"Es ist ein Heimatfilm"

Ein epd-Interview mit Regisseur Matti Geschonneck

In dem Gesellschaftsroman "Unterleuten" erzählt Autorin Juli Zeh die Geschichte eines Dorfes in Brandenburg und zugleich von den Konflikten, die uns in Deutschland derzeit beschäftigen. Der Regisseur Matti Geschonneck hat den Bestseller für das ZDF verfilmt, der Dreiteiler wird ab dem 9. März gezeigt (vgl. Kritik in dieser Ausgabe). Geschonneck, der 1952 in Potsdam geboren wurde, arbeitet seit den 90er Jahren als Regisseur, er drehte unter anderem "Tatorte" mit Günter Lamprecht und "Polizeirufe". Für seine Fernsehfilme erhielt er mehrere Grimme-Preise und mehrmals den Deutschen Fernsehpreis. Diemut Roether sprach mit Geschonneck über die Schwierigkeiten, einen Romankosmos wie "Unterleuten" zu verfilmen, über seine deutsch-deutsche Geschichte und seine Anfänge als Regisseur.

epd: Wie kam es dazu, dass Sie den Roman "Unterleuten" von Juli Zeh verfilmt haben?

Matti Geschonneck: Ich steckte gerade in den Vorbereitungen für das Kinoprojekt "In Zeiten des abnehmenden Lichts", da kam das ZDF mit diesem sehr umfangreichen Roman, den ich lesen sollte. Ich bin ein langsamer Leser, aber sie sagten: Das musst du lesen! Wir wollen das machen, unbedingt. Dann habe ich das Buch gelesen und es fiel mir doch sehr leicht. Die Geschichte ist spannend, aber auch sehr unterhaltsam und es ist vor allem ein echter Dorfroman. Besonders die Figuren haben mich sehr interessiert. Die Geschichte als Film zu erzählen, das liegt scheinbar auf der Hand. Das sagte mir auch Juli Zeh, als ich sie kennenlernte, dass man bei ihren Büchern denkt, dass man sie leicht verfilmen kann. Aber das stimmt nicht. Das sind zwar sehr filmische Bilder, aber es sind auch sehr spezielle Bilder, mit originellen Details, und wenn man die eins zu eins übernehmen würde, stößt man als Filmemacher auf große Schwierigkeiten. Auch dramaturgisch muss man für den Film eine eigene Erzählweise finden.

Der Roman ist auch stark aus der Innensicht der Figuren erzählt, es spielt sich viel in deren Köpfen ab.

Geschonneck: Dafür gibt es natürlich filmische Mittel, aber ich hatte bei diesen Figuren - das war beim "Abnehmenden Licht" im Übrigen auch so - beim Lesen sofort an die Schauspieler gedacht, die das spielen können, besser: vermitteln können. Die Besetzung ist mir nicht schwergefallen, obwohl es ein derart riesiges Ensemble ist. Den Hauptcast hatte ich tatsächlich ziemlich schnell im Kopf. 2016 habe ich das Buch gelesen, das ja sehr erfolgreich war. Kein Wunder, dass viele sich dafür interessierten. Und natürlich braucht man Zeit, um ein Filmprojekt daraus zu entwickeln und dann umzusetzen. Für mich war klar: Das ist ein kompletter Sommerstoff, das können wir 2018 drehen, vorher auf keinen Fall. Dann wurde ein Termin mit Juli Zeh vereinbart. Wir trafen uns in Brandenburg.

In dem Ort, in dem sie lebt?

Geschonneck: Nein. Wir haben uns in einem Gasthaus getroffen. Wir kannten uns nicht und ich merkte bei ihr eine Vorsicht, die ich verstehen kann: Wenn eine Autorin zehn Jahre an so einem Buch schreibt und mit diesen Figuren lebt ... Ich hatte auch gesehen, dass sie einen genauen Plan "ihres" Dorfes Unterleuten gezeichnet hatte und ein Organigramm erstellt hat. Sie hat nicht nur sehr präzise gearbeitet, sie hat in und mit diesem Dorf gelebt, empfand ich.

Sie hat da einen ganzen Kosmos geschaffen. Sie hat einen Ratgeber für den Erfolg erfunden von einem Autor namens Manfred Gortz, aus dem eine Figur in dem Buch immer wieder zitiert. Dieses Buch hat sie selbst geschrieben und auch einen Verlag gefunden. Sie hat eine Website aufgesetzt für den Vogelschutzbund Unterleuten, von dem im Buch die Rede ist ...

Geschonneck: Ich habe das Buch von Manfred Gortz. Das ist eine Art Handbuch für angewandten Kapitalismus. Es ging in unserem ersten Gespräch nicht darum, Juli Zeh zu überreden, sondern mich vorzustellen und zu sagen, was mich an der Geschichte interessiert. Ich habe ihr gesagt, dass mir ihre vielschichtigen Figuren sehr nahe sind und dass die Struktur und Atmosphäre des Romans mich sehr an alte Western erinnert. Ich kannte diese Charaktere oder glaubte, sie zu kennen. Gombrowski und Kron sind archaische Westernfiguren, ich hatte sie beim Lesen bereits besetzt: Thomas Thieme und Hermann Beyer.

Gombrowski und Kron sind die beiden Gegenspieler im Dorf, die eine sehr lange gemeinsame Geschichte haben.

Geschonneck: Als die Verhandlungen liefen, vom ZDF mit Juli Zeh und dem Verlag, und es spruchreif wurde, dass wir das machen können, habe ich gesagt, ich muss das unbedingt mit den beiden machen, man muss die beiden festmachen. Die waren für mich unverzichtbar. Auch nicht üblich, zwei Jahre vor Drehbeginn. Ich habe beide getroffen und ihnen gesagt, lest das Buch und 2018 im Sommer machen wir das. Ruft mich an, wenn ihr ein anderes Angebot bekommt. Haben sie nicht gemacht. 2018 war Thieme Gombrowski und Beyer der Kron. Dann musste ich mich mit dem Autor Magnus Vattrodt und dem Sender über den Umfang verständigen. Ich plädierte sehr für einen Dreiteiler und nicht für vier mal 60 Minuten.

Haben Sie auch an eine Serie gedacht? Alle wollen doch zurzeit Serien machen.

Geschonneck: Ich weiß nicht, ob alle Serien machen wollen. Ich mag Serien, "Better Call Saul" zum Beispiel. Es wurde alles Mögliche erwogen, aber wir haben uns dann auf den Dreiteiler verständigt. Das habe ich noch nie gemacht. Wenn man so einen komplexen Roman verfilmt, müssen die Geschichten dieser außergewöhnlichen Figuren Platz haben. Respekt gegenüber der Autorin, ihrer Arbeit gerecht zu werden, darum geht es mir als Regisseur selbstverständlich auch. Ich habe ja schon einige Literaturverfilmungen gemacht und verstehe die Vorsicht und die Empfindlichkeiten der Autoren, die ihre Berechtigung haben.

Sie haben "In Zeiten des abnehmenden Lichts" verfilmt, "Boxhagener Platz", "Die Nachrichten".

Geschonneck: ... du musst die jeweils gemäße Tonlage für die Vorlage treffen ...

Die Atmosphäre ...

Geschonneck: Atmosphäre, Tonlage, wie auch immer. Das ist schon ein magischer Prozess, auch unvorhersehbar, wo du da endest. Für mich als Regisseur ein wunderbares, wundersames Abenteuer. Und für die Autorin nicht einfach, ihr Werk wegzugeben. Auf der anderen Seite möchte Juli Zeh ja auch, dass die Geschichte noch ein zusätzliches Publikum bekommt. Im Laufe der Jahre 2016, 2017, 2018 entstand dann das Drehbuch für "Unterleuten" und parallel die Besetzung. Bei Dagmar Manzel und Christine Schorn musste ich ebenfalls nicht lange nachdenken. Beyer, Thieme, Schorn und Manzel hatte ich schon mal in den "Nachrichten". Das war aber Zufall.

Als ich "Unterleuten" gelesen habe, hatte ich das Gefühl, das ist der Roman, der ganz viele Konflikte, die uns zurzeit als Gesellschaft beschäftigen, auf den Punkt bringt: Der Konflikt zwischen Stadt und Land, der Konflikt zwischen Ost und West, dann der Windpark, der gebaut werden soll und das Dorf spaltet.

Geschonneck: Das ist aktuell, immer noch. Und die Figuren tragen das, meiner Meinung nach. Ich habe nicht vorausgesetzt, dass die Darsteller der Dorfbewohner aus dem Osten kommen müssen. Das hat sich aber zwangsläufig so ergeben. Neben den genannten auch Bettina Lamprecht und Jörg Schüttauf. Charly Hübner traf ich irgendwann in München in einem Hotel und sagte zu ihm: Schaller? Ja, sagte der, klar. Das war eine Sache von Sekunden. Er hatte keine Zeit, ich musste auch weg. Er wollte das unbedingt machen. Er kannte den Roman. Wie viele.

Wo haben Sie Unterleuten in Brandenburg gefunden?

Geschonneck: Ende 2017, 2018 wurde die Motivsuche konkret. Die Orte waren mir nicht fremd. Ich bin zwar Berliner, aber in den Sommerferien, in der Kindheit, war ich öfter in Kinder- und Pionierferienlagern in Brandenburg. Später kannte man jemanden, der da ein Häuschen hatte. Die Gegend, in der Juli Zeh lebt und die sie beschreibt, ist karg, Armut ist eine Konstante über die Zeit. Den ganzen Film hätten wir dort gar nicht drehen können, dieses flache Land ist eine zu große Herausforderung, sagen wir mal. Wir haben den Film zusammengesetzt aus mehr als neun Orten rings um Berlin. Diese Geschichte hat mich auch angezogen, weil sie, klar, mit unserem Land zu tun hat, auch mit unserer Vergangenheit in der DDR. Es ist schon spürbar, wenn die Schauspieler sich mit ihren Figuren identifizieren, wissen, was und wen sie da verkörpern, wenn sie selbst Erlebtes reflektieren. Ob nun Ost- oder Westbiografie. Letztlich sind es aber Schauspieler.

Sie hatten Glück bei den Dreharbeiten, 2018 nahm der Sommer kein Ende.

Geschonneck: Es war unglaublich. Wir haben am Anfang einen Off-Text, in dem vom heißesten Sommer seit Jahren die Rede ist. Aber das haben wir natürlich nicht gewusst. Im Mai war ich auf Motivbesichtigung. In Juli Zehs Buch wuchs Weizen auf den Feldern. Die Produktion hatte schon Straßen neben Feldern optiert. Das Korn stand nur 30 Zentimeter hoch, sozusagen ein Reisfeld. Im Juli wollten wir die Ernteszenen in einem Weizenfeld drehen, und ich sagte, der wird ja dann entsprechend hoch sein. Da hieß es: Der bleibt so. Der ist so niedrig gezüchtet. Die Produktion sah uns schon auf dem Weg in die Ukraine, auf der Suche nach wogenden Weizenfeldern. Dann sahen wir unterwegs kleinere Felder, Roggen! Der Drehplan musste geändert werden, damit Gombrowski vor einem Kornfeld steht, das ein Bild ergibt. Über die lange Drehzeit hin gibt es einige solcher Geschichten.

So wurden aus den Weizenfeldern im Buch im Film Roggenfelder. Sie hatten 75 Drehtage für den Dreiteiler.

Geschonneck: Wenn man beinahe nur außen dreht, geht das gar nicht anders. Wir hatten sehr viele Motive, viele gesplittet, innen, außen. Die Beziehungen, die in dem Roman eine große Rolle spielen, musste man ja filmisch umsetzen: Jeder beobachtet jeden, jeder misstraut jedem.

Wie haben Sie das Problem gelöst, dass im Buch so viel aus der Innensicht der Figuren erzählt wird?

Geschonneck: Als Regisseur musst du dich von der Vorlage entfernen, um dann immer wieder zum Kern der Geschichte zurückzukehren. Ich muss mir die Figuren und ihre Geschichte zu eigen machen, bei allem Respekt gegenüber der Romanautorin und dem Drehbuchautor. Aber das Drehbuch ist mein wichtigster Verbündeter. Es wird wohl immer so sein bei Romanverfilmungen, dass jemand fragt: Warum ist das nicht so wie im Buch? Der Regisseur, der Szenenbildner, die Schauspieler müssen sich selbstständig machen dürfen. Dass du es ernst meinst mit der Geschichte und den Figuren, dass du sie magst, ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, den Ton der Geschichte zu treffen, ihr gerecht zu werden. Hier war das außerdem vom Umfang her gewaltig. Wir hatten im Drehbuch zuerst noch ein paar Figuren, die wir auch sehr mochten, uns dann aber schweren Herzens von ihnen verabschiedeten. Dann haben wir aus Herrn Pilz, der bei der Dorfversammlung auftritt und den Dorfbewohnern die Windräder anpreist, eine Frau gemacht. Das fand ich einfach interessanter. Auch der Meiler, der als die klassische Heuschrecke beschrieben wird, war für mich nicht der smarte Investmenttyp, eher der Selfmade-Millionär aus der bayerischen Provinz, der mal mit einer Tankstelle angefangen hat und jetzt Brandenburg zum Preis einer Butterbrezn aufkauft. So kam ich auf Alexander Held. Wir haben Meiler und Pilz ihre eigene Geschichte gegeben.

Ein großes Thema des Romans sind Beziehungen. Das ist ein Thema, das in vielen Ihrer Filme eine Rolle spielt. Scheiternde Beziehungen und die Lebenslügen, die Menschen ihr Leben lang mit sich herumtragen. In dem Buch gibt es viele gescheiterte Beziehungen.

Geschonneck: Das ist ein Beziehungskosmos. Jeder beobachtet jeden. Misstrauen, Vorurteile gegenüber den Zugezogenen …

Es ist ja auch ein Buch über Kommunikationsversagen. Jeder interessiert sich nur für sich selbst. Keiner hört dem anderen wirklich zu.

Geschonneck: Und jeder glaubt sich im Recht und jeder hat seine Gründe. Ein Dilemma auch unserer kostbaren, fragilen Demokratie. Ich verstehe jeden Einzelnen, zumindest die in Unterleuten. Ich verstehe die Gründe und die Motivationen der Figuren, und ich mag sie sehr. Und die Schauspieler mochte ich sowieso! Wenn du so lange Zeit mit ihnen verbringst und wenn du spürst, dass die gerne zum Dreh kommen, ist das für mich ein Geschenk, letztendlich für den Film. Aber ich will noch einmal was zu den Zugezogenen sagen. Auch da war es relativ einfach, die zu besetzen. Uli Noethen als Doktor Fließ, das war mir ein Bedürfnis. Als Frau habe ich ihm Rosalie Thomass an die Seite gestellt. Linda Franzen war mit die komplizierteste Rolle ...

Das Pferdemädchen.

Geschonneck: … da fand ich Miriam Stein, die mit Jacob Matschenz zusammen das Paar aus dem Westen spielt. Die Betty, die vermeintliche Tochter von Gombrowski, wird von Juli Zeh beschrieben als "breitschultrig, als hätte sie gerade ein Kalb geboren". Und die habe ich mit der zierlichen Sarina Radomski besetzt, die dem wuchtigen Thomas Thieme eine Kraft entgegenstellt, die nicht aus der Körperstärke kommt. Die Figuren, die Schauspieler, müssen sich selbstständig machen, ihr Eigenleben entwickeln, die Geschichte übernehmen, so entsteht dann - hoffentlich - ein stimmiges Gesamtbild. Ich muss den Schauspielern mit Empathie, Respekt begegnen, muss ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie gemeint sind, dass sie sich gesehen fühlen, dass ich es ernst mit ihnen meine. Das hat nichts mit Magie zu tun.

Ist "Unterleuten" für Sie ein Film zu 30 Jahre deutsche Einheit?

Geschonneck: Eher ein Heimatfilm, auch die Geschichte einer Ablösung. Da prallen Welten aufeinander, die doch zusammengehören sollen. Es gibt eine für mich entscheidende Szene gegen Ende, ich weiß nicht mehr, ob die aus dem Roman ist oder ob wir uns die ausgedacht haben, die letzte Begegnung von Gombrowski und Kron in der Küche von Hilde. Kron sagt: "Ich bin kein Kommunist mehr. Und du bist kein Bauer mehr." Darauf Gombrowski: "So sieht's aus." Damit endet das lebenslange Duell der beiden Protagonisten. Die Zeit der alten Männer ist vorbei.

Da geht es auch um Identitätsverlust.

Geschonneck: Ja, es geht um Verlust von Identität und Suche danach. Wie wollen wir heute leben? Was bedeutet Gemeinschaft für jeden Einzelnen heute tatsächlich? Aber ich gehe als Regisseur nicht mit einem agitatorischen Masterplan zum Drehort. Das meine ich damit, wenn ich sage, dass die Figuren die Geschichte übernehmen. Ich bin skeptisch mit programmatischen Etiketten: "Der Film zum ..."

Sie wollen keine Botschaft aussenden.

Geschonneck: Die eine Botschaft gibt es sowieso nicht.

Sie haben gesagt, die Zeit der alten Männer ist vorbei, die jungen Frauen übernehmen. Ist das gut, wenn die jungen Frauen übernehmen? Die jungen Frauen sind ja wie Linda Franzen auch geprägt von Büchern wie dem von Manfred Gortz.

Geschonneck: Naja, in unserem Fall sind es ja die Frauen aus dem Dorf, Kathrin Kron-Hübschke und Betty. Und der Film entlässt den Zuschauer, denke ich, in einer Atmosphäre positiver Melancholie. Mit dem letzten Bild entlassen wir den Protagonisten Gombrowski an seinem Feld in den Himmel. Es gibt da eine Verwandtschaft mit dem Filmende von "In Zeiten des abnehmenden Lichts" nach dem Roman von Eugen Ruge, ein Blick in die in der DDR tabuisierte Zeit des Stalinismus. Die Freundschaft zur Sowjetunion wurde nie infrage gestellt. Ich habe ja in Moskau studiert, dadurch habe ich eine besondere Beziehung zu Russland, interessierte mich für seine zerrissene Geschichte. Dieser Film ist keineswegs die Geschichte einer Abrechnung, genauso wenig der Film "Unterleuten". Mich würde auch die weitere Geschichte des Dorfes interessieren. Zwar hat Jörg Schüttauf als Bürgermeister Seidel den Satz: "Das Dorf schafft sich gerade ab." Aber ich bin der Meinung, in Unterleuten gibt man nicht auf. Kron, Gombrowski - die Leute, die Unterleuten ausmachen, diese Charaktere sind mir vertraut. Ich mag sie einfach. Das hat natürlich mit meiner Kindheit und Jugend in der DDR zu tun, obwohl ich in Berlin aufgewachsen bin. Sie haben mit mir zu tun. Auch stellt der Film die Frage, wie stark wir von der Vergangenheit dominiert werden. Diese Frage stellt sich mir selbstverständlich auch.

Sie haben in Moskau studiert, mussten das Studium aber abbrechen, weil Sie sich nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann nicht von ihm distanzierten. Dann sind sie 1978 aus der DDR ausgereist und in Westdeutschland schnell zum Fernsehen gekommen. Wie ist Ihnen das gelungen?

Geschonneck: Ich bin damals nach Hamburg gegangen und habe dort im Studio Hamburg zufällig Eberhard Fechner kennengelernt. Der bereitete gerade "Ein Kapitel für sich" vor, die dreiteilige Fortsetzung von "Tadellöser & Wolff" nach den Büchern von Walter Kempowski. Eberhard Fechner war mir damals kein Begriff, wir redeten lange, wir verstanden uns. Und zwei Tage später - ich wohnte da noch bei Wolf Biermann - rief Fechner an und fragte, ob ich als Regieassistent bei ihm arbeiten würde. Dann habe ich acht oder neun Monate, neben seiner Frau, als Assistent in dieser Riesenproduktion gearbeitet. Das war ein Glücksfall, ich kannte hier ja niemanden, ich habe Geld verdient. Dann habe ich sieben, acht Jahre weiter als Regieassistent gearbeitet. Aber ich war natürlich kein Regisseur. Mein Studium in Moskau interessierte im Westen niemanden, es war sehr schwer, den Schritt zu machen zum Regisseur. Heute möchte ich trotzdem diese für mich sehr komplizierte Zeit nicht missen, in diesem Auf und Ab meiner deutsch-deutschen Zerrissenheit habe ich sehr viel gelernt. Fechner sagte damals zu mir: Du musst ein Drehbuch schreiben und das einreichen. Dann habe ich nach einer Kurzgeschichte "A Subway Named Moebius" des amerikanischen Astronomen Armin Joseph Deutsch, ein Drehbuch geschrieben.

Da verschwindet ein U-Bahn-Zug aus dem Netz.

Geschonneck: Im Netz. Der Zug gerät gewissermaßen in eine Möbius-Schleife und kommt da nicht mehr raus. Man kann ihn hören, aber nicht sehen. Der Zug fährt durch die vierte Dimension, na ja. Ich reichte das Drehbuch ein und es wurde tatsächlich gefördert. Nicht im Traum hätte ich damit gerechnet. Jetzt musste ich das machen! Dann fiel die Mauer und der Berliner Produzent Ottokar Runze übernahm das Projekt. So etwas Wahnsinniges kann nur ein enthusiastischer Produzent machen. 1991 haben wir in Koproduktion mit dem Deutschen Fernsehfunk diesen Film gedreht mit Jörg Gudzuhn und Corinna Kirchhoff in den Hauptrollen. Auch Diether Krebs, Hans Peter Korff, Wolfgang Winkler waren dabei. Dass dieser Film zustande kam, ist mir bis heute ein Rätsel. Aber diese Art Wunder passieren wohl in unserem Metier. Damals dachte ich: Wenn du das schaffst, dann kann dir nichts mehr passieren. Das wiederholt sich allerdings bis heute. Damals habe ich den Chef der Berliner U-Bahn mit Günter Lamprecht besetzt. Und der fragte mich nach unserem Dreh, ob ich "Tatorte" mit ihm mache will.

Lamprecht war damals Kommissar im "Tatort" aus Berlin.

Geschonneck: Wir haben drei Jahre lang die Berliner "Tatorte" zusammen gemacht, auch zwei Drehbücher zusammen geschrieben. Eine gute Zeit, eine kostbare Zeit für mich! Wir haben für "Berlin - beste Lage", unseren ersten "Tatort", viel in Berlin-Mitte gedreht. Lamprecht lief durch Berlin wie Franz Biberkopf, den er in Fassbinders "Berlin Alexanderplatz" gespielt hatte, aufrecht, stolz. Ich durfte ihn begleiten. Wir haben fünf Produktionen zusammen gemacht. Und ich konnte als Regisseur arbeiten.

Was bedeutete das Medium Fernsehen als Erzählmedium für Sie?

Geschonneck: Wissen Sie, ich musste sehr lange warten, bis ich diesen Beruf, für den ich ja studiert hatte, überhaupt ausüben durfte. Das Fernsehen gab mir damals die Möglichkeit. Klar, ich bin an dem ehrwürdigen Eisenstein-Institut in Moskau erzogen worden, für die große Leinwand, ein sehr erhabenes Studium. Wir hatten großartige Lehrer. Andrej Tarkowski war bei uns zu Gast im Institut. Eine andere Zeit … Mein Lehrer für Montage hatte noch bei Eisenstein im Schneideraum gesessen, als Assistent.

Lebende Legenden ...

Geschonneck: Ja, Russland, die Sowjetunion hatte eine große Filmkultur, die 20er, 30er Jahre, Kuleschow, Eisenstein, Pudowkin, Wertow … aber das führt zu weit. Ich habe, als ich an "In Zeiten des abnehmenden Lichts" arbeitete, viele sowjetische Filme wiedergesehen. In den 90ern wurde ich dann irgendwann eingeladen, in Hamburg einen Film mit Will Quadflieg zu machen. Ich wollte nicht weiter "Tatorte" drehen. Für mich ein großes Erlebnis, Quadfliegs Geschichte zu spüren. Dann kamen Ulrich Tukur, Cornelia Froboess, Udo Samel ... Ich wurde oft gefragt, warum machst du kein Kino? Es hat sich lange nicht ergeben. "Die Nachrichten" hätte ich gerne als Kinofilm gesehen. Wir hatten sogar auf 35 Millimeter gedreht.

"Die Nachrichten" nach dem Buch von Alexander Osang erzählt die Geschichte eines ostdeutschen Sprechers, der nach dem Mauerfall in den Westen geht und in Hamburg bei einer großen deutschen Nachrichtensendung arbeitet. Es ist leicht zu erkennen, dass es um die "Tagesschau" geht. Und irgendwann taucht die Stasiakte des Sprechers auf. Den Film hat das ZDF gemacht, nicht die ARD.

Geschonneck: Der ARD passte das wohl gar nicht. Und ich durfte nicht bei der "Tagesschau" drehen oder auch nur recherchieren. Wir haben dann beim "Spiegel" in Hamburg unser eigenes "Tagesschau"-Studio nachgebaut.

Wie viel von Ihrer eigenen Geschichte haben Sie damals in "Die Nachrichten" wiedererkannt? Osang beschreibt in seinem Buch sehr eindrücklich die Fremdheit, die der aus der DDR stammende Sprecher in Hamburg empfindet.

Geschonneck: Ich lebte ja bis 1995 in Hamburg. Ich war über zehn Jahre dort, das wurde meine Stadt. "Die Nachrichten" war für mich ein sehr wichtiges Projekt. Ich mochte die Sprache von Osang, seinen Witz. Das Buch kam damals über Dietrich Kluge von der Network Movie Hamburg zu mir. Es war sehr umworben, wir haben es dann bekommen. Wer soll das Drehbuch schreiben? Ich habe dann mit Osang gesprochen, dass er das selbst machen muss. Das ist ein sehr eigenwilliger Humor, der eben diese "Tonlage" ausmacht. Das war bei diesem Schwergewicht "In Zeiten des abnehmenden Lichts" auch so, aber das Drehbuch schrieb Wolfgang Kohlhaase. Eine solch tragikomische, auch melancholische Geschichte zu erzählen, braucht eben diesen besonderen Humor, diesen Seitenwind, diesen besonderen Autor. Alle diese Filme haben mit "Heimat" zu tun. Als ich bei der Premiere von "Unterleuten" in der Landesvertretung Brandenburg war, sagte ich zu Juli Zeh: Wenn ich mit einem Satz sagen soll, was das für ein Film ist, würde ich sagen: ein Heimatfilm. Man erzählt ja immer von sich selbst. Auch bei "Silberhochzeit", "Liebesjahre" oder "Südstadt" ist das wohl so. Für mich stellt sich zwischen denen da unbeabsichtigt beabsichtigt ein Zusammenhang her.

Mit dem Drehbuchautor Magnus Vattrodt haben Sie nicht nur in "Unterleuten", sondern auch in früheren Filmen schon zusammengearbeitet, unter anderem in "Liebesjahre" und "Ein großer Aufbruch". Er ist ein großer Dialogschreiber. Wie läuft die Zusammenarbeit mit ihm?

Geschonneck: Was uns verbindet, ist die Liebe zu diesen vielschichtigen Figuren und unsere im positiven Sinn ernsthaft ironische Kommunikation. Die Dialogstärke von Vattrodt gibt für die Schauspieler und den Regisseur einen emotionalen Rhythmus vor. Und diese Ensemblestücke bieten dafür die geeignete Plattform.

"Liebesjahre" oder "Silberhochzeit" sind ja eher klassische Kammerspiele, aber ich sehe da auch große Parallelen zu "Unterleuten": Es wird viel geredet, aber man redet nicht wirklich miteinander, man redet aneinander vorbei.

Geschonneck: "Und jeder glaubte sich im Recht. Und jeder hatte seine Gründe", heißt es in "Unterleuten". Bedeutet uns die Gemeinschaft noch etwas oder sind wir nur noch Einzelkämpfer? Wir müssen uns auf das besinnen, was hier ist, diese kleinen großen Geschichten hier finden und erzählen. Nicht unbedingt den Film zur Lage der Nation. Letztlich sollte ein Film doch mit etwas noch nicht Erzähltem den Zuschauer berühren.

Aus epd medien 10/20 vom 6. März 2020