Gewinner und Verlierer

Die EM-Berichterstattung bei ARD, ZDF und Magenta TV

epd Am 12. Juni gegen 18.45 Uhr stand die Welt des Fußballs für einen Moment still. Der dänische Spieler Christian Eriksen brach leblos auf dem Spielfeld zusammen. Der Fußball-Europameisterschaft, die gerade erst begonnen hatte, drohte das Ende - wer wollte unter solchen Bedingungen weiterspielen? Die lapidare Antwort: alle, selbst Eriksens Teamkameraden; wenn auch vielleicht lieber nicht am selben Abend.

Eriksen, der dank des beherzten Eingreifens der Sanitätskräfte zum Glück überlebt hat, war das Thema nicht nur dieses Abends. Tagelang wurde über die Frage diskutiert, ob es wirklich eine gute Idee der Uefa war, die Entscheidung über eine Fortsetzung des Spiels den Spielern zu überlassen. Die Alternative wäre ein neuer Anpfiff am nächsten Mittag gewesen. Die Dänen wählten das Ende mit Schrecken, verloren gegen hoffnungslos unterlegene Finnen unglücklich 0:1, wurden zum Team der Herzen und scheiterten erst im Halbfinale an den Engländern. Solche Geschichten, raunen sie dann im Fernsehen, schreibt nur der Fußball, gern ergänzt um die Feststellung: „... und deshalb lieben wir ihn.“ Trotzdem wurde ARD-Kommentator Tom Bartels sehr gescholten, als er seiner Begeisterung beim 4:1 der Dänen gegen Russland und der damit verbundenen Qualifikation fürs Achtelfinale freien Lauf ließ.

Pietätspech

Die ARD hatte die Uefa Euro 2020, wie sie offiziell hieß, am 11. Juni mit der Partie Türkei gegen Italien eröffnet. Noch am Tag darauf freute sich ZDF-Moderator Jochen Breyer über ein „Aufbruchssignal für Europa“. Tatsächlich war mit dem Auftaktspiel so etwas wie ein Ruck zumindest durch den fußballbegeisterten Teil des Kontinents gegangen: Das Leben fühlte sich angesichts der Fans in den Stadien wieder etwas normaler an - bis zum Kollaps von Eriksen. Wie immer in solchen Fällen versuchte die Kamera, einen Blick auf sein Gesicht zu erhaschen. Das ist schon bei handelsüblichen Sportverletzungen die reine Sensationslust, schmerzverzerrte Mienen lassen sich kaum mit der beliebten Rechtfertigungsfloskel „Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, das zu erfahren“ legitimieren. Erst als angesichts der Wiederbelebungsmaßnahmen klar wurde, dass hier ein Mensch mit dem Tode ringt, ging die Weltbildregie auf Distanz; da hatten die schockierten Mitspieler längst einen Kreis gebildet, um die Würde ihres Kollegen zu wahren.

Die BBC entschuldigte sich später für die Bilder. Die Sender können als Kunden der Uefa in solchen Fällen allerdings nur Einfluss nehmen, indem sie die Übertragung beenden. Béla Réthy, der in seinen 30 Jahren als Live-Kommentator schon einiges erlebt hat, zeigte in diesem Moment wahre Größe und schwieg minutenlang. Breyer tat es ihm im „Sportstudio“ auf dem Mainzer Lerchenberg nach. Der Moderator gab ab zu den „heute“-Nachrichten, anschließend fand es der hörbar mitgenommene Réthy „absolut unvorstellbar“, die Partie fortzusetzen. Anstatt unnötiger Spekulationen aus dem Studio zeigte das ZDF eine elf Jahre alte Episode der Serie „Der Bergdoktor“. Dass es dort ebenfalls um Leben und Tod ging, war Pietätspech.

Seit dem Terroranschlag bei den Olympischen Spielen in München 1972 gilt die Devise des damaligen IOC-Vorsitzenden Avery Brundage: „The games must go on.“ Das EM-Spiel wurde nach 75-minütiger Unterbrechung wieder angepfiffen, und auch Réthy konnte guten Gewissens seiner Arbeit nachgehen, denn Eriksen persönlich hatte dem europäischen Fußballverband und somit auch den Fernsehsendern die Absolution erteilt und die Kollegen vom Krankenbett aus per Facetime aufgefordert, das Spiel fortzusetzen.

Aufgeblähte Veranstaltung

Angesichts des zunächst weiter ungewissen Schicksals von Eriksen verblasste umgehend auch der Ärger über die allenfalls durchwachsene Leistung des ARD-Kommentators Florian Naß, der am Abend zuvor während der Eröffnungsfeier ungerührt in Andrea Bocellis Darbietung der Arie „Nessun dorma“ quasselte, weil er seine Geschichte über die Erblindung des Sängers loswerden wollte. Später offenbarte der allzu oft in Superlativen schwelgende Handballexperte zudem Schwächen bei der Regelkunde. Der Fall Eriksen überlagerte auch die ernüchternde Erkenntnis, dass Vorrundenpartien bei Welt- und Europameisterschaften nur selten Spitzenfußball bieten. Den Zuschauern geht es bei diesen mit viel zu vielen zweit- oder drittklassigen Teams zu Mammutturnieren aufgeblähten Veranstaltungen - seit 2016 wird die EM mit 24 Mannschaften ausgetragen - nicht anders als den Teilnehmern: Die Gruppenphase muss man irgendwie überstehen, dann geht’s richtig los.

Für die Menschen in den Studios gilt das allerdings nicht. Während bei solchen Meisterschaften auch schon mal Mannschaften siegreich waren, die sich in der Vorrunde nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben, müssen Expertinnen und Experten vom ersten Tag an voll da sein. Deshalb ließ sich auch schon frühzeitig beurteilen, wer eine gute Wahl ist und wer nicht. Entsprechende Bewertungen haben natürlich mit Sympathie zu tun, wenn auch nicht in gleichem Maß wie bei vielen Kommentatoren, die grundsätzlich zu polarisieren scheinen. Die ARD setzte an ihren Spieltagen auf das von Alexander Bommes moderierte Trio Almuth Schult, Kevin-Prince Boateng und Stefan Kuntz. Aus den Stadien grüßten Jessy Wellmer und Bastian Schweinsteiger. Das ZDF (Moderation: Breyer und Katrin Müller-Hohenstein im Wechsel) ergänzte seine Experten wie schon bei früheren Turnieren um internationale Gäste mit Bezug zu einem der jeweiligen Spieltagteams, darunter Mladen Petric (Kroatien), Christian Karembeu (Frankreich) und Fernando Morientes (Spanien). Als besonders guter Griff erwies sich Martina Voss-Tecklenburg; die deutsche Nationaltrainerin war bis 2018 Coach der Schweizerinnen.

Experten sind zwar Fachleute, aber ihr Austausch klang bei der EM oft nicht anders als viele Fangespräche: Vor dem Anpfiff stocherten sie im Nebel, nach dem Abpfiff bewerteten sie ihre eigenen Erwartungen und Spekulationen („Wie wir vor dem Spiel gesagt haben ...“), und wenn Sport1 dem für die ARD federführenden WDR sein Phrasenschwein zur Verfügung gestellt hätte, wäre eine ordentliche Summe für einen guten Zweck zusammengekommen. Wie beim „Doppelpass“ sorgte auch im „Sportschau“-Studio eine Liveband für Stimmung. Eine weitere Parallele zum Sport1-Stammtisch war der Umgangston: Jeder duzte jeden, auch im ZDF. Wellmer und Müller-Hohenstein nannten die Studiorunden des Öfteren „ihr Lieben“ - kuscheln auf öffentlich-rechtlich.

Wellmer im Flirtmodus

Diese Stimmung könnte erklären, warum der als böser Bube verschriene Boateng ungewohnt brav wirkte. Kuntz bot die erhofften Einblicke in die Denkweise eines Nationaltrainers, aber Almuth Schult war die positive Überraschung dieses Turniers: Sie war authentisch und trug ihre Erkenntnisse selbstbewusst und gut formuliert vor. Schweinsteiger ist dagegen auch nach einem Jahr als ARD-Experte noch auf der Suche nach der richtigen Rolle, was sich nicht nur an seinen regelmäßigen Floskeln zeigte („Am Ende des Tages zählt, was auf dem Platz passiert“). Am überzeugendsten waren seine Analysen. Die entsprechenden Spielszenen sucht er allerdings nicht allein aus, sie werden in Absprache von einem „Sportschau“-Team zusammengestellt. Vermutlich würde Schweinsteiger am liebsten nur über Fußball reden, aber da sein früherer Gesprächspartner Matthias Opdenhövel nicht mehr zur Verfügung stand, musste er sich notgedrungen auf Wellmers Flirtmodus einlassen. Er schien nicht immer glücklich dabei.

Tiefpunkt der gemeinsamen Auftritte war das Interview nach der deutschen Niederlage gegen England. „Ende gut, alles gut?“, wollte Wellmer allen Ernstes von Joachim Löw wissen, nachdem der Breisgauer und sein Team zum zweiten Mal hintereinander bei einem großen Turnier viel früher als erwartet ausgeschieden waren. Die ARD versuchte anschließend, den prompten Sturm der Entrüstung mit dem Hinweis zu bändigen, die Moderatorin habe noch „Oder eben nicht alles gut?“ angefügt, das sei im Lärm vielleicht untergegangen. Die Zusatzfrage war aber aus der Not geboren; offenbar hatte Wellmer selbst gemerkt, wie wenig empathisch ihre dahergeplapperte Frage war.

Beim ZDF war Per Mertesacker wie einst auf dem Platz ein sachlicher Fels in der Showbrandung, jedenfalls dann, wenn er seinen früheren Übungsleiter nicht gerade - wie nach dem Portugal-Spiel - zum „Weltklassetrainer“ hochredete. Es erwies sich zudem als gute Idee, den Innenverteidiger mit seinem WM-Kollegen zu kombinieren: Christoph Kramer hat sich jene Unbeschwertheit bewahrt, die ihn schon als ZDF-Experten während der WM 2018 ausgezeichnet hatte. Allerdings unterlief auch ihm ein kapitaler Ausrutscher, als er mit Blick auf anonyme Beleidiger seines Mönchengladbacher Mannschaftskollegen Breel Embolo von „Untermenschen“ sprach.

Fachsimpelei mit Wagner

Zweite öffentlich-rechtliche Entdeckung neben Schult war Sandro Wagner. Zu seiner aktiven Zeit bewegte sich der Stürmer mit gezielten Provokationen gelegentlich am Rande der Erträglichkeit. Auch bei Interviews wirkte der Torjäger schon mal ungehobelt. Als TV-Experte hat er jedoch zu einer Form gefunden, die ihn für jeden Sender zu einem Gewinn macht - beim Spiel gegen Frankreich saß der beste Deutsche am ZDF-Mikro. Schon als Spieler hat er nur selten ein Blatt vor den Mund genommen. Dieser Devise folgt er auch als Ko-Kommentator, nun allerdings mit beeindruckender Eloquenz. Abonnenten von DAZN kannten das schon: Bei dem Sport-Streamingdienst stellt Wagner die professionellen Reporter regelmäßig in den Schatten. Anders als die anderen ehemaligen Aktiven, mit denen ARD und ZDF ihr Personal in den Stadien ergänzt haben, wartet er außerdem nicht, bis ihm das Wort erteilt wird.

Und noch einen Unterschied gibt es: Während Thomas Broich (ARD) oder Hanno Balitsch (ZDF) als Experten neben dem Kommentator in erster Linie über Taktik sprachen, weshalb ihre Beiträge oft etwas trocken wirkten, agierte Wagner fast selbst wie ein Reporter. Mit ihm lässt sich zudem prima fachsimpeln, so dass - ähnlich wie bei den Vorbildern aus dem angelsächsischen Sportfernsehen - richtige Gespräche zustande kamen. Seine fachliche Kompetenz als Trainer mit A-Lizenz steht außer Frage, und er trägt seine Erkenntnisse engagiert und unterhaltsam vor - das machte ihn zur perfekten Ergänzung des nicht nur beim Spiel zwischen Deutschland und Frankreich einige Male indisponiert wirkenden Réthy. Der „neue“ Wagner war zu höflich, um den alten Fahrensmann zu korrigieren. Weil er aber witzig und originell ist (über das Tempodefizit von Mats Hummel: „anders schnell“), ließ sich zuweilen selbst Réthy zu Formulierungen hinreißen, die für seine Verhältnisse geradezu komödiantisch waren; den Twen Jérémy Doku bezeichnete er angesichts des fortgeschrittenen Alters der übrigen Belgier als „Zivi im Seniorenheim“.

Das Finale kommentierte allerdings Oliver Schmidt, was laut ZDF jedoch nicht als Wachablösung zu verstehen sein sollte. Réthy wird zwar im Dezember 65 Jahre alt, bleibt dem ZDF aber bis zur nächsten WM (Winter 2022 in Katar) erhalten. Schmidt ist 16 Jahre jünger und pflegt ähnlich wie die ARD-Kollegen Gerd Gottlob und Florian Naß ins Fortissimo zu wechseln, sobald sich der Ball einem der beiden Tore nähert. Das ist bei ereignisarmen und daher einschläfernden Verlängerungen, die sich bis nach 23.30 Uhr ziehen, immerhin ganz praktisch. Wagner ließ sich davon nicht beirren, erwies sich auch im Endspiel als würdiger Partner und erfreute zudem durch Selbstironie.

Ballack fundiert, „Basti“ schwach

Ebenfalls ein EM-Gewinner - und das ist durchaus eine Überraschung - ist Magenta TV. Anders als ARD und ZDF, die bei solchen Anlässen stets auch die Turnierlaufkundschaft berücksichtigen müssen, hatte der Netzsender der Telekom, der als Sublizenznehmer einige Vorrundenpartien exklusiv übertragen konnte, vor allem die Fußballfans unter den vier Millionen Abonnenten im Blick. Wem taktische Feinheiten eher fremd sind, wird zum Beispiel bei den Analysen von Trainer Manuel Baum nicht viel verstanden haben.

Experten waren Fredi Bobic und Michael Ballack. Der von Löw vor zehn Jahren auf unschöne Weise ausgebootete einstige „Capitano“ erwies sich als schärfster Kritiker des Trainers. Schon nach dem glücklichen Weiterkommen gegen Ungarn monierte Ballack Einstellung, Aufstellung und System der Nationalmannschaft. Während die Kritik der ARD-Experten nach dem deutschen Achtelfinal-Aus vor allem den Spielern galt, nahmen Ballack und Bobic fast ausschließlich den Coach ins Visier. Ballack fragte sich, warum nicht viel früher umgestellt worden sei, hatte kein Verständnis für die Wechsel und vermisste Signale von außen. Seine Ausführungen waren ausnahmslos fundiert und inhaltlich korrekt. Im Ersten bedankte sich „Basti“ derweil bei „Jogi“ sinngemäß für alles, was der Bundestrainer für den deutschen Fußball getan habe. Deutlicher hätte der Unterschied kaum sein können: hier Ballack und Bobic, die Löw nichts schuldig sind, dort Schweinsteiger, der mit dem Trainer Weltmeister geworden ist und daher nicht die falsche Taktik, sondern den Auftritt der Ex-Kollegen kritisierte.

Dank Magenta TV hat sich auch ZDF-Leihgabe Johannes B. Kerner wieder für höhere Sportaufgaben empfohlen. Der Moderator hat wegen seiner „Man wird doch wohl mal fragen dürfen“-Attitüde, die er einst als Sat.1-Nachmittagstalker pflegte, nicht viele Freunde unter Kritikern. Angesichts seiner ansprechenden Moderation könnte sich das ZDF aber gern überlegen, ob es ihn nicht für „Das aktuelle Sportstudio“ reaktiviert; so gut wie Sven Voss oder Müller-Hohenstein würde er das allemal machen. Magenta-Experte für umstrittene Schiedsrichterentscheidungen war Patrick Ittrich, auch er ein Gewinn, zumal er ungleich kompetenter wirkte als sein Ex-Kollege Lutz Wagner im Ersten. Der Beste seiner Zunft saß allerdings im ZDF-Studio. Manuel Gräfe, Deutschlands beliebtester Referee, konnte auch gleich erläutern, warum er sich dagegen wehrt, vom DFB aus Altersgründen in den Ruhestand geschickt zu werden.

Hinter Fuss lange nichts

Mit den Kommentatoren hatte Magenta TV nicht ganz so viel Glück. Selbst Sky-Star Wolff- Christoph Fuss, der dort kommentierte, hat nicht nur Freunde - aber hinter ihm kam erst mal nichts, zumal sich viele seiner Kollegen in der Kategorie Lautstärke statt Kompetenz tummelten. Was allerdings bei ARD und ZDF nicht minder gilt.

Als einzige Frau in der Kommentatorenrunde sah sich Claudia Neumann vom ZDF auch bei diesem Turnier wieder Hass und Hetze in den digitalen Medien ausgesetzt. An ihrer Seite saß Welt- und Europameisterin Ariane Hingst, die jedoch nicht viel zur Wahrheitsfindung beizutragen hatte. Das ZDF wollte dem Publikum mit den Verstärkungen „zusätzliche Perspektiven und vertiefende Analysen bei einzelnen Spielen anbieten“, damit habe man bei anderen Sportarten (Handball, Biathlon, Leichtathletik) gute Erfahrungen gemacht. Doch einzig Sandro Wagner, der während der EM zum Cheftrainer des Regionalligisten SpVgg Unterhaching befördert wurde, hat diese Erwartungen mit Bravour erfüllt.

Bei einigen tausend Sendestunden lassen sich Fehler natürlich nicht vermeiden. Einige waren flüchtig und eher amüsant: Stephan Schiffner nannte den Belgier Axel Witsel in einer Zusammenfassung „Wixel“, Claudia Neumann sagte, Kevin de Bruyne habe sich nach längerer Spielpause wieder „die Stollen geschnürt“. Über andere werden sich die Verantwortlichen selbst am meisten geärgert haben. Als das ZDF Ausschnitte eines vom ARD-Kollegen Gottlob kommentierten Spiels zeigte, stand in der Einblendung „Originalkommentar Tom Bartels“.

Balance zwischen Sport und Politik

Eine Herausforderung für die Sender war es in diesem Jahr, eine Balance zwischen Sport und Politik zu finden. Die Euro 2020 stand gewissermaßen im Zeichen des Regenbogens: die Kapitänsbinde von Manuel Neuer; das Verbot der Uefa, die Münchener Arena in bunten Farben erleuchten zu lassen; die Reaktion einiger Sponsoren, zumindest die Bandenwerbung farbenfroh zu illuminieren, was ihnen von der Uefa in Baku und St. Petersburg untersagt wurde. Regelmäßig äußerten Kommentatoren und Moderatoren ihr Unbehagen angesichts gut besuchter Stadien und abstandsloser Fan-Versammlungen in Fußgängerzonen.

Auch Rassismus war immer wieder Thema, zumal einige Teams konsequent vor dem Anpfiff auf ein Knie sanken; für das ZDF eine gute Gelegenheit, auf Torsten Körners während der Vorrunde ausgestrahlten preiswürdigen Dokumentarfilm „Schwarze Adler“ über die rassistischen Erfahrungen deutscher Nationalspieler hinzuweisen (vgl. Kritik in epd 16/21). Vor dem in Baku ausgetragenen Viertelfinalspiel zwischen Tschechien und Dänemark schilderte WDR-Reporter Robert Kempe, wie die Regierung in Aserbaidschan mit Regimegegnern umzuspringen pflegt.

Beim TV-Publikum fand die EM nicht ganz so viel Zuspruch wie vorangegangene Fußball-Großturniere (vgl. Meldung in dieser Ausgabe). Ob das am erneut frühen Ausscheiden des DFB-Teams lag oder an einem generell größeren Desinteresse am Fußball, lässt sich schwer sagen. Dass die Uefa trotz der Corona-Pandemie stur an ihrer Strategie festgehalten hat, war der Begeisterung der Menschen jedenfalls sicher nicht förderlich.

Einen klaren Verlierer gab es bei dem Turnier auch - und das ist der von Reinhold Beckmanns Firma Beckground TV produzierte „Sportschau-Club“. Als die ARD ihre EM-Berichterstattung plante, hatte irgendjemand die glorreiche Idee, die Euro-Tage im Ersten ähnlich wie bei der WM 2018 („WM-Kwartira“) heiter zu beenden. Deshalb sorgte der „Sportschau-Club“ ab 23.30 Uhr für den Kehraus. Nüchtern oder hellwach war diese Sendung allerdings mitunter nur schwer zu ertragen. Das lag gar nicht mal an den Gesprächen, in denen zwar ebenfalls alle per Du waren, aber oft einen gewissen Anspruch erfüllten. Völlig verunglückt war jedoch das Konzept: Gerade noch sagte Hans Sarpei sinngemäß, der gemeinsame Kniefall gegen Rassismus sei zwar schön und gut, aber nun müssten den Symbolen auch Taten folgen. Es folgte jedoch eine erschütternd unlustige Comedy-Einlage.

Kurzärmelige Polohemden

Dieses Schema sollte vermutlich den besonderen Reiz der Show ausmachen: hier die Gespräche, gern launig (wenn es nicht gerade um das Abschneiden der deutschen Mannschaft oder die Zukunft des Frauenfußballs ging), dort die Einspieler mit einer unlustigen Sketchgruppe. Originell war immerhin die Idee, nachzuforschen, was aus Berni geworden ist: Das Maskottchen der deutschen EM 1988 putzt heute Klos auf der Reeperbahn.

Ein Bericht über den ersten israelischen Fanclub der deutschen Nationalmannschaft - geleitet von einem Mann, dessen Großvater seine Familie in den Konzentrationslagern der Nazis verloren hat - fiel aufgrund seiner Ernsthaftigkeit völlig aus dem Rahmen. Durch die Sendungen führten Micky Beisenherz, meist in kurzärmeligen Polohemden, die seinen Bizeps zur Geltung brachten, und die frühere Sky-Reporterin Esther Sedlaczek, die ihre Sache als neue „Sportschau“-Moderatorin sicher gut machen wird. Denn dort muss sie nicht versuchen, komisch zu sein.

Aus epd medien 28/21 vom 16. Juli 2021

Tilmann Gangloff