Landschaftspflege

Die Journalismusinitiativen von Facebook und Google

epd Mehr als eine halbe Milliarde Euro investieren Google und Facebook derzeit weltweit in den Journalismus. Auch zahlreiche deutsche Medienhäuser gehören zu den Profiteuren, ebenso wie Einrichtungen von Hochschulen. Die Internetkonzerne beschreiben ihr Engagement als Teil ihrer Verantwortung. Kritiker sprechen hingegen von "Ablasszahlungen", weil Google und Facebook massiv in die Werbemärkte der Medienhäuser eingedrungen sind. Ellen Nebel liefert einen Überblick über die verschiedenen Fördermodelle und analysiert die problematischen Abhängigkeiten, die dabei enstehen können.

Mitte September kündigte Google an, journalistische Arbeit künftig mit einem besseren Ranking in der News-Suche belohnen zu wollen. Die Algorithmen der Google-Suche sollen Originalgeschichten höher bewerten und so zu einer besseren Positionierung in den Suchergebnissen führen. Um die Algorithmen entsprechend zu füttern, erhalten Google-Mitarbeiter neue Vorgaben. Texte, die Informationen bieten, die ohne den entsprechenden Artikel nicht bekannt geworden wären, sollen mit dem Label "sehr hohe Qualität" bewertet werden. Auch der allgemeine Ruf der Redaktion soll bei der Bewertung eine Rolle spielen.

Die Ankündigung folgte, wenige Wochen nachdem Facebook im August mitgeteilt hatte, Inhalte von Nachrichtenredaktionen in einem gesonderten Bereich, dem "News Tab", zu präsentieren. Das Angebot startet in diesem Herbst zunächst in den USA. Das "Wall Street Journal" berichtete, dass Facebook in Lizenzverhandlungen mit Medien stehe, bis zu drei Millionen US-Dollar wolle das Unternehmen pro Jahr dafür ausgeben. Den neuen News-Bereich hatte Facebook-Chef Mark Zuckerberg bereits im April in einem Gespräch mit Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner in Aussicht gestellt.

Es sind die jüngsten Beispiele aus einer langen Reihe von Bemühungen, mit denen die Internetkonzerne Medienhäuser umgarnen.

Geldfluss nach Deutschland

Weltweit fördern Google und Facebook den Journalismus derzeit zusammengerechnet mit mehr als einer halben Milliarde Euro. Google bündelte seine Journalismusprojekte 2018 unter dem Dach der "Google News Initiative" (GNI). Der Konzern will die Initiative über einen Zeitraum von drei Jahren mit umgerechnet knapp 270 Millionen Euro ausstatten (epd 12/18). Facebook kündigte Anfang 2019 an, für einen ebenfalls dreijährigen Zeitraum Nachrichtenorganisation auf der ganzen Welt mit ebenfalls rund 270 Millionen Euro zu unterstützen.

Auch deutsche Medienhäuser profitieren von dem Geldsegen der Internetkonzerne. Für die "Digital News Initiative" (DNI), die in der neuen Initiative aufging, hatte Google neben Investitionen in Produktentwicklung, Forschung und Schulung in den vergangen Jahren bereits einen Innovationsfonds im Umfang von 150 Millionen Euro für Projekte in der europäischen Nachrichtenbranche bereitgestellt. Einer Datenanalyse von "Netzpolitik.org" aus dem Jahr 2018 zufolge ist Deutschland das Land, in dem Google in den ersten vier Runden die meisten Projekte gefördert hat - und auch das Land, in das die größte Summe floss: 66 Projekte erhielten demnach insgesamt 15 Millionen Euro. Fast die Hälfte dieser Projekte ist laut "Netzpolitik.org" klassischen Medienunternehmen zuzuordnen.

Unter anderem profitierten die Funke Mediengruppe, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die "Wirtschaftswoche", der "Tagesspiegel", die "Rheinische Post", Heise Medien, "Spiegel Online", die Deutsche Welle und das gemeinnützige Recherchebüro Correctiv von Googles DNI. Außerdem ließen sich auch zwei universitäre Einrichtungen fördern: die Hamburg Media School und die Bauhaus-Universität Weimar.

Gießkannenprinzip

Facebook hat den Journalismus in Deutschland inzwischen mit einem ähnlichen Programm nach dem Gießkannenprinzip bedacht. Im vergangenen Juni schloss der Internetkonzern die erste deutsche Ausgabe seines "Local News Subscriptions Accelerator" ab, der Teil des weltweiten 270-Millionen-Euro-Förderversprechens ist. Das Programm für deutsche Regionalzeitungsverlage startete Anfang April. Zwei Millionen Euro investierte das Unternehmen, um die Verlage bei der Weiterentwicklung digitaler Bezahlmodelle zu unterstützen. 14 Häuser nutzten das "Accelerator"-Programm: "Augsburger Allgemeine", "Der neue Tag", DuMont, "Frankfurter Rundschau", "Hamburger Abendblatt", "infranken.de", Lensing Media, "Main-Echo", "Main-Post", "Nürnberger Nachrichten", "Rheinische Post", "Ruhr Nachrichten", "Straubinger Tagblatt" und "Stuttgarter Zeitung".

Ruth Betz hat zehn Thesen, die sie aus dem Programm mitgenommen hat, an ihre Bürowand gepinnt. Als Leiterin Digitale Transformation nahm sie für die Funke Mediengruppe am "Accelerator"-Programm teil. Anders als andere Teilnehmer ist sie bereit, über ihre Erfahrungen mit dem Angebot Auskunft zu geben. Betz beschreibt sich selbst als durchaus skeptisch gegenüber Facebook. Die Managerin war zuvor unter anderem für die Bauer Publishing Group tätig. Dort habe sie erlebt, wie Facebook die "TV Movie"-Fanpage fünf Tage lang abgestellt habe. "Ich würde sagen, ich habe ein sehr gesundes Misstrauen", sagt Betz. Beim "Accelerator"-Programm sei klar gewesen, dass es um reine Wissensvermittlung geht, das habe sie überzeugt.

"Das ganze Programm war unfassbar spannend", erzählt die Funke-Managerin. Für drei Sessions lud Facebook die Teilnehmer nach Berlin ein und stellte ihnen über den Zeitraum von drei Monaten jeweils einen von Facebook unabhängigen Coach beiseite. Jede Session habe aus rund zehn Vorträgen bestanden, berichtet Betz - in keinem davon sei es um Facebook gegangen. Stattdessen hätten etwa Vertreter der norwegischen "Aftenposten" und der "Seattle Times" ihre Bezahlmodell-Strategien vorgestellt. "Die Facebook-Leute standen im hinteren Teil des Raums und betonten, dass sie sich nicht einmischen", sagt Betz, die Zurückhaltung sei auffällig gewesen. Zum Abschluss des Programms spendierte Facebook den teilnehmenden Verlagen 50.000 Euro für die Umsetzung des Gelernten. Funke beispielsweise nutzt das Geld für die Entwicklung interaktiver Newsletter-Templates.

Schlüssellektion

Auf der Internetseite des "Local News Subscriptions Accelerator" hebt Facebook die Erfolge des Projektes hervor. So habe die "Rheinische Post" (RP) in den ersten drei Wochen seit Start ihres neuen Freemium-Modells RP+ im vergangenen Juni 38.000 Abonnenten gewonnen. Eine Schlüssellektion des "Accelerator"-Programms habe dabei geholfen. "Um jeden bei dem neuen Abo-Modell mitzunehmen, veröffentlichten Redakteure einen Artikel auf 'RP Online' und im Intranet, um das Ziel von RP+ zu erklären: die Mailadressen der Leser erhalten, sie zum regelmäßigen Lesen von RP+-Artikeln ermutigen und später darum bitten, für die Abos zu zahlen."

Facebook investiert in Deutschland auch in die journalistische Weiterbildung. Für Stephan Weichert, Akademischer Studiengangsleiter Digital Journalism an der Hamburg Media School (HMS), darf Facebook wohl als ein Glücksfall bezeichnet werden. Im November 2018 startete die HMS ein neues berufsbegleitendes Weiterbildungsprogramm für digitalen Journalismus. Das Digital Journalism Fellowship ist eine kostenlose einjährige Fortbildung, die von Weichert entwickelt wurde. Finanziert wird sie vom Facebook Journalism Project (FJP), das im Januar 2017 ins Leben gerufen wurde, um die Zusammenarbeit und den Austausch zwischen Facebook und der Medienbranche zu stärken. Das Digital Journalism Fellowship ist das erste von Facebook geförderte Stipendienprogramm für Journalisten in Deutschland.

Nach Angaben der HMS hat Facebook weder Einfluss auf die inhaltliche Ausgestaltung des Fellowships noch auf die Auswahl der Teilnehmer. Für die Unabhängigkeit des Programms soll auch der ehrenamtliche Beirat sorgen, der sich aus Vertretern der Medienbranche zusammensetzt.

Dazu gehört unter anderem Daniel Fiene, redaktioneller Leiter Digitalstrategie bei der RP in Düsseldorf. Der hat, ebenso wie Weichert, auch bereits Erfahrungen mit Google: 2016 erhielt die RP Geld aus Googles "Digital News Initiative" (DNI) für die Entwicklung des "Listening-Centers". Lokalredaktionen können damit in Echtzeit analysieren, welche Themen, Nachrichten und Personen im Verbreitungsgebiet der Region im Netz eine Rolle spielen. "Dass wir das 'Listening-Center' machen, haben wir bereits vor der Bewerbung bei Google entschieden", sagt Fiene. "Eine wichtige Frage war für uns auch, ob wir nach einer solchen Förderung weiterhin unabhängig berichten können." Die gleiche Frage müsse man letztlich jedoch bei jedem beliebigen Anzeigenkunden stellen, betont der Digitalchef. "Für uns ist eine kritische Berichterstattung über Google weiterhin selbstverständlich."

"Teil unserer Verantwortung"

Seit 2015 ist das Google News Lab Team in Deutschland, Österreich und der Schweiz aktiv, das Partnerschaften und Schulungen zu Google-Technologien organisiert und unter das GNI-Dach gehört. Geleitet wird es von Isabelle Sonnenfeld, die zuvor Twitter in Deutschland aufgebaut hatte. In den vergangenen vier Jahren habe Google weltweit über 200.000 Journalisten und Journalistinnen persönlich - davon mehr als 10.000 in der D-A-CH-Region - erreicht, erzählt sie. Über 300.000 Journalisten und Journalistinnen hätten außerdem Online-Schulungen genutzt. Im Mittelpunkt der Kurse stünden digitale Werkzeuge, wie Nachrichten online recherchiert, überprüft und in Form von "digitalem Storytelling" besser erzählt werden können.

Google verfolge mit seinen Förderungen das Ziel, in einem stetig wachsenden Netz möglichst vielen Menschen einen offenen Zugang zu relevanten Informationen zu bieten. "Dazu zählen natürlich auch journalistische Angebote, insofern sind Medien, Journalistinnen, Journalisten und Google hier sehr eng miteinander verbunden", sagt Sonnenfeld. Ein Schwerpunkt der gemeinsamen Arbeit sei zum Beispiel der Kampf gegen Desinformation und andere manipulative Inhalte im Internet. "Wir betrachten die Förderung des Journalismus und die Arbeit mit Medien an neuen digitalen Angeboten als Teil unserer Verantwortung."

Der zuständige Facebook-Manager Guido Bülow argumentiert ähnlich. "Wir nehmen unsere gesamtgesellschaftliche Verantwortung in vielen Bereichen wahr, und Journalismus ist einer dieser Bereiche, in denen wir unterstützend tätig sind." Guter, recherchierter Journalismus sei wichtig, sagt Bülow. "Nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für uns, denn ein Teil unserer Plattform besteht aus Nachrichten, und natürlich haben wir daran Interesse. Ich glaube, da gibt es ein beidseitiges Interesse." Facebook sei ein Teil der Medienlandschaft. "Wir sehen uns als Partner der Verlage und arbeiten deshalb eng mit ihnen zusammen." Facebook helfe den Verlagen bei der digitalen Transformation ihrer Geschäftsmodelle, damit diese auch künftig gut recherchierte Informationen veröffentlichen können. "Auf ihren eigenen Plattformen und natürlich auch auf unseren Plattformen", erläutert Bülow.

Er tut sich schwer, die Gesamtsumme, die der Konzern in Deutschland in den Journalismus investiert, zu beziffern. "Die eine Summe für alles habe ich nicht", sagt er, "aber wir investieren stark in den Bereich." Bülow hat dieser Tage eine neue Rolle bei Facebook übernommen, inzwischen trägt er den Titel Strategic Partner Development Manager, News Europe, Middle East and Africa. Seinen bisherigen Job als Strategic Partner Manager übernehmen Stéphanie Barsch, die zuvor unter anderem für "Bild Plus" gearbeitet hat, und Torsten Beeck von "Spiegel Online". Wie viele Mitarbeiter sich bei Facebook mittlerweile insgesamt um Medienpartnerschaften in Deutschland kümmern, lässt sich laut Bülow aufgrund komplexer Aufgabenteilungen nur schwer sagen. "Es sind einige tatsächlich", sagt der Manager.

Vom "Frenemy" lernen

Aus Sicht von Daniel Fiene sind die Aktivitäten von Google und Facebook "vor allem Image-Anstrengungen". Versuche der Einflussnahme seien für ihn nicht zu erkennen. "Angesichts der Tatsache, dass die Medien kein Rezept dagegen gefunden haben, dass Google und Facebook Werbegelder abgreifen, sind diese Initiativen allerding ein Tropfen auf den heißen Stein."

Ähnlich wie die "Rheinische Post" ließ sich auch Ippen Digital bereits sowohl von Google als auch von Facebook fördern. Die Grundbeziehung zu den Internetkonzernen sei die eines "Frenemy", sagt Geschäftsführer Jan Ippen. "Diese Unternehmen haben eine phänomenale Entwicklung gezeigt, haben neue Märkte besetzt und setzen den Transformationsunwilligen natürlich zu. Von ihnen zu lernen ist sinnvoller, als sie zu boykottieren." Aus seiner Sicht tragen sie zwar keine Verantwortung für den Journalismus selbst, wohl aber für die Rahmenbedingungen, in denen sich ein zeitgemäßer neuer Journalismus entwicklen kann. "Sie betreiben ihre Produkte ausschließlich eigennützig, obwohl sie durch Größe 'systemrelevant' sind, dazu kommt eine zu große Kontrolle über die gesamte Wertschöpfungskette", kritisiert Ippen. Dies mache es für Dritte "sehr schwer, unabhängig und selbstbestimmt ein eigenes Geschäft neu aufzubauen".

Nach Einschätzung des Journalisten und Bürgerrechtlers Matthias Spielkamp kümmern sich Google und Facebook deshalb um den Journalismus, weil der Druck auf die Internetkonzerne steigt. Er erinnert daran, dass Google 2013 in Frankreich einen 60-Millionen-Euro-Fonds bereitstellte, um den Online-Journalismus zu unterstützen. "Damit haben sie es damals geschafft, ein nationales Leistungsschutzrecht vom Tisch zu holen." Das deutsche Leistungsschutzrecht sei für die Verlage letztlich vor allem ein Hebel gewesen, um Google unter Druck zu setzen. Der Europäische Gerichtshof in Luxemburg kippte das deutsche Leistungsschutzrecht zwar kürzlich (epd 38/19). Die im April beschlossene Reform des EU-Urheberrechts sieht allerdings ein Leistungsschutzrecht für Verleger auf europäischer Ebene vor. Die Reform muss bis 2021 in nationales Recht umgesetzt werden (epd 13, 17/19).

"Daimler Benz News Coalition"

"Google und Facebook brauchen den Journalismus und die Verlage. Im Ökosystem der Online-Angebote spielen journalistische Inhalte eine große Rolle", sagt Spielkamp. "Nutzer wollen Nachrichten auch finden, wenn sie sie suchen, sie erwarten zuverlässige Quellen." Insofern hätten die Konzerne ein Interesse daran, den Journalismus zu erhalten, weil er ihrem Geschäft dient, analysiert Spielkamp. Ihn störe allerdings die Bereitschaft der Verlage, die Hilfe einfach anzunehmen. "Gerade Unternehmen, die einen so großen Einfluss auf den Journalismus haben, sollten nicht als Partner gesehen werden. Bei einer 'Daimler Benz News Coalition' wäre die Vorsicht sicherlich groß", sagt Spielkamp. Google und Facebook leisteten mit ihren Initiativen letztlich eine Art "Ablasszahlung", doch dieses direkte Verhältnis sei hochproblematisch.

Guido Bülow lässt den Vorwurf der "Ablasszahlung" nicht gelten. "Die Idee ist nicht einfach, einen Scheck auszustellen. Nein, es ist als nachhaltige Investition gedacht", betont der Facebook-Manager. Facebook wolle den Verlagen die Möglichkeit geben, sich ohne finanzielle Verluste frei zu entwickeln.

Für Google betont Isabelle Sonnenfeld, dass das Unternehmen für Verlage und Journalismus einen signifikanten Mehrwert biete. "Wir wissen natürlich, dass insbesondere die Zeitungsbranche seit vielen Jahren im Umbruch ist und dabei vor beträchtlichen Herausforderungen steht." Deshalb unterstütze Google Verlage und den Journalismus wirtschaftlich. Google leite jeden Monat zehn Milliarden Besuche auf Webseiten von Verlagen weiter. Außerdem unterstütze der Internetkonzern Verlage und andere Medien bei der Vermarktung von Werbeplätzen auf deren Webseiten.

Keine direkte Gegenleistung

Für ihre finanziellen Gefälligkeiten verlangen Google und Facebook zumindest keine direkte Gegenleistung. Die Bedinungen erscheinen den Teilnehmern durchweg fair. "Da unsere redaktionelle Arbeit unabhängig ist und es sich um eine Technologie-Förderung handelt, sehen wir darin vor allem Chancen", heißt es etwa beim "Tagesspiegel". Die Zeitung ließ sich mehrfach durch Googles DNI fördern. Die "Süddeutsche Zeitung" gehört zur den Häusern, die bislang keine direkten Geldzahlungen annahmen, Nachfragen zu den Gründen lässt man hier allerdings unbeantwortet.

Nur sehr selten scheint Konfliktpotenzial durch, wie im Fall der "Rhein-Zeitung". Die Koblenzer hatten 2016 ursprünglich ebenfalls Google-Fördergeld zugesprochen bekommen. Gedacht war es für eine App, die Social Media, Mails und News verknüpft. Doch die Zeitung entschied, die 470.000 Euro von Google nicht anzunehmen (epd 36/16). Als Grund nannte die Chefredaktion damals Differenzen über die "Vertragsgestaltung". Nach Angaben von Regine Theunissen, der Digitalbeauftragten der "Rhein-Zeitung", ging es in dem Konflikt unter anderem um den Umfang der Rechte, die Google sich sichern wollte. So hätten Berichte über den Projektstand beispielsweie auch Daten der beteiligten Dienstleister und Mitarbeiter enthalten sollen. Hier habe man sich zwar angenähert, letztlich aber keinen gemeinsamen Weg gefunden. Ihr Haus habe aber deshalb keine "Google-Allergie", betont Theunissen, so nutze die "Rhein-Zeitung" etwa das Schulungsangebot des Internetkonzerns.

Facebook durfte Anfang September verkünden, führende Verlage aus Europa für eine Zusammenarbeit gewonnen zu haben. Zu den Partnern, die exklusive Inhalte auf der Videoplattform Facebook Watch bereitstellen werden, gehören auch Axel Springer, Burda und Gruner + Jahr. Geteilt werden nicht nur die Werbeerlöse, Facebook zahlt auch einen zweistelligen Millionenbetrag direkt an seine Medienpartner. Direkte Geldgeschenke von Facebook oder Google nahmen zumindest Springer und Burda bislang übrigens nicht an.

Schon im Oktober startet Googles nächstes Förderprogramm. Für "Table Stakes Europe" hat das Unternehmen den Weltzeitungsverband WAN-IFRA als Partner gewonnen. Das Programm basiert auf dem von der Knight Foundation in den USA entwickelten Table-Stakes-Framework für das Change Management von Lokaljournalismus. WAN-IFRA führt das Programm gemeinsam mit der Google News Initiative durch und wird Douglas Smith, den Erfinder der Methodik, als Coach für das gesamte Programm einsetzen. Das Programm soll nach Angaben von Sonnenfeld den Übergang des Journalismus vom Print zum Digitaldruck beschleunigen, den Nachrichtenredaktionen helfen, ihre Arbeit zu verbessern, neue Zielgruppen zu erreichen und ihre Communitys besser einzubinden. Unter den 15 Verlagen nehmen aus Deutschland die "Heidenheimer Zeitung", Lensing Media, NOZ Digital, der "Südkurier" und der Zeitungsverlag Aachen an dem Programm teil.

"Schleichende Effekte"

Matthias Spielkamp befürchtet durch das großzügige Engangement "schleichende Effekte, eine Erosion". Die Internetkonzerne betrieben "kontinuierliche Landschaftspflege" mit ziemlich viel Geld. "Wenn junge Journalisten schon am Anfang ihrer Karriere viel Kontakt mit Google und Facebook haben, warum sollte das keine Effekte haben?"

Nach den Vorschriften, die der Deutsche Presserat in seinem Pressekodex formuliert hat, ist schon der Anschein, die Entscheidungsfreiheit von Verlag und Redaktion könne beeinträchtigt werden, zu vermeiden. "Journalisten nehmen daher keine Einladungen oder Geschenke an, deren Wert das im gesellschaftlichen Verkehr übliche und im Rahmen der beruflichen Tätigkeit notwendige Maß übersteigt", schreibt Richtlinie 15.1 vor. Ob diese Grundregel angesichts millionenschwerer Finanzhilfen eingehalten wird, ist fraglich.

Google inszeniere sich "als Gönner in Renaissance-Manier, der die darbende Kunst des Journalismus fördert", schrieb Alexander Fanta in der schon erwähnten "Netzpolitik.org"-Analyse. "Wohl nie zuvor hat ein privates Unternehmen an andere private Firmen so viel Geld verteilt - praktisch ohne Gegenleistung." Ähnliches darf auch über Facebook behauptet werden. Viele Medienhäuser sehen hierin kein Problem, die beiden Internetkonzerne dürfen dies wohl als ersten Erfolg ihrer Bemühungen verbuchen.

Morgen profitieren

Dass Google und Facebook ihre Millionen einfach so verteilen, ohne etwas dafür zu verlangen, lässt ihr Engagement moralisch erscheinen. Den Profiteuren gilt die vordergründige Unabhängigkeit als Beleg dafür, dass eine Partnerschaft aus journalistischer Sicht unproblematisch ist. Jedoch liegt genau hier die größte Gefahr. Denn wer Geschenke annimmt, begibt sich Abhängigkeiten, die vielleicht nicht heute oder morgen, aber übermorgen das eigenen Handeln beeinflussen. Passend dazu betonen Google und Facebook, wie wichtig die Nachhaltigkeit ihrer Initiativen ist.

"Die Mailadressen der Leser erhalten, sie zum regelmäßigen Lesen von RP+-Artikeln ermutigen und später darum bitten, für die Abos zu zahlen" - das von der "Rheinischen Post" mit Unterstützung von Facebook ersonnene Freemium-Modell lässt in diesem Zusammenhang aufhorchen: Heute Abhängigkeiten herstellen, morgen davon profitieren - von diesem Gedanken lassen sich womöglich auch Google und Facebook leiten.

Aus epd medien 39/19 vom 27. September 2019