Tanz um den Stern

Beim Gendern kommt es auf den Kontext an

Gendern? Oder soll man es lassen? Diese Frage wird zurzeit in vielen Redaktionen heiß diskutiert. Die Gesellschaft für deutsche Sprache sagt Ja zum Gendern, wenn es verständlich, lesbar und regelkonform sei. Dem Gendersternchen steht sie allerdings kritisch gegenüber. Auch das Magazin „Geo“ hat kürzlich angekündigt, dass die Redaktion ihren Sprachgebrauch „behutsam in Richtung von mehr Ausgeglichenheit und Geschlechtergerechtigkeit entwickeln“ will. Um die Frage „Gehen wir wirklich bis zum Äußersten, also zum Sternchen?“ habe es ausgiebige Debatten gegeben, berichteten die „Geo“-Chefredakteure Jens Schröder und Markus Wolff. Die Autorin und Feministin Barbara Sichtermann warnt vor einer Überbetonung der Weiblichkeit, wenn ohne Rücksicht auf den Kontext gegendert wird. Sie fordert mehr Einfühlung in die Sprache und mehr Fantasie.

Vor fast 40 Jahren, 1982, erschien das Buch: „Frauensprache: Sprache der Veränderung“ von Senta Trömel-Plötz. Bald darauf meldete sich Luise F. Pusch mit feministischen Erkenntnissen zur Sprache, zum Sprechen und zum Status der Frauen zu Wort. Seinerzeit ging es zwar auch darum, dass Frauen „mitgenannt“ werden sollten statt immer nur „mitgemeint“, aber das Hauptaugenmerk lag nicht auf Fragen der Formulierung, sondern auf Strategien bei sprachlichen Mitteilungen: Reden Frauen mit? Kommen sie vor? Werden sie unterbrochen, und wenn ja, wie oft? Von Männern? Von anderen Frauen? Können sie ihre eigenen Themen setzen? Werden ihnen besondere Zuständigkeiten zugeschoben, und wenn ja, wie können sie darauf regieren? Sprechen sie anders? Gibt es eine „Frauensprache“?

Senta Trömel-Plötz legte empirische Analysen von Gesprächen vor, die den Schnack: „Ein Mann - ein Wort, eine Frau - ein Wörterbuch“ klar widerlegten. Männer redeten nicht nur sehr viel mehr als Frauen, sondern auch lauter und aggressiver, sie unterbrachen öfter. „Selbst in einer Situation, die Höflichkeit verlangt, werden Frauen nicht als gleichberechtigte Gesprächspartnerinnen behandelt. Höflichkeit ist anscheinend ein untergeordnetes Prinzip, ebenso wie höherer Status. Das wichtigste Prinzip scheint zu sein, ob jemand eine Frau oder ein Mann ist.“ Gemeint war natürlich das öffentliche Sprechen, unter anderem die Talkrunden und Gesprächskreise in Funk und Fernsehen.

Mit Sprache die Wirklichkeit verändern

Zwei Jahre später legte die Pionierin der feministischen Sprachreform noch einmal nach mit einem Sammelband mit dem Titel „Gewalt durch Sprache“. Das Thema faszinierte in jener Zeit, es führte zur Akzeptanz des Gebrauchs von „frau“ in passenden Zusammenhängen und zu den ersten Formen des Genderns mittels Binnen-I und, bei Reihungen, abwechselnder Nennung der weiblichen und der männlichen Form: „... Musikerinnen, Künstler, Architektinnen, Opernsänger ...“, wo immer dies vom Kontext her sinnvoll erschien. Außerdem kam die Verlaufsform als Lösung auf: „Mitwirkende, Studierende, Demonstrierende ...“

Die Doppelnennung „Professoren und Professorinnen, Verkäufer und Verkäuferinnen ...“ galt Stilisten als unangenehm, war aber in gewissen Zusammenhängen - „Bürger und Bürgerinnen, Wähler und Wählerinnen ...“ - nicht ganz zu vermeiden. Mit solchen vergleichsweise schlichten Übungen gab sich die Sprachgemeinschaft seinerzeit zufrieden. Man probierte dies, kritisierte jenes und hielt es im Übrigen mit Senta Trömel-Plötz und ihrer Erkenntnis, dass Sprache „die Wirklichkeit“ ebenso abbilde, wie sie sie auch verändern könne.

Es ging darum, Frauen eigens zu nennen und sie „sichtbar“ zu machen sowie dafür zu sorgen, dass sie öfter mal vorkommen, weil sie nämlich was zu sagen haben. Die Sprachreformen, die seinerzeit angemahnt wurden, waren als eine Art Nachhilfe für die Wirklichkeit gedacht: Um Frauen voranzubringen, sollte die Sprache sie nennen, aufrufen, vorstellen.

Mit dieser Zwischenlösung gab sich die Sprachgemeinschaft einige Jahrzehnte lang zufrieden. Das Thema poppte immer mal auf, erregte die Gemüter aber nicht wirklich. Alle fanden es richtig, Frauen mitzubenennen, nur wenige Ewiggestrige maulten. Das ist jetzt anders geworden. Nach einem langen Winterschlaf erhebt das Problem sein Haupt und fordert drastische Schritte zu seiner Lösung - bis hin zur Änderung von Formularen in den unübersehbar vielen Büros der deutschen Verwaltung. Es wird offiziös. Das ist in dieser strengen, fast wütenden Emphase neu. Und erklärungsbedürftig. Wie kam es dazu?

Ist doch die öffentliche Rede von Frauen inzwischen unüberhörbar, auch wenn immer wieder mal nachgerechnet und festgestellt wird, dass Frauen in Parlamenten, auf C4-Professuren und als Filmregisseurinnen unterrepräsentiert sind. Zeitgleich aber lässt sich nicht übersehen und auch nicht überhören, dass Frauen weit vorangekommen sind und fast überall mitreden. Paradoxerweise ist genau damit oder deswegen die Ungeduld gegenüber einem Frauen nicht berücksichtigenden Sprachgebrauch steil angestiegen.

Überdeutliche Abbildung

Jetzt verlangt die Avantgarde der feministischen Weltveränderinnen, dass die Sprache nicht bloß Nachhilfe gibt, damit Frauen in den Vordergrund treten können, sondern dass sie die Erfolge, welche die Gesellschaft in Sachen Emanzipation errungen hat, deutlich, wenn nicht überdeutlich abbildet. Die Begehrlichkeiten gehen in Richtung auf Symmetrie: Fast überall, wo Menschen in der Mehrzahl, also in Gruppen, als Publika oder in Massen auftreten, soll klargestellt werden, dass es sich nicht einfach nur um Leute, sondern neben Männern auch um Frauen handelt. Aber auch in Einzelfällen, bei denen das Geschlecht nicht festliegt, es aber in der Regel das eine oder das andere sein muss, ist es angezeigt, dies auszudrücken.

Das generische Maskulinum steht unter scharfem Beschuss. Wer noch sagt: „Ich geh zum Bäcker“, unterschlägt den Eventualfall, dass es ja eine Frau sein könne, die da backt, ebenso sind Bemerkungen wie „Was sagt der Arzt?“ oder „Gleich kommt der Pizzabote“ nicht okay. Beim „Müllmann“ oder „Steuersünder“ ist frau ein wenig toleranter, aber genau genommen geht das auch nicht mehr.

Vor allem wenn eine Hierarchie im Spiel ist, wie bei „Vorstand“ oder „Aufsichtsrat“, regt sich heftiger Unmut aufseiten der Reformwilligen, ja, es keimt der Verdacht, dass die Sprache ob ihrer Rückständigkeit Frauen sogar daran hindern könne, karrieremäßig durchzustarten, weil die Bezeichnungen für ihre Ziele fehlen. An diesem Punkt horchen dann konservative Mehrheiten in der Bevölkerung auf und heben mahnend den Finger. Man/frau solle doch lieber für gleichen Lohn kämpfen als für gleiche Ansprache. Überhaupt sei der Tanz um die politisch korrekte Sprache eine Art Luftnummer. Durch pure Wortklaubereien verändere sich gar nichts.

Das ist erwiesenermaßen unrichtig. Es war sehr wichtig und auch hilfreich, auf Formularen und in öffentlicher und privater Anrede das „Fräulein“ abzuschaffen, reflektierte doch dieses Diminutiv die enge Verknüpfung von Status und Familienstand, die es nur für Frauen gab. Lies: Ein „Fräulein“ steht noch vor der Erfüllung ihrer Existenz durch die Ehe, während eine „Frau“ diese bereits gefunden hat. Männer hingegen waren eben Bäcker oder Arzt oder Vorstand, und ihr Privatleben gehörte ihnen allein. Es gäbe viele andere Beispiele für die Macht der sprachlichen Bezeichnung, die tatsächlich die Dinge nicht nur abbildet, wie sie sind, sondern auch wie sie werden können oder im Begriff sind, sich zu entwickeln.

Auf der anderen Seite hat aber doch die Abwehr der Political Correctness auch wieder ihr Recht. Wenn der Kampf um das stimmige Abbild und das richtungsweisende Vorbild in der Sprache dogmatisch wird und ohne Rücksicht auf Verluste und den Kontext durchgeholzt wird, dann gilt es innezuhalten.

Die Verluste sind unter anderem ästhetischer Natur. Wenn ein Text neben der Erkenntnis der Wissenschaftler stets auch noch die der Wissenschaftlerinnen hervorzuheben hat, was besonders in diesen Zeiten, in denen das ganze Land unter einer Pandemie ächzt, ständig geschieht und Texte erstens aufbläht und zweitens mit einem schleppenden Unterton versieht, dann muss man über neue Lösungen nachdenken.

Sternchen und Doppelpunkt

Ist es dann nicht doch besser, der Abwechslung die Vorfahrt zu lassen und mal „Wissenschaftler“ und mal „Wissenschaftlerin“ zu sagen, wobei der Kontext ja auch diese oder jene Ansprache nahelegen kann? Gendern um des Genderns willen scheint jedenfalls höchstens die zweitbeste Lösung zu sein. Wenn außer den Laborassistenten stets ebenso die Laborassistentinnen auftreten müssen oder neben den Wirtschaftsprüfern auch die Wirtschaftsprüferinnen, dann klappert es gewaltig, und die Prosa verliert mit dem rhythmischen Schwung ihre inhaltliche Überzeugungskraft. Da ist man dann froh, dass es „Pflegekräfte“ gibt, die man einfach so durchwinken kann.

Doch der ästhetische Einwand sticht nur bedingt. Es liegt letztlich an den Autoren und Autorinnen, sich da irgendwie durchzuwursteln, schreibend oder vortragend Geschlechtergerechtigkeit zu üben, wie sie sie verstehen, und dabei ihren persönlichen sprachlichen Duktus zu retten.

Durchaus ernst gemeint war der Vorschlag von Luise F. Pusch, dass wir doch in Fällen, in denen wir gewohnheitsmäßig auf das Maskulinum zurückgreifen, wenn wir Frauen „mitmeinen“, die Perspektive umkehren könnten und stets das Femininum benutzen können, also zum Beispiel sagen: „Obwohl von Virologinnen aufgeklärt, verlieren die Patientinnen ihre Angst vor der Impfung nicht und lassen sich keinen Termin bei der Ärztin geben.“

Hier empfindet die Sprachgemeinschaft die Männer keineswegs als mitgemeint und sieht Frauen als Angsthasen abqualifiziert. Der Versuch an einer deutschen Universität, alle Lehrpersonen mit einem bestimmten Grad oder Status als Professorinnen zu bezeichnen, hat denn auch nichts gefruchtet. Wie alle Phänomene des menschlichen Lebens ist auch die Sprache geschichtsträchtig und verträgt meistens keinen Kobolz. Veränderungen dauern ihre Zeit.

Einstweilen behilft man/frau sich in Redaktionen oder Verlagen oder wo immer mit Sprache gearbeitet wird, auch gern mit einem Sternchen, einem Doppelpunkt, einem Unterstrich oder dem alten Binnen-I, wenn Männer und Frauen gemeint sind, und auf diese Weise werden Texte nicht ungut verlängert. Dennoch, die Getreulichkeit, ja Pedanterie, mit der diese neuen Quasiregeln, die sich derzeit in der Erprobungsphase befinden, befolgt - oder ignoriert! - werden, macht aus den TeilnehmerInnen dieses Sprachkampfes immer mal wieder QuerulantInnen, die allzu laut auf ihr Recht pochen, frau/man glaubt nicht recht, dass es so vorangeht.

Zuviel an Aufmerksamkeit

Denn es gibt noch ein wichtiges Argument gegen das Gendern um jeden Preis, und das ist die Kontextabhängigkeit von allem, was wir sagen, betreffe das nun Gender oder sonst irgendwas in der Welt. Das Problem mit den vielen Wissenschaftlerinnen, Virologinnen, Laborassistentinnen und Patientinnen ist womöglich das Zuviel an Aufmerksamkeit, das sie auf sich ziehen, wenn sie sprachlich derart hervorgetrieben werden, wie es die heutige dogmatisch-gendermäßige Rücksichtnahme erfordert.

Dass Frauen sichtbar würden, war das Anliegen der ersten Sprachreformerinnen aus den 1980er Jahren. Aber was bei dieser Sichtbarmachung mitgeliefert wird, ist eine Konzentration auf das Geschlecht, das Frausein, das Weiblichsein, die möglicherweise nicht gewollt ist und jedenfalls hinterfragbar bleibt.

Inzwischen schleusen ja auch im Radio und im Fernsehen Moderatoren und Moderatorinnen, wenn sie ihre Kommentare zur Lage der Nation formulieren, eine Genderrücksicht in Form einer Minipause in der Wortmitte von zum Beispiel „Wissenschaftler*innen“ ein, um das Sternchen (beziehungsweise den Doppelpunkt, den Unterstrich oder das Binnen-I) akustisch deutlich zu machen und damit darauf hinzuweisen, dass Frauen und Männer zu gleichen Anteilen genannt werden sollen oder genannt worden seien. Diese unterbrechenden Zeichen, ob nun akustisch als Zäsur oder optisch als Sternchen, verweisen auf das Mitagieren von Frauen in welchen Zusammenhängen auch immer, aber sie tun dies unter Opferung nicht nur des rhetorischen Schwungs, sondern auch der Bedeutungshierarchie des jeweiligen Kontextes.

Vielleicht ist „Opferung“ ein zu starkes Wort, aber eine Verschiebung des Akzentes vom ursprünglichen Zusammenhang auf die Genderfrage findet immer statt.

Dogmatisches Gendern

Um ein Beispiel zu bringen: Für die Frage, wie eine Pandemie am besten zu bekämpfen sei, ist die Tatsache, dass bei der Suche nach einem Impfstoff nicht nur Laborassistenten, sondern auch Laborassistentinnen beteiligt waren, womöglich zweitrangig. Ja, sie ist mit Sicherheit zweitrangig. Sie drängelt sich aber in den Vordergrund, wenn die besagten Assistentinnen immer wieder genannt werden. Natürlich sollen sie auch nicht unterschlagen werden. Also sollte der Text eine kontextuelle Wende hinbekommen, in der die Laborassistentinnen ohne Krampf sprachlich auftreten können.

Mit einem Wort: Jede Nennung ist nicht nur kontextabhängig, sondern sie färbt auch den Kontext. Wenn der Kontext gerade mal nicht mit der Geschlechtergerechtigkeit zu tun hat, stört der Versuch, diesen Aspekt durch dogmatisches Gendern in die Sache, um die es geht, hineinzutragen. Womöglich ist die sprachliche Lösung der Genderfrage noch weit anspruchsvoller, als wir das bisher gedacht haben.

Senta Trömel-Plötz befand, dass das wichtigste organisatorische Prinzip bei Gesprächsstrategien in der Öffentlichkeit immer die Geschlechterordnung sei. Dieses Prinzip ist gebrochen worden, die Geschlechterordnung ist zwar nicht auf den Kopf gestellt, aber, sagen wir mal, durcheinandergewirbelt worden. Durch pedantische Gleichheitsformulierungen in der Sprache stellt man sie - unter einem neuen Zeichen der Geschlechtergerechtigkeit - nicht wieder her.

Es ist mehr Arbeit nötig, mehr Einfühlung in die Sprachgesetzlichkeiten, mehr Fantasie vielleicht auch. Und vor allem mehr Rücksicht auf den Kontext. Ihn gilt es herauszuarbeiten. Alle anderen Botschaften müssen in ihn eingeordnet werden. Auch die, dass Frauen inzwischen nicht nur mitgemeint, sondern direkt angesprochen und zur Gegenrede aufgefordert sind.

Aus epd medien 35/21 vom 3. September 2021

Barbara Sichtermann