"Ein Ort namens Ulrich Tukur"

Dietrich Brüggemann
Dietrich Brüggemann
Ein epd-Gespräch mit dem Regisseur Dietrich Brüggemann

Der "Tatort: Murot und das Murmeltier" (HR), der am 17. Februar im Ersten ausgestrahlt wird, ist nach "Stau" (SWR) der zweite Film von Dietrich Brüggemann für die Krimi-Reihe der ARD. Der von Ulrich Tukur gespielte LKA-Ermittler Felix Murot gerät, nachdem er bei einem Banküberfall erschossen wurde, in eine Zeitschleife und erlebt denselben Tag mehrfach - bis er einen unblutigen Ausweg findet. Die Filme des Regisseurs, Autors und Musikers Dietrich Brüggemann (42) wurden vielfach ausgezeichnet. Für das Drehbuch von "Kreuzweg" erhielt er bei der Berlinale 2014 gemeinsam mit seiner Schwester Anna Brüggemann den Silbernen Bären. Der "Tatort: Stau" war 2018 für den Grimme-Preis nominiert und gewann den Deutschen Fernsehkrimipreis in Wiesbaden. Für den "Tatort: Murot und das Murmeltier" wurde er im September 2018 in Ludwigshafen mit dem Filmkunstpreis beim Festival des deutschen Films geehrt. Thomas Gehringer sprach mit Brüggemann über Zeitschleifen, die Kunst, einen "Tatort" zu drehen und fehlende Experimentierlust im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

 

epd: Herr Brüggemann, was war Ihre Idee hinter dem Zeitschleifen-"Tatort"?

 

Brüggemann: Das "Murmeltier" war tatsächlich der erste "Tatort", der in meinem Kopf entstanden ist, noch vor "Stau". Im Herbst 2015 kamen zwei Redaktionen unabhängig voneinander auf mich zu. Ich sagte unter der Bedingung zu: Nur, wenn es so wild und wahnsinnig werden darf, wie es der HR immer mit Ulrich Tukur macht.

 

Der Zeitschleifen-Film sollte eigentlich von einem anderen Sender für einen anderen Tatort-Ermittler produziert werden?

 

Brüggemann: Über die Absage war ich schon ein bisschen sauer. Ich hatte ein umfangreiches Treatment ausgearbeitet, weil ich auch richtig Lust darauf hatte, und es war auch nicht der erste Film, der mir von diesem Sender beauftragt und dann abgesagt wurde. Im Endeffekt ist alles gut, der Film ist genau da gelandet, wo er hingehört.

 

Sie hatten nicht an eine bestimmte Ermittler-Figur gedacht?

 

Brüggemann: Nein - aber zurück zur Frage: Die Idee ist natürlich eine Reaktion aufs deutsche Fernsehen. Ich schaue nicht viel Fernsehen, aber was ich sehe, sind Demobänder von Schauspielern. Und was ich da sehe, sind Verhöre, Verhöre, Verhöre - immer dasselbe. Also liegt es eigentlich sehr nahe, einen "Tatort" zu drehen, in dem immer dasselbe passiert. Außerdem ist "Und täglich grüßt das Murmeltier" zu Recht ein großer Klassiker. Er fängt das Lebensgefühl in der modernen zivilisierten Gesellschaft wunderbar ein. Wir haben nicht mehr den täglichen Kampf ums Dasein. Jeder Tag ist derselbe: Aufstehen, Arbeiten, Schlafengehen. Und die Verzweiflung, die man dabei erleben kann, ist heute auch noch gültig.

 

Für Kommissar Murot ist der Banküberfall erst einmal nur langweilige Routine, und auch der Geiselnehmer sagt: "Draußen ist jeder Tag derselbe, das mache ich nicht mehr mit." Da ist man schnell beim Thema Krimi-Flut im deutschen Fernsehen.

 

Brüggemann: Ja, das ist ein wiederkehrendes Thema und wird auch einmal konkret angesprochen, aber ich wollte nicht nur einen Film über das deutsche Fernsehen machen, das wäre mir zu eng als Fokus, zu sehr Nabelschau. Es geht natürlich auch um die quasi-philosophische Frage: Wie geht man eigentlich damit um, dass ab einem bestimmten Alter jeder Tag derselbe ist, dass es die ständigen neuen Erlebnisse, die man als jüngerer Mensch hat, nicht mehr gibt? Deswegen geht es in dem Film auch nicht darum, dass Murot ein besserer Mensch wird, sondern dass er mit dieser existenziellen Krise klarkommt.

 

Warum ein Banküberfall?

 

Brüggemann: Weil Banküberfälle das Standard-Verbrechen von der Stange sind. Es war auch wichtig, dass wirklich jemand festsitzt. Anders als im Originalfilm gibt es zwei Personen in der Zeitschleife, und dazu kommt der Twist, dass der Zweite gar nicht raus will. Das funktioniert bei einem Banküberfall sehr gut. Der hat sich mit seinen Geiseln verschanzt und sagt: Ich bin unsterblich, weil ich hier jeden Tag neu erlebe.

 

Kommissar und Geiselnehmer sind wie eine Schicksalsgemeinschaft. Können Sie erläutern, wie Sie bei der Entwicklung der Figuren und der Geschichte vorgegangen sind?

 

Brüggemann: Jeder Durchlauf hat eine unterschiedliche Temperatur. Tatsächlich stand über jedem Durchlauf im Treatment und im Drehbuch eine fette Überschrift. Der erste Durchlauf ist Routine, da ist der Kommissar so routiniert, dass er etwas übersieht und dadurch erschossen wird. Und dadurch ergibt sich für ihn eine neue Chance, das Geschenk, dass er nicht tot ist und es noch einmal versuchen darf. Über dem zweiten Durchlauf steht "Verwirrung", es gab zum Beispiel noch "Wut", "Hoffnung", "Gleichgültigkeit" oder "Finsternis", wenn Murot selbst zum Täter wird.

 

Welche Rolle spielte das Vorleben von Murot? Haben Sie sich frühere Filme noch einmal angeschaut?

 

Brüggemann: Einige kannte ich ohnehin, andere habe ich mir angesehen. In der Murot-Reihe geht es ja nicht so um Kontinuität. Die Filme spielen nur nominell in Wiesbaden, in Wahrheit spielen sie an einem Ort namens Ulrich Tukur. Die Experimentierfreude wird auch stark durch den Schauspieler definiert. Ich bin vom Sender total in Ruhe gelassen worden und musste nicht irgendwelche Fäden aus früheren Fällen wieder aufnehmen.

 

Was ist für Sie das Faszinierende an einem Zeitschleifen-Film?

 

Brüggemann: Die Steilvorlage für wahnwitzige Komik, weil sämtliche Personen gar nicht kapieren, was vor sich geht. Nur einer läuft da mit immer größerer Verzweiflung durch. Und natürlich die völlige Entwertung von Tod und Gewalt, was es so nur in dieser Art von Film geben kann, weil es egal ist, welche und wie viele Menschen umgebracht werden, denn im nächsten Durchlauf leben sie ja wieder. "Und täglich grüßt das Murmeltier" spielt diese Karte gar nicht richtig aus.

 

Eine Diskussion über die Gewalt-Darstellung gab es im Vorfeld also nicht?

 

Brüggemann: Nein, am Ende wird der Film ja sehr friedfertig. Das ist auch so ein Punkt: Immer diese Morde als Unterhaltungselement, das hat etwas derart Schablonenhaftes. Warum kann es nicht mal einen "Tatort" um einen Betrugsfall geben, bei dem es keinen Toten gibt? Oder ein Wirtschaftsverbrechen, eine Entführung? Immer muss es ein Mord sein, deswegen war es mir auch ein Anliegen, dass es am Ende keine Toten geben darf. Der Kommissar schafft es nur aus der Zeitschleife heraus, wenn alle überleben. Darin steckt eine tiefe humanistische Botschaft. Nachdem man oft genug alle umgebracht hat, stellt man fest, es bringt nichts. Man kommt mit Tod und Gewalt nicht weiter.

 

Neben der Komik gibt es Szenen und Dialoge, die auch philosophische und religiöse Fragen aufwerfen. Sie sprachen die Unsterblichkeit schon an. Im Film ist das ewige Leben ein täglicher Horror.

 

Brüggemann: Das geht auf die fernöstliche Philosophie zurück, wonach wir durch unsere Leidenschaften und Gelüste das eigene Karma verderben und deshalb zur Wiedergeburt verurteilt werden. Wiedergeburt als Strafe. Es gibt auch eine Nähe zum christlichen Weltbild, in dem die Erde ja ein Jammertal ist und man von seinem Leid erst im Jenseits erlöst wird. Ich bin Materialist und finde es interessanter, die Erfüllung schon im Diesseits zu suchen. Für die Idealisten gibt es die Erfüllung erst im Jenseits, deswegen macht der Idealist Tragödie und der Materialist macht Komödie, in der das Große und Großartige sich schon in dieser Welt zeigen muss. Murot muss sich aus dem Kreislauf der Wiedergeburt befreien, aber nicht durch Flucht ins Jenseits oder durch Meditation in einen gleichgültigen inneren Frieden, sondern durch die Bejahung des Lebens, auch durch die Bejahung der Tatsache, dass jeder Tag ein Stück vom Lebensfaden abschneidet und man irgendwann sterben wird. Nur wenn er Kontakt aufnimmt mit der Welt um sich herum und nicht autistisch routiniert vor sich hin macht, kann es ihm gelingen, die Zeitschleife zu beenden.

 

Mir ist noch ein religiöses Motiv aufgefallen: Am siebten Tag beschließt Murot zu ruhen und fährt im Freizeitlook aufs Land.

 

Brüggemann: War das wirklich der siebte Tag? Wunderbar, da muss man sich gar nicht mehr explizit Gedanken machen. Ich glaube, es sind insgesamt zwölf Durchläufe, aber nur wenn man auch die ganz kurzen mitzählt, als er sich einmal direkt nach dem Weckerklingeln selbst erschießt und einmal aus dem Fenster springt.

 

Wie haben Sie die Dreharbeiten organisiert? Alle einzelnen Variationen einer Szene direkt hintereinander gedreht?

 

Brüggemann: Klar, wir haben gnadenlos die Motive abgedreht. Zuerst in der Wohnung und dann an jedem Drehort immer nacheinander die einzelnen Durchläufe: erster Tag, zweiter Tag und so weiter. Man wird schon ein bisschen schizophren, wenn man vier Tage in dieser Wohnung steht und versucht, immer die richtige Temperatur zu treffen. Aber mit Ulrich Tukur hatte ich einen wunderbaren Schauspieler, der das instinktiv richtig macht.

 

Zehnmal dieselbe Szene auf verschiedene Weise erzählt: Haben Sie ihn nicht in den Wahnsinn getrieben?

 

Brüggemann: Tukur hat das souverän bewältigt, aber die unterschätzten Helden des Films sind in meinen Augen die Leute, die vor der Bank stehen, Barbara Philipp und die Polizisten, die zehn Mal immer nur eine einzige Note spielen durften. Das ist auch eine große Leistung.

 

Hatten Sie genügend Drehtage?

 

Brüggemann: Es ging gerade so. Der HR ist einer der Sender, der den "Tatort" mit einem eigenen Team dreht - wie der SWR auch. Das hat den großen Vorteil, dass man ein bisschen mehr Zeit hat. "Stau" ist in nur 23 Tagen gedreht worden, obwohl es auch 24 oder 25 hätten sein können, was aber daran lag, dass wir die Halle, in der das große Stau-Set stand, nicht so lange zur Verfügung hatten. Beim "Murmeltier" waren es 26. Das Bank-Set war ein ehemaliger "Schlecker" in einem Siebziger-Jahre-Einkaufskomplex in einer Satellitenstadt von Frankfurt. Ein tolles Motiv, das leider genau in der Einflugschneise liegt, wie sich aber erst beim Dreh zeigte. Wenn ich dem Sender einen Vorwurf mache, dann dass ein solches Motiv durchgewunken wird.

 

Sie haben sowohl bei "Stau" als auch bei "Murot und das Murmeltier" die Musik selbst komponiert. Was war die Idee?

 

Brüggemann: Ich bin kein Freund der üblichen Fernsehmusik, diesem elektronischen Wabern aus der Konservendose. Elektronische Musik ist hochinteressant, aber da muss man wahnsinnig aufpassen. Selbst in großen Hollywood-Produktionen klingt das manchmal wie ein deutscher Fernsehabspann. Der heilige Gral auf diesem Gebiet ist der "Blade Runner"-Soundtrack, der bis heute unerreicht ist: ein Synthesizer-Fest aus den 80ern. Also: In "Stau" wollte ich möglichst wenig Musik einsetzen. Ich wollte, dass die Szenen auch ohne Stimmungsgewaber funktionieren.

 

Sie haben aber die einzelnen Protagonisten mit Musiktiteln aus dem Autoradio gekennzeichnet.

 

Brüggemann: Das stimmt, das war das auffälligste Musik-Element. Wir stellen ein paar Figuren aufs Schachbrett, dann fahren sie alle los und hören einen charakteristischen Popsong im Radio. Ich hatte mir den Spaß erlaubt, sieben Klassiker mit derselben Tonart und annähernd demselben Tempo zu suchen und scheibchenweise aneinander zu schneiden. Das fällt natürlich auf. Die Filmmusik bei "Stau" war sonst aber sehr zurückhaltend. Und beim "Murmeltier" ist es das Gegenprogramm. Der Film muss eine physische Energie haben. Das ist ja kein feinsinniger Wir-gucken-Menschen-in-die-Seele-Film, sondern ein energiegeladener Schlag, und der braucht natürlich Musik. Das Schöne beim HR ist, dass da ein Sinfonieorchester zur Verfügung steht. Bei "Im Schmerz geboren" ist die Musik auch vom Orchester eingespielt worden, das hatte ich im Hinterkopf. Es war wie im Schlaraffenland: so ein fetter Orchester-Score. Ich fühlte mich wie ein Kind an Weihnachten. Ein halber Aufnahmetag hat gereicht für 40 Minuten Musik im Film. Wir konnten es richtig krachen lassen.

 

Jetzt stellt sich die Frage, ob das "Murmeltier" in der ARD als "experimenteller Tatort" eingestuft wird, denn dann darf es nur noch einen weiteren "experimentellen Tatort" in diesem Jahr geben.

 

Brüggemann: Es ist ein Trauerspiel. Etwas mehr von der Experimentierfreude, die in der internationalen TV- und Streamingwelt herrscht, würde dem "Tatort" sehr gut tun, wobei das Experiment auch mit Können gepaart sein muss. Bei einigen der sogenannten experimentellen "Tatort"-Folgen der letzten Zeit dachte ich: Toll, dass sie es machen, aber als Film funktionierte es nicht unbedingt. Ich halte auch den Begriff für schwierig. Experiment ist ein Begriff aus der Naturwissenschaft. Es dient dem Erkenntnisgewinn, indem man eine kontrollierte Situation herbeiführt und dann neutral schaut, was passiert. In der Kunst sollte man schon genauer wissen, welches Ergebnis man will.

 

Stimmt es, dass es nach Ihrem "Stau"-Film verboten worden ist, im Cinemascope-Format zu drehen?

 

Brüggemann: Ja, es gibt bei der ARD eine solche interne Regelung, und da fasst man sich wirklich an den Kopf. Selbst das Privatfernsehen, Sat.1, Netflix, alle drehen in Cinemascope. Das Format entspricht der menschlichen Wahrnehmung am besten. Die Erde ist horizontal, und die Augen sind nebeneinander angeordnet, nicht übereinander. Nur die ARD stellt sich hin und sagt: Nein, das darf jetzt nicht sein. Es schreit zum Himmel. Das Einzige, was ich beim "Murmeltier" bereue, ist, dass wir uns nicht auf die Hinterbeine gestellt und Cinemascope durchgesetzt haben. Aber das war ein einmaliger Ausreißer. Wenn ich jemals noch einen "Tatort" drehe, dann werde ich das durchkämpfen.

 

Sie planen bereits mit dem SWR den nächsten "Tatort"?

 

Brüggemann: Die Planung läuft etwas schleppend, weil ich gerade einen Kinofilm gedreht habe. Aber ich habe große Lust darauf, die Zusammenarbeit mit dem SWR war super. Es ist auch eine angenehme und schnelle Arbeit und wird nicht zuletzt anständig bezahlt.

 

Also keine grundsätzliche Abneigung gegen Fernsehen?

 

Brüggemann: Nein. Natürlich hat das Fernsehen ein Modernitätsproblem, dem es sich stellen muss. Aber ich kann meinen Film nur so gut machen, wie es irgendwie geht, und solange man mich lässt, mache ich es gern. Das System steht sicher auch zu Recht in der Kritik, weil es eine Mentalität fördert, die der Kunst nicht dienlich ist. Andererseits bietet dieses System Möglichkeiten und Freiräume, die es zu nutzen gilt. Wenn man diese Möglichkeit hat, dann sollte man das Jammern einstellen und anpacken.

 

Genießt man beim "Tatort" noch besonders viele Freiheiten?

 

Brüggemann: Du brauchst halt zwei Ermittler, die aktiv die Handlung vorantreiben. Das ist beim Krimi insofern schwierig, weil die interessanten Personen eigentlich die Protagonisten des Kriminalfalles sind, also die Täter und die Opfer. Es ist immer die große Aufgabe, die Ermittler da sinnvoll unterzubringen. Ansonsten gilt es, sich die Freiheiten zu nehmen. Ich habe immer klar gesagt: Ich respektiere das Format, aber ich mache den Film nur so, wie ich ihn gut finde. Das betrifft zum Beispiel auch Besetzungsentscheidungen. Da gibt es keinen Kompromiss und kein Nachgeben, und wenn ihr das nicht wollt, dann müsst ihr mich halt rauswerfen.

 

Zugleich bietet der Krimi ein unheimlich breites Feld. Man kann jedes gesellschaftliche Thema behandeln.

 

Brüggemann: Klar, das ist auch das Interessante. Für mich heißt "Tatort" vor allem: Nüchterner Blick auf deutschen Alltag. Man muss nur immer irgendwie die Polizei unterbringen. Bei "Stau" waren die Ermittler in einer Art Beichtvater-Rolle. Im "Murmeltier" spielt, trotz aller Extravaganz, der Alltag auch eine große Rolle: Ich stehe jeden Morgen auf, gehe in dasselbe Badezimmer, steige in dasselbe Auto, fahre an denselben Ort, trinke denselben Kaffee und führe dieselben Gespräche mit denselben Leuten. Millionen Fernsehzuschauer wissen genau, wie das ist. Und darin ist der Film trotz aller Experimentierfreude durchaus volksnah.

 

Der "Tatort" selbst ist ja auch Teil dieser Routine, ein Ritual, das zugleich wie wenige andere Fernsehsendungen noch viele Menschen am "Lagerfeuer" verbindet. Ist es deshalb etwas Besonderes, einen "Tatort" zu drehen?

 

Brüggemann: Natürlich ist das schön, dann sehen wenigstens mal alle meinen Film. "Kreuzweg" ist nicht von so vielen Leuten gesehen worden, dafür hatte der Film Publikum auf der ganzen Welt.

 

Gehen Sie einen Fernsehfilm grundsätzlich anders an als Kino?

 

Brüggemann: Auf gar keinen Fall. Der Unterschied ist nur, dass man sich beim Fernsehfilm mit Entscheidungen auseinandersetzen muss, die man nicht selbst getroffen hat. Mit wiederkehrenden Figuren und Sets wie den Kommissariaten im "Tatort". Und natürlich mit Schauspielern, die man nicht selbst besetzt hat, die ihre Figur kennen und sich zu ihrem Anwalt machen. Das ist eine andere Art des Verhandelns.

 

Reden beim Fernsehen mehr Leute rein als bei einem Kinofilm?

 

Brüggemann: Nein, weniger, das ist das Angenehme. Beim Kinofilm hat man es mit vielen Leuten zu tun, die mit dem Projekt in irgendeiner Weise verbunden sind, die Geld beisteuern und damit auch Mitspracherecht haben. Das bedeutet, mehr zu lavieren, zu taktieren und Gespräche zu führen als beim Fernsehen.

 

Zurzeit gibt es einen Serien-Boom. Wäre eine Serie für Sie eine Option?

 

Brüggemann: Meine Schwester Anna und ich arbeiten gerade an einer Idee. Wenn wir das realisieren sollten, dann haben wir auch den Ehrgeiz, dass es diesen Sog hat und dass die Welt groß und gleichzeitig geschlossen genug ist. Was bisher entstanden ist in der deutschen Serien-Landschaft, ist mir oft etwas zu koks- und testosteronlastig. "4 Blocks", "Dogs of Berlin", "Das Boot" und auch "Dark" - alles schön und gut und toll, aber mir ist da zu viel Männerpose, meistens völlig humorfrei und auf eine dumme Art im Fitnessstudio aufgepumpt. Ich bin beim Thema Serie aber andererseits auch grundsätzlich skeptisch. Ich mag den abendfüllenden Spielfilm, bei dem man gezwungen ist, erzählerisch präzise alles auf einen einzigen Punkt hinauslaufen zu lassen. Der Film hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, und alle Fässer, die man am Anfang aufmacht, muss man am Ende wieder schließen. So entsteht an einem einzigen Abend eine ganze Welt, das finde ich sehr befriedigend. Ich kenne nur wenige Serien, die bei mir diese Begeisterung hervorrufen können. Selbst bei "Six Feet Under", "Breaking Bad" oder "Game of Thrones" fand ich die ersten Staffeln toll, trotzdem habe ich die zweiten nicht mehr geguckt.

 

Sie kennen viele künstlerische Felder, sind Musiker, drehen Musikvideos, haben ein Theaterstück geschrieben und selbst inszeniert. Wie sind da im Vergleich Ihre Erfahrungen mit dem öffentlich-rechtlichen System?

 

Brüggemann: Die Seite des Systems, die mir zugewandt ist, die Redaktion, die will das Beste. Redakteurinnen und Redakteure führen oft in ihren Häusern einen zähen, erbitterten Kampf für das Gute, Interessante und Spannende, während um sie herum ein riesiger Apparat sitzt, in dem starr auf die Quote geguckt wird. Selbst wenn die Werte in Deutschland exakt und repräsentativ gemessen würden, was ich bezweifle, wäre die Quote trotzdem egal. Denn neue Entwicklungen und Fortschritt gibt es doch nur deshalb, weil gute Ideen umgesetzt werden, auch wenn die breite Masse sie erst mal nicht will. "Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt: schnellere Pferde", sagte Henry Ford. Oder Steve Jobs, der beschlossen hat, die Welt braucht jetzt das iPhone. Oder MTV. Die Macher haben zu ihren Hoch-Zeiten, als der Sender wirklich kulturprägend war, einen Scheiß auf die Quote gegeben. Als man bei MTV angefangen hat, sich dafür zu interessieren, gab es nur noch Klingelton-Reklame, "Pimp my Ride" und Ähnliches - das war das Ende von MTV. Und wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen die Quote zum alleinigen Entscheidungskriterium macht, dann manövriert es sich mit Pauken und Trompeten in die Irrelevanz. Das sieht man an den Sendeterminen. Wenn etwas Interessantes kommt, dann um 0.30 Uhr. Das muss sich ändern. Ich habe das Gefühl, der Sündenfall war die Einführung der Haushaltsabgabe. Auf einmal steht das Fernsehen unter einem riesigen Rechtfertigungsdruck, auf einmal gerät der ganze Apparat in Schieflage und der Boden wird sumpfig.

 

Hat das nicht eher etwas mit der veränderten gesellschaftlichen Stimmung zu tun?

 

Brüggemann: Natürlich auch. Die Rechtspopulisten nehmen öffentlich-rechtliche Systeme in ganz Europa unter Beschuss. Man fragt sich, was sie eigentlich stattdessen wollen.

 

Braucht es denn ein öffentlich-rechtliches System?

 

Brüggemann: Die Frage muss man weiter fassen. Wenn man in die Geschichte blickt, war Kultur nie allein dem Markt unterworfen. Es gab immer Boulevard, Belustigung, Jahrmarkt. Aber es gab auch immer Kultur in irgendeiner Form von staatlicher oder kirchlicher Repräsentation. Die ganze Kunst-, Musik- und Literaturgeschichte ist nicht denkbar ohne die Kirche und die Klöster und auch nicht ohne den Hof. Oper beispielsweise war nie eine Kunstform, die sich selbst getragen hat, sondern staatliche Repräsentation bei Hofe. Kultur wird es immer geben, und sie wird immer die Verfassung des sozialen Gefüges widerspiegeln und auf eine Art organisiert sein müssen, die Kunst nicht allein dem Markt überlässt. Momentan neigt das System sehr zur Verfestigung der beharrenden Kräfte. Das ergibt dann so eine Art DDR, in der die Apparatschiks und die Regelbewahrer die Oberhand gewinnen.

Aus epd medien 7/19 vom 15. Februar 2019