Im Höhenrausch

Zum Tod des Regisseurs Dieter Wedel

epd Der Regisseur und Drehbuchautor Dieter Wedel ist am 13. Juli im Alter von 82 Jahren in Hamburg gestorben. Das Landgericht München I wollte eigentlich am 20. Juli entscheiden, ob eine Anklage gegen den bekannten Regisseur zugelassen wird. Mehrere Schauspielerinnen hatten Wedel beschuldigt, dass er sexuell übergriffig gewesen sei. Das Verfahren gegen ihn wurde nach Angaben des Oberlandesgerichts München mit Beschluss vom 20. Juli eingestellt (vgl. Meldung in dieser Ausgabe). Wedel hatte in den 90er Jahren mit seinen großen Mehrteilern „Der große Bellheim“ und „Der Schattenmann“ Fernsehgeschichte geschrieben. Unsere Autorin Barbara Sichtermann würdigt sein Werk und plädiert für eine Trennung von Werk und Autor.

Der prominente Drehbuchautor und Regisseur Dieter Wedel kommt eigentlich vom Theater. Er leitete in den frühen 60er Jahren die Studentenbühne an der Freien Universität Berlin und inszenierte auch am Hebbel-Theater in Berlin. Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, muss man immer etwas lauter sprechen als vor der Kamera beim Fernsehen, damit der dritte Rang noch was versteht, außerdem braucht das Theater ausladendere Gesten und überhaupt mehr Breitbeinigkeit und Kraft.

Wedel hat diesen Bigger-than-life-Ansatz von der Bühne ins Fernsehen übertragen und sich damit als Macher von Großprojekten empfohlen. Berühmt wurde er in den 80er und 90er Jahren, als infolge der Lizenzierung der Privatsender das Fernsehen von einer Welle der Trivialität überrollt wurde und die Zuschauer nicht recht wussten, ob sie sich einfach an der Trivialität delektieren durften oder lieber doch mehr Qualität einfordern sollten. Wedel wollte beides: den Publikumserfolg und zugleich die Erfüllung eines künstlerischen Anspruchs, er wollte Kasse und Kunst im Fernsehwesen versöhnen. Das ist ihm trotz einiger Flops mit herausragenden Einzelstücken und Mehrteilern durchaus gelungen.

Seine ersten Filme aus den 70er Jahren, also in der Zeit, als die öffentlich-rechtlichen Sender noch dominierten, waren eher bieder-komödiantisch, aber schon durchaus anspruchsvoll. Er schuf die Familie Semmeling, die in „Einmal im Leben - Geschichte eines Eigenheims“ (1972) und „Alle Jahre wieder - Die Familie Semmeling“ (1976) bei Häusle-Bau und Pauschalurlaubsreise die größten anzunehmenden Unfälle erleidet. Die Mehrteiler erreichten an die 70 Prozent Marktanteil - das kam damals bei Großproduktionen noch vor. Viel später, im Jahr 2002, tauchte die Familie in „Die Affäre Semmeling“ (Kritik in epd 02/02), in der es um parteipolitische Mauscheleien ging, noch einmal auf, aber da war irgendwie die Luft raus oder die Konkurrenz größer geworden, der Sechsteiler floppte. „Total versemmelt“, schrieb die „Süddeutsche Zeitung“ damals.

Bereits im Jahr 1988 hatte Wedel begonnen, seinem Wahlspruch „Think big“ gerecht zu werden und für den Dreiteiler „Wilder Westen inklusive“, der eine deutsche Reisegruppe in Amerika zeigt, die größte Summe beim produzierenden WDR rausverhandelt, die für ein vergleichbares Werk der Fernsehfiktion je ausgegeben wurde: 20 Millionen Mark! Darunter mochte Wedel es dann nicht mehr machen, und die Sittengemälde, die er in den 1990er Jahren entwarf und dem Publikum unterbreitete, waren nicht nur große Würfe und Prestige-Inszenierungen, die viel Geld gekostet hatten, sondern auch von Kritik und Publikum gefeierte Spiegel der bundesdeutschen Wirklichkeit, auf die man gewartet hatte.

Eines der vielen Epitheta, die Wedel im Laufe der Zeit angehaftet wurden, hieß: Shakespeare des Fernsehzeitalters. Das passte, denn wie bei dem Renaissancedichter ging es bei Wedel um Kampf, Sieg, Verrat, Gier, Verschwörung, Absturz und Niedergang - alles etwas kleinformatiger, aber nicht weniger wirklichkeitsnah. Seine Autobiografie trägt den Titel: „Vom schönen Schein und wirklichen Leben“ (2010) und so könnte man auch die Plots und Botschaften seiner Filme umschreiben.

In dem Vierteiler „Der große Bellheim“ (1993) mit Mario Adorf rettet eine Riege eigentlich aus Altersgründen schon ausgemusterter Herren mit ihrer Kompetenz und ihrem Mut zur Trickserei eine Kaufhauskette vor feindlicher Übernahme. Dafür gab es (neben anderen Auszeichnungen) einen Grimme-Preis. Im Fünfteiler „Der Schattenmann“ (1996) mit Stefan Kurt, Heinz Hoenig und wieder Mario Adorf meisterte Wedel das Mafia-Genre und gewann erneut einen Grimme-Preis und das breite Publikum. Die nächste Großproduktion, den Sechsteiler „Der König von St. Pauli“ (1998) drehte er für den Privatsender Sat.1. In dem Kiez-Epos geht es um das Überleben eines Stripteaselokals.

Irrgärten der Liebe

Wie es meistens in der Laufbahn eines Künstlers geschieht, der nur im Höhenrausch zu sich selbst findet, wendete das Glück sich auch von Dieter Wedel ab. Ihm wurde vorgeworfen, dass er für die Drehbücher seiner Mehrteiler seitenweise aus Hollywood-Filmen abgekupfert habe. Wedel dementierte nicht, man kann wohl annehmen, dass er der Devise: „Lieber gut geklaut, als schlecht erfunden“ folgte, ganz wie sein Vorbild Bertolt Brecht. Dem eiferte er noch in anderer Hinsicht nach: Er gebärdete sich am Set wie der Herrgott persönlich und hatte viele Affären mit Frauen.

Gleichwohl gelang ihm mit „Papa und Mama“ im Jahr 2006 ein Comeback. In diesem Zweiteiler geht es um die Irrgärten der Liebe und um einen Scheidungsanwalt, der sich scheiden lässt (Kritik in epd 02/6). ZDF-Programmdirektor Hans Janke hatte Wedel ermuntert, doch mit einem neuen Werk mal persönlich zu werden. Der Zweiteiler überzeugte. Auch „Gier“, wieder ein Zweiteiler (Kritik in epd 03/10), mit Ulrich Tukur als Finanzjongleur und Devid Striesow als Blödmann, der auf den Hochstapler reinfällt, kam beim Publikum an. Doch die Kritik monierte einen zunehmenden Leerlauf in den Mehrteilern. Wedels Karriere neigte sich ihrem Ende zu. Als dann im Jahre 2018 die #Metoo-Kampagne begann und Wedels Name mehrfach im Zusammenhang mit sexistischer Einstellung und sexueller Nötigung fiel, wandten das Publikum und wohl auch die Auftraggeber sich von ihm ab.

Mehrere Schauspielerinnen traten nach dem Start von #Metoo aus der Deckung und berichteten davon, dass Wedel sie nicht nur beim Dreh gezwiebelt habe, sondern auch sexuell übergriffig geworden sei (05, 09, 14, 16/18). Die Schauspielerin Iris Berben gab zu Protokoll, Wedel habe sich nach einem Nein ihrerseits auf miese Art gerächt, indem er sie eine kleine Szene, in der sie nur „Hallo“ sagen musste, über 30 Mal wiederholen ließ. Die Schauspielerin Jany Tempel erklärte, Wedel habe sie in einem Münchner Hotel nach einem Vorsprechen vergewaltigt. Die Münchner Staatsanwaltschaft fand die Vorwürfe gravierend genug, um Anklage gegen den Regisseur zu erheben (epd 10/21). Nun ist Wedel am 13. Juli gestorben, bevor das Landgericht München I das Verfahren eröffnet hat.

Blanker Opportunismus

Die #Metoo-Debatte war immer zweischneidig. Einerseits war man zufrieden, dass jetzt auch diejenigen, die auf der Besetzungscouch unten liegen, angehört und die Verführer oder gar Gewalttäter zur Rechenschaft gezogen werden. Andererseits war es aber auch leichter möglich, durch den bloßen Verdacht den Ruf eines Menschen zu ruinieren oder ihn um seinen Posten zu bringen. Der Ausweg aus dem Dilemma hieß: Man muss den Einzelfall prüfen, und schließlich gibt es noch die Gerichte. Bis zum Urteil gelte die Unschuldsvermutung und im Falle eines Freispruchs auch danach. Aber so richtig beruhigen konnte diese Lösung nicht.

Es steht zu hoffen, dass die Tyrannei der Regie-Alleinherrscher auf den Bühnen und an den Filmsets nicht nur, aber auch durch #Metoo allmählich beendet wird und kooperativen, nicht-sexistischen Umgangsformen weicht. Aber mit dem Regiestil eines Künstlers wie Wedel und mit seinem Gehabe als Gockel und womöglich sogar als Gewalttäter sollte man nicht auch sein Werk verwerfen. Er mag ein Gernegroß und Sittenstrolch gewesen sein, aber die filmischen Sittengemälde, die er hinterlassen hat, besitzen durchaus die Größe, nach der er sich immer gereckt hat.

Aus Amerika kommt im Zuge der Identitätspolitik und der sogenannten cancel culture die Weigerung, Werk und Autor zu trennen, auch in unserem Kulturleben an, und das ist ein peinlicher Rückschritt. Was dahinter steckt, ist blanker Opportunismus: Weil Produktionsfirmen und Sender fürchten, ein aufgebrachtes Publikum könne das Werk eines Filmemachers, der des Sexismus geziehen wurde, boykottieren und sie deshalb Geld verlieren, ziehen sie den Schwanz ein.

Ein künstlerisches Werk besitzt ein eigenes, von seinem Autor oder seiner Schöpferin unabhängiges Leben. Nur deshalb ist es ein Kunstwerk. Die alte Streitfrage, ob ein Nazi, ein Bösewicht oder ein Vergewaltiger großartige Kunst schaffen könne, sollte unter aufgeklärten Zeitgenossen ein für alle Mal mit Ja beantwortet worden sein. Dahinter gibt es kein Zurück, auch nicht durch #Metoo.

Dieter Wedels Mehrteiler faszinierten einst ihr Publikum und lockten trotz Kunstanspruchs die Massen vor die Fernseher. Man darf ihm dieses Verdienst nicht absprechen, weil er wegen Vergewaltigung angeklagt worden ist und sollte zum Beispiel seinen Vierteiler „Der große Bellheim“ von 1993 zu seinen künstlerischen Ehren noch einmal zeigen.

Aus epd medien 30/22 vom 29. Juli 2022

Barbara Sichtermann