Im Glanz der Legenden

Die Kumpanei von Fußball und Medien

"Zwischen Fanreportern und Spielverderbern" heißt eine Studie zum Sportjournalismus, die der freie Journalist Tonio Postel im September 2018 im Auftrag der gewerkschaftsnahen Otto Brenner Stiftung verfasst hat. Darin zeigt der Autor, dass eine kritischere Berichterstattung notwendig wäre und macht Vorschläge, wie der kritische Sportjournalismus gestärkt werden könnte. Thomas Gehringer hat sich den real existierenden Sportjournalismus in den TV- Sendern angeschaut und fand viel Jubelberichterstattung und wenig kritsche Distanz.

 

Der FC Bayern München, ob Meister oder nicht, wird sich zur nächsten Saison zweifellos weiter verstärken. Zum Beispiel mit drei Siebenjährigen des Münchener Vereins TV Gern. Mittlerweile ist es üblich geworden, dass die Scouts der großen Klubs bereits bei Spielen und Sichtungsturnieren von U8- oder U9-Mannschaften auftauchen, um Talente frühzeitig zu erkennen und an sich zu binden. Michael Franke, der Vorsitzende des TV Gern, nennt das "Perversion". Denn natürlich werden die meisten auf dem Weg zum (womöglich von ehrgeizigen Eltern geteilten) Traumziel Profifußballer irgendwann wieder aussortiert und müssen dann sehr früh eine erhebliche Enttäuschung verkraften. Das System "läuft nur auf dem Rücken der Kinder", sagt Franke in einem Filmbeitrag von Matthias Wolf, den "Sport inside" am 17. April ausstrahlte.

 

Das kritische WDR-Magazin ist die Ausnahme in der sportjournalistischen Fernsehlandschaft, weil dort regelmäßig und frei von Ergebnisberichterstattung über Entwicklungen und Auswüchse im Sport, insbesondere im Fußball, informiert wird. Seine Existenz ist zugleich Ausdruck eines oft beklagten Dilemmas: Die ARD verfügt (noch) über das kostbare und teure Recht, am Samstag als Erster im frei empfangbaren Fernsehen Zusammenfassungen der Bundesligaspiele zu zeigen. Das hat zu einer Arbeitsteilung geführt, die kritischen Journalismus quasi in die "Sport inside"-Nische am späten Sonntagabend im Dritten auslagert.

 

Fall Grindel

 

Die "Sportschau" am Samstag konzentriert sich mit wenigen Ausnahmen auf Spielberichte und aktuelle Liga-Themen, garniert mit historischen Anekdoten. Nur als der Weltverband Fifa über die Pläne einer erweiterten Klub-WM und einer globalen Nations League beriet und als Reinhard Grindel als Präsident des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) zurücktrat, gönnte die ARD in den vergangenen Wochen ihrem Publikum in seinem Flaggschiff "Sportschau" am Samstag Hintergrundberichte vor dem Bundesliga-Block.

 

Ähnliches gilt auch für die nicht allein auf den Fußball fixierte "Sportschau" am Sonntag. Ausnahme hier: ein Beitrag am 5. Mai über den brasilianischen Zweitligisten CA Bragatino, der von Red Bull als eine Art Ausbildungsverein übernommen wurde. Auch die "Football Leaks"-Enthüllungen des portugiesischen Whistleblowers Rui Pinto wurden an verschiedenen Stellen thematisiert, da der NDR über den Zusammenschluss der European Investigative Collaborations (EIC) an der Auswertung beteiligt war.

 

Der Fall Grindel ist ohnehin ein illustres Beispiel. Ende September 2018 war er im "Aktuellen Sport-Studio" des ZDF zu Gast, wo er von Moderatorin Dunja Hayali derart hartnäckig befragt wurde, dass man sich im falschen Sender wähnte, weil dies in der samstagabendlichen Sport-Show aus Mainz schon seit längerem nicht mehr Usus ist. Es kam seitdem auch nicht wieder vor. Ein paar Monate später brach Grindel ein Interview ab, das der ebenfalls hartnäckige Florian Bauer für die Deutsche Welle (DW) führte. Der wenig souveräne Abgang des ehemaligen ZDF-Journalisten und CDU-Bundestagsabgeordneten trug wohl dazu bei, dass er weiter an Rückhalt im Verband verlor.

 

Für seinen Rücktritt sorgte dann ein Bericht im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", wonach Grindel Einkünfte in Höhe von 78.000 Euro als Aufsichtsratsvorsitzender einer DFB-Tochter verschwiegen hatte. Am Montagabend darauf, es war der 1. April, legte die "Bild"-Zeitung mit der Meldung einer geschenkten Luxus-Uhr nach.

 

Das war dann auch für die ARD dumm gelaufen, denn die übertrug just an diesem Abend im Ersten die Gala zur Einweihung einer "Hall of Fame" im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund, bei der Grindel seinen letzten Auftritt als DFB-Präsident hatte, bevor er dann am nächsten Tag sein Amt niederlegte. Während die Affäre auf ihren letzten Akt zusteuerte, sonnte sich die ARD noch im Glanz der "Legenden des Fußballs". Auf allgemeines Unverständnis stieß die anfängliche Haltung des ZDF, den ehemaligen DFB-Präsidenten "aufgrund seiner früheren Mitgliedschaft im Bundestag ein im Abgeordnetengesetz geregeltes gesetzliches Rückkehrrecht" einzuräumen. Erst nach einer externen juristischen Prüfung räumte der Mainzer Sender diese Position wieder (epd 15, 17/19).

 

Obendrein ist es seltsam, dass öffentlich-rechtliche Journalisten, in diesem Fall Alexander Bommes und Julia Scharf, eine solche Veranstaltung moderieren. Die PR-Gala eines mächtigen Sportverbands ist dann doch etwas Anderes als etwa die Benefizgala zugunsten der Deutschen Sporthilfe ("Ball des Sports") oder die Gala nach der von Sportjournalisten organisierten "Sportler des Jahres"-Wahl, die im ZDF übertragen wird.

 

Kritik an der Kumpanei zwischen Fußball und Medien verdienen jedoch erst recht private Sender, die streckenweise nichts anderes bieten als Fan-TV. Warum dann nicht gleich die vereinseigene Fernsehproduktion ausstrahlen, wie das Sport1 freitags mit "FC Bayern inside" tut? Dort durfte zuletzt Uli Hoeneß eine ganze 30-minütige Sendung (abzüglich Werbe-Unterbrechung) im O-Ton füllen. Der Zusammenschnitt des Interviews, geführt von Mitarbeitern des vereinseigenen 24-Stunden-Web-Kanals "FC Bayern TV", enthielt auch keine störenden Zwischenfragen. Der Verein hat volle Kontrolle, Sport1 ist nur noch eine Abspielstation.

 

Immerhin wird nicht verschleiert, dass man mal kurz Pause vom Journalismus macht und die Programmgestaltung einem der Vereine überlässt, der eigentlich zu den wichtigsten Objekten der eigenen Berichterstattung zählt. Vermutlich, weil man daran beim "Mittendrin"-Sender Sport1 ohnehin nichts Negatives finden kann.

 

Experten-Gewese

 

Dass der Bezahlsender Sky seine Live-Rechte an der Bundesliga bis zum Überdruss ausschlachtet, ist nicht überraschend. Aber auch auf anderen Kanälen sind ähnliche Begleiterscheinungen zu registrieren: Die gefühlt immer ausufernderen Analyse- und Interviewstrecken rund um jedes Live-Spiel. Das Experten-Gewese - immerhin eine neue Berufsperspektive für ehemalige Profis, die wie ZDF-Experte, Werbefigur und Bald-FC-Bayern-Vorstand Oliver Kahn mit der Popularität, die ihnen die Fernseh-Plattform bietet, Geschäfte machen und ihre Karriere nach der aktiven Zeit vorantreiben.

 

Die künstliche Aufregung um jede Kleinigkeit, die verräterisch aus den Kabinen geflüstert oder empört in die Mikrofone gebrüllt wird. Das endlose Spekulieren über Transfers und Trainerwechsel. Die Idealisierung der besten Profis zu Helden, denen man dann leider keinen Fehltritt mehr durchgehen lassen kann. Die widersprüchliche Haltung zu den Fans, das Hin und Her zwischen Lobhudelei und Verdammnis. Dieses ganze boulevardeske Brimborium drumherum findet man auch bei öffentlich-rechtlichen Sendern.

 

Allerdings findet man dort auch einen sympathischen Gegenentwurf: In der WDR-Show "Arnd Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs" schrumpfen Star-Kult und allwöchentliche Liga-Aufregung auf Wohnzimmergröße. Außerdem werden dort regelmäßig besondere Typen und Vereine jenseits des Spitzensports vorgestellt, wird die gewaltig auseinanderdriftende Schere zwischen Profis und Amateuren humorvoll und spielerisch überbrückt.

 

Für ein Novum sorgte in dieser Saison der zur RTL-Gruppe gehörende Sender Nitro, der von Warner Bros. ITVP eine Doku-Reihe ("Countdown für Europa") über die Arbeit der Profi-Abteilung von Eintracht Frankfurt produzieren ließ. Jede Folge zeigte die Vorbereitung auf die jeweiligen Spiele in der Europa League, porträtierte einzelne Spieler oder Stab-Mitglieder, zeigte Bilder vom Training, der Anreise, dem Zeitvertreib in Hotelzimmern, horchte bei Besprechungen in verschiedenen Abteilungen hinein. "In den 48 Stunden vor Anpfiff sind wir hautnah dran, wenn sich Mannschaft und Stab von Eintracht Frankfurt auf das Match vorbereiten. Das ist so bisher noch nie gezeigt worden im deutschen Fernsehen", pries Nitro-Chef Oliver Schablitzki sein jeweils an Spieltagen ausgestrahltes Produkt. Und weil Frankfurt unverhofft lange durch die Europa League tourte, wurden es am Ende 14 Folgen.

 

Der zuweilen interessante Blick hinter die Kulissen wurde freilich in einem ständigen und sich angesichts der Euphorie in Frankfurt zunehmend steigernden Beweihräucherungs-Modus präsentiert. Auch das war Fan-TV pur.

 

Wirtschaftliche Verflechtungen

 

Im Netz können die Vereine ihre Botschaften längst ungefiltert an die Kundschaft bringen, mit eigenen Video-Portalen wie "FC Bayern TV" und mit umfangreichen Aktivitäten in den sozialen Netzwerken. Die entsprechenden Abteilungen sind in den vergangenen Jahren ausgebaut worden, Geld ist ja genug da, unter anderem durch die erheblich gestiegenen Einnahmen aus dem Verkauf der Fernsehrechte. Den offiziellen Facebook-Account des FC Bayern haben knapp 50 Millionen Nutzer abonniert, bei Twitter hat der Rekordmeister 4,6 Millionen Follower. Damit liegen die Münchener weit vor der Konkurrenz, Borussia Dortmund hat "nur" 14,8 Millionen Facebook-Abonnenten und 3,3 Millionen Twitter-Nutzer. Unabhängiger Journalismus steht jedenfalls einem überbordenden Angebot an Selbstdarstellung und Infotainment gegenüber, hinzu kommen zahlreiche Fan-Seiten und -Blogs, die zum Teil allerdings durchaus auch kritische Inhalte transportieren.

 

Bei den Verlagen hat der Stellenabbau der vergangenen Jahre auch nicht dazu geführt, dass sich die strukturellen Voraussetzungen für kritische Distanz und intensive Recherche verbessert hätten. Ohnehin fällt es vielen Lokalredaktionen schwer, mehr als 1:0-Berichterstattung zu bieten und einen neutralen Blick auf die Vereine in ihrem Verbreitungsgebiet zu werfen.

 

"Insgesamt erschweren die vielfältigen wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Medien sowie Vereinen und Verbänden, die stellenweise zu regelrechten ,Produktionsketten' verwachsen sind, kritischen Sportjournalismus", schreibt der Hamburger Journalist Tonio Postel in seiner Studie "Zwischen Fan-Reportern und Spielverderbern", die er 2018 für die Otto Brenner Stiftung verfasst hat. Aufgrund schlechter Bezahlung und prekärer Arbeitsverhältnisse, aber auch aus Sorglosigkeit, würden viele (freie) Sportjournalisten Journalismus und PR vermischen. In vielen Onlineredaktionen sei zudem der Nachrichtendruck und die Gier nach Sensationen und Klicks derart groß, dass die journalistische Sorgfaltspflicht leide.

 

Aber Postels Analyse ist kein reiner Abgesang, sondern hat auch optimistische Facetten. Es gebe "zarte Zeichen für einen Bewusstseinswandel bei Zuschauern und Sportjournalisten". Die Nachfrage für eine unabhängige, kritischere Berichterstattung steige. Postel hat verschiedene Quellen ausgewertet und beruft sich außerdem auf eigene Interviews mit vier Vereins-Pressesprechern, vier Journalistinnen und Journalisten, darunter Ronny Blaschke, Autor verschiedener Fußball-Bücher wie "Gesellschaftsspielchen" und "Angriff von Rechtsaußen", mit ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky sowie zwei Medienwissenschaftlern.

 

"Unterhaltende Jubel-Berichte"

 

So erklärt Thomas Horky, Professor für Sportjournalismus an der Hamburger Hochschule Macromedia, es gebe angesichts der jüngsten Skandale beim Fußball-Weltverband Fifa und dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) eine größere Anzahl an Journalismus-Studierenden, die eine kritische Sicht auf den Sport hätten. Allerdings: "Die Mehrheit der Studierenden hat ihr Hauptinteresse nach wie vor an der hoch kommerziellen Fußball-Bundesliga mit all ihren Unterhaltungs-Facetten." Insgesamt sieht Horky in den Bestrebungen, kritischen Sportjournalismus zu fördern und zu verbreiten, einen "langwierigen Prozess. Aber er sei ,zuversichtlich, dass er voranschreitet'. Weil der Fokus der Berichte ,über ein Jahrzehnt lang vor allem auf unterhaltenden Jubel-Berichten' im Fernsehen gelegen habe, werde es nun wohl Jahre dauern, bis sich ein breiteres Bewusstsein um kritische Hintergründe im Sportjournalismus durchsetzen werde", zitiert ihn Postel in seiner Studie.

 

ARD-Sportkoordinator Balkausky gab übrigens zu Protokoll, dass gerade die ARD vorbildlich darin sei, sportpolitische Hintergründe zu recherchieren, zu beleuchten und - wenn nötig - scharf zu kritisieren. Als Beispiel verwies er auf die Berichte von Hajo Seppelt. Das ist nicht frei von Ironie, denn Seppelt wurde in der ARD jahrelang nicht gerade von Rückenwind getragen. Heute liefern Seppelt und seine Kollegen von der Doping-Redaktion regelmäßig investigative Berichte, aber der sonst alles dominierende Fußball ist hier nur ein Themenfeld von vielen.

 

Dessen gesellschaftliche Bedeutung ist allerdings unbestreitbar enorm. Der DFB hat sieben Millionen Mitglieder, davon sind 1,3 Millionen Kinder. Menschen unterschiedlicher Nationalität, Religion und Herkunft treiben täglich in fast 25.000 Vereinen miteinander Sport. Der in den Medien dominierende kommerzielle Spitzenfußball ist von deren Realität Lichtjahre entfernt und entfernt sich immer weiter. Was also tun? Tonio Postel legte am Ende seiner Studie elf Vorschläge vor, unter anderem gemeinsame Leitlinien von Medien und Vereinen zur Berichterstattung und Informationspflicht, die Abschaffung "unwürdiger Zeilenhonorare", die strikte Trennung von Journalismus und PR inklusive "Rügen für ignorante Kollegen und Redaktionen" sowie die Auslobung eines Preises für kritischen Sportjournalismus.

 

Forderungen an das öffentlich-rechtliche System

 

Bis solch paradiesisch anmutende Zustände herrschen, ist das öffentlich-rechtliche System, das keinem kommerziellen Interesse folgen muss, besonders gefordert. Wenn sich ARD und ZDF mit dem Kauf von Fernsehrechten die Aufmerksamkeit eines großen Publikums sichern, übernehmen sie auch den Auftrag, die vielen Facetten des Themas Fußball regelmäßig auszuleuchten. Warum nicht mal über das Scouting von Kindern mitten im Bundesliga-Block der "Sportschau" berichten? Und wieso bringt das ZDF, das einst mit dem "Sport-Spiegel" eine 33 Jahre währende Tradition kritischer Hintergrundberichterstattung vorweisen kann, in der Gegenwart nicht mehr Ähnliches zustande?

 

Gemeinschaftlich finanzierte Fußball-Fernsehrechte bieten nicht nur die Chance, eine tolle Quote zu erzielen, sondern beinhalten auch die Verpflichtung, sich deutlich vom kommerziellen Fan-TV zu unterscheiden.

Aus epd medien 20/19 vom 17. Mai 2019

Thomas Gehringer