Kühler Stratege

Norbert Himmler wird neuer ZDF-Intendant

epd Wäre der ZDF-Fernsehrat ein Konklave, so wäre am 2. Juli gegen 13.20 Uhr in Mainz weißer Rauch aufgestiegen. Der neue Intendant des Zweiten stand nach dem dritten Wahlgang fest, zum vierten Mal hintereinander hat es der amtierende Programmdirektor des Senders auf den Intendantenposten geschafft, die fast 40 Jahre währende Tradition wurde gewahrt. Nachdem die Gegenkandidatin Tina Hassel zurückgezogen hatte, stimmten 57 Mitglieder des Fernsehrats für Norbert Himmler, es gab nur eine Gegenstimme und zwei Enthaltungen (vgl. Meldung in dieser Ausgabe).

Es hat beim ZDF schon Intendantenwahlen gegeben, die sich länger hingezogen haben und bei denen am Ende keiner der beiden Kandidaten, die in der ersten Runde zur Wahl gestanden hatten, den Posten bekam. Doch die politischen Fronten stehen sich im ZDF-Fernsehrat nicht mehr so unversöhnlich gegenüber wie noch vor zwei Jahrzehnten - und auch die Politik musste inzwischen einsehen, dass sie Intendantenposten nicht mehr so nach Gutdünken besetzen kann wie einst. Dafür hat nicht zuletzt das Bundesverfassungsgericht mit seinem ZDF-Urteil im Jahr 2014 gesorgt (epd 13/14).

ZDF für alle

Am Morgen hatten sich Hassel und Himmler in alphabetischer Reihenfolge im Fernsehrat präsentiert. Die WDR-Journalistin Tina Hassel kündigte in ihrem „Manifest zur Zukunft des ZDF“ an, sie wolle aus dem Sender einen „Raum für das Wir“ machen, einen „Ort für gute Konflikte“. Aufgabe des ZDF sei es, „Menschen ins Gespräch zu bringen“, sagte sie, der Sender müsse „alle Lebenserfahrungen abbilden: Stadt und Land, Ost und West“, er müsse „berichten, nicht belehren“.

Auch Himmler stellte seine Ausführungen zum ZDF unter eine sehr allgemeine Überschrift, bei ihm hieß sie „ZDF für alle“. Was jedoch seine Vorstellungen für den Sender angeht, wurde er konkreter als Hassel, die mit ihren Ausführungen doch eher zum Floskulösen neigte. Spätestens, als sie auf die Frage einer Fernsehrätin, wie das ZDF denn über den Osten berichten sollte, gleich zwei Mal wiederholte, die Journalisten müssten „raus aus der Komfortzone“, war klar, dass sie zu den Lebenserfahrungen im Osten wenig zu sagen hatte.

Himmler gab sich in seiner Präsentation selbst Zielvorgaben, an denen ihn die Fernsehräte im Jahr 2025 messen könnten, wie er ankündigte. Er wolle zeigen, warum das ZDF unverzichtbar ist, er wolle die Information für Jüngere ebenso stärken wie die Vielfalt im Programm. Er wolle Kommunikation und Partizipation organisieren und die Transparenz ausbauen. Die Geschäftsleitung des ZDF wolle er „weiblicher gestalten“, versprach er. Außerdem kündigte er ein Konsultationsprogramm „nach dem Vorbild der BBC“ an, um mit den Nutzern in den Dialog zu treten, daneben weitere Partnerschaften und Vernetzungen mit kulturellen und gesellschaftlichen Institutionen.

Während Hassel in ihrer Bewerbungsrede kaum ZDF-Marken nannte, kennt der versierte Medienmanager Himmler, der das Programm seit vielen Jahren prägt, den Sender natürlich in- und auswendig. Er erwähnte starke Programmmarken wie „Terra X“ und Köpfe wie Jan Böhmermann, Markus Lanz oder den Neuzugang Mai Thi Nguyen-Kim und verwies auf die Bedeutung von ZDFneo, ZDFinfo und Funk für das Hauptprogramm sowie für die zukünftige Plattformstrategie. Hassel dagegen blieb in ihrer Vision für das ZDF sehr allgemein: Sie trete an für „Erneuerung und Aufbruch“, sagte sie, für „Vielfalt und Bodenständigkeit“ - und sie stehe für öffentlich-rechtlichen Journalismus.

Schaulaufen

Es war angeblich der sogenannte rote Freundeskreis im ZDF-Fernsehrat, der die Leiterin des Hauptstadtstudios der ARD gefragt hatte, ob sie nicht ihren Hut in den Ring werfen wolle - und so dafür sorgte, dass die Fernsehräte eine echte Wahl hatten. Und Hassel, die so sehr ein WDR-Gewächs ist wie Himmler ein ZDF-Zögling, erhielt im zweiten Wahlgang sogar 28 Stimmen, vier mehr als im ersten. Himmler hatte im ersten Wahlgang 34 Stimmen erhalten, im zweiten dann 32. Dass Hassel dann zurückzog, um - wie sie selbst sagte - für ihren Konkurrenten „aus einer kleinen Mehrheit eine große zu machen“, ließ ihre Kandidatur dann doch eher als Pro-forma-Bewerbung erscheinen. Sie selbst unterstrich das noch durch ihre Bemerkung: „Eine Wahl mit echten Alternativen ist die Krone der Demokratie.“

Sie könne nach diesem Ergebnis hoch erhobenen Hauptes vom Hof reiten, sagte Hassel. Nach Meinung von Beobachtern war ihre Bewerbung in Mainz denn auch ein Schaulaufen für eine andere Kandidatur: Aus Köln ist zu hören, dass Tom Buhrow die Intendanz des WDR möglicherweise schon vor Ende seiner Amtszeit 2025 verlassen will.

Auch die Vorsitzende des Fernsehrats, Marlehn Thieme, lobte ihr Gremium im Nachhinein ein bisschen zu deutlich dafür, dass es hier einen „wirklichen Wettbewerb“ gegeben habe. Und auch wenn der Fernsehrat des ZDF nicht mehr so politisiert wirkt wie vor 20 Jahren, so spricht es doch Bände, wenn die Vorsitzende vor der Sitzungsunterbrechung vor dem zweiten und dritten Wahlgang noch schnell durchsagt, wo sich welcher Freundeskreis in der Pause trifft.

Gemessen an der Bildschirmpräsenz war Hassel eindeutig die prominentere der beiden Kandidaten für den Intendantenposten des ZDF: Seit Beginn der Corona-Pandemie war die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios fast jede Woche mehrmals in „Tagesschau“ oder „Tagesthemen“ im Ersten zu sehen und ordnete die aktuellen politischen Entscheidungen ein. Entsprechend selbstbewusst trat die Journalistin bei ihrer Kandidatur auf: Sie sei „die erste WDR-Auslandschefin“ gewesen und „die erste Leiterin im ARD-Hauptstadtstudio“, sagte sie dem „Tagesspiegel“: „Ich weiß, was ich kann.“

Kein Mann großer Auftritte

Himmler dagegen, der vor fast 25 Jahren als Redaktionsvolontär und Reporter im ZDF anfing, gestaltet seit 2012 als Programmdirektor geräuschlos und effizient die Programme des ZDF. Er ist kein Mann großer Auftritte, hat aber als Programmmacher große Erfolge vorzuweisen, schließlich ist das ZDF seit neun Jahren unangefochtener Marktführer im deutschen Fernsehen. Noch ehe er Programmdirektor wurde, hat Himmler 2009 das Spartenprogramm ZDFneo aufgebaut und es zunächst mit zahlreichen neuen Formaten zu einem Innovationsmotor gemacht (epd 84/09).

Er hat auch Talente von der ARD zum ZDF geholt. Jan Böhmermann beispielsweise gab er die Freiheit, sich zu entfalten, die er zuvor bei der ARD nicht hatte. Erst kürzlich gab das ZDF bekannt, dass die WDR-Moderatorin Sabine Heinrich demnächst im Zweiten eine große Show moderieren wird, und auch der Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim, die mit ihrem „Mailab“ vor allem im Internet erfolgreich ist, konnte Himmler im ZDF offensichtlich ein attraktiveres Betätigungsfeld bieten als der WDR, wo Nguyen-Kim im Wechsel mit Ralf Caspers die Wissenssendung „Quarks“ moderierte.

Was Satire-Sendungen wie Böhmermanns früheres „Neo Magazin Royale“ oder auch kleine, feine Serien wie „Götter wie wir“ angeht, muss man Himmler klar zugestehen, dass er mit einem guten Justiziariat im Rücken gelassen sämtliche Angriffe von interessierter Seite auf das ZDF-Programm abperlen lässt und seinen Talenten nicht öffentlich in den Rücken fällt. Eine Entschuldigung für ein Kinderlied, in dem eine Oma als „Umweltsau“ besungen wird, wäre auf dem Lerchenberg kaum vorstellbar. In seiner Bewerbungsrede betonte Himmler denn auch die Bedeutung von „äußerer Unabhängigkeit bei gleichzeitiger innerer Freiheit“.

Nun sollten die Fernsehräte Himmler beim Wort nehmen und ihn an seinen eigenen Zielen messen, die er sich für 2025 gesetzt hat. Denn als Programmdirektor hat er auch zu verantworten, dass der Fernsehfilm im ZDF mehr und mehr zur Krimi-Monokultur wurde. Selbst auf dem Montagssendeplatz finden sich inzwischen kaum noch Filme, in denen es nicht darum geht, ein Verbrechen aufzuklären. Wenn also Himmler die „Vielfalt im Programm stärken“ will, sollte er als Erstes mit der Genrevielfalt in der Fiktion anfangen. Ja, Krimis sind eine bequeme Konvention, und sie garantieren noch immer hohe Einschaltquoten, aber kreative Programmplanung sieht anders aus.

Lineare Mediathek

Auch die Mehrzahl der Dokumentationen im ZDF sind so durchformatiert, dass Autorenhandschriften kaum noch zu erkennen sind. Die History-Dokus sind noch immer von Sound Guido Knopps geprägt. Mit einem Anflug von Selbstkritik deutete Himmler im Fernsehrat an, dass er Sendungen wir „Aldi oder Lidl“ wohl selbst nicht für die Krone einer innovativen Programmgestaltung hält, doch wer wenn nicht er könnte diese Sendungen aus dem Programm nehmen? Wer wenn nicht er könnte hier für mehr Vielfalt sorgen? Tina Hassel hatte sich in ihrer Bewerbungsrede dafür ausgesprochen, öfter mal die Programmformate zu sprengen. Diese Anregung seiner Wettbewerberin sollte Himmler aufnehmen: Dem ZDF-Programm täte es gut, wenn das Korsett öfter aufgebrochen würde.

Als Zweites sollte er sich ZDFneo vornehmen, das in den vergangenen Jahren mehr und mehr zu einer linearen Mediathek verkommen ist, in der am Nachmittag abwechselnd die Serien „Monk“ und „Psych“ in Doppelfolgen gezeigt werden, worauf am frühen Abend zwei Ausgaben von „Bares für Rares“ folgen. Für diese Art Programm braucht es keinen eigenen Kanal, das ist langfristig besser in der Mediathek aufgehoben, wo ich mir als Nutzerin wenigstens aussuchen kann, welche Folge von „Monk“ ich mir gerade anschauen will. Ein Programm braucht eine Dramaturgie, es muss auch mal überraschen, damit die Nutzer merken, dass es sich lohnt, den Sender einzuschalten. Wer diese Überraschungen nicht wagt, muss sich auch nicht wundern, wenn die Zuschauer die linearen Kanäle nicht mehr einschalten.

Und schließlich und vor allem anderen wird es darum gehen, das ZDF als Plattform im Digitalen auszubauen. Mit seiner Mediathek ist das ZDF der ARD weit voraus: Sie ist besser sortiert, Filme und Ausschnitte aus Sendungen sind leichter auffindbar als bei der Konkurrenz. Doch auch die ZDF-Mediathek ist noch verbesserungswürdig, vor allem fehlt ihr ein Rückkanal. Hier hat Himmler versprochen, dass er für mehr Kommunikation und Partizipation sorgen will.

Dass Himmler sich mit dem ZDF identifiziert, wie er zum Schluss seiner Rede sagte, nimmt man ihm nach seiner Karriere in diesem Haus ab. Etwas schwieriger wird es mit dem zweiten Bild, das er benutzte: „Ich brenne für dieses Haus.“ Nein, brennende Leidenschaft, damit würde man diesen Mann wohl kaum in Verbindung bringen. Er wirkt eher wie der kühle Stratege, freundlich und stets kontrolliert. Aber das muss kein Nachteil sein, solange er anderen weiterhin den Raum lässt, ihre Leidenschaften im Programm auszuleben.

Aus epd medien 27/21 vom 9. Juli 2021

Diemut Roether