Keine Strategie

Aus HR2-Kultur soll ein Klassikprogramm werden

Als der Intendant des Hessischen Rundfunks, Manfred Krupp, Ende Juni in der öffentlichen Hauptversammlung des Rundfunkrats den Jahresabschluss 2018 präsentierte, beschrieb er die finanzielle Situation des Senders als "dramatisch". Zwar war das Defizit des Senders im vergangenen Jahr nicht ganz so hoch ausgefallen wie ursprünglich geplant, doch wenn der Rundfunkbeitrag von derzeit 17,50 Euro im Monat im Jahr 2021 nicht angemessen erhöht werde, bekomme der Sender auf Dauer ein Problem mit der Liquidität, sagte Krupp dem epd. Wirtschaftliche Einschnitte in das Programm würden dann unausweichlich (epd 27/19).

Seit zwei Jahren diskutieren die Ministerpräsidenten über eine mögliche Indexierung des Rundfunkbeitrags, also eine automatische Anpassung an die Inflationsrate. Doch im Juni konnten sich die obersten Medienpolitiker einmal mehr nicht einigen und vertagten die Entscheidung erneut. Noch ist also nicht über die zukünftige Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks entschieden, noch rechnet die KEF mit spitzem Bleistift die Bedarfsanmeldungen nach, die die Sender im April eingereicht haben (epd 19/19), da verkündete die Geschäftsleitung des HR zu Beginn der Sommerpause der Belegschaft, dass die Radiowelle HR2-Kultur umgebaut werden soll. Die Wortinhalte des Senders, der bislang alle Kulturbereiche von Literatur über Kunst und Film bis Musik abdeckte, sollten reduziert werden, hieß es, HR2 solle zum "Klassikprogramm für Hessen" werden, sagte der Sendersprecher (epd 29/19).

Viel mehr als ein Radioprogramm

Offiziell hieß es zwar, diese Pläne sollten kein Sparprogramm sein, aber dass der Sender sparen muss, ist klar. Der HR müsse "stärker priorisieren", sagte Krupp, das bedeute auch, dass manche alten Sachen nicht mehr fortgesetzt werden könnten. Worauf der Sender konkret verzichten will, wollte er Ende Juni nicht sagen.

Auch die Rundfunkräte wurden von den Plänen zum Umbau von HR2-Kultur in ihren Sommerferien überrascht. Am 23. August sollen sie von der Geschäftsleitung über die Details informiert werden. Erwartet wird eine intensive und kontroverse Debatte im Gremium. Rundfunkrat Harald Freiling sagte dem epd, zu einer Kulturwelle wie HR2-Kultur gehöre "ein vielfältiges Musikangebot und ein Wortprogramm, das ein breites öffentlich-rechtliches Themenspektrum abdeckt. Kultur besteht nicht aus Musik allein, dazu gehören auch Literatur und andere Kulturprojekte". Die Kulturwelle sei "viel mehr als ein Radioprogramm", sagte Freiling. Sie spiele eine große Rolle in der hessischen Kulturszene und sei "ein Akteur und hoch geschätzter Kooperationspartner für viele Veranstaltungen".

In der Tat: Mit dem Netzwerkprojekt "Literaturland Hessen" bringt der Sender Autoren, Leser und Akteure des Literaturbetriebs zusammen. Junge Autorinnen und Autoren können sich für den vom Sender ausgelobten Literaturpreis Hessen bewerben. Und erst in dieser Woche gehörte der Sender zu den Veranstaltern einer Diskussion zum 50. Todestag von Theodor W. Adorno, in der es auch um die Aktualität seines Vortrags "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" von 1967 ging. Der Mitschnitt der Diskussion steht bereits bei HR2-Kultur im Internet und die Welle wird ihn am 9. September senden. Mit solchen Veranstaltungen trägt der Sender ebenso wie mit aktuellen Kritiken und der Kulturberichterstattung, die überwiegend in den Sendungen "Kulturfrühstück" und "Kulturcafé" stattfindet, zum kulturellen Diskurs in Hessen bei.

Dass der HR nun ausgerechnet dieses Herzstück seiner öffentlich-rechtlichen Identität, dieses "öffentlich-rechtliche Programm at its best" (Freiling) beschneiden will, hat öffentlich heftige Kritik ausgelöst. Der HR sollte sich lieber noch "intensiver und kritischer mit der Kulturlandschaft in Hessen auseinandersetzen", forderte Lothar Ruske, der zahlreiche Literaturveranstaltungen in Hessen organisiert, in der "Frankfurter Rundschau" (FR). Wenn HR2-Kultur seine aktuelle Kulturberichterstattung ausbauen würde, statt sie zu reduzieren, "gäbe es auch wieder mehr Hörerinnen und Hörer", zeigte sich Ruske überzeugt: "Man kann nicht einfach sagen, das Publikum werde älter. Viele ältere Menschen sind auf das Radio angewiesen. Die haben nicht immer Zugang zum Internet. Man muss aufpassen, dass diese Menschen nicht ausgeschlossen werden."

Auf ihrer Leserbriefseite veröffentlichte die FR zahlreiche Zuschriften von treuen Hörern der Kulturwelle. Hörerin Ursula Bös schrieb, wenn HR2-Kultur ausschließlich zum Musiksender würde, werde der Sender "unattraktiv". Attraktiv sei der Sender "vor allem, weil - neben der Musik - in den Wortbeiträgen kulturelle Veranstaltungen, Musik und Literatur vorgestellt sowie Hintergründe und Analysen von Politik und aktuellem Zeitgeschehen geboten werden. HR2-Kultur ohne Sendungen wie aktuelle Frühkritik, Pressespiegel, Lesung, 'Doppelkopf' und 'Der Tag'? Ohne die Stimmen und Beiträge der engagierten und vertrauten Moderatorinnen und Moderatoren? Was bleibt da übrig von der bisherigen Qualität des Senders?"

Das gesprochene Wort

Auch der Deutschlandfunk griff die Diskussion auf und fragte seine Hörer in der Sendung "@mediasres" am 19. Juli: "Welche Kulturberichterstattung erwarten Sie im Radio?" Die Hörer, die sich in der Sendung zu Wort meldeten, waren sich erstaunlich einig: Sie wollten gesprochenes Wort, "Beiträge zum kulturellen Leben, Kunst, Musik, Theater". Ein Handwerker berichtete, er höre Radio in der Werkstatt und schätze besonders die Beiträge über Themen, die ihm völlig unbekannt seien. Musik störe ihn eher.

Die zahlreichen deutlichen Reaktionen scheinen die Geschäftsleitung des HR überrascht zu haben. Unklar ist weiterhin, was tatsächlich geplant ist und was womöglich nur schlecht kommuniziert wurde. Nach der ersten Information der Mitarbeiter war es für Journalisten nicht einfach, vom HR klare Aussagen zu den Umbauplänen zu erhalten. Hörfunkdirektor Heinz Dieter Sommer sagte dem epd nun, HR2-Kultur solle als "Klassikwelle" positioniert werden. Das bedeute, "dass wir das gegenwärtige Mischangebot aufgeben zugunsten eines primär klassisch ausgerichteten Musikformats". Das heiße aber nicht, "dass das Programm ganz ohne Wort daherkommen wird oder auch ohne längere Sendungen oder Hörspiele. Das wird zu erarbeiten sein."

HR2-Kultur werde "natürlich weiterhin Teil des kulturellen Diskurses und Partner des hessischen Kulturlebens bleiben", sagte Sommer. Die kulturelle Berichterstattung solle aber stärker auf die digitale Nutzung ausgerichtet werden und online bei "Hessenschau.de" oder im Radio bei HR-Info verankert werden. Dadurch solle "das Thema Kultur mehr Sichtbarkeit erlangen" und werde "gleichwertig zu anderen großen Themen wie zum Beispiel Hessen, Politik, Wirtschaft oder Sport".

Unscharfes Messinstrument

Im Sender sollen nun Arbeitsgruppen gebildet werden, die neue digitale Formate entwickeln. Einige Mitarbeiter sind optimistisch, dass es gelingen wird, große Formate wie die Hörspiele oder auch "Filetstücke" wie "Der Tag" oder "Doppelkopf" zu erhalten. Wichtig ist den Mitarbeitern aber vor allem, HR2-Kultur als Ausspielkanal zu erhalten.

Die Diskussion über den Umbau von HR2-Kultur erinnert an die Diskussion über den Umbau des Kultursenders WDR3 im Jahr 2012 (epd 1, 9, 15, 16, 17/12). Auch damals meldeten sich lautstark Kritiker aus der Kulturszene Nordrhein-Westfalens zu Wort, und die Senderleitung wirkte geradezu überrascht, auf wie viel Resonanz die geplanten Änderungen bei einem Programm stießen, das laut Media-Analyse (MA) nur ein sehr kleines Publikum hat. Doch die Berufung auf diese Daten ist in der Diskussion über Kulturwellen reichlich unseriös: die MA ist, wie jeder, der sich schon einmal damit beschäftigt hat, weiß, ein sehr unscharfes Messinstrument, das entwickelt wurde, um den Werbetreibenden Daten zu liefern, wie viele und welche Hörer sie in massenattraktiven Wellen erreichen können. Sie liefert keine verlässlichen Aussagen darüber, wie viele Hörer tatsächlich an einem bestimmten Tag "Der Tag" oder "Doppelkopf" oder das Hörspiel eingeschaltet haben.

Seit es das Internet gibt, wo Einzelsendungen nach der Ausstrahlung noch abgerufen werden können und seit die Hörspiele und Features über Audiotheken leichter zugänglich sind, erfahren die Hörspiel- und Feature-Redaktionen, dass ihre langen Stücke für zahlreiche Nutzer durchaus attraktiv sind. In der ARD-Audiothek gehören sie zu den beliebtesten Angeboten und stehen in der "Meistgehört"-Liste regelmäßig ganz oben.

Daraus jedoch den Schluss abzuleiten, es würde reichen, Hörspiele und Features künftig nur noch online zu stellen und sie gar nicht mehr zu senden, wäre fatal. Erstens kannibalisiert man so eingeführte profilierte Wellen. Zweitens riskiert man, dass die teuer produzierten Stücke völlig vom Radar verschwinden. Denn "im Internet gibt es keine Öffentlichkeit", sagt Alexander Kluge. Im Metamedium Internet gibt es viele Öffentlichkeiten und da dort alles gleichwertig neben allem steht, verschwindet eben auch ganz viel in der Versenkung. Auch Rundfunkrat Harald Freiling gibt zu bedenken, dass es "Der Tag" nur dann als Podcast geben könne, wenn die Sendung auch im linearen Programm zu hören ist. Solche aufwendigen Sendungen nur für das Internet zu produzieren, würde jegliche Sparpläne konterkarieren, denn zugleich muss ja auch der Sender HR2-Kultur weiter mit Inhalten gefüllt werden. Und eine fundierte Moderation eines Musikprogramms kostet Geld.

Das Glück des Zufalls

Und bei aller Begeisterung über das Streaming und die Möglichkeit, Sendungen dann abzurufen, wann die jeweilige Nutzerin sie hören will, sollten die Radiomanager die Attraktivität eines gut gestalteten Programms nicht unterschätzen. Noch immer gibt es viele Leute, die sich von einer geschickten Sendedramaturgie gern zum Zuhören anregen lassen, die nicht nur hören oder lesen wollen, was sie gesucht haben, sondern auch Neues über unbekannte Themen lernen wollen. Für das Glück solcher Zufallsfunde, die besonders gut zur jeweiligen Gemüts- oder Interessenlage passen, gibt es im Englischen das schöne Wort serendipity. Das Deutsche hat dafür leider keine wirkliche Entsprechung.

Die öffentlich-rechtlichen Sender, die derzeit Mühe haben, der Öffentlichkeit zu erklären, wozu es sie überhaupt gibt, wären gut beraten, die Kulturprogramme auszubauen und stärker zu profilieren, statt sie in Schmalspur-Klassikprogramme umzuwandeln. Kulturprogramme sind keineswegs nur Elitenprogramme wie in Diskussionen über dieses Thema gern behauptet wird. Vor allem Menschen, die auf dem Land leben und nicht die Möglichkeit haben, abends mal eben in Frankfurt oder Wiesbaden ins Theater zu gehen, können dank ihnen dennoch am kulturellen Diskurs teilhaben.

Und wenn, wie Intendant Krupp kürzlich sagte, das Etikett Kultur tatsächlich in manchen Nutzergruppen ein Grund sein sollte, das Angebot nicht zu nutzen, dann muss man eben über besondere Angebote für diese Nutzergruppen nachdenken. Doch ausgerechnet denjenigen, die Lust am Denken und intellektuellen Herausforderungen haben und dafür auch gerne den Rundfunkbeitrag zahlen, das Programm wegzunehmen, das sie anregt und gerne auch manchmal aufregen darf, ist keine Strategie. Das Stammpublikum von HR2-Kultur zu "Hessenschau.de" oder HR-Info zu schicken, grenzt an Selbstmord aus Angst vor dem Tod.

Zudem, gibt Rundfunkrat Freiling zu bedenken, wird für eine fundierte Kulturberichterstattung Expertise benötigt, die sich eben nur dann ausbilden kann, wenn es tatsächlich einen Kulturdiskurs im Sender gibt. Im Fernsehen lässt sich gut beobachten, was passiert, wenn Kultur in allgemeinen Programmen "wie Politik, Wirtschaft oder Sport" behandelt wird: Sie wird an den Rand gedrängt und banalisiert und bekommt allenfalls bei größeren Kulturevents ein Sendeplätzchen. Ein kultureller Diskurs kann sich so nicht entwickeln.

Nun rächt sich, dass die öffentlich-rechtlichen Sender so lange keine Strategie hatten, wie sie sich und ihre Programme im Internet darstellen. Die Tatsache, dass es Mediatheken gibt, kann ja nicht heißen, dass die Programmplaner nun die Programme in ihre Einzelteile zerlegen und nur noch im Internet vorhalten oder dass Redakteure am Fließband lustige Memes für soziale Netzwerke produzieren. Zu den vornehmsten Aufgaben der Öffentlich-Rechtlichen gehört es, Zusammenhänge herzustellen, Ereignisse in ihre Kontexte einzuordnen, uns von der Welt zu erzählen. Lineare und nonlineare Programme sollten sich in einer guten Strategie ergänzen und aufeinander verweisen, das Internet macht die Radiokanäle nicht überflüssig. Im Gegenteil, die Radionutzung bleibt erstaunlich stabil, wie die Medienforschung jedes Jahr wieder feststellt.

Als die Diskussion über die Umgestaltung von WDR3 vor sieben Jahren so hohe Wellen schlug, starteten wir in epd medien eine "Kulturradiodebatte", die sich mit der Funktion und den Stärken, aber auch den Schwächen der öffentlich-rechtlichen Kulturwellen beschäftigte. Schon damals wurde gefordert, die Kulturberichterstattung eher auszubauen und stärker zu profilieren. Schon damals wiesen viele Autoren darauf hin, dass die Öffentlich-Rechtlichen hier eine wichtige Funktion erfüllen, die andere Medien aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, unter dem sie stehen, nicht mehr ausfüllen können. Matthias Greffrath forderte in dieser Debatte die starken Autoren mit Stimme und Geist, "die aus dem, was sie reportieren, eine Erfahrung formulieren können" (epd 14/13). Die Notwendigkeit sinnstiftender Erzählungen ist angesichts der fragmentierten Welt des Internets noch größer geworden.

Aus epd medien 33/19 vom 16. August 2019

Diemut Roether