Eine große Liebende des Fernsehens

Zum Tod von Sybille Simon-Zülch / Von Diemut Roether

epd Die Kritikerin Sybille Simon-Zülch schrieb vier Jahrzehnte lang Hörfunk- und Fernsehkritiken für epd medien. Außerdem schrieb sie für die "Frankfurter Rundschau", die "Süddeutsche Zeitung" und das "Hamburger Abendblatt". In der "Stuttgarter Zeitung" hatte sie ab 2001 eine wöchentliche Fernsehkolumne (vgl. auch Dokumentation in dieser Ausgabe). Simon-Zülch wurde 1945 in Reichenbach an der Fils geboren. Sie studierte Medien- und Kommunikationswissenschaft in Bremen. 1986 gehörte sie zu den Gründern der Bremer Lokalausgabe der "tageszeitung", für die sie einige Jahre als Kulturredakteurin arbeitete. Am 24. August ist sie in Bremen gestorben.

Als Sybille Simon-Zülch im November 2000 den Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik erhielt, beschrieb sie ihr Leben mit dem Fernsehen als facettenreiche Liebesbeziehung. Da war die "Verbotene Liebe" zur "Lindenstraße", bei der die Kritikerin jeden Sonntagabend den Stift weglegen und sich "in einen Zustand lasziver Infantilität versenken" konnte. Da war das "Bratkartoffelverhältnis" mit den Vorabendkrimis des ZDF, und da war die große Lebensliebe zu den Filmen von Dominik Graf - wie sie ein großer Liebhaber des Fernsehens -, dessen Fernsehfilme für sie Grund genug waren, "an die Flexibilität und die ständige Erneuerung des Fernsehens zu glauben".

Als große Liebende hat sie das Fernsehen stets verteidigt gegen dünkelhafte Kritiker, die es als Schmuddelmedium abtaten, wurde jedoch zur umso schärferen und treffenderen Kritikerin, wenn einzelne Produktionen sie enttäuschten und unter ihren Möglichkeiten blieben. Vielleicht - das liegt nun mal in der Natur der Sache - waren ihre Verrisse noch etwas amüsanter als ihre Lobeshymnen.

In ihrer Dankesrede beschrieb sie damals auch den Hass der Kritisierten, deren "pöbelhafte Briefe" ihre Liebe zum Fernsehen auf eine härtere Probe gestellt hätten als das Fernsehen selbst. Die Zitate aus diesen Briefen, in denen sie als "sogenannte Fernsehkritikerin" beschimpft wurde, "die wegen ihrer eigenen Dummheit Frust schiebt" und angeblich "hingewichste Schmuddelkritiken" schreibe, führen noch einmal vor Augen: Shitstorms und verbale Entgleisungen gab es schon lange, bevor dies in den sozialen Netzwerken zum Umgangston wurde. Nie jedoch hätte sich Sybille Simon-Zülch auf das Niveau der Pöbler herunterziehen lassen. Sie konnte loben wie keine zweite und sie konnte austeilen, das tat sie jedoch stets mit viel feiner Ironie und unvergleichlicher Eleganz.

Thomas Schadt, der im November 2000 die Laudatio auf Sybille Simon-Zülch hielt, beschrieb ihr Vergnügen, das Gesehene zu reflektieren, und die genaue Analyse, der sie alle Filme unterzog. "Richtig hinreißend" fand er es, "wenn sie fein und im Stil einer Dame neben aller Sachkompetenz mit ihrem eigenen Geschmack nicht hinter dem Berg hält".

Sie begriff das Fernsehen als Medium und Faktor der Kultur, sie war - so Schadt - eine "Zeitzeugin des Fernsehens", ordnete Das Gesehene ein in die Geschichte dieses Mediums, das von zu vielen als geschichtslos abgetan wird. Dabei hat es bereits in seinen frühen Jahren große Serien und große Momente hervorgebracht, die später zu Unrecht wieder vergessen wurden. An diese Momente erinnerte Sybille Simon-Zülch immer wieder in ihren Artikeln.

Ihre Texte, die so wunderbar leicht daherkamen, waren sorgfältig komponiert: Zweimal schaute sie jeden Film an, bevor sie über ihn schrieb, und wenn die Kritik dann in unserem Mailfach landete, stimmte jeder Name, jeder Punkt und jedes Komma. Es waren perfekte Texte, jedes Mal wieder. In den Kritiken von Sybille Simon-Zülch gab es keine Textbausteine, keine Floskeln. Hier war alles präzise beobachtet, durchdacht, glasklar argumentiert und dann auch noch so unterhaltsam aufgeschrieben, dass die Lektüre ein reines Vergnügen war. Ihre kurzen Inhaltsangaben der Filme beschrieb Thomas Schadt als "nicht selten unterhaltsamer und präziser als das Original". Und stets meinte man beim Lesen ihre Stimme zu hören, diese warme, leicht rauchige, etwas gebrochene Stimme, die so unvermutet in heiteres Kichern umschlagen konnte.

Über die Schauspielerin Susanne Wolff, die sie sehr verehrte, hat sie einmal geschrieben: "Sie spielt sich nicht in den Vordergrund." Dasselbe könnte man über sie schreiben: Sie ragte stets heraus, hat sich aber nie in den Vordergrund gespielt. Ihre Kritiken, ihr liebevoller Blick auf das Fernsehen werden uns sehr fehlen.

Aus epd medien 35/19 vom 30. August 2019