Erinnerung wachhalten

Dokumentationen zum Kriegsende 1945 im Fernsehen

Am 8. Mai 1945 endete mit der Kapitulation Deutschlands der Zweite Weltkrieg in Europa. 75 Jahre nach Kriegsende sollte dieses Datums in ganz Deutschland öffentlich gedacht werden. Doch wegen der Corona-Pandemie wird es keine großen Veranstaltungen an historischen Orten geben. Auch der geplante zentrale Staatsakt mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor dem Reichstagsgebäude fällt aus. Umso wichtiger ist es für die Erinnerungskultur, dass die Fernsehsender in Dokumentationen dieses historischen Datums gedenken. Unser Autor Fritz Wolf hat sich diese drei Dokumentationen angeschaut:

"Waffenstillstand - Mein Sommer '45 in Dresden", Dokumentarfilm, Regie und Buch: Hans-Dieter Grabe, Kamera: Aldo Gugolz, Nicola Mascanetti (3sat/ZDF, 4.5.20, 22.25-23.00 Uhr);

"Kinder des Krieges. Deutschland 1945", Dokumentarfilm, Regie und Buch: Jan Lorenzen, Kamera: Peter Badel, Daniel Liepcke (ARD/RBB/BR/HR/MDR/NDR/RB/SR/SWR/WDR 4.5.20, 20.15-21.45 Uhr);

"Berlin 1945 - Tagebuch einer Großstadt", Regie und Buch: Volker Heise (Arte/RBB, 5.5.20, 20.15-22.15 Uhr)

 

Ein neues Wort habe er in jenen Tagen gelernt, erinnert sich der heute 83-jährige Hans-Dieter Grabe in dem Film über seine Kriegskindheit in Dresden: "Waffenstillstand". Keine Flugzeuge mehr am Himmel, keine Bomben. Und da war auch ein spezifisches Detail. Am Tag, als sein Wohnhaus abbrannte, gab es grade Hefeklößchen. Später, als sie Unterschlupf in einem Nachbarhaus gefunden hatten, wurden die Hefeklößchen fertig gegessen: "Sie schmeckten herrlich".

Hans-Dieter Grabes Film ist einer von einer Reihe von Filmen zum 75. Jahrestag des Kriegsendes 1945. Drei dieser Filme werden hier näher betrachtet und in allen geht es um Erinnerung. Fernsehen ist eine Erinnerungsmaschine und die Art, wie es erinnert, ändert sich mit den Jahren, mit dem Material, das der Erinnerung zur Verfügung steht und mit der Entfernung von den Ereignissen. Erinnern wird subjektiver, persönlicher, auch emotionaler.

Haltung zu Krieg und Frieden

Beginnen wir mit Hans-Dieter Grabes kleinem Film "Waffenstillstand - Mein Sommer '45 in Dresden" (3sat/ZDF). Es ist ein sehr persönlicher Film mit einem sehr persönlichen Zugang. Der "Waffenstillstand", das Wort und das Ereignis, waren für die Erinnerung des vielfach preisgekrönten Regisseurs wie für seine Haltung zu Krieg und Frieden prägend, diese Prägung findet sich in seinen späteren Filmen wieder.

Sie sind auch davon bestimmt, dass Hans-Dieter Grabe und seine Familie Glück gehabt haben. Der Vater kam unversehrt aus dem Krieg zurück und wurde später auch aus sowjetischer Lagerhaft entlassen, "aus gesundheitlichen Gründen". Er war Oberst der Luftwaffe, hatte in Minsk studiert, was Grabe aber nicht weiter anspricht. Sie hatten Glück, weil zwar das Wohnhaus zerbombt wurde, aber niemand ums Leben kam. Er hatte Glück, weil ihm beim Spielen auf Ruinengrundstücken nichts geschah.

In die Erinnerungen mischen sich freilich auch dunkle. Das Wort "Vergewaltigung" lernte er auch neu, ohne noch zu wissen, was damit gemeint war. Auf dem Dresdner Altmarkt sah er, wie die Leichen zu Bergen gestapelt und verbrannt wurden und er hat noch die Bilder von den Fußstapfen im geschmolzenen Straßenasphalt im Kopf, in dem die vor dem Feuer Flüchtenden steckenblieben und verbrannten. Diese Erinnerung ist in Filmbildern festgehalten, die Grabe zur Stütze heranzieht.

Für den Film sucht er noch einmal Orte seiner Kindheit auf: eine Ortsbegehung, eine Kindheitsbesichtigung. Das Elternhaus, das wiederaufgebaut wurde. Die Gärten in der Gegend, in denen die Kinder spielten. Und seine drei Lieblingsorte: Bahnhof, Zirkus und Zoo. Er denkt an die Zerstörung des Zoos, die toten Tiere und Grabe erlaubt sich eine Art Einschub mit Bildern von Löwen, Papageien, Giraffen.

Wichtiges Merkmal des Films: Er verallgemeinert nicht. Die Erinnerungen stehen nicht für etwas anderes. Den Einmarsch der Russen zum Beispiel erfuhr Grabe als kampflos und friedlich. Die Soldaten schienen ihm sehr müde und ihre Lieder gefielen ihm. Einen Hass auf Russen habe er nie entwickelt. So bleibt der Autor in diesem Film ganz bei sich und seinen Erinnerungen, als etwas Besonderes, etwas Individuelles.

Ganz anders, in jeder Hinsicht viel größer und auf Verallgemeinerung angelegt, ist das ARD-Projekt "Kinder des Krieges. Deutschland 1945" von Jan Lorenzen. Es handelt sich um ein multimediales Projekt, zu dem nicht nur der Dokumentarfilm gehört, sondern auch fünf Hörfunkfeatures, regionale Varianten des Dokumentarfilms, sowie eine wissenschaftliche Studie darüber, wie die "Kinder des Krieges" in ihren Lebensauffassungen und Lebenshaltungen geprägt wurden. Es handelt sich um ein Gemeinschaftsprojekt der ARD, die Federführung für die Hörfunkfeatures hatte der MDR, für den Dokumentarfilm der RBB.

"Wir haben mit 'Kinder des Krieges' die einmalige Chance, die Kriegsgeneration noch einmal selbst sprechen zu lassen", sagt Katja Wildermuth, Programmdirektorin des MDR. Die damaligen "Kinder des Krieges" sind die letzten noch lebenden Augenzeugen, die ihre Erfahrungen berichten können.

Stimmen einer Generation

Man muss sich dazu nur mal die Dimensionen klar machen. Millionen in den 1930ern geborene Kinder und Jugendliche haben Bombenangriffe, Evakuierungen und Flucht, Hunger und Armut erlebt, Angehörige verloren. Jedes vierte Kind wuchs ohne Vater auf. Etwa 14 Millionen Menschen verloren zwischen 1944 und 1947 ihre Heimat.

Die Stimmen dieser Generation nun möchte der Film sicht- und hörbar machen. Kaum einer der Betroffenen, der nicht traumatische Erfahrungen gemacht hätte. Der Schrecken hat viele Gesichter und ist mit dem 8. Mai 1945 keineswegs zu Ende. Jan Lorenzen erzählt aus der Sicht der Kinder und ihrer Traumata. Ihn interessierte als eine Leitfrage bei der Auswahl der Protagonisten, dass sich die Menschen, die damals Kinder waren, früher gedanklich mit dem Nationalsozialismus befasst haben als ihre Eltern.

Sie haben jedenfalls alle eine Geschichte zu erzählen. Da ist Günter Lucks, der als 16-Jähriger 1945 noch zur Waffen-SS eingezogen und zum Scharfschützen ausgebildet wurde. Da ist Sigurd Prinz, der in seiner Heimatstadt zusehen musste, wie italienische Gefangene öffentlich gehängt wurden. Da ist Bennick Einsiedler, der das KZ überlebte und später in die USA emigrierte; sein Vater hatte ihn im KZ dazu gebracht, sich die Adresse von Freunden in Chicago zu merken. Oder Isabella Zangl, die mit vielen Deutschen von den Alliierten gezwungen wurde, sich die Leichen der von den Nazis Ermordeten anzuschauen.

Und da ist Brigitte Rossow aus Demmin, der die eigene Mutter die Pulsadern aufschnitt und die gerettet wurde. In Demmin brachten sich in einer Art Massenhysterie Hunderte Menschen aus Angst vor den Russen um. "Vom Großvater erwürgt" steht in einer Kladde, in der die Opfer registriert wurden.

Das sind nur einige Beispiele von vielen, die der Filmemacher zusammenträgt. Die einzelnen Erzählungen werden von einem Kommentar eher verbunden als eingeordnet. Manchmal erlaubt der Text sich Verallgemeinerungen. Reinhard Kluge sang im Dresdner Kreuzchor und erinnert sich an die erste Aufführung der Trauermotette des Kantors der Kreuzkirche, Rudolf Mauersberger, "Wie liegt die Stadt so wüst". Er berichtet auch, dass über die Haltung, Dresden nur als Opfer darzustellen, nicht gesprochen wurde. "Wir Jugendliche haben viel zu wenig gefragt." Der Kommentar verallgemeinert: "Die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen. Das Schweigen wird die kommenden Generationen prägen."

Wie immer beim subjektiven Erinnern sind die Details das Interessanteste. Erinnerung hebt oft Nebensächliches heraus, lässt anderes, möglicherweise Wichtigeres wegfallen. Ein gewisses Problem hat der Film mit den dokumentarischen Bildern. Da in den seltensten Fällen Bilder zu den Erzählungen vorliegen, muss der Film assoziativ arbeiten. Damit ordnet er die Bilder freilich den Erzählungen unter, gibt ihnen illustrativen Charakter.

Dramaturgisch gesehen ist "Kinder des Krieges" episodisch angelegt. Die verschiedenen Augenzeugen sollen auch verschiedene Erlebnisfelder abdecken. In der Aneinanderreihung der Episoden löst der Film aber im Endeffekt Geschichte in Geschichten auf, man hat das Gefühl, das könnte noch ewig so weitergehen. Damit bedient der Film eine Tendenz der neueren Fernsehgeschichtsschreibung, die Jan Lorenzen zuvor auch in dem Zweiteiler "Land der Täter" praktizierte.

Berlin in Trümmern

Drittes Beispiel: "Berlin 45 - Tagebuch einer Großstadt" von Volker Heise - ein Einzelstück, gesendet auf Arte und RBB. Der Film konzentriert sich auf Berlin und auf das Jahr 1945, in dem aus der Stadt erst ein Kriegsschauplatz und dann ein Trümmerfeld wird. Auch die Zeit nach Kriegsende wird ausführlich dargestellt, in Zeugnissen und historischen Fakten, vom Potsdamer Abkommen über die Atombombe bis zu den Nürnberger Prozessen: unmittelbare Nachkriegsgeschichte, nicht mehr auf Berlin beschränkt.

Das zentrale Narrativ des Films lautet: Der Krieg kehrt zurück in die Stadt, von der er ausgegangen war. Der Autor entwickelt dieses Narrativ aber anders als die beiden anderen Filme. Er arbeitet nicht mit Erinnerungen, sondern mit persönlichen Dokumenten: Tagebüchern, Briefen, Notizen. Die Idee ist nicht neu, auch andere Fernsehhistoriker haben das schon gemacht, Tagebücher an die Stelle von Augenzeugen zu setzen.

Diese Tagebücher jedenfalls bilden das dramaturgische Rückgrat des Films, um sie herum ist er gebaut. Und anders als Lorenzen mit der episodischen Struktur arbeitet Heise vor allem mit den Mitteln der Montage. Zwar sind Tagebücher subjektive Zeugnisse und aus der Zeit heraus als authentisch wahrnehmbar, aber nicht umfassend - man denke etwa an Franz Kafkas berühmten Eintrag am Beginn des Ersten Weltkriegs: "2. August. Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt. - Nachmittag Schwimmschule." Es kommt auf den Zusammenhang der unterschiedlichen Zeugnisse an.

Wie Lorenzen trifft auch Heise eine Auswahl, die verschiedene Perspektiven abdecken soll. Einige Tagebuchschreiber ziehen sich wie ein roter Faden durch den Film. Da ist die Stenotypistin Brigitte Eicke, die oft mit ihrem Freund ins Kino geht und mühsam die Realität zur Kenntnis nehmen muss, als der Krieg ihre Stadt überwältigt. Da ist die jüdische Schneiderin Alice Löwenthal, die sich verstecken kann und überlebt, aber ihre beiden Kinder zurücklassen musste und nach dem Krieg erfuhr, dass sie in Auschwitz umgebracht wurden.

Chor unterschiedlicher Stimmen

Da ist der junge Luftwaffenhelfer Dieter Borkowski, dessen Überzeugungen sich umso mehr auflösen, je näher der Krieg in die Stadt kommt. Oder Vladimir Stezhensky, Soldat der Roten Armee und als Übersetzer im Stab tätig, mit den Kriegsgeschehnissen sehr vertraut. Oder der französische Chirurg Adolphe Jung, der als Assistent von Ferdinand Sauerbruch in der Charité arbeitete und als Spion Unterlagen für die französische Resistance sammelte.

Andere Tagebuch- und Briefeschreiber tragen peripher zur Darstellung bei, ausländische Journalisten, ein französischer Zwangsarbeiter, die Besatzung eines britischen Bombers. Auch Prominente werden zitiert wie der spätere Filmregisseur Konrad Wolf oder der Schriftsteller Wassili Grossmann. So entsteht ein filmischer Chor unterschiedlicher Stimmen, jede erzählt aus eigener Perspektive, und darüber ein multiperspektivisches Bild aus diesem Jahr, von Durchhaltewahnsinn, Todesangst, frühem Selbstmitleid der Berliner Bevölkerung, Realitätsverweigerung.

"Berlin '45" ist ausschließlich über Archivmaterial erzählt und folgt der Chronik der Ereignisse. Es gibt keinen allwissenden Erzähler. Die Dokumente sind oft so montiert, dass sie sich wechselseitig kommentieren. Goebbels wird mit der zynischen Bemerkung zitiert, die Berliner hätten sich schon so an die Bombenangriffe gewöhnt, dass ihnen etwas fehlen würde, wenn sie ausblieben - dazu montiert der Regisseur Bilder von Leichen in der Stadt. Manchmal sind die Zeugnisse so dicht montiert, dass sich eine Art fiktiver Dialog ergibt: etwa kurz vor der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde die Erinnerungen an diesen historischen Moment von Marschall Georgi Schukow und Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel.

Dokumentarische Substanz

Auch dieser Film hat das Problem, dass es zu den in Tagebüchern festgehaltenen Momenten selten Bilder gibt. Aber Volker Heises Umgang mit Bildern ist umfänglicher, breiter angelegt. Er arbeitet auf dem visuellen Erzählstrang mit dokumentarischen Bildern dieser Zeit, oft Szenen vom Kampfgeschehen, gedreht von den jeweiligen Kriegsreportern. Da ist auch viel Material dabei, das man schon oft gesehen hat. Er benutzt auch Bilder der Nazi-"Wochenschau", die freilich in ihrem Tonfall keiner Kommentierung bedürfen. Er verknüpft kleine Ereignisse aus den Tagebüchern mit den politischen Vorgängen und kommt dadurch zu einem Gesamtbild, in dem sich Geschichte nicht mehr in Geschichten verliert.

Das Wort "Waffenstillstand" hat Hans-Dieter Grabe ins Zentrum seiner Erinnerungen gestellt. Um diesen 8. Mai 1945, an dem die Waffen schwiegen, drehen sich diese drei Filme und versuchen auf ihre je eigene Weise, individuelle Erfahrung mit Historie zu verbinden, mit der Idee, Erinnerung wachzuhalten. Als vermutlich haltbarste, weil auf Dokumenten basierende, das Private mit dem Politischen verbindende Version dürfte sich "Berlin '45" erweisen - viel dokumentarische Substanz und ein sich durch den Film eröffnender Erkenntnishorizont, auch noch 75 Jahre danach.

Aus epd medien 19/20 vom 8. Mai 2020

Fritz Wolf