Mehr Drag, bitte!

Das Fernsehjahr 2019 im schnellen Rücklauf

"Game of Thrones" endete, und wenn es in der digitalen Kommunikationswelt noch Drähte gäbe, hätten diese rot geglüht vor Empörung. Das Finale der "Lindenstraße" wurde verkündet. Die Serie mit dem halbamtlichen Touch, die viele gesellschaftlichen Veränderungen als erste auf die Fernsehagenda brachte, man denke nur an die Figur des Carsten Flöter, gespielt von Georg Uecker, der mit dem ersten innigen schwulen Kuss im deutschen Fernsehen in die Geschichte einging. Am 29. März, nach 34 Jahren, 1758 Folgen, 21 Geburten, 54 Toten und 36 Hochzeiten wird die "Lindenstraße" selbst Geschichte sein. Der Sturm gegen die Absetzung wirkte - verglichen mit manch anderen social media shit storms - wie ein laues Lüftchen.

Die privaten und öffentlich-rechtlichen Fernsehsender scheinen mit dem Umbau ihrer Mediatheken so etwas wie eine totale Streaming-Strategie, mithin einen veritablen Paradigmenwechsel in Angriff zu nehmen. Man wird man sehen.

Jan Böhmermann wechselt nach sechs Jahren und 42 Tagen vom "Mini-ZDF" aka ZDFneo zum "Hochamt des deutschen Fernsehens", ins ZDF-Hauptprogramm. In zwei Jahren, so malte ihm Johannes B. Kerner in der "allerallerallerletzten" Folge des "Neo Magazin Royale" aus, sei er so weit, am Brandenburger Tor die Silvestershow mit Andrea Kiewel zu moderieren. Gern könne Kerner auch den für die ZDF-Karriere unerlässlichen Kontakt zu Horst Lichter herstellen. Denn Böhmermann sei jetzt nicht bloß "der hinter dem Welke", sondern "Einer von uns". Schöner, selbstironischer und respektvoller kann man sich selbst und den Sender kaum veräppeln. Gute Aussichten für die Fernsehsatire 2020.

Das Jahr 2019 brauchte auch die Abschiede von Hannelore Elsner und Jan Fedder, die beide Fernsehgeschichte mitgeschrieben haben. Abschied und Neubeginn, Veränderungen und Umbrüche. Viel vermutlich Grundbewegendes war los 2019 im Fernsehen. Der Gedanke liegt nahe, dass der weiter gewachsene öffentliche Rechtfertigungsdruck auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk daran nicht unbeteiligt ist. Jedenfalls wird Veränderung hier und da sichtbar, manchmal ist sie minimal, manchmal geht es in größeren Schritten, die man auch als Fluchtbewegung deuten kann.

Serielles Erzählen first: Mit dem neunzigminütigen Fernsehfilm lässt sich senderübergreifend zurzeit anscheinend kein Blumentopf gewinnen. Nachdem der "Serienhype" bei den Öffentlich-Rechtlichen lange verschlafen wurde, so dass etwa aus Annette Hess' geplanter Serie "Ku'damm 56" beim ZDF noch 2016 ein Mehrteiler mit überlangen Folgen gestrickt werden musste, der manche dramaturgische Entwicklung kursorisch erscheinen ließ, aber den "Sehgewohnheiten" entsprach, waren "Serie" und "Netflix" 2019 die Zauberlehrlingsworte schlechthin. Jedenfalls im "Top-Down-Management-Ansatz".

Gebrauchsserien wie das "Großstadtrevier" bekamen plötzlich übermäßige Relevanz zugesprochen, fast Vorbildfunktion. "Best-Practice-Approach", der zum "Gold Standard" umfunktioniert wird - Managementlehre für Dummies.

Auf der Höhe der Zeit

Während das Jahr international bei den Streamingdiensten zum Beispiel mit Serien wie "Chernobyl", "The Handmaid's Tale" (Staffel 1 bei Tele 5 im deutschen frei empfangbaren Fernsehen), "Fleabag" (gerade mit zwei Golden Globes ausgezeichnet), "Derry Girls", "Modern Love", und immerhin auch der zweiten Staffel von "Dark" glänzte, tat sich hierzulande wenigstens beim BR ein kleines Komödien- und Satiren-Serienwunder. Schon Ende 2018 sah man mit "Servus, Baby" eine feine Comedy-Miniserie von Natalie Spinell (wird fortgesetzt). In diesem Jahr steigerte sich der Sender mit der zweiten Staffel von "Hindafing" noch einmal und zeigte Polit- und Wirtschaftsgroteske auf der Höhe der Themen und der Zeit.

Arte zeigte viele Krimireihen-Ankäufe, darunter die großartige tschechische Krimiserie "Mord im Böhmerwald" oder die Outback-Polizeifilmreihe "Mystery Road". Auch bei der Familienserie tut sich gelegentlich Neues, aber noch zu wenig. Gelungen die "Bonusfamilie", eine Gemeinschaftsanstrengung verschiedener ARD-Sender nach schwedischem Vorbild, sehr gelungen die humorvolle und genau beobachtete Mini-Reihe "Väter allein Zuhause" (ARD).

Beim Kinderfernsehen stach "Der Krieg und ich" heraus, eine paneuropäische Produktion unter Federführung des SWR, die den Zweiten Weltkrieg für ein jüngeres Publikum aus Kinderperspektive nachvollziehbar machte und dabei auch eine ungewöhnliche Darstellungsverfremdung wählte. Die Produktion dürfte sich für sämtliche Kinderfernsehpreise empfohlen haben.

Netflix' deutsche Produktionen waren - bis auf "Dark" - eher enttäuschend: "Wir sind die Welle" blieb weit hinter dem Anspruch an eine coole, aber nicht doofe Jugendserie zurück, "Skylines" erhielt mit guten Gründen keinen Fortsetzungsauftrag. Vielleicht hätte man daraus ja einen überzeugenden Neunzigminüter machen können.

Der "Tatort" als Rückzugsort

Online First: Immer mehr Produktionen werden nun schon einige Tage vor der Ausstrahlung in den Mediatheken veröffentlicht, deren Erscheinungsbild sich noch stark wandeln soll. Marktteilnehmer wie Joyn mögen dabei beschleunigend wirken. Geld soll und muss fließen beim Umbau des Fernsehens. Eine tolle Zeit für Beraterinnen, juristische Spezialisten, "Back-Office"-Funktionen, Umstrukturierer und andere Funktionsträger.

Der Fernsehkrimi: "Tatort" und "Polizeiruf 110" erwiesen sich in diesem Jahr als Spielwiese und Rückzugsort des klassischen anspruchsvollen Fernsehfilms. Die Sonntagskrimis im Ersten konnten, die fruchtlose "Nur-zwei-Experimente-pro-Jahr"-Belustigung souverän ignorierend, vielfach ästhetisch und erzählerisch überzeugen. Sollten sich diese Polizeifilm-Formate zum Wundertüten-Exil des Fiktionalen entwickeln und damit an die Stelle der Mittwochsfilme im Ersten treten, die immer öfter hinter dem Anspruch, den sie einmal hatten, zurückbleiben?

Dietrich Brüggemann und das HR-Sinfonieorchester gestalteten den "Tatort: Murot und das Murmeltier" (HR) als Minimal-art-strukturiertes ästhetisches Ulrich-Tukur-Gesamtkunstwerk, "Angriff auf Wache 08" folgte als überbordende Western-Zitatorgie. Julia von Heinz überzeugte mit dem konsequenten Blick ihres "Tatort: Für immer und dich" (SWR). In Dresden machte "Das Nest" von Erol Yesilkaya, horrormäßig gut inszeniert von Alex Esram, von sich reden. Ein Staraufgebot, das Kritik aus den eigenen Reihen gleichsam von selbst verhinderte, präsentierte am 1. Januar der improvisierte "Tatort: Das Team" von Spielleiter Jan Georg Schütte. Wer wagt, gewinnt.

Nur bei Anneke Kim Sarnau im Rostocker "Polizeiruf" (NDR) sah man in diesem Jahr Unerhörtes. Eine eidgebundene Beamtin, die Beweise fälschte. Ein Sündenfall im deutschen Fernsehen. Wie sollte das weiter gehen? Gar nicht. Der nächste Rostocker "Polizeiruf" schloss an, als wäre nichts gewesen. Die Illusionskünstler der ARD hatten das Dilemma weggezaubert.

Lachhafte Komödien

In München konnte man sich nach dem verfrühten Abschied von Matthias Brandt mit einem glaubwürdigen Neustart trösten: Verena Altenbergers Kommissarinnenfigur verspricht mehr Teamhaltung und weniger "Einsame Wölfin".

Das ZDF setzt abseits seiner zahlreichen Krimireihen nur noch selten auf gesellschaftlich relevante Themen im Fernsehfilm. "Stumme Schreie" war dafür ein gelungenes Beispiel, ebenso die Tragikomödie "Endlich Witwer" mit Joachim Król. Die Liste sehenswerter Nicht-Kriminalfilm-Produktionen bleibt kurz.

Und was ist mit Komödien? Im falschen Sinn lachhaft waren Produktionen wie "Hüftkreisen mit Nancy" (ZDF), "Nachts baden" (ARD/NDR) oder "Größer als im Fernsehen" (ARD/HR). Bei RTL gab es "Die Nachtschwestern". Naja.

Mächtige Frauen

Nahezu skandalös bleibt der niedrige Frauenanteil bei zentralen Fernsehgewerken. Von zwölf nominierten Filmen beim Fernsehfilmfestival Baden-Baden wurden lediglich zwei von Frauen gedreht: Von Hermine Huntgeburth und Julia von Heinz, die für ihr bisheriges Schaffen den Hans-Abich-Preis und für den "Tatort: Für immer und dich" den Hauptpreis der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zugesprochen bekam.

Wo bleibt die Darstellung von mächtigen Frauen aus der Perspektive von Frauen mit Macht? Angelsächsische Zuschauerinnen haben Phoebe Waller-Bridges "Killing Eve" und "Fleabag", entstanden aus einem Stand-up-Comedy-Programm der Autorin, Produzentin und Schauspielerin. Bei Sky sah man den HBO-Import "Katharina, die Große" von und mit Helen Mirren als Drama weiblicher Herrschaftsexistenz, in der dritten Staffel von "The Crown" durfte Olivia Colman im Geschirr der Königin nur mit den Wimpern zucken, um Rollenbeschränkungen sichtbar zu machen.

Dass bei zwei Folgen von "The Crown 3" Christian Schwochow Regie führte - neben weiteren Männern und Frauen -, ist weniger überraschend, als man denken mag. Denn mit Désirée Nosbusch in der Rolle der luxemburgerischen Bankerin Leblanc hat Schwochow in der Serie "Bad Banks" eine Frauenfigur gezeichnet, die als Machtbewusste neben Katharina der Großen und der fiktiven Queen Elizabeth bestehen kann. Désirée Nosbusch war auch der einzige Grund, Folgen von "Der Irland-Krimi" im Ersten anzuschauen. Ihre Rolle, eine ehemals alkoholkranke Polizeipsychologin mit robuster Art, das Grauen anzuschauen, scheint bei überarbeitetem Produktionsansatz weiter ausbaufähig.

Julia von Heinz' "Tatort: Für immer und dich" beeindruckte mit der Selbstermächtigung, durch die das vermeintliche jugendliche Opfer sich vom erwachsenen Missbrauchstäter befreit: "Ich gehe jetzt." Und sie geht. Verena Altenberger als Oberkommissarin Bessie Eyckhoff zeigte in den "Polizeirufen" "Der Ort, von dem die Wolken kommen" und "Die Lüge, die wir Zukunft nennen" einen im Fernsehen recht neuen Frauentyp. Sie scheint radikaler innerlich unabhängig zu sein als ihre Vorgängerinnen, doch emotional angreifbar, schwer zu manipulieren und gewinnt ihr Selbstbild nicht aus dem männlichen Blick.

Mehr Vielfalt!

Auch "Hanne", Dominik Grafs Film, in dem eine frisch pensionierte, überkontrollierte Frau ihr Leben ein Wochenende lang in Erwartung einer möglicherweise schlimmen Diagnose anders erfährt, zeigte Iris Berben als souveräne Frau.

Noch schöner wäre, wenn mit der Diversität im Fernsehen endlich konsequent ernst gemacht würde. Auch bei der Besetzung. Etwa mit der Methode "Neropa", einem Besetzungstool, das größere Vielfalt in Filmen unterstützen kann. Von Heinz, die damit für "Für immer und dich" gearbeitet hat, zeigte große, kleine, alte, junge, dicke und dünnere Menschen vieler Hautfarben auch in den kleinsten Statistenrollen. Die Vielfalt in diesem Film fiel positiv auf.

A propos positiv. Zur schönsten, buntesten, schrillsten, würdevollsten, genderpolitisch erfrischendsten Antidiskrimierungssendung wäre das im Vorfeld umstrittene Unterhaltungsformat "Queen of Drags" (ProSieben) zu küren. Bill Kaulitz und Conchita Wurst strahlten hier in wunderbaren Kostümierungen und unglaublichem Make-Up um die Wette, Heidi Klum schien überwältigt von der geballten Bühnenpräsenz ihrer Teilnehmerinnen, schwieg und trank ihr Sektchen. Die jeweilige Gastjurorin erlaubte mit den Kandidaten Einblicke in die LGBT-Community. Es ging um inszeniertes Drama, immer wieder ironisch gebrochen, um Toleranz und Vielfalt und lustvolle, nicht immer jugendfreie Präsentation selbstgewählter Personality in Auftritten, die längst nicht nur dem schönen Schein entsprachen.

Auch unter den Queens war Vielfalt Trumpf. Manche machte auf sexy, andere auf divenhaft grandios, wieder andere auf künstlerisch irritierend. Mehr Drag, bitte!

Rezo zerstört das Fernsehen

Als erfolgreichstes Video des Jahres 2019 in Deutschland feierte Youtube Rezos "Zerstörung der CDU". Allerhand hilflose, peinliche, handreichende oder erhellende Reaktionen aus Parteien und von Berufsjournalisten weiter ist Rezo bei der Generalschelte der Nachrichtenkompetenz der "Newsmaker" angelangt. Die freilich pauschal bleibt bis auf die Versicherung, ein "Logiker" oder "logisch Denkender" sehe das ganze Geschäft klarer. Was noch zu beweisen wäre.

Thomas Gottschalks Büchersendung im BR, "Gottschalk liest?", bei der der Witz im Fragezeichen bestehen sollte, wurde auch schon wieder beendet. Die Wiederbelebung der Literaturpapst-Rolle im Gedenken an den verstorbenen Freund Marcel Reich-Ranicki hat nicht funktioniert. Manche Gäste, deren Bücher Gottschalk vorstellte, behandelten ihn nahezu herablassend. Nun gibt es erst einmal, zum 70. Geburtstag des Moderators und verdienten Entertainers, eine "Wetten, dass..?"-Sondersendung im ZDF. Und Gottschalk wechselte als Radiomoderator vom BR zum SWR.

Wie durch den Programmauftrag vorgegeben, wurden bei ARD und ZDF Jubiläen abgefeiert: 100 Jahre Bauhaus ("Die Neue Zeit", "Lotte am Bauhaus"), 30 Jahre Mauerfall zum Beispiel beim "Tatort: Das Leben nach dem Tod" (RBB). Sehenswert war "Wendezeit" (ARD/RBB) mit Petra Schmidt-Schaller, hanebüchen dagegen die ZDF-Spion-Koproduktion "West of Liberty". Die ARD-Programmwoche zum Thema "Zukunft der Bildung" enttäuschte besonders bei den fiktionalen Beiträgen.

Im dokumentarischen Fernsehen ragte Stephan Lamby einmal mehr als Chronist und Bilanzbuchhalter der Politikerpolitik heraus. Keiner beherrscht dieses Metier wie er. Nach "Nervöse Republik" und "Im Labyrinth der Macht" zog er 2019 die Bilanz der großen Koalition: "Die Notregierung - Ungeliebte Koalition" (ARD/SWR/NDR/RBB). Eine Trilogie der Beobachtung und Analyse des Politikbetriebs, zusammenfassend und zugleich auch noch tagesaktuell. Was das politische Resümee angeht, war "Die Notregierung" vielleicht auch der Film mit dem düstersten Ausblick.

Eine Liebeserklärung

Von Stephan Lamby stammte auch eine der dokumentarischen Überraschungen dieses Jahres: "Die Brüder Kühn. Zwei Musiker spielen sich frei" (3sat/ZDF). Der Autor, der selbst eine Vergangenheit als Musiker hat, ging hier an ein ganz anderes Sujet, den Jazz und man merkte schnell, dass er Ahnung hat und den Jazz liebt. Und wer den Jazz liebt, liebt die Musiker und dieser Film ist eine einzige Liebeserklärung. Der Autor schafft es, der Musik der Brüder genügend Raum zu geben und Musik als Kommunikation zu zeigen. Es sind die schönsten Momente dieses Films, ihnen nicht nur zuhören, sondern auch zusehen zu können.

Europa war in diesem Jahr Thema zahlreicher Dokumentationen, zwischen Europa-Drama und Europa-Saga. Als weniger dramatisch, dafür aber herausragend erwies sich die dokumentarische Produktion "24 h Europa" (Arte/RBB/SWR). Das von Volker Heise und Thomas Kufus erfundene Format ist, seit vor zehn Jahren "24 h Berlin" über die Sender lief, erprobt und zeigte sich in dieser Produktion voll leistungsfähig. Junge Protagonisten aus verschiedenen Ländern Europas zwischen Ural und Schottland, zwischen Finnland und Sizilien, wurden dokumentarisch in ihrem Alltag beobachtet und reflektierten über die Zukunft des Kontinents. So entstand ein Bild voller Vielfalt und Buntheit, ein Loblied der Diversität und der produktiven Unterschiede - ein wirkliches Fernsehereignis.

Mit diversen Landtagswahlen spielte Politik im Fernsehen eine große Rolle: klassische Wahlaufarbeitung, Wahlabende, Zahlensalate. Nicht immer agierten die Moderatoren geschickt. Fast untergegangen dabei ist ein stiller leiser Film, der vier Wahlkämpfern in Brandenburg bei ihrer politischen Arbeit zusah: "Die Unerhörten" (RBB) von Jean Boué. Die Geschichten, die der Film erzählt, sind konkret, nicht übermäßig groß, aber sie erzählen, wie das Land hier offenbar von der großen Politik abgekoppelt worden ist. Kommunalpolitik, so zeigt sich, dreht sich um Fakten, weniger um Ideologie.

Erzählt ist das alles aus einer zugewandten Haltung: beobachten, nicht urteilen, Meinungen und Ansichten bleiben stehen, ohne dass der Film deshalb haltungslos wird: Ein kluges, vielstimmiges Bild einer ländlichen Region und der dort ansässigen Gesellschaft sowie eine Erzählhaltung, die den Zuschauern erlaubt, selbst zu sehen und zu urteilen.

Im weiten Feld des Jahrestagsfernsehens 30 Jahre nach dem Mauerfall ragte "Palast der Gespenster" von Heike Bittner und Torsten Körner mit einem besonderen dramaturgischen Ansatz heraus. Erzählt wurde rückblickend der Tag, als im Palast der Republik in Ost-Berlin die Elite der DDR den 40. Jahrestag des Landes feierte und zugleich in der Provinz Menschen in großen Demonstrationen sich versammelten und demokratische Reformen verlangten. Lebendig und aufschlussreich waren die besonderen Erinnerungen und Geschichten sowohl von Mitgliedern der DDR-Eliten wie der Menschen auf den Straßen von Plauen. Gekonnt riss der Film die Widersprüche in diesem politischen Umbruch auf.

Subjektive Erzählweise

Die Auseinandersetzungen der Umweltbewegung mit staatlicher Gewalt im Hambacher Forst reflektierten gleich zwei Filme, beide klassische parteiliche Bewegungsfilme mit erheblicher emotionaler Wucht "Die rote Linie - Widerstand im Hambacher Forst" (WDR) von Karin Miguel de Wessendorf beschrieb den Konflikt aus der Nähe, versuchte aber auch, die Breite der Bewegung zu reflektieren, einige Protagonisten kamen nicht unmittelbar aus der Mitte der Umweltaktivisten.

"Hambi - der Kampf um den Hambacher Forst" von Lukas Reiter, ausgestrahlt vom "Kleinen Fernsehspiel" des ZDF stand an der Seite der Aktivisten in ihren Baumhäusern und beschrieb den Konflikt aus allernächster Nähe, ließ dabei aber auch etwas Distanz vermissen.

Der stärkste Dokumentarfilm zum Thema Umweltkrise war sicherlich der Kinofilm "Dark Eden - der Albtraum vom Erdöl" (koproduziert von ZDF/3sat) von Jasmin Herold und Michael Beamish. Der Film spielt in den riesigen Ölsanden in Kanada. Hier liegt die Stadt Fort Mc Murry, die vom Öl lebt und letztlich auch vom Öl ruiniert wird. Der Film erfasst in seiner subjektiven Erzählweise viele Aspekte des Themas, das rücksichtslose Verhalten der großen Konzerne, die Gesundheitsgefahren, die der immer tieferen und gefährlicheren Eingriff in die Natur erzeugt, gesteuert von Profit- und Ölhunger. Und Menschen in dieser Stadt, von denen manche die Gefahren leugnen, weil sie dort arbeiten und Geld verdienen müssen. Ein ungemein eindringlicher Film.

Hinter uns liegt das Fontane-Jahr, vor uns das Beethoven-Jubiläum. Und vermutlich tausendundeine Folgen "Bares für Rares". Die Promi-Ausgabe mit Jan Böhmermann sollten wir uns schon jetzt im Kalender rot anstreichen. Dazu spiele das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld bitte Zukunftsmusik!

Aus epd medien 1-2/20 vom 10. Januar 2020