst es." Ich wurde in meiner frühen Zeit auch von Männern gefördert, aber ich habe auch Sprüche gehört wie: "Mit Ihren roten Haaren machen Sie doch am besten Modejournalismus oder Reisejournalismus. Was wollen Sie denn in der Politik?" Das hat sich im Laufe der Zeit geändert. Jetzt, da Frauen auch Spitzenpositionen innehaben, kann ich ihnen nur zurufen: "Fördert Frauen!"

Vor allem im Fernsehen haben es ältere Frauen derzeit schwer. Alle setzen auf junge Moderatorinnen und ältere Frauen verschwinden vom Bildschirm.

Schlesinger: Das stimmt, dazu gibt es Studien. Im Fiktionalen ändert sich, glaube ich, allerdings daran gerade etwas. Wir setzen im RBB aber auf Diversität, nicht nur auf junge Moderatorinnen. Aber es ist klar: Wenn wir Nachwuchs suchen, ist es auch Nachwuchs. In diesem Haus gibt es über 300 Teilzeitmodelle. Wir versuchen, den Familien soweit es geht entgegenzukommen. Es ist - wie gesagt - eine Frage des Wollens. Ich sage den Frauen immer: "Es gibt nicht mehr so viele Entschuldigungen, die gläserne Decke hängt schon höher als früher." Das heißt aber nicht, dass wir genug erreicht haben. Und wenn ich heute noch öfter in fast reinen Männerrunden sitze, denke ich: Da ist noch viel zu tun.


"Momentan sind die meisten Hörerinnen des Kulturradios über 70 Jahre alt, das kann uns nicht zufriedenstellen."

"Wir werden unsere Arbeitsprozesse neu organisieren, um möglichst viel anzubieten."


"Wir sind ein Teil des Rückgrats der Demokratie. In unsere Finanzierung so stark einzuschneiden, halte ich für einen großen Fehler."

"Wir erleben eine Verrohung im Sprechen und Handeln ebenso wie wachsende Verachtung gegenüber den Medien."