Ethisches Dilemma

Wenn Journalisten die Herkunft von Straftätern nennen

epd Nach den Ausschreitungen in Köln in der Silvesternacht 2015/16 wurde den Medien vorgeworfen, sie hätten zu wenig über die Taten und vor allem über die Herkunft der Täter geschrieben. Die Journalistin Heike Haarhoff hat für ihre Promotionsarbeit mittels quantitativer Inhaltsanalyse 1.075 Zeitungsartikel untersucht, die zwischen Anfang Januar 2016 und Ende März 2016 zur Kölner Silvesternacht erschienen waren. Ausgewertet wurden sechs überregionale Tageszeitungen ("Neues Deutschland", "tageszeitung", "Süddeutsche Zeitung", "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Die Welt", "Bild") und fünf regionale Tageszeitungen in Nordrhein-Westfalen ("Kölner Stadt-Anzeiger", "Kölnische Rundschau", "Express", "Rheinische Post", "Westdeutsche Allgemeine Zeitung"). Haarhoff fand in ihrer Studie, die unter dem Titel "Nafris, Normen, Nachrichten" im Nomos Verlag veröffentlicht wurde, heraus, dass die Medien in 84 Prozent der Berichterstattung die mutmaßliche Herkunft der Täter nannten. Der Deutsche Presserat änderte als Folge der Silvesternacht in Köln und der Diskussion über die Berichterstattung seine sogenannte Diskriminierungsrichtlinie. Nach der neuen Fassung der Richtlinie 12.1 soll die Herkunft von Straftätern in der Berichterstattung zwar weiterhin regelhaft nicht genannt werden, im Fall eines begründeten öffentlichen Interesses indes schon (epd 12, 13/17). Viele Journalisten fühlen sich in diesem ethischen Dilemma weiterhin vom Presserat alleingelassen.

Bedrängt, begrapscht, bestohlen: Es waren verstörende Berichte, gepostet in sozialen Medien Anfang Januar 2016 von Frauen, die in der Nacht vom 31. Dezember 2015 auf den 1. Januar 2016 in und vor dem Hauptbahnhof in Köln Schreckliches hatten erleben müssen. Ab dem Silvesternachmittag hatten sich dort nach und nach rund tausend junge Männer versammelt, "dem äußeren Erscheinungsbild nach (…) weit überwiegend dem nordafrikanischen / arabischen Raum zuzuordnen", wie ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags später feststellte, viele von ihnen unter Alkohol- oder Drogeneinfluss, krawallbereit und enthemmt.

Sie beklauten und schikanierten, meist in Kleingruppen, Passanten wie Silvester Feiernde. Und sie belästigten, ebenfalls in Gruppen, Hunderte Frauen sexuell - auf einem zentralen Platz mitten in einer deutschen Großstadt und unter den Augen einer zum Zuschauer degradierten, personell unterbesetzten und heillos desorganisierten Polizei, die ihre Bürgerinnen nicht zu schützen vermochte.

Eine Zäsur

Staatsversagen war nicht der einzige Vorwurf, der nach dem Jahreswechsel 2015/2016 in Köln erhoben wurde. Die Silvesternacht hat eine bis heute andauernde, kontroverse Debatte um das Zusammenleben in pluralistischen Gesellschaften nach sich gezogen. Sie hat zu einer Änderung des Sexualstrafrechts und zu einer Verschärfung des Asylrechts geführt. Sie stellt eine Zäsur dar, die die Wahrnehmung und Ausrichtung der deutschen Migrationspolitik bis heute, gut fünf Jahre nach dem Ereignis, prägt.

Aber das ist nicht alles. Die Kölner Silvesternacht ist auch zur Chiffre für fragwürdiges Verhalten von Journalisten geworden. In den Fokus der Aufmerksamkeit gerieten auch die Medien und die für sie tätigen Journalistinnen und Journalisten. Wo waren sie in und nach der Kölner Silvesternacht? Informierten sie die Öffentlichkeit zeitnah und wahrheitsgetreu über die Ereignisse?

Zwei Vorwürfe halten sich bis heute hartnäckig: Journalisten hätten aus Gründen der Political Correctness die Herkunft der mutmaßlichen Täter absichtlich verschwiegen und damit ihre Informationspflicht verletzt. Der ehemalige Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) etwa sprach damals von einem "Schweigekartell" und "Nachrichtensperren", sobald es um Delikte von Migranten und Flüchtlingen gehe.

Andere warfen den Journalisten dagegen gerade unter Hinweis auf mögliche (unerwünschte) gesamtgesellschaftliche Auswirkungen vor, über diese Herkunft berichtet und damit zu ethnischer Diskriminierung beigetragen, Vorurteile der Mehrheitsgesellschaft gegenüber den Mitgliedern der genannten Herkunftsländer womöglich verstärkt und gegen den Pressekodex des Deutschen Presserats, das Regelwerk der journalistischen Berufsethik, verstoßen zu haben.

Dahinter steht die Frage, ob die Herkunft eines (mutmaßlichen) Straftäters für die Berichterstattung relevant ist. So leidenschaftlich der deutsche Journalismus hierüber debattiert, ohne bislang eine eindeutige Antwort gefunden zu haben, so unbestritten gilt die Kölner Silvesternacht zugleich als Schlüsselereignis wie Referenzpunkt: Keine kriminologische Studie zur Ausländerkriminalität seither, keine mediale Berichterstattung zur Straffälligkeit von Flüchtlingen und keine politische Debatte um soziokulturell bedingte Gewalt, die ohne Bezug zur Silvesternacht auskämen.

Die Berichterstattung

Welchen Maßstab in der Berichterstattung über Ausländerkriminalität hat die Kölner Silvesternacht gesetzt? Welchen Standards unterliegt zeitgenössische journalistische Berichterstattung, damals wie heute, welchen ethischen Maßstäben das journalistische Handeln? Ist es prinzipienorientiert an originär journalistischen Berufspflichten ausgerichtet oder spielen auch die gesellschaftlichen und politischen Folgen dieses Handelns für die Journalisten eine Rolle? Und wie verhalten sich das Recht auf freie Berichterstattung und die Pflicht zur verantwortungsvollen Berichterstattung in einer pluralistischen Gesellschaft zueinander? Was wiegt schwerer bei der Entscheidung, eine Information zu veröffentlichen oder nicht zu veröffentlichen: die professionellen Regeln oder die allgemeine Moral? Oder besteht hier womöglich gar kein Konflikt, kein Spannungsverhältnis?

Wie in jedem Glaubensstreit lohnt auch hier ein Blick auf die Daten. Bei deren Erhebung jedoch klaffte über Jahre eine Forschungslücke: Was tatsächlich über die Herkunft der mutmaßlichen Straftäter der Kölner Silvesternacht geschrieben worden war, hatte niemand systematisch empirisch untersucht. Für meine medienwissenschaftliche Studie "Nafris, Normen, Nachrichten", mit der ich 2020 an der Ruhr-Universität Bochum promoviert wurde, wertete ich daher zunächst per quantitativer Inhaltsanalyse 1.075 Zeitungsartikel aus, die zwischen Anfang Januar 2016 und Ende März 2016 in sechs überregionalen Tageszeitungen und in fünf regionalen Tageszeitungen aus Nordrhein-Westfalen zur Kölner Silvesternacht gedruckt wurden.

Dabei konnte ich zeigen, dass der von verschiedenen Seiten erhobene Vorwurf, Journalisten, die über die sexuellen Übergriffe auf der Kölner Domplatte berichteten, hätten ihre Entscheidungen zur Herkunftsnennung der mutmaßlichen Täter in erster Linie aus politischen Überlegungen getroffen, bereits empirisch nicht haltbar ist: Weder lässt sich durch meine Untersuchung feststellen, dass Journalisten bestimmter Zeitungen die Herkunft bewusst unerwähnt gelassen und ihrem Publikum vorenthalten hätten, noch ist belegbar, dass Journalisten anderer Zeitungen im medialen Vergleich die Herkunft außergewöhnlich oft genannt hätten (etwa aufgrund der Befürchtung, andernfalls des bewussten Verschweigens bezichtigt zu werden).

Vielmehr wurde die Herkunft, die von Augenzeuginnen und Augenzeugen oft nur dem Aussehen nach beschrieben werden konnte, in der Berichterstattung regelhaft erwähnt: Sie wurde in 84,4 Prozent der untersuchten Artikel genannt, und zwar weitgehend unabhängig sowohl von der Verbreitung (überregionale Zeitungen: 89,8 Prozent, regionale Zeitungen: 80,9 Prozent) als auch der Ausrichtung der Zeitungen (eher linksliberale: 86,9 Prozent, eher konservative: 84,5 Prozent, Boulevard: 79,2 Prozent).

Journalistische Handlungslogik

Die Öffentlichkeit wurde zudem frühzeitig informiert. Die beiden in Köln erscheinenden Regionalzeitungen "Kölnische Rundschau" und "Express" etwa nannten am für Printmedien ersten möglichen Erscheinungstag nach der Silvesternacht (am 2. Januar 2016) die ethnische Herkunft der mutmaßlichen Täter; der "Kölner Stadt-Anzeiger" berichtete online bereits am 1. Januar 2016. Die zeitlich um wenige Tage verzögert einsetzende Berichterstattung der übrigen Zeitungen war der anfänglich unsachgemäßen Presseunterrichtung durch die Kölner Polizei geschuldet, die die Übergriffe zunächst nicht bestätigt hatte, sowie der personellen Unterbesetzung in Zeitungsverlagen an Feiertagen und während der Schulferien.

Differenziert wurde nach vier Formen der Herkunft. Am häufigsten erwähnt wurde die (tatsächliche oder vermutete) ethnische Herkunft (61,8 Prozent), gefolgt von der Herkunft gemäß dem Aufenthaltsstatus (52,5 Prozent) und der nationalen Herkunft (26,8 Prozent). Kaum eine Rolle spielte in der Berichterstattung die (tatsächliche oder vermutete) religiöse Herkunft der mutmaßlichen Täter; sie wurde nur in 9,7 Prozent der Artikel genannt.

Diese relative Homogenität im Umgang mit der Nennung der Herkunft mag angesichts der sonstigen erheblichen Unterschiede zwischen den Zeitungen (Verbreitung, Ausrichtung, Tendenz, Auflage, Zielgruppe) zunächst überraschen. Sie erstaunt weniger, wenn man die Handlungslogik der Journalisten betrachtet.

Hierzu interviewte ich elf Journalistinnen und Journalisten der genannten Zeitungen, die als Polizei-, Politik- und Lokalredakteure oder als NRW-Korrespondenten intensiv über die Silvesternacht und ihre Folgen berichtet hatten. Nach welchen Kriterien hatten sie ihre Informationen ausgewählt? Welche Überlegungen waren ausschlaggebend bei ihrer Entscheidung, ob sie die Herkunft der mutmaßlichen Täter nannten oder nicht?

Übereinstimmend gaben die Befragten an, dass diese Abwägung jeweils im Einzelfall erfolgt sei, mitunter im Gespräch mit Kollegen, aber keineswegs willkürlich, sondern auf Grundlage journalistischer Standards. Ihre Rolle sahen die Journalisten vor allem darin, sorgfältig zu recherchieren, sachlich zu informieren und Informationen vor ihrer Veröffentlichung auf Richtigkeit und Wahrhaftigkeit zu prüfen - wobei die Kriterien Richtigkeit und Wahrhaftigkeit keine absolute Gültigkeit beanspruchten, sondern als erfüllt gelten durften, wenn der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung verfügbare Recherchestand korrekt, vollständig und transparent dargestellt war. Diese professionellen Qualitätskriterien bildeten nach Auskunft der Journalisten aber nur eine von drei gleichberechtigten Säulen, auf denen die Standards des guten journalistischen Handelns ruhten.

Journalistische Berufsethik

Ebenso entscheidend seien journalistische Nachrichtenfaktoren gewesen: Im Fall der Silvesternacht waren es vor allem die Dimension sowie die politische Relevanz des Ereignisses, die die Berichterstattung auslösten, wobei sich sowohl die Dimension als auch die politische Relevanz - so die Befragten - in ihrem inhaltlichen Kern aus der weitgehenden Homogenität des Alters, des Geschlechts und der Herkunft der mutmaßlichen Täter speisten. Allein deswegen sei die Nennung der Herkunft (ebenso wie der des Alters und des Geschlechts) unverzichtbar gewesen.

Als dritte Säule nannten die Journalisten Normen journalistischer Berufsethik (Wahrung von Persönlichkeitsrechten, Fairness, keine Vorverurteilung). Dabei betonten sie, dass moralische Normen weder in Konkurrenz noch im Widerspruch zu den anderen Säulen stünden. So sei etwa den Qualitätsansprüchen der Richtigkeit und Wahrhaftigkeit in der Kriminalitätsberichterstattung nur dann ausreichend Sorge getragen, wenn zugleich sichergestellt sei, dass niemand, über den berichtet werde, vorverurteilt oder aufgrund seiner Zugehörigkeit zu einer Minderheit diskriminiert werde. Werde die Unschuldsvermutung missachtet, sei dies sowohl ein Verstoß gegen die moralische Norm als auch gegen die Qualitätsansprüche, da es für die behauptete Schuld keinerlei Beleg gebe. Allein die Nennung der Herkunft einer Person stelle indes keine Diskriminierung dar.

Bezogen auf die Kölner Silvesternacht äußerten alle befragten Journalisten, dass ihnen mögliche Folgen ihrer Berichterstattung sehr wohl bewusst gewesen seien. Es sei für sie nicht auszuschließen gewesen, dass auch richtige, relevante und moralische Normen achtende Informationen, die sie über die mutmaßlichen Täter publizierten, dazu führten, dass Rezipienten dieser Informationen sich trotz deren Richtigkeit, Relevanz und moralischer Korrektheit in ihren Vorurteilen bestätigt sähen. Dies sei aber kein Grund, die journalistische Arbeit einzustellen oder zu ändern. Vielmehr sei die Herkunftsnennung der mutmaßlichen Täter aus Gründen der professionellen Qualitätskriterien wie der Nachrichtenfaktoren geradezu unverzichtbar und geboten gewesen, und die Information, dass viele der mutmaßlichen Täter offenbar eine gemeinsame ethnische Herkunft hatten, stelle eben gerade keine Diskriminierung einer Minderheit dar.

Eine Frage der Ressourcen

Die befragten Journalisten zögerten auch deswegen nicht, die Herkunft der Täter zu thematisieren, sobald sie entsprechende Informationen von mehreren Quellen unabhängig voneinander bestätigt bekommen hatten, weil ihr Selbstverständnis es ihnen eben gerade nicht gebot, sich als Anwälte einzelner Gruppen zu fühlen, die sie protegieren sollten, etwa indem sie bestimmte Informationen über diese Gruppen ungeachtet ihres Wahrheitsgehalts ihrer Leserschaft vorenthielten.

Bei der Beurteilung der Frage, ob die genannten Komponenten des guten journalistischen Handelns im konkreten Einzelfall tatsächlich erfüllt waren und eine Nennung der Herkunft insofern geboten war, gab es unter den Journalisten unterschiedliche Gewichtungen der einzelnen Regeln sowie mitunter geringfügige Abweichungen. Letztere hingen von Faktoren ab, die mit den professionellen Regeln selbst nichts zu tun hatten, wohl aber mit professionellen Rahmenbedingungen. Als solche ausgemacht wurden erstens Hierarchien, zweitens Schwerpunkte und Spezialisierungen der Befragten innerhalb ihrer Journalistentätigkeit und damit einhergehende divergierende inhaltliche Fokusse der Berichterstattung, drittens individuelles Sachwissen abseits des journalistischen Fachwissens, viertens individuelle Recherchebedingungen und fünftens Publikumskritik in Form von Leserbriefen, Äußerungen in sozialen Medien oder anderen öffentlichen Foren.

Und: Ihre Arbeits- und Recherchebedingungen waren zum einen abhängig von Ressourcen und zum anderen eine zentrale Voraussetzung dafür, dass die von den Journalisten formulierten Qualitätsansprüche an die journalistische Berichterstattung überhaupt eingelöst werden konnten. Das bedeutet im Umkehrschluss: Qualitätsansprüche allein sind noch kein Garant für entsprechende Berichterstattung; es braucht im journalistischen Alltag vielmehr die nötigen Mittel, um diese Ansprüche umsetzen zu können.

Zusammenfassend ist festzustellen: Professionelle Regeln leiteten das journalistische Handeln - zumindest in Bezug auf die Herkunftsnennung mutmaßlicher Täter - offenbar stärker als Verhaltensübereinkünfte, die aus der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Zeitungen resultierten. Journalismus ist damit aus Sicht der ihn Betreibenden eine Profession mit Aufgaben, deren Bedeutung und Funktion sich bereits aus diesen Aufgaben selbst ergeben und nicht erst aufgrund potenzieller Folgen dieser Berichterstattung.

Deswegen können aus Sicht der Journalisten etwaige (prognostizierte oder tatsächliche) Folgen auch unmöglich ihr Handeln bestimmen, geschweige denn ihre Berichterstattung delegitimieren. Das ist ein überraschend eindeutiges Bekenntnis - insbesondere gegenüber den Teilen der Gesellschaft, denen der Journalismus mit seinem Selbstverständnis der unabhängigen Information lästig ist und die ihm am liebsten ihre eigenen Funktionsimperative überstülpen möchten.

Permanente Gratwanderung

In einer solchen Gemengelage wäre es naheliegend, dass eine Institution wie der Deutsche Presserat, 1956 nach dem Vorbild des britischen Press Council als staatsunabhängiges Organ journalistischer Selbstkontrolle gegründet und insbesondere nach den Erfahrungen während des Nationalsozialismus eine historische Errungenschaft für die Presse in Deutschland, seine Stimme erhebt, um die journalistische Perspektive zu stärken und zu verdeutlichen, welche Aufgaben der Journalismus hat - und welche nicht. Ebenso naheliegend wäre es, dass es diesem Presserat auffällt, dass seine publizistischen Grundsätze, die derzeit vornehmlich aus an den einzelnen Journalisten gerichteten moralischen Geboten bestehen, den Journalisten bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben mitunter herzlich wenig helfen.

Tatsächlich aber, auch das hat meine Untersuchung gezeigt, geraten Journalisten mit ihrer klaren Haltung in ein Dilemma. Der von mir befragte Redakteur der WAZ etwa beschrieb die Abwägungen für oder wider die Herkunftsnennung, die er und seine Kollegen in den ersten Tagen und Wochen nach der Silvesternacht treffen mussten, als eine permanente Gratwanderung, die die Redaktionen mit sich allein ausmachen mussten: "Es gab eine Verunsicherung in der Redaktion, und zwar durch diese wütenden Leserreaktionen. (…) Normalerweise macht man sich ja nicht so abhängig von Leserbriefen, Leserzuschriften oder -anrufen, aber es war halt so eine Massivität, dass das schon zu einer Selbstvergewisserung zwang."

In Konflikt gerieten die Journalisten daneben ausgerechnet mit dem Deutschen Presserat. Denn dieser fordert in der sogenannten Diskriminierungsrichtlinie des Pressekodex, dem Regelwerk journalistischer Berufsethik, dass Journalisten - ungeachtet des Wahrheitsgehalts der Information - regelhaft auf die Nennung der Herkunft von Straftätern verzichten sollen. Den Vorwurf, die Richtlinie fordere unter Hinweis auf mögliche (angenommene oder tatsächliche) Folgen zum Verschweigen von Informationen auf und begünstige damit einhergehend die Selbstzensur der Medien, hat der Presserat stets zurückgewiesen.

Die Journalisten indes sahen sich erheblichen Vorwürfen ihres Publikums ausgesetzt, die zu parieren der Pressekodex ihnen jedenfalls keine große Hilfe war, wie der befragte Journalist des "Express" schilderte: "Ich halte das für unsinnig, einem mündigen Bürger vorzuenthalten, wer Straftaten begangen hat. Das ist dieselbe Diskussion, die eine Zeit lang geführt wurde von den Automobilkonzernen mit den Polizeibehörden: Die Automobilindustrie war daran interessiert, dass die Polizei bei einem Verkehrsunfall nicht mehr benennt, dass der BMW den Ford gerammt hat oder der Nissan auf den Mazda gefahren ist."

31 Beschwerden zurückgewiesen

Der Presserat indes beschloss - trotz erheblicher Kritik an der Diskriminierungsrichtlinie infolge der Silvesternacht - im März 2016 zunächst, die Richtlinie unverändert zu lassen. Zugleich wies der Presserat die insgesamt 31 Beschwerden, die ihn bis Ende März 2016 wegen der Berichterstattung über die Kölner Silvesternacht 2015/2016 erreicht hatten, als unbegründet zurück (epd 11, 29/16). Die beanstandeten Darstellungen seien weder sexistisch noch rassistisch noch diskriminierend, sondern durch das Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt, argumentierte der Deutsche Presserat.

Ein Jahr später, im März 2017, zog das Selbstkontrollgremium angesichts anhaltender Diskussionen um die Richtlinie doch Konsequenzen: Der Wortlaut der Richtlinie 12.1 wurde nun geändert; die Nennung der Herkunft von Straftätern in der Berichterstattung soll seither zwar weiterhin regelhaft nicht erfolgen, im Fall eines begründeten öffentlichen Interesses indes schon (epd 12, 13/17).

Doch auch diese Änderung hat wenig dazu beigetragen, die Debatte um die Nennung der Herkunft von Straftätern in der Berichterstattung zu versachlichen, geschweige denn das Dilemma der Journalisten in der Praxis wie der Wissenschaft zu lösen. "Was wir für Anrufe kriegen", klagte etwa der von mir befragte Journalist der "Rheinischen Post": "Das fing ja an mit 'Lügenpresse', und dass wir Sachen verheimlichen würden, wenn man nicht Ross und Reiter benennen würde."

In der Folge trafen einzelne Medien individuelle Entscheidungen für ihren künftigen Umgang mit der Herkunftsnennung mutmaßlicher Straftäter. Die "Sächsische Zeitung" etwa entschloss sich 2016 dazu, die Nationalität von Straftätern in ihren Berichten fortan immer zu nennen. Auf diese Weise, so die Argumentation der Chefredaktion, wolle man ein realistisches Bild der Ausländerkriminalität zeichnen und so der Diskriminierung von Migranten vorbeugen und zugleich das Vertrauen der Leser in die Zeitung zurückgewinnen (epd 29/16).

Journalisten im Kreuzfeuer

Der Entscheidung vorausgegangen war eine repräsentative Befragung von Lesern der "Sächsischen Zeitung" durch das Institut für Kommunikationswissenschaft der Technischen Universität Dresden im Jahr 2016. Die Forscher hatten herausgefunden, dass die Mehrheit der Leser annahm, dass die Zeitung die Nationalität von Straftätern nur deshalb nicht angab, weil sie ausländische Täter schützen wollte. Viele Leserbriefschreiber vermuteten darüber hinaus, dass eine Anweisung von oben der Grund für die Nichtnennung der Nationalität sei. Die Mehrheit der Leser schlussfolgerte daraus, dass immer, wenn die Nationalität nicht angegeben war, die Täter Migranten waren. Zugleich waren die Leser mehrheitlich der zutreffenden Meinung, Ausländer seien im Durchschnitt nicht krimineller als Deutsche.

Auch die von mir befragten Journalisten erklärten, der Erwartungsdruck, verstärkt durch pauschale Vertuschungsvorwürfe gegen sie und ihre Zeitungen, die Herkunft von Straftätern auch dann zu veröffentlichen, wenn die Herkunft für die Art der Straftat völlig irrelevant sei, sei seit der Silvesternacht gestiegen. Er sei aber weniger auf die Änderung der Richtlinie im Pressekodex zurückzuführen, sondern gehe eindeutig vom Publikum und dessen Äußerungen aus, häufig getätigt in sozialen Netzwerken.

Der Journalist des "Kölner Stadt-Anzeigers" beschrieb diese Entwicklung so: "Die Leute hinterfragen mehr als früher, ob das richtig ist, was in meiner Zeitung steht. (…) Früher gab es eine Leserbriefspalte, wo ab und zu mal jemand geschrieben hat. (…) Heute kriegt man viel mehr Resonanz, und der einzige Weg, sich als seriöses, professionelles journalistisches Medium glaubhaft zu verhalten, ist, sich mit den Leuten auseinanderzusetzen. (…) Das ist mit Sicherheit durch die sozialen Netzwerke noch mal massiv verstärkt worden, weil Artikel geteilt werden und kommentiert werden. Da steht man einfach viel mehr im Kreuzfeuer und im Mittelpunkt mit seinen Texten. Das ist für uns Journalisten neu."

Verstärkt werde der Druck auf die Journalisten durch den Umstand, dass viele Pressemitteilungen der Polizei und anderer Behörden seit der Silvesternacht - vermutlich als Konsequenz ihrer damaligen fatalen Unterrichtung der Öffentlichkeit - und anders als früher die Herkunft von Straftätern regelhaft nennen. Diese Mitteilungen würden auch im Internet veröffentlicht. Medien, die sich aufgrund ihrer professionellen Standards gegen die Nennung der Herkunft entschieden, würden mit Verweis auf die Verfügbarkeit der entsprechenden Information im Internet zunehmend angefeindet und als "Lügenpresse" bezeichnet. Dieser Druck führe zu Nervosität bei den Vorgesetzen.

Ein Zeichen des Presserats

Nicht alle befragten Journalisten sahen sich in dieser Gemengelage imstande, sich dem Druck zu widersetzen und ihre professionellen Standards in jedem Fall zu verteidigen. Die Journalisten der WAZ, der "Rheinischen Post", des "Kölner "Stadt-Anzeigers", der "Kölnischen Rundschau" und der "Bild" gaben an, dass insbesondere die Nationalitäten von Straftätern seit der Kölner Silvesternacht häufiger als früher in der Berichterstattung ihrer Zeitungen genannt würden.

Die Journalisten der SZ, der FAZ und der "Welt" bestätigten eine höhere Sensibilisierung für das Thema, erkannten allerdings keine Verschiebungen bei ihrer eigenen Berichterstattung, wohl aber entsprechende Veränderungen in anderen Teilen der deutschen Medienlandschaft.

Journalisten brauchen Unterstützung, gerade auch von der obersten Instanz ihrer Selbstkontrolle, die ihre etablierte und - nach den Ergebnissen meiner Untersuchung zu urteilen - in der Praxis allen Widrigkeiten zum Trotz tatsächlich gut funktionierende berufsethische Orientierung inklusive der journalistischen Qualitätsstandards schützt. Bislang ist dieses Zeichen vom Presserat ausgeblieben.

Aus epd medien 10/21 vom 12. Februar 2021

Heike Haarhoff