Klima der Unsicherheit

Wenn Medienschaffende bedroht werden

epd Die Morddrohung gegen den "Monitor"-Moderator Georg Restle hat im Juli wieder einmal den Blick darauf gelenkt, dass Journalisten, die öffentlich Stellung beziehen, zunehmenden Anfeindungen ausgesetzt sind. Restle, der Anzeige erstattete, forderte von der Politik ein viel klareres Bekenntnis zur Pressefreiheit (epd 31,36/19). Klar ist, dass Einschüchterungen dieser Art das Ziel haben, kritische Journalisten mundtot zu machen. Thomas Gehringer hat bei Sendern und Verlagen nachgefragt, wie sie auf Drohungen und Hass-Mails reagieren.

Der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU), der am 2. Juni mutmaßlich von einem Rechtsextremisten begangen wurde, hatte in verschiedener Hinsicht Folgen. Die zynische Variante: Manche, die Angst verbreiten wollen, nehmen nun in ihren Botschaften Bezug auf die Tat. So geschehen bei den Drohungen gegen "Monitor"-Chef Georg Restle und den Sprecher des Braunschweiger "Bündnisses gegen Rechts", David Janzen.

"Heute Walter - morgen Janzen" verkündete ein in ganz Braunschweig bekannter Neonazi in einem Instagram-Video. Tage später fand Janzen, der seit Jahren als Journalist über die rechte Szene recherchiert, an seiner Haustür die Worte: "Wir töten dich!", darunter ein Aufkleber der rechtsextremen Gruppe "Adrenalin BS". Dies brachte die Polizei allerdings schnell auf die Spur des 20-jährigen Neonazis, der auch das Video veröffentlicht hatte und in der vergangenen Woche wegen verschiedener anderer Delikte vom Amtsgericht Braunschweig zu einer achtmonatigen Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt wurde. Im Fall Restle ist die Ermittlung der Personen, die den WDR-Journalisten bedrohen, wesentlich schwieriger: Restle erhielt eine verschlüsselte Mail.

Erste Verurteilungen

Immerhin deutet sich an, dass der Mord an Lübcke auch zu einer Sensibilisierung gegenüber den Gefahren der rechtsextremistischen Hetze führen könnte. Seitdem sei das Interesse an der Arbeit der "Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime Nordrhein-Westfalen" deutlich gestiegen, sagt jedenfalls Christoph Hebbecker von der Staatsanwaltschaft Köln. Insbesondere das 2017 auf Initiative der Landesanstalt für Medien NRW ins Leben gerufene Projekt "Verfolgen statt nur löschen" macht mittlerweile in mehreren Bundesländern Schule, etwa in Berlin, Bremen und im Saarland (epd 17, 27/18, 4, 33/19). Dabei kooperieren Medienhäuser mit den Ermittlern und melden potenziell strafbare Hasskommentare und Zuschriften, seit kurzem auch Bedrohungen gegen Einzelne.

"Mittlerweile konnten wir etwa 100 Beschuldigte identifizieren, etwa ein Viertel davon stammt aus NRW", erklärt Hebbecker. Es gebe auch erste rechtskräftige Verurteilungen. So wurde der Inhaber eines Elektrobetriebs zu acht Monaten auf Bewährung verurteilt, weil er zu Gewalt gegen Flüchtlinge und Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgerufen habe.

Zwar hetzen einige dreist - oder auch naiv - unter ihrem Klarnamen, die Mehrzahl der Absender ist allerdings nicht identifizierbar. "Es ist einiges in Bewegung geraten, aber da ist noch jede Menge Luft nach oben", sagt Hebbecker. "Zahlreiche Straftaten im Netz werden nicht verfolgt. Umso wichtiger ist, dass wir als Justiz klar Zeichen setzen."

Nötig wär's. Anfeindungen und Hass bekommen Journalistinnen und Journalisten im Schutz der Anonymität des Netzes seit Jahren vermehrt zu spüren. Die ZDF-Journalistin Dunja Hayali und die NDR-Moderatorin Anja Reschke haben dies publik gemacht und öffentlich Stellung bezogen. "Spiegel"-Autor Hasnain Kazim schrieb darüber ein Buch ("Post von Karlheinz"), bei dessen Lektüre einem das Lachen im Halse steckenbleibt. Darin schilderte er auch seine Erfahrungen mit der Justiz nach den fünf von ihm erstatteten Strafanzeigen. Die Verfahren seien eingestellt worden, weil die Verfasser der Hass- und Drohbriefe nicht ermittelt werden konnten oder einfach abgestritten hätten, sie geschrieben zu haben. "Solch eine Justiz lässt mich im Stich. Von der Seite des Rechtsstaats erwarte ich mir keine Unterstützung", schrieb Kazim. Hoffentlich ändert sich das nun.

Journalisten werden nicht nur bedroht, wenn sie über die rechte Szene recherchieren, wie Restle einen Kommentar zur AfD verfassen oder über Flüchtlingspolitik berichten. Kritik an Erdogan und Putin kann ebenfalls zu hässlichen Reaktionen führen, Gender-Themen sind für manche ein rotes Tuch, auch der Tierschutz oder zuletzt Greta Thunberg lassen die Wogen hoch schlagen.

"Das Feld der Betroffenen ist überraschend bunt", sagt Cornelia Berger, Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Journalisten-Union (dju) in der Gewerkschaft Ver.di. Um bedroht zu werden, genüge es, sich für eine weltoffene Gesellschaft auszusprechen. "Aus unserer täglichen Beratungsarbeit wissen wir: Bedrohungen sind keine Einzelfälle. Es sind viele", ergänzt Frank Überall, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV). In diesem Klima sind Sätze wie "Man sollte dich erschießen" zur perversen Normalität geworden. Drohungen, sagt Restle, erhalte er fast nach jeder "Monitor"-Sendung und jedem "Tagesthemen"-Kommentar. "Das nehme ich alles nur sehr begrenzt ernst." Dass dies "quasi zum Normalfall geworden ist, ist allerdings insgesamt bedenklich. Es handelt sich um massive Einschüchterungsversuche."

Körperliche Attacken

Gleichzeitig hat die Gewaltbereitschaft zugenommen. Davon berichten nicht nur die Journalisten-Gewerkschaften. "Es gibt in den letzten drei Jahren einen klaren Trend: Bei rechtsgerichteten Demos kommt es immer wieder zu Zwischenfällen, bei denen Reporter und Kameraleute körperlich attackiert werden. Dabei muss man zunehmend auch mit Personenschäden rechnen", sagt Gunnar Rechenburg, Leiter des "Sicherheitsmanagements Reise" bei der Deutschen Welle (DW), das hauptsächlich die Reisen der Reporter vorbereitet und absichert.

Weil der Auslandssender gerade auch aus Krisenländern berichten will, in denen es mit der Pressefreiheit nicht zum Besten bestellt ist, wird die Stellenzahl seiner Abteilung im Oktober von drei auf vier erhöht. Aber es ist nicht so, als gäbe es für die DW in Deutschland nichts zu tun. Jaafar Abdul Karim, Moderator der arabischsprachigen Talkshow "Shababtalk", in der auch Fragen wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau kontrovers diskutiert werden, lebt in Berlin und hat schon mehrfach Morddrohungen erhalten. Außerdem sei Karim auf einer "Pegida"-Demo tätlich angegriffen worden, sagt DW-Sprecher Christoph Jumpelt. "Man muss nicht in den Sudan fahren, so etwas kann man auch in Dresden erleben."

Oder in Chemnitz: Bei einer der Demonstrationen vor einem Jahr nach dem gewaltsamen Tod von Daniel H. habe sich eine Reporterin von DW-TV in ein Hotel zurückgezogen, um auf einem Balkon im ersten Stock unbehelligt ihren Aufsager drehen zu können. Rechte Demonstranten hätten sie verfolgt und versucht, per Räuberleiter an der Außenfassade zu ihr hoch zu klettern. Insbesondere die Ereignisse in Chemnitz sorgten dafür, dass die Organisation "Reporter ohne Grenzen" (ROG) für 2018 eine Zunahme an gewalttätigen Angriffen auf Journalistinnen und Journalisten in Deutschland registrierte: Insgesamt waren es 22 im Vergleich zu 16 im Vorjahr.

Vor diesem Hintergrund ist es verstörend, dass das Bundeskriminalamt (BKA) die im Internet kursierenden Listen, mit Personendaten von Tausenden Politikern und Journalisten, die zum Beispiel bei der rechtsextremen Prepper-Gruppe Nordkreuz gefunden wurden, als weitgehend harmlos abtut. Auch dem epd bestätigte das BKA, es handele sich dabei nicht um "Feindes-" oder "Todeslisten". Nach eingehender Prüfung würden derzeit keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, "dass die aufgelisteten Personen konkret gefährdet sind".

Mittlerweile sind die auf den Listen aufgeführten Personen in einigen Bundesländern informiert worden, in anderen nicht. In Hamburg gab Innensenator Andy Grote eine Telefonnummer bekannt, bei der man sich erkundigen kann, ob man auf der sogenannten "Antifa-Liste" steht, die auf einen Hackerangriff auf einen Duisburger Internetshop zurückgehen soll. "Würde die Polizei alle Betroffenen, die in derartigen Sammlungen auftauchen, informieren, hätten die Urheber ihr Ziel mehr als erreicht: Verunsichern und Angst schüren", sagte Grote aus Anlass der Einführung des Kontakttelefons Ende August.

Das ist ein bedenkenswertes Argument. Cornelia Berger von der dju befürwortet auch die Idee mit dem Kontakttelefon, besteht allerdings darauf, dass zumindest alle Journalisten von den Sicherheitsbehörden informiert werden. In einem Offenen Brief haben sich im August sechs Organisationen, darunter die Neuen Deutschen Medienmacher, dju und DJV, an Bundesinnenminister Horst Seehofer gewandt und mehr Anstrengungen beim Schutz von Journalistinnen und Journalisten gefordert (epd 35/19). Sie argumentieren genau umgekehrt: "Solange bekannt ist, dass solche Listen existieren, ohne dass die Behörden die bedrohten Personen und Organisationen systematisch informieren und schützen, haben die rechtsextremen Akteur*innen ihr Ziel erreicht - nämlich Angst zu verbreiten."

Keine exakten Daten

Ferda Ataman von den Neuen deutschen Medienmachern erklärt: "Einfach nur zu sagen, die Personen auf den Listen sind nicht akut bedroht, genügt nicht. Wir wollen, dass die Sicherheitsbehörden dafür Sorge tragen, dass Journalisten ihrer Arbeit ohne Angst nachgehen können und fordern von der Bundesregierung ein Sofortprogramm, um die Sicherheit von Journalisten zu gewährleisten." Sie bekräftigt die Forderung im Offenen Brief nach einer "unkomplizierten Auskunftssperre für Privatadressen im Melderegister". Eine Reaktion aus dem Bundesinnenministerium ist bisher nicht erfolgt.

Was auch fehlt: Exakte Daten über die Zahl der Morddrohungen, die von Journalisten selbst, deren Arbeit- oder Auftraggebern sowie der Polizei tatsächlich als konkrete Gefahr wahrgenommen werden. Dass diese tatsächlich zugenommen haben, lässt sich nur vermuten. Seit 2016 erfasst das BKA immerhin politisch motivierte Straftaten speziell gegen Journalisten und Medienhäuser im Rahmen des Kriminalpolizeilichen Meldedienstes (KPMD). Und die bestätigt das allgemeine Gefühl einer wachsenden Gefährdungslage: So stieg die Zahl der Straftaten "Nötigung/Bedrohung" im Bereich der "Politisch Motivierten Kriminalität (PMK)-rechts" von acht beziehungsweise sieben Straftaten in den Jahren 2016 und 2017 auf 18 im Jahr 2018.

Zum Vergleich: Die Zahlen für "PMK-links" sowie "PMK-ausländische Ideologie" oder "PMK-religiöse Ideologie" lagen jeweils zwischen null oder drei Straftaten im Jahr. Zahlen für 2019 könnten noch nicht weitergegeben werden, teilt das BKA mit. Allerdings müsse es sich bei den in der Statistik erfassten Fällen nicht zwangsläufig um eine Morddrohung handeln, es könne sich zum Beispiel auch um eine politisch motivierte Sachbeschädigung handeln. Und eine "Bedrohung" nach Paragraf 241 des Strafgesetzbuchs liegt ohnehin nicht nur bei Morddrohungen vor, sondern auch, wenn Betroffene mit anderen Verbrechen wie etwa Raub bedroht werden.

Es kann jeden treffen

Eine Umfrage bei ausgewählten Medienhäusern ergab ein ähnlich unspezifisches, gleichwohl wegen der nahezu einhellig geschilderten Erfahrungen mit Anfeindungen erschreckendes Bild. Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) als Unternehmen sowie deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter "erhalten sehr regelmäßig Drohungen", heißt es in einer Stellungnahme des Senders. Das Spektrum reiche "von Beleidigung über Stalking bis hin zu der Androhung von körperlicher Gewalt und Tod". Auch habe der Sender in den letzten Jahren mehrere Strafanträge wegen Bedrohung gestellt. Die Morddrohung gegen Restle sei "allerdings besonders schwerwiegend" gewesen. Rechtskräftige Urteile gebe es bisher nicht.

Keine genaue Zahl nennt auch der Norddeutsche Rundfunk (NDR). Hetzende, beleidigende E-Mails mit Drohungen, vor allem Morddrohungen, würden zur Anzeige gebracht: "Da die meisten E-Mails aber einen Umweg übers Ausland nehmen, waren die Ermittlungen der Polizei (…) selten von Erfolg gekrönt." Ganz ähnlich antwortet das ZDF, das ebenfalls keine Statistik über Strafanzeigen führt. Meist würden Beleidigungen, Verleumdungen oder Bedrohungen über soziale Netzwerke erfolgen, meist seien die Moderatorinnen und Moderatoren der aktuellen Sendungen betroffen. "Generell kann es aber jeden Moderator oder Journalisten treffen."

Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) wird konkreter: Der Sender teilt mit, allein 2019 habe er zehn Strafanzeigen erstattet, vier davon wegen Bedrohung. Die Ermittlungsverfahren seien noch nicht abgeschlossen, ein Verfahren sei eingestellt worden. Bezeichnend ein Hinweis aus dem Landesfunkhaus Thüringen: "In vielen Fällen sind die Drohungen eher unspezifisch, was eine Strafverfolgung verhindert. Allerdings schaffen genau diese Drohungen ein Klima der Unsicherheit." DW-Sicherheitsexperte Rechenburg bestätigt das: "Dieser Graubereich mit den anonymen Drohungen ist unbefriedigend, weil man nie wirklich einen Haken dahinter machen kann."

Alltägliche Beleidigungen

Der Hessische Rundfunk (HR) stellt im Schnitt fünf Strafanzeigen pro Jahr, bei denen es allerdings auch um Beleidigung und Verleumdung geht. Die ernüchternde Bilanz: "Bislang kam es zu keinem Prozess." Erkenntnisse über ergangene Urteile hat auch der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) nicht, der seit 2014 insgesamt elf Anzeigen wegen einer Bedrohung oder wegen Körperverletzung erstattet hat. Die im Justiziariat aktenkundigen Bedrohungen "enthielten primär Androhungen des Todes oder (schwerer) Körperverletzungen. Teilweise bezogen solche Androhungen auch die Familien der Betroffenen mit ein".

Sowohl der Saarländische Rundfunk (SR) als auch Radio Bremen (RB) wissen dagegen von keinem Fall einer konkreten Bedrohung, berichten aber von alltäglichen Beschimpfungen und Beleidigungen. Offenkundig werden öffentlich-rechtliche Sender besonders angefeindet, denn bei den beiden großen Mutterhäusern des Privatfernsehens, der RTL Group und ProSiebenSat1, sind weder konkrete Bedrohungen noch regelmäßige Angriffe bekannt. Beleidigungen und Beschimpfungen seien "in wenigen Einzelfällen" zur Anzeige gebracht worden, teilt ProSiebenSat.1 mit.

Was allerdings nicht heißt, dass einzelne Journalisten, die freiberuflich für die Sender arbeiten, keine Angriffe oder konkrete Bedrohung erlebt haben könnten. Die Frage ist ohnehin, ob die Arbeitgeber ihre Mitarbeiter tatsächlich immer in dem Maße unterstützen, wie es nötig wäre. In zumindest einem Fall fühlten sich freiberufliche Autorinnen nach Bedrohungen von rechts von einem ARD-Sender im Stich gelassen - allerdings wollen sie dies nicht öffentlich machen.

Fingierte Todesanzeige

Manchen Journalisten ist auch wichtig, dass, falls möglich, nicht sie selbst, sondern der Sender oder Verlag Anzeige erstatten - aus Sorge darum, dass ihre Adresse der Gegenseite über den Antrag auf Akteneinsicht bekannt wird. Andere gehen als Einzelperson juristisch gegen die Bedrohung vor. So weiß der Südwestrundfunk (SWR) zwar von "einer ganzen Reihe von Fällen", in denen Journalistinnen und Journalisten des SWR bedroht worden seien. Aber in den allermeisten Fällen obliege es den Betroffenen selbst, ob Strafanzeige gestellt werde.

So war es auch bei einem krassen Fall, von dem der Bayerische Rundfunk (BR) berichtet. "Es kam zu Hakenkreuz-Schmierereien und drastischen Drohungen gegen einen Kollegen, zum Beispiel durch Graffitis und eine fingierte Todesanzeige." Der Kollege sei selbstständig juristisch vorgegangen, aber die Ermittlungen hätten "nur wenig" ergeben. Zu einer Verurteilung sei es nicht gekommen.

Die angefragten Verlage machten ebenfalls keine genauen Angaben. Der Medienkonzern Axel Springer will sich zu konkreten Fällen "aus ermittlungstechnischer Sicht nicht äußern. Zudem wollen wir auch niemand zur Nachahmung motivieren." Redaktionen und einzelne Kollegen seien jedoch mit den verschiedensten Arten von Drohungen und Beleidigungen konfrontiert.

Ähnliches berichtet der Spiegel-Verlag: Es gebe "immer mal wieder Drohungen". Klare Drohungen seien allerdings eher selten, "dann erstatten wir natürlich Anzeige". Bei Themen wie Migration oder Flucht komme es häufiger zu Anfeindungen. "Auch scheint es, als würden schreibende Frauen häufiger und herabwürdigender angefeindet als Männer."

Psychische Belastung

Die Ergebnisse der Anfrage sind etwas ernüchternd. Dass man bei der Weitergabe von Informationen in diesem Bereich zurückhaltend ist, mag ja nachvollziehbar sein. Aber wenn Statistiken nicht geführt werden oder die Ergebnisse von Ermittlungsverfahren teils nicht bekannt sind, wirkt es nicht unbedingt so, als stünde bei den Häusern das Thema ganz oben auf dem Zettel.

Dabei ist jeder einzelne Fall ein Angriff, der nicht ohne Folgen bleibt. Trotz aller tapferer Beteuerungen, sich nicht unterkriegen zu lassen: Es wäre naiv zu glauben, dass Drohungen irgendjemanden kalt lassen. "Ich kenne Kolleginnen und Kollegen, die sich zurückziehen, die aufhören, über Themen wie Flüchtlinge und Migration zu schreiben, weil sie sich solchen Angriffen nicht aussetzen wollen", schrieb Hasnain Kazim 2018. Die psychische Belastung ist immens, die Sorge um die eigene Sicherheit und der der Familie groß. "Es beschäftigt einen Tage und Wochen", sagt ein Journalist, der zwar Anzeige erstattet hat, aber den eigenen Fall aus Sorge um sein privates Umfeld lieber nicht publik machen will.

"Die Dunkelziffer ist extrem hoch", erklärt der DJV-Vorsitzende Überall, der es "in der Regel" nicht für ratsam hält, mit einer Morddrohung an die Öffentlichkeit zu gehen, schon wegen möglicher Nachahmungstäter. Nur bei Prominenten "macht das Sinn".

David Janzen kann die Zurückhaltung vieler nachvollziehen, weist aber auch darauf hin, dass Öffentlichkeit "einen gewissen Schutz darstellt". Das gilt wohl besonders, wenn man wie er in der Heimatstadt quasi an den Pranger gestellt wird: Nach den Morddrohungen tauchten vor wenigen Tagen auch noch Aufkleber mit seinem Foto in der Innenstadt auf. Darunter sein Name und ein diffamierender Text. Unterstützer sammelten die Aufkleber in der Nacht wieder ein. Janzen sagt, wenn man die Bedrohungen öffentlich macht, "wird deutlich, dass man nicht alleine steht". Und: "Nur dann kann das Problem auch wahrgenommen werden."

Unterstützung von Kollegen

Im Fall von Georg Restle kam die Idee, die Öffentlichkeit zu unterrichten, vom Sender. Restle stimmte zu. "Ich bin ein Verfechter der Haltung, dass man Rechtsextremen keine Bühne bieten darf. Aber selbstverständlich müssen wir über rechtsextreme Strukturen und deren Verbindungen in den parlamentarischen Raum informieren und Gefahren für die Demokratie deutlich benennen", erklärt er. Restle sagte bisher keinen öffentlichen Auftritt ab, legt aber nun bei Veranstaltungen mit seiner Beteiligung Wert darauf, dass es eine Art Einlasskontrolle gibt. Ermutigend seien die vielen Rückmeldungen und die Unterstützung von Freunden und Kollegen gewesen. "Rechtsaußen nimmt sich allerdings niemand zurück, ganz im Gegenteil", sagt er.

Hinzu kommt: Während die Sicherheitsexperten in den Medienhäusern grundsätzlich von einer guten Zusammenarbeit mit der Polizei berichten, fällt das Urteil der Journalisten gelegentlich nicht so positiv aus. Da ist immer mal wieder von nicht ausreichendem Schutz bei rechten Demos oder der Behinderung der journalistischen Arbeit die Rede. Georg Restle nennt den Kontakt mit dem Staatsschutz "äußerst unergiebig". Sein Vertrauen darauf, dass der anonyme Absender der Morddrohung noch ermittelt werde, sei daher "eher begrenzt".

David Janzen wurde kürzlich bei einer NPD-Kundgebung im Braunschweiger Bahnhof von zwei Neonazis angegriffen, getreten und geschlagen. Der Polizist, der seine Anzeige aufnahm, habe ihm zu verstehen gegeben, er sei selbst schuld, weil er die Teilnehmer "provokativ abfotografiert" habe. Tendenziell, sagt Janzen, steige aber die Sensibilität bei der Polizei gegenüber Angriffen auf Journalisten. Auch Frank Überall glaubt, dass der Stimmungsumschwung bei der Polizei ankommt, allerdings "sehr langsam".

Sicherheitstraining kommt zu kurz

Mehr auf die Sicherheit achten - das gilt nicht nur für Politik und Behörden, sondern auch für die Medienunternehmen und die Journalisten selbst. Sicherheitsmanagement dürfte auch hier für die Sender immer wichtiger werden. Einige ließen eine Anfrage über die bestehenden Strukturen lieber unbeantwortet. Oder verwiesen lediglich auf eine Handreichung der Chefredaktion für das Verhalten bei Großveranstaltungen. Bisher ist das Thema offenbar entweder gar nicht institutionalisiert oder es kümmern sich Mitarbeiter, die in ihren Abteilungen noch für andere Dinge wie Brandschutz oder Gebäudewirtschaft verantwortlich sind. Darüber müsste gesprochen werden.

Schon jetzt wird privates Sicherheitspersonal als Begleitung für Journalisten bei rechten Demos oder wie 2017 beim G20-Gipfel in Hamburg gebucht. "Wir müssen ein Minimum an Standards schaffen, etwa für Kollegen, die von einer Demonstration mit einem klaren Risikofaktor berichten sollen", sagt Gunnar Rechenburg, der auf die Minimum Operating Security Standards (MOSS) der Vereinten Nationen verweist. Für jeden UN-Standort werde definiert, wie das Büro ausgestattet sein muss, wie die Mitarbeiter sich vor Ort bewegen und wie sie kommunizieren. Das könne auch auf die Redaktionsarbeit übertragen werden. "Aber in der Realität sind wir noch lange nicht soweit." Der Sicherheitsexperte der DW fordert auch "viel mehr" Schulungsangebote. Sicherheitstraining komme, insbesondere bei den freiberuflichen Journalisten, zu kurz.

Nach Angaben von Martina Lenk von der ARD-ZDF-Medienakademie, die in Nürnberg und Hannover jährlich 2800 Seminare und Trainings durchführt, hat es seit 2015 mit dem Beginn der "Pegida"-Demonstrationen einen erheblichen Schub an Seminaren zur Deeskalation und zum persönlichen Schutz von Journalisten gegeben. "Seitdem stellen wir - speziell bei den Seminaren zur Sicherheit im Inland - Wellenbewegungen bei den Anfragen fest, die jeweils mit tagespolitischen Lagen korrespondieren. Ein bisschen so wie der Regenschirm, der nur bei Regen gekauft wird", sagt Lenk.

In der Tat: Den Hass hat es schon immer gegeben. Und es hat immer schon Mut gebraucht, über extremistische Netzwerke zu recherchieren oder vor Ort bei gewalttätigen Demos zu fotografieren oder drehen. Die Kolleginnen und Kollegen, die diesen Mut aufbringen und bedroht werden, stehen enorm unter Druck. Eine freie Gesellschaft kann Versuche, sie mundtot zu machen, nicht hinnehmen. Weil sie sonst bald keine freie Gesellschaft mehr ist.

Aus epd medien 37/19 vom 13. September 2019

Thomas Gehringer